Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Rosa Katz

Manfred Berger

 

Rosa Katz starb am 26. März 1976 in Stockholm, kaum beachtet von der pädagogisch/psychologischen Fachwelt. Dabei war sie eine der ersten bekannten Vertreter/innen der Kinderpsychologie, die die Montessori-Pädagogik "wissenschaftlich" anerkannten und Elemente davon in ihren kinderpsychologischen Arbeiten berücksichtigten. Rosa Katz war nicht nur Theoretikerin, sondern auch praktisch pädagogisch tätig. So gründete (1926) und leitete sie im Ostseebad Warnemünde einen sog. "wandernden Kindergarten", "der dorthin wandert, wo infolge einer vorübergehenden Ansammlung von Kindern ein Bedürfnis nach ihm vorhanden ist" (Katz 1927, S. 492). Anschaulich schilderte Rosa Katz den Aufenthalt der Kinder am Ostseestrand:

"Mit meiner kleinen Schar ging ich an den Strand, hier konnte man sich ganz nach Herzenslust mit dem Sand beschäftigen. Es wurden Gruben und Höhlen gegraben, aus feuchtem Sand wurde 'Kuchen' und 'Eis' hergestellt, die Waren mit lauter Stimme angepriesen und Käufer gefunden. In einer Grube wurde angeblich Geburtstag gefeiert, in der anderen gab 'gnädige Frau' eine Gesellschaft. Eine Sandgrube war Schiff, der vierjährige Kapitän verteilte Karten, Plätze, wies verspätete Passagiere ab, die ins schwimmende Schiff steigen wollten. An einer Stelle wurden Sandladungen abgenommen, Kanäle gebaut. Es wurden Märchen aufgeführt und Märchen erzählt. Man spielte Indianer, da man ohnedies am Strand fast nackt ist. Zuweilen wurde um die Wette gelaufen, um die Wette gekrochen und Purzelbäume geschlagen. Die Kinder durften sich frei bewegen, nur durften sie sich gegenseitig beim Spielen nicht stören" (Katz 1927, S. 3).

Hinsichtlich der Konzeption orientierte sich der "wandernde Kindergarten" an der Montessori-Pädagogik, wie aus nachfolgenden Zeilen hervorgeht:

"Weniger Spielcharakter hatten gewisse Gleichgewichtsübungen, die wir auch zuweilen auf der Veranda veranstalteten. Es wurde einfach auf dem Boden ein Strich mit Kreide gezogen, und die Kinder hatten dann genau mit diesem Strich zu gehen, ohne ihn zu verlassen. Um die Übung zu erschweren, bekamen die Kinder einen Löffel mit Wasser in die Hand, wobei kein Tropfen vorbeifließen durfte oder, was ihnen noch weit mehr Spaß machte, es wurde auf den Löffel ein Ei - natürlich hart gekocht oder nur die leere Schale - gelegt, und das Kind hatte die Balance zu halten ...

Es wurden auch praktische Arbeiten ausgeführt wie Staubwischen, Ausfegen, Teller und Tassen waschen, Metall putzen ... Die Kinder wurden unterwiesen, wie sie sich die Hände zu waschen hatten und wie man sich an- und auskleidet ... Die zuletzt beschriebenen Beschäftigungsarten sind den Übungen aus Montessori-Kindergärten entnommen. Es entsprach auch deren Grundsätzen, wenn wir uns bemühten, die Kinder nicht zum Arbeiten oder Spielen zu zwingen, sondern ihnen selbst nach Möglichkeit die Wahl der Beschäftigungen zu überlassen" (Katz 1927, S. 498).

Bereits im Jahre 1925 hatte Rosa Katz ein Büchlein mit dem Titel "Das Erziehungssystem der Maria Montessori" veröffentlicht. Mit diesem wollte sie nicht nur die Fachwelt ansprechen sondern auch die Eltern. Somit griff die Autorin eine Anregung Maria Montessoris auf , die diese zwei Jahre zuvor in ihrer Publikation "Das Kind in der Familie" gegeben hatte. Wie die Montessori-Pädagogik in die Familie transformiert werden könnte, verdeutlichte Rosa Katz anhand der Erziehung ihrer beiden Kinder:

"Was die Vermittlung von Begriffen wie Seiten, Winkel, Mittelpunkt und Kanten anbetrifft, so ist Montessori ausgehend von dem Rechteck als Grundform wie folgt vorangegangen. Montessori läßt einen Tisch decken, dessen Platte ein Rechteck ist. Die Kinder werden angewiesen, zwei Gedecke an die Längsseite des Tisches, ein Gedeck an die Kurzseite, die Serviette an die Ecke, die Suppenschüssel in die Mitte zu stellen. Wir haben bei unseren Kindern gelegentlich auch das Aufräumen des Kinderzimmers benutzt, um diese Begriffe vorzuführen. Der eine Stuhl muß an die Längsseite des Tisches, der andere an die Schmalseite kommen, der Blumenstrauß gehört in die Mitte des Tisches, in den Ecken des Zimmers muß man nachsehen usw. Die Kinder fassten diese Begriffe schon mit drei Jahren richtig auf" (Katz 1925, S. 37).

Rosa Heine wurde am 9. April 1885 in Odessa (Ukraine) geboren. Sie hatte noch drei Brüder. Die Familie lebte viele Jahre in Alexandria. Dort arbeitete der Vater als Ingenieur am Suez-Kanal.

Nachdem Rosa Heine in ihrer Geburtsstadt das Studium an der "Historischen Fakultät der höheren Frauenkurse" abgeschlossen hatte, ging sie 1907 nach Göttingen, um an der Universität ihre psychologischen Kenntnisse zu vertiefen. Sechs Jahre später promovierte sie. Der Titel ihrer Doktorarbeit lautete: "Über Wiedererkennen und rückwirkende Hemmung". Im Alter von 34 Jahren heiratete sie David Katz. Aus der Ehe gingen zwei Jungen hervor. Noch im Jahr der Eheschließung, 1919, wurde David Katz als außerordentlicher Professor für Pädagogik und Philosophie an die Universität Rostock berufen. Rosa Katz beschäftigte sich vordergründig mit Fragen der Erziehung im vorschulpflichtigen Alter. Sie publizierte diesbezüglich mit ihrem Mann ein Buch von Eltern für Eltern (jedoch war Rosa Katz die Initiatorin und aktive Autorin) mit dem Titel "Die Erziehung im vorschulpflichtigen Alter". In die Veröffentlichung wurden auch Gedanken der Montessori-Pädagogik aufgenommen, die insbesondere die Schulung der Sinne betraf.:

"Mit der Schulung der Sinne muß, wenn man wirklich eine dauernde Einstellung und nicht nur eine bald wieder erfolgende Abwendung von der Beobachtung und denkenden Bearbeitung der Sinneseindrücke erzielen will, in den ersten Jahren begonnen werden ... Nach Montessori hat die Erziehung der Sinne den Zweck, durch wiederholte Übung eine Verfeinerung in der Wahrnehmung der Unterschiede der Sinnesreize herbeizuführen. Montessori hat ein Unterrichtsmaterial für die Erziehung der wichtigsten Sinne konstruiert, das dazu dienen soll, dem Kind die Selbstverbesserung nahezulegen, indem es Irrtümer ohne weiteres erkennen läßt. Die Erziehung zu Selbständigkeit, die das oberste Prinzip in dem Erziehungssystem der Montessori ist, leuchtet eben auch bei der Erziehung der Sinne überall durch" (Katz/Katz 1925, S. 83).

Betreffend ihrer Erfahrungen mit dem "wandernden Kindergarten" setzte sich Rosa Katz in ungezählten Vorträgen in Rostock und darüber hinaus für die Verbreitung der Montessori-Pädagogik ein. Dabei war sie "keine 'orthodoxe' Vertreterin dieser neuen Pädagogik. Vielmehr betrachtete sie die Montessori-Lehrmittel mehr als eine Ergänzung, nicht aber als Ersatz zu den in den 'normalen' Kindergärten geübten Beschäftigungsweisen ... Besonders wichtig war der promovierten Psychologin die Freiheit in der Wahl der Beschäftigungen und die Gewöhnung der Kinder an Selbständigkeit. Sie schätzte an der Montessori-Pädagogik, daß sie die Kinder viel mehr sich selbst bilden läßt, während die damals übliche Kindergartenpädagogik die Kinder beschäftigte, sie anleitete und ihnen Aufgaben stellte, um sie zu bilden" (Löwenstein 2000, S. 59).

Als die Nazis an die Macht kamen emigrierte die jüdische Familie Katz über England nach Stockholm. In Schweden befasste sich Rosa Katz nicht mehr mit der Montessori-Pädagogik, einmal abgesehen von ihrer in schwedischer Sprache herausgegebenen Schrift "Das Erziehungssystem der Maria Montessori", und der Vorschulpädagogik. Ihr wissenschaftliches Interesse galt u.a. Fragen der philologischen Begabung und der Gerontologie.

Literatur

Berger, M.: Rosa Katz - Eine vergessene Psychologin, in: Spielmittel 1994/H. 5

ders.: Jüdische Frauen im Kreis um Maria Montessori, in: Unsere Jugend 1999/H. 10

ders.: Rosa Katz - ihr Leben und Wirken. Ein Beitrag zur Geschichte der Montessori-Pädagogik, in: Das Kind 2000/H. 27

Katz, R.: Das Erziehungssystem der Maria Montessori, Rostock 1925

dies./Katz, D.: Die Erziehung im vorschulpflichtigen Alter, Leipzig 1925

dies.: Rosa Katz, in: Pongratz, I.J./Traxel, W./Wehner, E.G. (Hrsg.): Psychologie in Selbstdarstellungen, Bern 1972

dies.: Neue Formen des Kindergartens, in: Zeitschrift für pädagogische Psychologie 1927/H 10

dies.: Der wandernde Kindergarten, in: Neue Deutsche Frauenzeitschrift 1927/H. 12

dies.: Montessoris uppfostrings metod, Stockholm 1939

Löwenstein, M.: Zu den Anfängen der Kinderpsychologie in Deutschland. Eine Studie, Berlin 2000 (unveröffentl. Diplomarbeit)

Riedmann, B.: Rosa Katz. Leben und Werk einer Psychologin, Bregenz 2002 (unveröffentl. Magisterarbeit)