Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Anna Warburg

Manfred Berger

 

Im Alter von 14 Jahren hatte Anna Warburg ein amerikanisches Buch mit dem Titel "Patsy" (von Kate Douglas) zu tiefst ergriffen. Darin wird die Geschichte eines verkrüppelten Jungen und die liebevolle Hilfe durch einen Kindergarten erzählt. Die Worte: "Oh, why should one want to be an angel, when one can be a Kindergärtner", sollten der jungen Anna zum Lebensmotto werden. Einer ihrer großen Verdienste war u.a. Friedrich Fröbels Erziehungsgedanken in Schweden neue Wege gebahnt zu haben. Sie gründete 1918 in Stockholm den Schwedischen Fröbelverband und seine Zeitschrift "Barn Trädgarden", dessen erste Schriftleiterin Anna Warburg war.

Anna Beata erblickte am 27. Dezember 1881 in Stockholm das Licht der Welt. Des Mädchens "Vater hatte Jahrzehnte zuvor Hamburg verlassen, um der starren Orthodoxie der dortigen jüdischen Gemeinde zu entrinnen. Auch seine Frau Ellen Josephoson stammte aus einer jüdischen Bankiersfamilie" (Chernow 1996, S. 116). Die begabte Anna erhielt die damals übliche Bildung und Erziehung der Mädchen ihres Standes. An Abitur und Studium war nicht zu denken. Immerhin durfte sie eine private höhere Mädchenschule besuchen. Ansonsten nahm sie die Arbeiten wahr, die damals die höheren Töchter ausübten: Klavierspielen, sticken, klöppeln und Kaffeekränzchen besuchen. Des weiteren wurde sie auf eine standesgemäße Ehe vorbereitet (vgl. Pergler 1997, S. 7 ff.). Die Einladung von Onkel Aby Warburg in sein Haus führte die 15-jährige Anna nach Hamburg. Neben der Betreuung der Kinder ihres Onkels, besuchte sie noch das hiesige weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannte Fröbel-Seminar. Begeistert schrieb das Mädchen an ihre Eltern: "Ich habe so viel Anregung bekommen - genug, um meinen Enthusiasmus für die Sache lebendig zu machen" (zit. n. Thorun 1997, S. 15).

Demgegenüber war die junge Seminaristin von den vorherrschenden Verhältnissen in den "Warteschulen", die keineswegs dem Charakter Fröbelscher Kindergärten entsprachen, sehr enttäuscht. Anschaulich beschrieb sie die unzufriedene Situation in einer Hamburger "Warteschule":

"Das Haus hatte unten zwei große Räume mit großen Schiebetüren, damit eine Person auf alle ca. 100 Kinder (Kleinkinder!) aufpassen konnte. Es waren nicht irgendwie ausgebildete Aufsichtspersonen, sondern z.B. eine alte Köchin ... Was taten die Kinder? Sie saßen! - Sie saßen in langen Reihen, mittags bekamen sie eine Suppe. Sie saßen stumpfsinnig auf lehnenlosen Bänken. Sie schliefen mittags an den Tischen mit den Köpfen auf den Armen. Wagte ein Kind den Kopf zu heben, kam ein kleines Schulmädchen (das als Belohnung ein Mittagessen bekam), mit einem Stock und schlug das Kind auf den Kopf. Ab und zu wurde ein 'Kreisspiel' am Tagesschluß 'durchgeführt': Die Vorsteherin fasste das erste Kind auf der ersten Bank an der Hand, das musste das nächste Kind anfassen und mitziehen. Das letzte Kind der ersten Reihe mußte das erste Kind der zweiten Bankreihe anfassen usw. So wurden alle Kinder in einer großen Schlange spiralenförmig aufgestellt. Es waren so viele, daß die äußeren gewiß weder hören noch sehen konnten, was in der Mitte gespielt wurde ... Daß alle Kinder gleichzeitig auf die Toilette geführt wurden, wo es entsetzlich roch, galt als Selbstverständlichkeit, - dazwischen durften die Kinder das nicht ... Es waren schreckliche Eindrücke, die ich da bekam. Es waren wohl die ärmsten und verkommensten Kinder Hamburgs, die dorthin gebracht wurden" (zit. n. Thorun 1997, S. 16).

Nach ihrer Kindergärtnerinnenausbildung kehrte Anna Warburg in ihre Geburtsstadt zurück und arbeitete in einer "Bewahranstalt", in der sie die Fröbel'sche Methode zu verwirklichen suchte.

"Ich hatte es dabei nicht leicht", erinnerte sich Anna Warburg viele Jahre später, "Verständnis für die Kindergartenidee zu erwecken. Viele Bewahranstalten werden von Diakonissinnen geleitet und eine Diakonissin ist nach der Oberlinschule geschickt worden, um die dort üblichen Beschäftigungsformen zu lernen und sie in anderen Bewahranstalten einzuführen" (Warburg 1921, S. 93). Anschließend besuchte sie Fortbildungskurse im renommierten "Pestalozzi-Fröbelhaus" in Berlin und wurde begeisterte Anhängerin der dort entwickelten "Konzeption" des "Monatsgegenstandes":

"Die Entwicklung des Gefühls, weniger des Verstandes, der Vorrang des freien Spiels vor einer durch die Kindergärtnerin gelenkten Beschäftigung, die Organisation der Kindergartenarbeit mittels einer 'Themenarbeit' (Monatsgegenstand oder Konzentrationsmittelpunkt), der Einbezug hauswirtschaftlicher Beschäftigungen in Verbindung mit gärtnerischer Arbeit und der Pflege von Tieren bestimmten von nun an Anna Warburgs Vorstellungen der täglichen Arbeit im Kindergarten" (Pergler 1997, S. 37).

Wieder in Hamburg bei Verwandten arbeitete sie als Privaterzieherin in einer kinderreichen Familie.

Im Jahre 1908 heiratete Anna Warburg den "hässlichen" Fritz Warburg, von seinen Geschwistern "das 'Walroß' genannt" (Chernow 1996, S.120). Fritz war Annas Vetter zweiten Grades und Teilhaber des Bankhauses "M. M. Warburg & Co.". In über 50 Ehejahren "erlebte sie eine teils glückliche, teils aber auch mit Schwierigkeiten belastete Lebensgemeinschaft. Fritz Warburg 'wurde auch Stammgast im Rotlichtbezirk von St. Pauli, wo er bei den Damen der Halbwelt offensichtlich bestens bekannt war'. Ihren drei Töchtern Ingrid, Eva und Charlotte Esther war Anna Warburg eine gute Mutter" (Thorun 1997, S. 17; vgl. Anmerkung).

Trotz ihrer vielfältigen Verpflichtungen als Frau eines Bankiers und Mutter engagierte sich Anna Warburg im sozialen Bereich. Als sie 1909 in den Vorstand des Hamburger "Fröbel-Seminars" gewählt wurde, dessen 1. Vorsitz sie ein Jahr später übernahm, konnte sie die von ihr lange geplanten Reformarbeiten in Angriff nehmen:

"Sie berief neue Fachlehrkräfte und sandte alte Lehrerinnen in Schulungen, Tagungen und Kurse - auch mit ihrer Finanzierung! ... Bis 1933 gehörte Anna Warburg zur Examenskommission, also auch nach der Verstaatlichung des Fröbelseminars ... Neben dieser Hebung der Kindergärtnerinnenausbildung sorgte Anna Warburg ständig für Werbung um eine Verbesserung der Kleinkinderanstalten" (Grosse-v. Wiese 1962, S. 200).

Bereits 1910 richtete Anna Warburg, anlässlich der 50-Jahr-Feier des "Deutschen Fröbelverbandes", an die Stadtregierung von Hamburg "und Fachwelt einen öffentlichen Aufruf, Volkskindergärten im Fröbelschen Sinne zu errichten" (Thorun 1998, S. 19). Sie selbst gründete noch im gleichen Jahr einen "Volkskindergarten" als Übungsstätte für das "Fröbel-Seminar", der bald zum Vorbild weiterer ähnlicher Einrichtungen avancierte. Anna Warburg sah im "Volkskindergarten eine Erziehungsstätte für Kinder aller Schichten (dabei meinte sie auch ausdrücklich Kinder berufstätiger Mütter), die als Ergänzung zur Familie gedacht war und die Atmosphäre und erzieherische Kraft eines 'Heimes' haben sollte" (Pergler 1997, S. 67). Ganz im Sinne der "Volkskindergärten" des "Pestalozzi-Fröbelhauses" plante sie die neue Kinderanstalt:

"In mehreren Zimmern, als Familiengruppen mit Kinderstühlchen, kleinen Tischen, Spielschränken, zugänglichen Regalen, bunten Stoffen, einige mit Pflanzen, Vögeln, viel Spielzeug und reichlich Beschäftigungsmaterial konnten hier Kinder eifrig und frei spielen und sich 'zu Hause' fühlen" (Grosse-v. Wiese 1962, S. 200).

Als überzeugte Fröbelpädagogin und Mutter hatte Anna Warburg ihre Probleme das "ausgeklügelte" Montessorimaterial "im Hause" einzusetzen. Dazu ihre Meinung:

"Erst kommen die verschiedenen Übungen für den Tastsinn, z. B. Vergleichen verschiedener Hölzer mit rauer oder fein polierter Oberfläche; das Kind im Hause, das der Mutter beim Staubwischen hilft, merkt bald, daß der Mahagonitisch im Wohnzimmer eine glattere Fläche hat als der raue Föhrentisch in der Küche; daß Scheuerstein unangenehm rau anzufassen ist, die Marmorplatte am Waschtisch dagegen angenehm glatt, wie leicht die Hand über das Sofa mit dem Seidenüberzug gleitet und schwer über den Plüschsessel. Daß warmes, kaltes und temperiertes Wasser sich verschieden anfühlt, erfährt sicher jedes tätige Kind zu Hause und man braucht dafür keine besonderen Gefäße anzuschaffen, zumal ich mir nicht denken kann, daß es sehr förderlich für den feinen Tastsinn ist, diese Übung oft auszuüben; ich habe nie gehört, daß Wäscherinnen besonders feinen Tastsinn in den Fingern haben" (Warburg 1925, S. 114).

Aus staatspolitischen Gründen ihres Mannes wohnte die Familie Warburg von 1916 - 1920 in Stockholm. Nach deren Rückkehr nach Hamburg übernahm Anna Warburg den Vorsitz des "Ausschusses für Säuglings- und Kinderanstalten". Diesem schlossen sich die Hamburger Krippen, Warteschulen, Mädchen- und Knabenhorte, die Fröbelkindergärten sowie weitere verschiedene Einzelanstalten an. 1927 wurde die Vereinigung unter Vorsitz von Anna Warburg in "Ausschuß für Kinderanstalten e.V." umbenannt. Seine pädagogischen Zielsetzungen - in Anlehnung an die Fröbelpädagogik - lauteten:

"Weckung und Förderung aller im Kinde liegenden Kräfte durch eine bewußte planmäßige Erziehung. Geistig-seelische und körperliche Kräfte müssen als gleichwertig anerkannt und gleichmäßig gefördert werden. Zielbewusste Beschäftigungen und Sinnesübungen sind neben Turnen, Atemübungen, freien Bewegungen in frischer Luft regelmäßig in den Tagesplan aufzunehmen, ebenso sehr ist das gestalterische freie Spiel zu pflegen. Neben den auf pädagogischer Grundlage beruhenden Erziehungsmaßnahmen müssen der Leiterin genügend Material für die darstellende Tätigkeit, insbesondere die Fröbelschen Beschäftigungen, für Bewegungsspiele ... und für häusliche Beschäftigungen zur Verfügung stehen ... Körperliche Züchtigung sollte vermieden werden" (zit. n. Thorun 1997, S. 23).

Mit der Machtergreifung durch die Nazis musste sich Anna Warburg von ihren Ämtern zurückziehen. Als die Lage für sie und ihren Mann immer bedrohlicher wurde, emigrierte das Ehepaar 1938 nach Schweden. Trotz ihrer negativen Erfahrungen im Nazi-Deutschland hatten Anna und Fritz Warburg im Jahre 1949 "der Sozialarbeit ein großes Erbe hinterlassen, nämlich ihr wunderschönes Anwesen auf dem Kösterberg (Blankenese; M. B.) ... Das DRK richtete hier ein Müttergenesungsheim ein. Der Pestalozzi-Fröbel-Verband (gegr. 1948; M.B.) nutzte die dort aufgestellten Wohnbaracken als Stätten für Fortbildungskurse für Erzieherinnen ... aus dem ganzen Bundesgebiet. Später schlossen sich ein Studentenwohnheim und eine Vorschülerinnenschule für Sozialberufe an" (Thorun 1997, S. 29).

Im Jahre 1957 übersiedelte das Ehepaar Warburg nach Israel, wo zwei Töchter als Kindergärtnerinnen arbeiteten. Im Alter von 85 Jahren starb Anna Warburg am 8. Juni 1967 im Kibbuz Nezer Sereni. Sie hatte ihren Mann um drei Jahre überlebt.

Literatur

Chernow, R.: Die Warburgs. Odyssee einer Familie, Hamburg 1996

Grosse-von Wiese, R.: Anna Warburg, in: Mädchenbildung und Frauenschaffen 1962/H. 5

dies.: Nachruf für Anna Warburg, in: Blätter des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes 1967/H. 5

Pergler, L. v.: Anna Warburg (1881-1967) und ihre Bedeutung für die Sozialpädagogik in Hamburg, München 1997 (unveröffentl. Magisterarbeit)

Thorun, W.: Die Fröbelbewegung in Hamburg, Hamburg 1997

ders.: 125 Jahre Sozialpädagogischer Fachverband. Deutscher Fröbel-Verband e.V. 1873-1938. Pestalozzi-Fröbel-Verband e.V. 1948-1998. Geschichte - Chronologie, Hamburg 1998

Warburg, A.: Der Kindergarten in Schweden, in: Kindergarten 1921/H. 4

dies.: Gedanken einer Mutter über das Montessorimaterial, in: Kindergarten 1925/H. 6

dies.: Friedrich Fröbel und Hamburg, Hamburg 1932 (Typoskript)

Anmerkung

Am 13.05.2003 schrieb Frau Eva Unger-Warburg, Tochter von Anna Warburg, an den Verfasser vorliegenden Beitrags u.a.: "... Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie etwas über meinen Vater ändern könnten, was in keiner Weise stimmt. Er hatte großes Verständnis für Menschen, hat oft gute Ratschläge gegeben, viel in sozialer Arbeit innerhalb der Israelitischen Gemeinde Hamburgs geleistet. Er war in der Bank Personalchef, und die St. Pauligeschichte ist nicht wahr. Sie können über ihn mehr und richtiger lesen in dem Buch von Rosenbaum, E./ Sherman, A.J.: Das Bankhaus M.M. Warburg & Co., 1798-1938, Hamburg 1978 ..."