Aus: kindergarten heute 2000, 30, Heft 3, S. 6-15

Zweijährige aufnehmen, Schulkinder behalten? Was es zu bedenken gibt

Lothar Klein

 

Heute denken viele Erzieherinnen darüber nach, ob es nicht möglich wäre, Kinder, die im Sommer in die Schule kommen, auch danach noch zu behalten. Oder, Sie haben die Idee, freie Plätze mit jüngeren Kindern aufzufüllen.

Sicherlich sind das reizvolle Gedanken. Dass Kinder unterschiedlichen Alters gut miteinander auskommen, dass eine solche Mischung allen Altersgruppen zusätzliche Entwicklungsreize eröffnet, dafür gibt es inzwischen viele Hinweise aus der Praxis. Aber, diese Mischung hat es auch in sich! Vieles würde sich verändern. Es wäre nämlich nicht nur einfach ein Mehr, sondern etwas ganz anderes: Dem Kindergartenalltag gilt es auf jeden Fall ade zu sagen.

Zu Anfang scheint die Aufnahme von Zweijährigen oder das Behalten der Erstklässler vielen Teams noch eine durchaus zu bewältigende Aufgabe zu sein. Voller Elan und in Erwartung spannender neuer Herausforderungen machen sie sich an die Verwirklichung. Sie erwarten keine allzu großen Veränderungen, sondern allenfalls eine sinnvolle Ergänzung und Erweiterung bereits gewohnter Abläufe. Was sie häufig noch nicht wissen, ist, dass sich bei einer solchen Mischung in Wirklichkeit buchstäblich alles verändern wird, besonders dann, wenn Schulkinder einbezogen sind.

Immer wieder stoße ich in Fortbildungen darauf, dass es schwer fällt, sich den Alltag einer altersgemischten Gruppe wirklich konkret vorzustellen. Am Ende solcher Fortbildungen steht dann häufig die Freude, nun besser vorbereitet zu sein und zu wissen, was auf einen zu kommt oder auch die Klarheit darüber, dass die eigenen Bedingungen nicht zu diesem Betreuungskonzept passen. Damit eine solche Umstellung gelingt, müssen nämlich einige Voraussetzungen erfüllt sein und ziemlich grundlegende Veränderungen bedacht werden.

Der Beginn scheint einfach zu sein.

Es klingt verlockend und so einfach: "Wir wollen im Sommer vier Kinder, die in die Schule kommen, behalten. Sie sollen bei uns bleiben können."

Der Sommer kommt, die vier Kinder bleiben, und offensichtlich geht das Konzept auf. Die vier Kinder fühlen sich - wie die anderen auch - im Kindergarten wohl. Sie erledigen ihre Hausaufgaben gleich nach der Schule, und weil sie schon um viertel vor zwölf aus der Schule kommen, können sie sogar gemeinsam mit den jüngeren essen.

Die ersten Fragen tauchen in den Herbstferien auf. Was bisher im Alltag des Kindergartens ohne Bedeutung war, wird jetzt wichtig. Die Schulkinder haben ihre ersten Ferien und möchten natürlich auch etwas Besonderes erleben. Sie erfahren zum ersten Mal, wie es ist, wenn man "den ganzen Tag Zeit hat" und keine Hausaufgaben machen muss. Die Erzieherinnen entwerfen also ihr erstes Ferienprogramm und irgendwie geht es auch gut. Es macht sogar Spaß. Die Eisbahn wird besucht, zweimal wird selbst gekocht, ein Ausflug führt zu einem nahegelegenen Waldsee. Höhepunkt ist ein gemeinsamer Kinobesuch, den sich die Kinder gewünscht haben. Teils waren "die Großen" mit einer Erzieherin alleine unterwegs, teils wurden sie von jüngeren begleitet. Doch der Ausflug mit der ganzen Gruppe erweist sich als nicht so einfach zu bewerkstelligen. Die Dreijährigen sind Schulkindern "einfach zu lahm".

Dann kommen die Weihnachtsferien. Drei der vier Schulkinder sind mit ihren Eltern verreist, nur ein Mädchen kommt. Zunächst beteiligt es sich noch interessiert an den alljährlichen Weihnachtsritualen, dann langweilt es sich und lädt zwei ihrer Schulfreundinnen ein. Die kommen auch, und sofort zieht sich die kleine Clique zurück, will nicht gestört werden und reagiert ungewöhnlich barsch auf freundliche Aufforderungen der Erzieherinnen.

Und so geht es weiter. Im kommenden Sommer bleiben wieder drei Schulkinder da. Nun sind es also sieben. Bereits nach wenigen Wochen stellen die Erzieherinnen fest, dass sich nun mit einem Mal sehr viel verändert hat. Sieben Plätze für Hausaufgaben werden gebraucht. Die sieben Kinder haben spezielle Interessen. Sie spielen den ganzen Tag Jojo, veranstalten wochenlang "Jungen-Mädchen-Spiele", die Jungen wollen "nur noch" Fußball spielen. Unmerklich beginnen die Kinder, sich als eigene Gruppe zu formieren. Um sie überhaupt noch zur Teilnahme an den sonstigen "Gruppenaktivitäten" oder Angeboten zu motivieren, müssen sich die Erzieherinnen nun eine Menge einfallen lassen. Erste Enttäuschungen stellen sich ein.

Dann taucht ein neues Problem auf: Die Schulkinder wollen einen eigenen Raum. Immer mit den Kleinen zusammen zu sein, ist ihnen zu doof. Sie fordern einen Computer, eine gut ausgestattete Schminkecke, einen DFB-Fußball, eine Musikanlage, abschließbare Fächer für die Stickeralben und einen echten großen Kicker, vor allem aber ein "eigenes Reich". Immer unüberhörbarer werden ihre "Sonderwünsche". Die Erzieherinnen stellen sich um und auch darauf ein und nach und nach steigt wieder ihre Zufriedenheit. Ganz besonders den jüngeren Kindern merken sie an, dass ihnen die Anwesenheit der "Großen" nutzt. Zwar entstehen unablässig neue Regeln, weil die alten von den Schulkindern über Bord geworfen werden, zwar überschreiten die jüngeren mit Hilfe der Schulkinder nun auch Grenzen, die bisher als unüberwindlich galten, aber irgendwie kommen alle gut miteinander aus, und die ganz Kleinen lieben die ganz Großen.

In langen Zeiträumen denken

Richtig schwierig wird es aber dann im dritten Jahr, und darauf waren die Erzieherinnen nicht vorbereitet. Inzwischen hat sich die Altersmischung etabliert und der Bedarf an "Hortplätzen" hat zugenommen. Fünf Kinder sollen in diesem Jahr auch über den Schuleintritt hinaus weiter betreut werden. Insgesamt 12 Schulkinder ständen dann nur noch 8 Kindergartenkindern gegenüber.

Jetzt beginnen die Erzieherinnen zu rechnen: Im Jahre 2000 waren es 16 Kindergartenkinder und 4 Erstklässler, 2001 war das Verhältnis 13 zu 7, nun im Jahre 2002 soll es 8 zu 12 werden, und 2003 ist mit einem Verhältnis von 4 zu 16 zu rechnen.. Und noch ein Problem wird offensichtlich: Weil die Plätze ja bis zum Sommer 2003, wenn die ersten Schulkinder mit dem Wechsel in die fünfte Klasse abgemeldet werden, fast gänzlich belegt sind, können kaum neue, jüngeren Kinder aufgenommen werden.

Beispielrechnung: Die Veränderung der Mischung über die Jahre hinweg, jeweils im September des betreffenden Jahres
NA. = Neuaufnahmen

Jahrgänge
Anzahl der Kinder im entsprechenden Jahr
 
2000
2001
2002
2003
2004
1. Kindergartenjahr
6
2 (NA.)
 
1 (NA.)
4 (NA.)
2. Kindergartenjahr
5
6
2
1 (NA.)
1
3. Kindergartenjahr
5
5
6
2
1
Kinder 3-6 insgesamt
16
13
8
4
6
1. Klasse
4
3
5
4
2
2. Klasse
 
4
3
5
4
3. Klasse
   
4
3
5
4. Klasse
     
4
3
Schulkinder insgesamt
4
7
12
16
14
Gesamtzahl der Kinder
20
20
20
20
20

Spätestens im dritten Jahr (ab Sommer 2002) müssten sich also Raum- und Materialangebot sowie fast sämtliche Abläufe geändert haben . Der ehemalige Kindergarten wäre kaum noch wieder zu erkennen. Die Drittklässler kommen manchmal erst um 13.30 Uhr aus der Schule, zu spät für das Mittagessen der Jüngsten. Das, vor allem durch Erwachsene, ungestörte und gleichgeschlechtliche Zusammensein wird zum wichtigsten Bedürfnis der älteren Schulkinder. An Angeboten sind sie kaum noch interessiert, sondern vor allem an ungeplanter Zeit. Der Wunsch, für sich selbst entscheiden zu dürfen, Sport und Abenteuer zu erleben und sich dabei mit anderen messen zu können, der selbstverständliche Umgang mit den modernen Medien, "echte Arbeit" und nimmer endende Fragen und Diskussionen über Gerechtigkeit, Liebe oder andere moralische Themen werden immer wichtiger. Ferienprogramm oder andere Vorhaben werfen sie wieder über den Haufen, wenn es sich ergibt. Gleichzeitig nehmen Lautstärke, "Flegelei" und Bewegungsdrang zu.

Auch wenn dieses Rechenexempel nicht exakt so überall eintritt, schon deshalb nicht, weil nicht immer alle 7jährigen auch einen "Hortplatz" beanspruchen und von daher schon früher auch wieder jüngere Kinder aufgenommen werden könnten, wird dennoch daran ersichtlich, wie wichtig es ist, von Beginn an in längeren Zeiträumen als gewohnt zu denken. Besser wäre es in diesem konstruierten, aber durchaus realistischen Fall vielleicht gewesen, die Mischung zunächst für einige Jahre auf die beiden ersten Klassen zu beschränken und erst danach, auch für die dritte und vierte Klasse zu öffnen. Am besten ist es wohl, sich einmal selbst die verschiedenen Alternativen durchzurechnen. Eine "ideale Mischung" hat vor allem keine Lücken. Hier sind Kinder jeder Entwicklungs- oder Altersstufe möglichst gleichmäßig vertreten.

... und wie ist es mit den Zweijährigen?

In einigen Bundesländern können bis zu zwei Kinder einer anderen Altersgruppe ohne Platzreduzierung aufgenommen werden. Gehen wir von einer 25er Gruppe aus, kämen dann zwei Zweijährige auf 23 Kindergartenkinder. Diese Mischung halte ich für ziemlich problematisch. Im Großen und Ganzen bliebe hier der typische Kindergartenalltag erhalten. Die Zweijährigen hätten sich daran anzupassen statt umgekehrt. Es ist leicht vorstellbar, dass 23 ältere Kinder den Ablauf dominieren und die für Zweijährige typischen Bedürfnisse hinunter fallen, z.B. das Bedürfnis (Zu den besonderen Bedürfnissen der Zweijährigen vgl. ansonsten: G. Haug-Schnabel und J. Bensel: Sich in der Welt zurechtfinden. Das Kind im dritten Lebensjahr. In: kindergarten heute 5/99, S. 24ff.):

  • nach einer ganz persönlich zugeschnittenen Eingewöhnungsphase, in der das einzelne Kind im eigenen Tempo neue Bindungen aufbauen kann (vgl. hierzu: Laewen u.a.: Ohne Eltern geht es nicht. Die Eingewöhnung von Kindern in Krippe und Tagesstätten. Neuwied, Luchterhand 19993) oder
  • den eigenen Körper zu erkunden, z.B. im intimen Wickelbereich, der nicht einfach bei den Toiletten angesiedelt sein darf oder
  • nach elementaren Erfahrungen, z.B. mit Hilfe von Matsch- und Regenkleidung oder nach Raumzonen, in denen das eigene Tempo walten darf oder
  • nach persönlicher Zuwendung durch ganz bestimmte Personen z.B. beim Schlafen oder danach, vieles auch ganz alleine für sich und ungestört ausprobieren zu können.

Andere nutzen die Bestimmungen, nach denen die Gruppengröße auf ca. 15 Kinder reduziert werden darf, wenn mehr als zwei Kinder unter drei Jahren aufgenommen werden. Hier ergäbe sich jedoch ein anderes Problem: Im ersten Jahr kämen 12 Kinder zwischen 3 und 6 Jahren auf 3 Zweijährige. Doch schon im zweiten Jahr wäre die Reduzierung auf 15 Kinder gefährdet, weil die Zweijährigen jetzt drei Jahre alt sind. E müssten also auf jeden Fall wieder mindestens drei Zweijährige neu aufgenommen werden usw.

Viel Zeit für Eltern ...

Auch, was die Zusammenarbeit mit Eltern betrifft, setzt sich ein neuer zeitlicher Horizont durch und muss bedacht werden. Kommen Eltern mit ihren Kindern neu in den Kindergarten, "beschnuppern" sich Eltern und Erzieherinnen im ersten Jahr gegenseitig. Nach ca. einem Jahr "wissen" beide Seiten, was sie voneinander halten und erwarten können. Im zweiten Jahr kommt man entweder gut oder nicht so gut miteinander aus. Spätestens im dritten Jahr aber schleicht sich auf beiden Seiten die Haltung ein: "Es lohnt sich nicht mehr, mein Kind wird eh bald abgemeldet.", bzw. "Die gehen ja bald." Konflikte müssen dann nicht mehr unausweichlich gelöst, sondern können durchaus auch ausgesessen werden.

Es ist leicht einsichtig, dass das nicht mehr möglich ist, wenn Erzieherinnen und Eltern sich nun sieben oder bei Aufnahme von Zweijährigen sogar acht Jahre lang aufeinander beziehen müssen. Von Beginn an ist es demnach notwendig, sich im Team auch über die Erweiterung von Kommunikationskompetenzen und die Art einer auf lange Zeit angelegten Zusammenarbeit mit Eltern Gedanken zu machen.

Gruppe und Öffnung, Gemeinsamkeit und Differenzierung

Altersmischung braucht Öffnung. Die Interessen und Bedürfnisse der verschiedenen Altersgruppen unterscheidet sich so stark, dass differenzierte Spiel-, Betätigungs- und Gesellungsmöglichkeiten einfach vorhanden sein müssen.

Regeln, Grenzen, Rituale und Festlegungen können nicht mehr für alle gleichermaßen zutreffen. Für 2jährige die gleichen Regeln aufstellen zu wollen, wie für 9jährige, führt unweigerlich dazu, dass die 9jährigen in den Widerstand gehen. Sie wollen in Bezug auf das Ausmaß ihrer Freiheiten gegenüber den Jüngeren privilegiert sein. Sofern ältere Schulkinder dazu gehören, essen die Kinder zu unterschiedlichen Zeiten, gehen gleichzeitig vielen sehr verschiedenartigen Tätigkeiten nach. Morgens fehlen die Schulkinder, mittags schlafen die Kleinen, während die Schulkinder Hausaufgaben machen. Schließlich werden die Schulkinder dann so richtig aktiv, wenn für die Jüngsten der Tag schon so langsam zu Ende geht.

Das drängt so manchem Besucher die Frage auf, wann die Kinder eigentlich mal zusammenkommen, sich auf einander beziehen, etwas miteinander tun und wie das mit der Entstehung von Gemeinsamkeit sei. Diese Besucher seien beruhigt, denn zwischen Verschiedenartigkeit und Gemeinsamkeit besteht ein sich gegenseitig bedingender Zusammenhang. Es sind gerade die großen Unterschiede, welche die Besonderheiten des Einzelnen eher sichtbar werden lassen und ihn auf diese Weise um so wertvoller für die anderen macht. Nicht so sehr, dass Kinder vieles zusammen machen, lässt ein Gefühl von Zugehörigkeit entstehen. Viel wichtiger ist, dass sie sich von den anderen in ihrer Besonderheit und Andersartigkeit gesehen und akzeptiert fühlen.

Erzieherinnen sind es, die häufig erst lernen müssen, mit einer solch großen Spannbreite von Interessen und Handlungsweisen leben zu können. Gemeinsamkeit ist in vielen Einrichtungen ein hohes Ziel, wird aber sehr oft am bloßen Zusammensein festgemacht. In Gruppen mit erweiteter Altersmischung wird aus vordergründiger "Gemeinsamkeit" Zugehörigkeit, und die wird in ganz anderen Situationen sichtbar, etwa dann, wenn der 9jährige Jan morgens vor der Schule kommt, seinen Ranzen in die Ecke knallt und in die Gruppe brüllt: "Ist der kleine Phillip heute da?"

Erzieherinnen erschrecken oft auch ob der großen Verschiedenheit von Interessen, weil sie immer wieder Erwartungen als an sich selbst gerichtet interpretieren und in Handlungsnot geraten. Zwar brauchen sie sich gar nicht für alles zugleich verantwortlich fühlen, sondern können ausloten, wofür und wann sie tatsächlich gebraucht werden, denn vor allem die Schulkinder sorgen häufig genug für sich selbst und für die Jüngeren zugleich. Aber es bedarf einer bestimmten Grundhaltung, um die mannigfachen und zuweilen gegensätzlichen Andersartigkeiten der Kinder zulassen zu können. Übereinstimmend schildern Erzieherinnen nämlich auch, dass sie in der erweiterten Altersmischung an Macht einbüßen. Die Anwesenheit von Schulkindern ermutigt jüngere Kinder, auch dort Selbstgestalter ihrer Entwicklung und ihres Alltags zu werden, wo es Erwachsene bisher - gutgemeint - behindert haben. Nur, wenn Erzieherinnen Vertrauen in die Kräfte der Kinder haben und in ihnen Selbstgestalter ihrer Angelegenheiten sehen, können sie dem mit der Gelassenheit und Großzügigkeit begegnen, die notwendig ist, um nicht "aufgefressen" zu werden.

Es braucht Öffnung, damit die Kinder Gelegenheit zum eigenständigen und selbstgesteuerten Agieren erhalten und damit auch die Erzieherinnen ein Stück weit entlasten. Sie brauchen Entscheidungsspielraum, darüber, was sie wann mit wem tun und auch darüber, was sie wann mit wem eben nicht tun wollen.

Warum sind aber auch Gruppenformen notwendig? Ich glaube, dass 2jährige in einem ganz offenen Haus (mit nur noch lockeren Stammgruppen) leicht die Orientierung verlieren könnten und Schulkinder die persönliche Bindung an die Jüngeren und die Erwachsenen. Da in ihrem Alter aber die Gestaltung von Beziehungen einen Großteil dessen ausmacht, womit sie sich beschäftigen, wage ich die These, dass Schulkinder mehr als Kinder zwischen drei und sechs Jahren Gruppenbezüge suchen und brauchen. Und so finden wir in einer erweiterten Altersmischung viele Gruppenformen: Spielgruppen, Gleichaltrigengruppen oder Cliquen, (enge und weite) Freundschaftsgruppen, schließlich die formal zusammengesetzte Gesamtgruppe.

Also Öffnung und Gruppe. In Schweden sagt man dazu "Heimstatt": hier gehöre ich hin, dessen muss ich mich nicht immer wieder vergewissern, gleichzeitig kann ich aber gehen, wohin und wann ich will. Mir stehen ein offenes Haus und offene Einrichtungsgrenzen zur Verfügung.

Es wollen

Vielleicht ist dies der wichtigste Aspekt. Zu oft sind es nämlich eben nicht pädagogische Überlegungen, die zur Erweiterung der Altersmischung führen, sondern strukturelle mit dem Ziel, freie Plätze zu belegen, um Arbeitsplätze zu erhalten. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, Zweijährige aus diesem Grund aufzunehmen oder Schulkinder zu behalten. Sollte sich ein Team aber solche Überlegungen machen, muss es gleichzeitig alle Aspekte mitdenken und sich danach entscheiden, ob es sich auf ein solches Angebot wirklich einlassen will.

Auch für Erzieherinnen selbst verändert diese Mischung eine ganze Menge. Zum Beispiel die Kernzeiten. Kernzeit ist die Zeit zwischen 11.00 und 15.00 Uhr. In diesem Zeitraum treffen die unterschiedlichen und auch gegensätzlichen Bedürfnisse der Kinder am heftigsten aufeinander: essen, schlafen, ruhen, lärmen, streiten, sich bewegen, erzählen, Hausaufgaben machen. Außerdem legen Erzieherinnen gewöhnlich ihre Pausen in dieser Zeit. Deshalb werden jetzt wirklich alle gebraucht. Für Teilzeitkräfte bedeutet dies: Jetzt müssen sie verfügbar sein. Arbeitszeiten zwischen 7.00 Uhr und 12.00 Uhr gehören für sie der Vergangenheit an.

Aber auch der "berufliche Biorhythmus" aller anderen muss sich grundlegend umstellen. Schulkinder fordern Erwachsene dann am meisten, wenn diese, die Abläufe im Kindergarten gewöhnt, den Tag langsam ausklingen lassen oder zumindest zurückschalten möchten, nämlich nach 15.00 Uhr und ganz besonders Freitags. Das ist der Tag, an dem Schulkinder keine Hausaufgaben für den kommenden Tag anfertigen müssen, also Zeit haben für größere Unternehmungen. In der Praxis kommen Schulkinder mit ihren speziellen Bedürfnissen häufig deshalb zu kurz, weil sich die Erwachsenen nicht ausreichend auf deren Zeiten einlassen wollen oder können.

Es gibt während der Öffnungszeit auch keine kinderfreie Zeiträume mehr. Und schließlich: Dienstpläne werden sich den jeweiligen Mischungsverhältnissen anpassen müssen. In unserem Beispiel am Anfang des Beitrags wird sich der Schwerpunkt der Arbeit über die Jahre hinweg eindeutig auf den Nachmittag liegen. Nach 2003 wäre hier jedoch ein radikaler Wechsel notwendig, auf den auch der Dienstplan Bezug nehmen müsste. Nun wären wieder "ganz Kleine" in der Gruppe, und die brauchen die Erwachsenen vor allem vormittags.

Diesen Belastungen stehen natürlich auch eine Menge von entlastenden Aspekten gegenüber. An erster Stelle die höhere Berufszufriedenheit infolge der langen Zeitdauer, in der man nun Kinder in ihrer Entwicklung begleiten darf. Auch Aggressionen und Konflikte lassen nach, wie Erzieherinnen übereinstimmend berichten. Weiter die Entzerrung von gleichartigen Bedürfnissen, die ansonsten miteinander konkurrieren und die ganze Aufmerksamkeit der Erzieherin absorbieren. Und zuletzt natürlich der viel geruhsamere Vormittag mit all seinen Möglichkeiten, auch einmal etwas mit sehr wenigen Kindern machen zu können.

Inwiefern diese offensichtlichen "Gewinne" die "Verluste" jeweils kompensieren können, muss die einzelne Erzieherin oder das jeweilige Team für sich selbst entscheiden. Nur: diese Entscheidung ist notwendig.

Der Rahmen muss stimmen

Wie sollte der Rahmen des Ganzen ansonsten aussehen?

  1. Kontinuität den Tag über: Häufig wird in Einrichtungen über eine Erweiterung der Altersmischung nachgedacht, in denen es nur wenige "Ganztagskinder" gibt. Eine schwierige Konstellation, zumindest, wenn Schulkinder mit im Spiel sind. Hier wird nur schwerlich eine Kindergemeinschaft wachsen. Und die Ferien werden eher zu Verwirrung auf beiden Seiten führen denn zu Annäherung.
  2. Gruppengröße: Hier legen sich die Empfehlungen der Landesjugendämter nicht eindeutig fest. Deshalb nur soviel an dieser Stelle: Werden Zweijährige aufgenommen, muss sich die Gruppengröße auf 18 reduzieren. Bei einer Mischung zwischen 3 und 10 Jahren sind 20 Kinder durchaus möglich.
  3. Personelle Ausstattung: Auch hier unterscheiden sich die Empfehlungen der Landesjugendämter. Eine Mindestausstattung bei einer Mischung zwischen 2 und 10 Jahren sollten zwei volle Stellen betragen. Im Einzelfall müssen aber weitere Faktoren mit berücksichtigt werden, z.B. die Öffnungszeit der Einrichtung oder die Anzahl von Integrationsmaßnahmen (vgl. die Beispielrechnung in: Klein/Vogt: Leben in der Familiengruppe. Ein Praxisbuch über die große Altersmischung. Freiburg Lambertus 1995, S. 236 [z.Z. vergriffen, Neuauflage ist für 2002 geplant]).
  4. Räumliche Voraussetzungen: Hier möchte ich nur einen Rat geben: besser viele kleine Räume als wenig große! Das Raumprogramm muss vor allem Differenzierung zulassen. Öffentliche, gruppenbezogene und ganz individuelle und persönliche Räume sollten nebeneinander bestehen.
  5. Beratung und Begleitung: Die Erfahrung aus vielen Jahren bestätigt immer wieder, dass man sich vorher so viele Gedanken machen kann, wie man will, nachher treten unweigerlich neue Fragen auf, die einer Diskussion bedürfen, z.B.: Wie sollen wir mit den Catcherkämpfen der Jungen umgehen? Sexualerziehung ab wann , in welcher Form und mit wem? Projekte mit allen Altersgruppen, geht das? Wie die Kinderkonferenzen in Zukunft gestalten? Kontakte zur Schule, ja, nein, wie? Haben Zweijährige besondere Kinderkrankheiten, auf dir achten müssen? Begleitung und Beratung von außen sind zwar nicht unerlässlich, aber meist doch ziemlich notwendig.

Vielleicht ist am Schluss ein Resümee notwendig. Aus meiner Sicht spricht grundsätzlich alles für die Erweiterung der Altersmischung. Damit sich aber tatsächlich all ihre Vorteile entfalten können, und sich nicht am Ende "Schulkinder (oder Zweijährige) im Kindergarten" aufhalten, ist es notwenig, mit allem Realismus vor Ort zu prüfen, ob die Voraussetzungen für eine solche Mischung vorhanden sind. In diesem Fall kann es zu einem großartigen Projekt werden, wenn Zweijährige aufgenommen und Schulkinder behalten werden.

Literaturtipps

Kornelia Schneider: Literatur zum Thema Altersmischung in Kindertagesstätten. DJI-Arbeitspapier 6-045 (kostenlos zu beziehen über Deutsches Jugendinstitut e.V., Nockherstr. 2, 81541 München)

Lothar Klein/Herbert Vogt: Leben in der Familiengruppe. Ein Praxisbuch über die große Altersmischung., Freiburg Lambertus 1995, S. 236 (z.Z. vergriffen, Neuauflage ist für 2002 geplant)

Bundesverband kath. Tageseinrichtungen für Kinder: Interessant für Groß und Klein. Zur Aufnahme von Schulkindern in Kindergartengruppen. Eine Handreichung. 1999

Autor

Lothar Klein
balance - Forum für Freinet-Pädagogik
Köpfchenweg 24
65191 Wiesbaden
Tel.: 0611/1899444
Website: www.balance-freinet-paedagogik.de/
Email: info@balance-paedagogik.de

Freiberuflicher Fortbildner. Veröffentlichungen u.a.:

  • Klein, Lothar/ Vogt, Herbert: Freinet-Pädagogik in Kindertageseinrichtungen. Entdeckendes Lernen und vom "Hunger nach Leben". Freiburg, Herder Verlag 1998
  • Klein, Lothar: Mit Kindern Regeln finden. Freiburg, Herder Verlag 2000
  • Klein, Lothar/ Vogt, Herbert: Leben in der Familiengruppe. Ein Praxisbuch über die große Altersmischung. Freiburg, Lambertus-Verlag 1995 (Neuauflage 2002)
  • Klein, Lothar/Vogt, Herbert: Erzieherinnen im Dialog mit Kindern. Wie Partizipation im Kindergarten aussehen kann. In: Büttner, Christian/Meyer, Bernhard (Hrsg.): Lernprogramm Demokratie. Möglichkeiten und Grenzen politischer Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Weinheim und München, Juventa-Verlag 2000, S. 89-109