Rezension

Edith Ostermayer: Pikler. Pädagogische Ansätze für die Kita. Berlin: Cornelsen Verlag Scriptor 2013, 88 Seiten, EUR 14,99 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Die Kita-Leiterin, Fortbildnerin und Autorin Edith Ostermayer stellt in ihrem Buch der gegenwärtigen Tendenz in Kindertageseinrichtungen, immer mehr Lern- und Förderprogramme zu verwenden, die Pikler-Pädagogik gegenüber. Diese verfolgt einen ganz anderen Ansatz: "In all den grundlegenden Themen der Pikler-Pädagogik wie der autonomen Bewegungsentwicklung, dem freien Spiel und der beziehungsvollen Pflege haben das aufmerksame Beobachten der individuellen Entwicklungsbedürfnisse und das angemessene Reagieren darauf eine enorme Bedeutung. Ebenso gilt dies für die authentische Kommunikation zwischen dem Erwachsenen und dem Kind" (S. 7). Anstatt um eine "Programmierung" der frühkindlichen Bildung geht es hier also um Individualisierung in der Fachkraft-Kind-Beziehung sowie um die Eigeninitiative und Selbsttätigkeit des Kindes.

Im ersten Teil des Buches wird der pädagogische Ansatz von Emmi Pikler herausgearbeitet, insbesondere in Hinblick auf die Betreuung, Erziehung und Bildung unter Dreijähriger. Hier werden das Menschenbild bzw. das Bild vom Kind, die Fachkraft-Kind-Beziehung, die eigenständige Entdeckung verschiedener Bewegungsformen durch das Kind, das ungestörte Spielen, die Gestaltung von Pflegesituationen und die Aufgaben der Erzieher/innen dargestellt. Erst dann folgen einige biographische Angaben zu Emmi Pikler (1902-1984).

Im zweiten Teil des Buches wird beschrieben, wie die Pickler-Pädagogik in heutigen (deutschen) Kindertageseinrichtungen umgesetzt werden kann. Edith Ostermayer geht auf die Raumgestaltung, die Tagesstruktur, Rituale, die Bedeutung der Achtsamkeit, die Zusammenarbeit mit den Eltern sowie die Aufgaben des Teams und der Kita-Leitung ein. Ferner stellt sie Organisationen vor, die sich der Pickler-Pädagogik widmen. Schließlich setzt sie sich mit einigen Kritikpunkten wie z.B. der vermeintlich zu geringen Förderung von Kindern, der relativ passiven Rolle der Fachkraft, dem Einsatz von Spielgittern und dem draußen Schlafen auseinander.

Im dritten Teil des Buches wird am Beispiel der Kinderkrippe Gleiwitzer Straße in Mainz beschrieben, wie die Pickler-Pädagogik in einer Einrichtung mit 40 Kindern im Alter von acht Wochen bis drei Jahren umgesetzt wird. Die einzelnen Kapitel spiegeln die Themen des zweiten Teils wider; nun werden die Aussagen auch durch viele farbige Fotos illustriert.

Edith Ostermayer gelingt es in ihrem gut lesbaren Buch, auf relativ wenigen Seiten den pädagogischen Ansatz von Emmi Pickler zu skizzieren, seine Relevanz für die heutige frühkindliche Bildung aufzuzeigen und seine Umsetzbarkeit anhand eines Praxisbeispiels zu verdeutlichen. Ein gelungenes und empfehlenswertes Werk!

Martin R. Textor