"So kann ich es besser zuordnen". Ein Fachschulteam lernt in der Praxis oder: das "bewegte Team"

Eckehard Zühlke

 

Als Ausgangspunkt, eine typische Konferenzsituation

Zu Anfang des Schuljahres haben wir uns vorgenommen, die Inhalte in den verschiedenen Fächern praxisorientiert aufzubereiten und zu diskutieren, wie wir fächerübergreifend und in Form von Projekten unsere Arbeit und damit die sozialpädagogische Ausbildung verbessern können. Uns war es auch ein Anliegen die Medien- eher handlungsbezogenen Fächer mehr an die Sozialpädagogik, an Grundlagen und Konzepte, anzubinden.

Wir saßen in der Konferenz zusammen, unter anderem mit den Lehrplänen der Fachschule für Sozialpädagogik, die uns zum Teil abgehoben und veraltet erscheinen. Bei uns kommt noch hinzu, dass nicht nur das Kollegium in seiner Zusammensetzung, sondern die Fachschule selbst insgesamt neu ist. Die Lehrkräfte haben unterschiedliche Vor- und Ausbildungen. Die meisten haben ein klassisches Lehrstudium hinter sich mit spezifischen Kenntnissen und Fähigkeiten in ihren Fächern und unterschiedlich tiefe Kenntnisse der sozialpädagogischen Tätigkeitsfelder. Andere sind aus der sozialpädagogischen Praxis, haben Unterrichtserfahrungen an Fachschule für Sozialpädagogik oder mit Vorpraktikanten. Es gibt Lehrbeauftragte direkt aus der Praxis ohne Unterrichtserfahrung. Von der Zusammensetzung sicherlich ein typisches Fachschulkollegium mit den vielfältigen Grenzen und Chancen einer Bündelschule.

Wir entscheiden, uns im ersten Schritt mit dem Kindergarten und dessen Pädagogik zu beschäftigen und fragen, was dort an Kompetenz von Erziehern abverlangt wird. Es stellt sich schnell heraus, dass die Frage richtig, doch die konkreten Erfahrungen oder Vorstellung vom Arbeitsfeld sehr unterschiedlich sind. So wird die Diskussion schnell mühselig und unverständlich. Es entwickelte sich der Gedanke, unseren Erfahrungsraum zu vereinheitlichen. Wir wollten nicht mehr nur debattieren, sondern uns einen gemeinsamen Erfahrungs- und Bezugsrahmen für weitere Gespräche schaffen. Wir überlegten uns als Einstieg einen pädagogischen Tag, der einen gemeinsamen Erfahrungsraum und weiteren Bezugsrahmen für pädagogische Planung bieten sollte. Außerdem war uns wichtig, dass wir als Gruppe von 8 KollegInnen erhofften, uns so vermehrt in Richtung Team zu entwickeln.

Planung

Zunächst war es gar nicht so einfach eine Einrichtung zu finden, die einerseits bereit ist, Einblick zu gewähren, Neugierde zuzulassen, ja und gerade noch ein Lehrerkollegium hereinzulassen. Auf der anderen Seite Ansprüchen genügt wie: die Einrichtung sollte eine moderne Kindergartenpädagogik vertreten und praktizieren und zwar insofern, als dass sie pädagogische Konsequenzen aus den sich verändernden Lebenswelten von Kindern und Familien ableitet. Die Einrichtung sollte nach dem situationstheoretischen Ansatz arbeiten und diesen auch darstellen können, integrativ im weiteren Sinne ausgerichtet sein und aktuelle Erkenntnisse der Wahrnehmungs- und Bewegungspädagogik in ihrer alltäglichen Praxis nutzen.

Im Evangelischen Kindergarten in Kirchbrombach fanden wir nicht nur diese Voraussetzungen gegeben sondern auch ein engagiertes KollegInnenteam, dass bereit war, uns Einblick zu gewähren.

Das, was die Einrichtung in Konzeption und Praxis ausmacht, wird am Schluß in der Auswertung der Erfahrungen nochmals deutlich.

In der Vorbereitungsgruppe aus Fachschule und Kindergarten wurde für den pädagogischen Tag folgendes verabredet:

  • Es soll die sozialpädagogische Arbeit im Kindergarten so stattfindet, wie sie normal läuft. Es sollte nicht extra für die Lehrkräfte etwas vorgeführt werden.
  • Die Lehrkräfte haben die Möglichkeit zu hospitieren und ggf. sich in das pädagogische Geschehen einzubringen, wenn es die Situation ermöglicht oder erfordert.
  • Die überwiegende Arbeit der Lehrkräfte soll bestimmt sein durch freie Beobachtung und Dokumentation des Wahrgenommen. Ab mittags sollte sich ein gemeinsames Auswertungsgespräch anschließen.
  • Orte der Beobachtung sollen sein:
    • Die Ankunftsphase der Kinder am Morgen zwischen 8.00 und 9.00.
    • Die Freispielphasen in verschieden Gruppen, die unterschiedlich nach Gruppen auch fortgeführte Projekte enthielten.
    • Eine Naturerfahrung einer Gruppe beim Waldtag.
    • Verschiedene Bewegungseinheiten im Rhythmikraum.
    • Arbeiten mit Ton in einer Kleingruppe.
    • Mitwirkung der Kinder in der "Kuhle" (Kinderkonferenz).
    • Kinder bei der Organisation des Frühstücks und beim Essen selbst.
    • Kinder, beim Wechsel in verschiedene Gruppen.
    • Kinder beim Spielen auf dem Kindergartengelände.
    • Die Abholsituation mittags für die Kinder, die nur Halbtags in der Einrichtung sind.

Wir waren sehr früh im Kindergarten. Erst wenige Kinder waren dort. Es war Zeit sich mit dem Team und den Räumlichkeiten vertraut zu machen. Erste Gesprächskontakte zwischen ErzieherInnen und LehrerInnen entwickelten sich. Vorher gespürte Unsicherheiten auf beiden Seiten verschwanden relativ schnell. Das Kollegium teilte sich in die vier Gruppen auf und es wurde die "Bringsituation" beobachtet.

Interessant, ich nehme viel mit

Nach dem Abholen der Kinder trafen wir uns alle, das gesamte Kindergartenteam und das Lehrerkollegium am runden Tisch zu folgenden Fragen:

Für die Lehrkräfte: was habe ich heute wahrgenommen, was ist mir wichtig gewesen?

Für das ErzieherInnenteam war die Fragestellung, welche Erfahrungen habe ich mit mir und den Kindern gemacht, wenn so viele Lehrkräfte dazukommen und "gucken".

Erfahrungen von Lehrkräften:

  • Kinder sind in diesem Alter schon deutlich eigene unterscheidbare Persönlichkeiten mit einem unverwechselbaren Charakter. Das sich Persönlichkeiten schon in so frühem Alter entwickeln, wahr nicht so bewusst. Eigentlich müsste jedes Kind individuell angesprochen werden.
  • Wenn Kinder ankommen, ist ihre Situation sehr unterschiedlich. Manche werde eher hineingeschoben und können sich noch nicht so gut trennen. Andere gehen gleich zum Spielen oder an den Frühstückstisch. Wiederum andere erzählen eifrig der Erzieherin, was sie beschäftigt. Sind diese Verhaltensweise altersbedingt oder spezifischer zu verstehen?
  • In der Bewegungseinheit sind die Kinder sehr unterschiedlich angesprochen worden. Auf der inhaltlichen Ebene war der Bezug zum "Apfel"-Projekt deutlich. Die Kinder konnten gut nachvollziehen, warum etwas zu tun ist. Sie konnten den schon in verschiedenen Einheiten bearbeiteten "Apfel" in der Bewegung mit Seil und Bällen nachempfinden, in kreativer, beweglicher Weise ausdrücken. Was heißt ganzheitliche Pädagogik? Woher kommen die Themen für die Kinder?
  • In einer freien Bewegungseinheit war zu erkennen, dass Kinder selbst von sich gern bestimmen, was ihnen an Bewegung gut tut. Kinder lernen sich abzusprechen, wer was machen möchte, aufbaut und auch wieder abbaut und wegräumt. Soziales Lernen wurde sichtbar, am deutlichsten mit dem gemeinschaftlichen "Hauruck" der Kinder beim Transportieren der schweren Matten. Aber es wurde hier sichtbar, wie unterschiedlich die Kinder in ihrem Bewegungsentwicklung und -verhalten sind. Auch war klar zu sehen, wie wenig sich einige Kinder integrieren möchten oder können.
  • Kinder konnten in der Bewegungseinheit auch Partnerübungen mit dem Igelball machen. Sie lernen so die Körperteile kennen und benennen und auch ihre Gefühle nehmen sie bewusster, in dem sie sagen wo es ihnen gut tut, mit dem Igelball bearbeitet zu werden. Körperwahrnehmung und Selbststimmung sind eng miteinander verknüpft.
  • 23 Kinder und 2 Erzieherinnen saßen in der "Kuhle" und erklärten jeweils ihr mitgebrachtes Spielzeug. Die "Kuhle" ist eine aus dem Boden herausgearbeitete Sitzecke, in der eng zusammen in der Runde die Kinder zusammensitzen und Besprechungen halten. Auffällig war vor allem die lange Dauer, die Kinder sich konzentrieren und einander zuhören können. Die Kinder scheinen schon routiniert in Sachen Mitwirkung zu sein. Sie können reden und zuhören und achten darauf, dass auch alle mal dran sind.
  • Die Gruppen sind teiloffen. Die Kinder können sich in andere Gruppe begeben und dort mitmachen, wenn sie es wünschen und wenn es geht. Die Kinder nutzten diese Möglichkeit intensiv und zeigten ein selbstverständlicher Umgang mit den Regeln des An- und Abmeldens.
  • In einer anderen Gruppe wurde mit Ton gearbeitet. Hier wurde deutlich, dass sich die beteiligten Kinder langen konzentrieren konnten. Fast 2 Stunden waren sie an diesem Material und hätten noch z.T. länger gearbeitet.
  • In einer Bastelgruppe in der Freispielphase war gut zu erkennen, wie unterschiedlich kreativ Kinder sein können und auch wie unterschiedlich mit Material und z.B. Schere umgegangen wurde. Ein Kind bastelte nach Vorlage aus einem Bastelbuch einen Vogel, ein anderes Kinder verteilte mit sichtlicher Freude über 20 Minuten sehr dünn und fein Klebstoff mit dem Pinsel auf ein blaues Papier. Die Kinder redeten miteinander, halfen sich gegenseitig oder holten sich bei Bedarf Hilfe von der Erzieherin.
  • Im Freispiel bestand auch die Möglichkeit zu malen. Die Kinder konnten nach Lust sich an für die kindliche Wahrnehmungsperspektive angemessene Staffeleien setzen und großräumig malen. Die Kinder hatten Freude daran. Die fertigen Bilder konnten nach dem Trocknen aufgehängt werden oder die Kinder wollten sie mit nach Hause nehmen.
  • Die Räumlichkeiten im Kindergarten sind nicht voll gebastelt mit Mobiles und anderen Basteleien aus vergangenen Zeiten. Es existiert so keine Reizüberflutung. Wenn etwas ausgestellt oder ausgehängt wird, ist es von den Kindern selbst oder hat einen Bezug zu einem Projekt.
  • Es sind viele Kinder aus andere Kulturkreisen und Glaubensrichtungen im Kindergarten, hauptsächlich muslimischen Glaubens. Welche Rolle spielt die religiöse Erziehung? Wie können Kinder ihren Glauben ausdrücken? Wie kommen Feste und Feiern christlicher und anderer Glaubensrichtungen im Kindergarten zur Geltung? Es gibt keine aufgesetzte Religionspädagogik sie ist situationsbezogen eingebunden und kommt zur Geltung.

Aus dem ErzieherInnenteam wurde herausgestellt, dass alle gern diesen Besuch in ihrer Praxis wollten und als Chance sehen, ihre Arbeit darzustellen und zu legitimieren. Es waren sicher zu Anfang etwas eigenartige Gefühle vorhanden - man läßt sich nicht gern beobachten. Aber diese Gefühle verflogen schnell - und auch die Kinder haben sich darauf eingestellt. Manche Kinder haben natürlich auch die Chance genutzt, sich vermehrt auf die erwachsenen Lehrkräfte zu stürzen oder sie ins Spiel zu holen.

Die angesprochenen Themen der Lehrkräfte wurde vom Team aufgenommen und es wurde erläutert, welche sozialpädagogischen Gedanken dahinterstecken. Im situationstheoretischen Ansatz ist es selbstverständlich, Kinder zu beobachten, ihnen zuhören, herauszufinden, was deren Thema ist, um dann ganzheitlich mit allen Sinnen projektorientiert daran zu arbeiten. Nicht der Jahresplan zählt, sondern Themen von Kindern werden aufgegriffen. Die Planung ist offen und betrifft nicht immer die ganze Gruppe sondern ggf. nur Teilgruppen. Integration wird sehr weit verstanden: Integration von Kindern mit Behinderungen oder Auffälligkeiten, Integration von Kindern/Menschen verschiedener Nationalitäten, aber Integration der eigenen Person in das alltägliche Gruppenleben. Der situationstheoretische Ansatz wird flankiert durch ein Verständnis von Kreativität und Raumgestaltung sowie der Förderung der Wahrnehmung, das u.a. in der Reggio-Pädagogik grundgelegt wird. Aber auch Montessori Merkmale sind zu erkennen in der Sinnesschulung bei den Bewegungseinheiten, beim Tonen und an der Haltung, dass Kinder sich das Material wählen, das für ihre Entwicklung am wichtigsten ist. Allen 3 Ansätzen ist gemeinsam, dass sie eine hohe Wertschätzung der kindlichen Person, seiner Selbstfindung und Selbststeuerung besitzen. Diese Haltung ist in diesem Kindergarten Prinzip und Aufgabe zugleich.

Die Diskussion zum Schluss ließ erkennen, dass für das Lehrerkollegium darüber, allerdings unterschiedlich, viele sozialpädagogische Fragen geöffnet wurden. Es wurde ein Kindergartenkonzept und eine Praxis sichtbar, an dem/der vertieft weitergedacht werden kann und muss. Wie können wir in der Fachschule besser auf eine derartige Praxis vorbereiten?

Erste Ideen oder wir haben viel vor uns

Mit dieser ersten Praxiserfahrungen können wir uns weiteren Planungsdebatten besser zentrieren auf das, was praktisch relevant ist.

Die Notwendigkeit des fächerübergreifenden und projektorientierten Arbeitens wird deutlich sichtbar am Beispiel der Bewegungseinheiten. Wie sind die eher theoriegeleiteten Fächer und die eher handlungsorientierten Fächer konstruktiv miteinander zu verbinden?

Wie können wir in der Ausbildung auch eine pädagogische Haltung vermitteln, die dem situationstheoretischen Ansatz, der Reggio-Pädagogik oder auch der Montessori-Pädagogik entspricht, nämlich Kinder als Persönlichkeiten zu akzeptieren und wertzuschätzen?

Der situationstheoretische Ansatz scheint die verbindende Klammer, die Grundlage der sozialpädagogischen Arbeit zu sein. Wie ist dieser verbessert in die Ausbildung einzubringen? Wie können wir diesen Ansatz in der Ausbildung nicht nur vermitteln, sondern erfahrbar machen?

Insgesamt war es in Schritt in die richtige Richtung. Die Begegnung von Lernort Schule und Lernort Praxis als gegenseitige Öffnung wird weiter gehen.

 

Neue Wege gehen, sich öffnen

Gudrun Gutzeit, Ev. Kindergarten Kirchbrombach

 

Als feststand, dass in unserer nächsten Umgebung ab August 1998 eine Fachschule für Sozialpädagogik eingerichtet werden sollte, war für unser Team klar, dass wir von Anfang an auf irgendeine Art und Weise dabei sein wollten.

Eine Infoveranstaltung der Beruflichen Schulen Michelstadt im Juli brachte zwar nicht die erhofften Informationen, manifestierte eher eine sehr kritische Sichtweise einiger Praxisvertreterinnen, ob denn aus dieser Schule eine ernstzunehmende Fachschule für Sozialpädagogik entstehen werde. Wir bekundeten schriftlich unser Interesse an einer, wie auch immer gearteten Zusammenarbeit und stellten unsere Einrichtung vor.

Sehr erstaunt nahmen wir zur Kenntnis, dass sich zu Beginn des Schuljahres der neue Koordinator der Fachschule, mit der Bitte an uns wandte, ein Gespräch mit uns in unserer Einrichtung führen. Wir waren gespannt!

Es wurde dort der Wunsch und das dringende Bedürfnis geäußert, mit dem neuen Lehrerkollegium sich mehr an den Erfordernissen der sozialpädagogischen Praxis auszurichten. Wie kann das geschehen? Es wurde ein erster pädagogischer Tag in der Praxis verabredet in Form erweiterten Hospitation.

Diese Hospitation solle der weiteren Arbeit des Kollegiums einen gemeinsamen Erfahrungsraum schaffen, um so gemeinsame konzeptionelle Planung besser in Gang zu bringen.

Ein Brief von uns und der Austausch im Verlauf des Gesprächs über Konzept und Arbeitsweise unseres Kindergartens schienen Grund genug, nach einer konstruktiven Form der Zusammenarbeit zu suchen.

Wir freuten uns, aber es war uns auch klar, dass das gesamte Team "ja" sagen mußte. Während einer Teambesprechung wurde das Für und Wider der Hospitation abgewogen, auch über Ängste gesprochen und Unwohlsein geäußert bei dem Gedanken, dass einem u.U. mehrere Lehrer gleichzeitig über die Schulter sehen würden.

Schließlich überwog der Gedanke, dass es auch für unsere Einrichtung und das Team eine Chance bedeuten könne, sich zu öffnen, die eigene Arbeit auf unterschiedlichem Niveau reflektiert zu sehen. Die Zusage für den pädagogischen Tag erfolgte, und es wurden gemeinsam einige Regeln für den Ablauf des Tages erstellt. Dem Kindergarten-Team war es wichtig, dass es ein ganz normaler Tag sein sollte.

Ein Erzieher fehlte wegen Fortbildung, Vertretung in einer Gruppe war angesagt, aber auch das ist durchaus Alltag.

Ein fast normaler Tag

Am Hospitationstag verteilten sich Lehrer und Lehrerinnen nach einer Begrüßung und Hausführung auf die 4 Gruppen, beobachteten, führten in der Bringphase Gespräche mit den Erzieherinnen begleiteten eine Gruppe beim Waldtag und ließen sich natürlich von den Kindern in Spielsituationen einbinden.

Schnell wich bei uns allen ein gewisses Unbehagen. Wir konnten spüren, dass unsere Gäste ein wohlwollendes Interesse an unserer Arbeit hatten und wenig oder keine Unruhe in das Gruppengeschehen brachten.

Ein fast normaler Tag, wenn man einmal davon absieht, dass vielleicht unbewusst unser Eingehen auf die Kinder mehr als sonst geprägt waren von pädagogischen Verständnis und guten Nerven. Wer weiß?

Jeder Tag ist anders, Befindlichkeiten von großen und kleinen Menschen manchmal strapaziös, aber das wissen auch Lehrer. Die Atmosphäre war locker und wir fühlten uns gut.

Die anschließende Auswertungsrunde war notwendig und gut. Ich möchte mich in meiner Beschreibung auf Beobachtungen und Einschätzungen aus dem Team beschränken. Interessant und wichtig für uns wäre natürlich zu erfahren, welchen Eindruck wir hinterlassen haben.

Wir beobachteten, bzw. stellten fest und interpretierten aufgrund von Gesprächen und Fragen, dass:

  • großes Interesse an unserer Arbeit und den Kindern bestand,
  • wohlwollende, zurückhaltende Beobachtung die Regel war,
  • wirklich kritisches Hinterfragen in der Auswertungsrunde von 2 Fachkräften kam,
  • die männlichen Lehrkräfte sich weniger äußerten über gemachte Beobachtungen und Erfahrungen,
  • die weiblichen Lehrkräfte wesentlich mehr Beobachtungen, Erfahrungen und Empfindungen schilderten und Erstaunen darüber bestand, welche ausgeprägten Persönlichkeiten so kleine Kinder schon seien,
  • welches Bild vom Kind besteht und welche Psychologie steckt hinter dem Erstaunen "kleine Persönlichkeiten" entdeckt zu haben,
  • unterschiedliche Kenntnisse der sozialpädagogischen Praxis des Kindergartens und des Situationsansatzes.

Viele Fragen wären zu stellen:

Dass die Fachleute aus dem Kollegium an diesem Vormittag einen Einblick in unsere Arbeit bekommen haben, war uns klar. Eher im Dunkeln bleibt, welche Fragen bei den Lehrkräften aufgeworfen wurden, die die Medienfächer in die sozialpädagogische Praxis einbringen und welche Fragen bei anderen aufgeworfen wurden, die zum erstenmal einen solchen Einblick in die pädagogische Praxis hatten.

  • Welche Auswirkungen hat diese Erfahrung auf die Arbeit mit Studierenden?
  • Hat dieser pädagogische Tag etwas ausgelöst?
  • Hat er etwas in Bewegung gebracht?
  • Welches Bild vom Kind ist Grundlage der Arbeit?

Und genau da wäre es spannend, gemeinsam weiterzuarbeiten und im Dialog zu bleiben: Im Interesse der Auszubildenden, die wir vielleicht bald als Praktikanten/innen haben. Im Interesse der Schule, der wir einen guten Start wünschen. Im Interesse der Kinder, die ein Recht auf qualifizierte ErzieherInnen haben und in unserem Interesse als Team, das den Dialog mit den Schulen sucht und sich in der eigenen Einrichtung auf den Weg gemacht hat, nicht am Kind zu arbeiten, sondern mit Kindern gemeinsam zu leben, zu lernen, zu forschen und nicht immer schnelle Antworten für jeden und jedes parat zu haben.

Wir freuen uns darauf, mit der Schule, den Lehrenden und Lernenden im Gespräch zu bleiben. "Es war wirklich der Beginn einer konstruktiven Zusammenarbeit, der sich bis heute hin eher vertieft hat" (Zühlke 1/2000)

 

Das "bewegte Team" in einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit geistigen Behinderungen, in der Jugendarbeit

Eckehard Zühlke

 

Die bisherigen Praxiserfahrungen wurden vom Team sehr positiv aufgenommen. Es entstand der Wunsch weitere Praxisfelder kennen zu lernen, diese zu besuchen und konkret zu erfahren, was darin wichtig und brisant ist. Im Leitbild der Fachschule für Sozialpädagogik in Michelstadt wurde das "bewegte Team" verankert. Inzwischen war das Team oder Teile davon vier Mal in der Fachpraxis. Von der Fachpraxis wird das Interesse deutlich honoriert.

Die Arbeit mit behinderten Kindern und Jugendlichen

Besuchserfahrungen in einem Heim für Kinder und Jugendliche mit geistigen und mehrfachen Behinderungen. Zum Ablauf: Zunächst gab es einen Vortrag zur Geschichte des Hauses und der aktuellen pädagogischen Arbeit mit behinderten Kindern wurde dargestellt. Die Einrichtung "Haus Finkennest" für geistig behinderte Kinder ist eine familienersetzende Einrichtung. Neben der alltäglichen Arbeit mit den behinderten Kindern kommt die Elternarbeit und auch die Arbeit an und mit den Verhaltensauffälligkeiten der Kinder. Auch diesen Kinder zeigen Aggressionen, Depressionen, Essstörungen und anderes Mehr. Viele diese Störungen entstehen durch Nichtbeachten von Bedürfnissen.

Die Beziehungsarbeit steht im Vordergrund, Förderung von alltäglichen Fähigkeiten ist aber auch wichtig. Für eine Erzieherkompetenz erscheint es wichtig, beziehungsfähig zu sein, Bereitschaft zu ständigen Dazulernen aufzubringen und auch persönliche Eignung insbesondere auch die Belastbarkeit ist wichtig.

Kinder sind in dieser Einrichtung bis zum Alter von 27. Viele Schwierigkeiten ergeben sich in der Pubertät. Die Gruppen sind geschlechtsgemischt. Wichtig für den Alltag sind Klarheiten: Regeln, Rituale und Refugien sichern den Alltag ab. Als gestaltendes Moment für die Beziehung aber auch zur Förderung gelten Musik- und Bewegungspädagogik. Das Konzept legt allerdings den Schwerpunkt auf pädagogischen Begleitung der Menschen und weniger auf Therapien.

In den Gruppen wurde unserem LehrerInnenteam erfahrbar und konkret nahe gebracht, was es heißt, mit schwer geistig behinderten Kindern zu arbeiten. Snoezle Elemente, Filztechniken wurden gezeigt. Sterbebegleitung von behinderten Kindern gehört zum Alltag. Die Lehrergruppe konnte im Gymnastikraum praktisch erfahren, wie behinderte Menschen lernen eine Personenverständnis für sich entwickeln. "Ich bin eine Person", hieß die Übung, die mit geistig behinderten Menschen über Wochen läuft. Das interessant gestaltende Außengelände zeigt unterschiedliche Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung und auch des Rückzuges. Die Kontaktmöglichkeiten zu unterschiedlichen Tieren verschaffen Bezüge, Zutrauen oder gar Vertrauen. Wichtig ist dies, so zeigt die Erfahrung, z.B. für autistische Kinder.

Im gemeinsamen Schlusskreis aus ErzieherInnen, LehrerInnen und Leitung wurde deutlich, wie wichtig Kommunikation und Abstimmung im Team ist.

Für die Arbeit an der Fachschule wurden folgende Fragestellungen herausgestellt:

  1. Die Medienfächer, Musik, Werken, Bewegung brauchen für diesen Arbeitsbereich einen besonderen Zuschnitt, eher funktionsorientiert.
  2. Die Arbeit an der Beziehungsfähigkeit von Studierenden kann sich verstärkt in der Ausbildung entwickeln, auch geplant z.B. über Gesprächsführung, Entwicklung von Empathie und Deutlichkeit.
  3. Regeln, Rituale und Refugien als pädagogischen Gestaltungsmomente haben hier fördernden und verhaltenssichernden Charakter.
  4. Teamfähigkeiten
  5. Trennung, Tod und Sterben sind elementare Themen.
  6. Verständnis von verschiedenen Behinderungsarten, Mehrfachbehinderungen, Behinderungen und Verhaltensauffälligkeiten.
  7. Behindertenarbeit und Sexualpädagogik

Sozialpädagogisches Arbeiten mit Jugendlichen

Einige wichtige Aspekte für das Fachschulteam: Um Jugendarbeit Vorort angemessen gestalten zu können, ist es wichtig eine Feldanalyse zu machen. In Brensbach ist das geschehen. Die Bedürfnisse und die Lebenssituation können so eher nachvollzogen werden es gibt Anknüpfungspunkte für sozialpädagogisches Handeln.

Weiterhin muss auf die Jugendlichen in unterschiedlichen Weise zugegangen werden. In der Jugendarbeit gibt es ein Holaspekt. Es reicht nicht aus, nur über die regionale Presse Gruppenstunden publik zu machen und zu hoffen die Jugendlichen kämen. Viele Jugendliche brauchen auch persönliche Beratung zu unterschiedlichen Fragen wie Liebe, Partnerschaft und Sexualität, aber auch zu familiären Fragen, zu Fragen von Arbeitslosigkeit u.a. Andere Jugendliche kommen einfach so in den Jugendraum und reden oder spielen, je nach Lust und Laune. Ein eigener Jugendraum ist wichtig. Jugendarbeit in ländlichen Regionen muss sich auch mit den Angebote der Vereinen befassen, um nicht unnötige Konkurrenz zu machen.

Themen für den Wahlpflichtbereich "Sozialpädagogische Arbeit mit Jugendlichen" sind:

  1. geschlechtsspezifischen Jugendarbeit;
  2. aufsuchenden Jugendarbeit und Jugendstationen;
  3. Jugendarbeit als Beratungsarbeit in unterschiedlichsten Bereichen, Sorgentelefon u.a.;
  4. Jugendarbeit mit rechten Jugendliche (akzeptierende Arbeit);
  5. Jugendarbeit mit benachteiligte, arbeitslosen Jugendlichen;
  6. Jugendarbeit und Jugendförderung;
  7. Öffentlichkeitsarbeit in der Jugendarbeit;
  8. Jugendarbeit als Konkurrenz zur Vereinsarbeit;
  9. Partizipation in der Jugendarbeit; Modelle der Beteiligung von Jugendlichen (HGO);
  10. Gewalt an Jugendlichen, sexuelle Ausbeutung;
  11. die Bedeutung eines eigenen Jugendraumes;
  12. gewaltbereite Jugendliche, Modelle gewaltfreier Konfliktlösung
  13. u.a.m

Schlüsselqualifikationen für Pädagogen in der Jugendarbeit sind:

  • Organisationskompetenz,
  • Fähigkeiten die Arbeit in der Öffentlichkeit darzustellen und zu begründen,
  • Kommunikationsfähigkeiten mit unterschiedlichsten Zielgruppen,
  • Rollenklarheit,
  • bewusstes Umgehen mit Nähe und Distanz
  • Echtheit,
  • Emphatisches Verstehen und wertorientiertes Handeln,
  • Gesprächsführung mit Beratungskompetenz,
  • Streit- und Konfliktkompetenz, integrative Fähigkeiten,
  • Kompetenz: Frustrationen auszuhalten,
  • Fähigkeit, mit abgebrochenen Prozessen zu leben,
  • Verwaltungs- und Wirtschaftskompetenzen bis zur Frage, welche Geldquellen kann ich anzapfen oder erschließen;
  • Selbstmanagement, Zeitmanagement,
  • Kenntnisse auch der Erziehungshilfen
  • u.a.m

Was bringen die gemeinsamen Erfahrungen der Lehrerteams in der Fachpraxis?

Es werden sozialpädagogische Praxisfelder auf der Erfahrungsebene z. T. wahrgenommen oder wiederentdeckt.

Wichtige sozialpädagogische Ansätze, insbesondere lebensweltorientierte Anätze, werden in ihr Praxisrelevanz erfahren und verstanden.

Der für den Kita-Bereich wichtige Situationstheoretische Ansatz wird als umfassender pädagogischer Ansatz sichtbar, der eine anspruchsvolle Sach- und Dialogkompetenz der Fachkräfte Vorort verlangt.

Der Einbezug der Medienfächer wird jeweils auf das konkrete Arbeitsfeld bezogen deutlich.

Es werden aber auch aktuelle Fragen wie z.B. die der Belastung von Fachkräften, von Qualitätsbemessungen und auch Fragen wie zur Integration, zur Konzeptionsentwicklung, zur Zusammenarbeit mit den Fachschulen u.v.a. mehr konkret greifbar.

Es werden klare Bedürfnisse an inhaltlicher Kompetenz aus der Praxis vorgetragen, in Form von Themen oder Fähigkeit oder Schlüsselkompetenzen.

Für das Team ist auf der Beziehungsebne die gemeinsame Erfahrung stark verbindet. In viele Fach- und Planungsgesprächen tauchen gemeinsame Erfahrungsmomente als Bezugspunkte auf - sie erleichtern Fachgesprächen, machen Verständigung eher möglich.

Die Fachpraxis meldet durchweg Positives zurück. Die Praxis erfährt sich als diejenige, die den Lehrer etwas zeigt, mit ihnen spricht, den LehrerInnen etwas vermittelt oder nahe bringt.

Aus den Besuchen entstehen Kontakte und Kontrakte, Besuche in Arbeitskreisen und Mithilfe im Unterricht und in Projekt.

Insgesamt ein gute Möglichkeit sich zu vernetzen, zu verbinden und regional Sozialpädagogik erfahrungsbezogen, gemeinsam und konkret zu gestalten.