Philosophische Gedanken für den Kindergartenalltag

Elke Schlösser

 

Philosophie und Elementarpädagogik - passt das zusammen? Haben die beiden Fachgebiete etwas miteinander zu tun? Kann es eine philosophierende Pädagogik geben?

Nach meinem Grundverständnis eindeutig ja! Und fast zwingend, denn sobald wir uns Gedanken machen über das Menschenbild, welches uns in der Pädagogik leitet, sind wir quasi mit philosophischen Überlegungen beschäftigt.

Die Philosophie fragt - kurz gefasst - danach:

  • Woher kommen wir - vor unserer Geburt?
  • Wohin gehen wir - nach unserem Tod?
  • Und was ist der Sinn dazwischen - also in unserem Leben?

Kinder fragen dies so:

  • Woher hast Du gewusst, dass ich Dein Kind sein werde, als ich noch gar nicht geboren war?
  • Was ist, wenn ich Hunger habe, nachdem ich gestorben bin?
  • Warum soll ich den Simon nicht hauen, wenn er mir etwas wegnimmt? Ich kann ihn ja hauen, wenn es keiner sieht!

Ja, Kinder philosophieren problemlos, mit konkreten Fragen, unbefangen und oft mit berührend wichtigen Gedanken. Wir gehen dann, so gut wir es spontan oder vorbereitet können, auf ihre Fragen und Überlegungen ein.

Die Philosophie beantwortet diese Sinnfragen unabhängig von einem Gottesbild - das ist Inhalt und Aufgabe der Religion/en.

Im Zusammenhang mit dem Titel meines Beitrages möchte ich jedoch nicht auf die Möglichkeiten des Philosophierens mit Kindern eingehen, sondern fragen, wie wir in Bezug auf unsere persönlichen pädagogischen Haltungen von Aussagen profitieren können, die Philosophen uns Menschen anbieten.

Die Philosophen dieser Aussagen haben ihre Gedanken vermutlich nicht im Entferntesten mit uns Elementarpädagog/innen verbunden. Dennoch wähle ich hier einen mir wichtigen Gedanken aus, um Ihnen meine Haltung zu den Vorteilen der Nutzung philosophischer Gedanken im Kindergarten näher zu bringen. Der von mir sehr geschätzter Satz lautet:

Es ist eine Kunst,
jemanden in seinen reifen Möglichkeiten wahrzunehmen
und ihn in diesen Möglichkeiten zu bestätigen,
also nicht nur in dem, was er ist,
sondern sogar in dem, was er sein und werden könnte.

Dieser Gedanke stammt von Martin Buber, einem christlichen Philosophen, der von 1878 bis 1965 lebte.

Für philosophische Sätze ist typisch, dass sie sich eventuell in ihrer tiefen Bedeutung nicht gleich im ersten Lesen erschließen, sondern dass sie gedanklich gedreht und gewendet, gefühlt und hinterfragt, interpretiert und reflektiert werden müssen. Beispielhaft möchte ich dies für den vorgenannten Satz tun. Was meint Buber mit dieser Aussage?

Meines Erachtens ist gemeint, dass wir alle uns ein Leben lang entwickeln und zu keinem bestimmten Zeitpunkt des Lebens sozusagen fertig sind. Bis an unser Lebensende haben wir alle Entwicklungsmöglichkeiten. Er nennt sie reife Möglichkeiten, was eigentlich verwunderlich ist, denn Reife sagt ja etwas über einen abgeschlossenen, gewissermaßen vollendeten Prozess aus.

Ich verstehe diese sprachlich besondere Wendung so, dass der Mensch immer - zu jedem Zeitpunkt - reif dazu ist, eine weitere seiner Möglichkeiten zu nutzen. Und daher gefällt mir diese Formulierung ausgesprochen gut.

Buber möchte nun - und diese Haltung zieht sich durch sein gesamtes Denken -, dass der Mensch, der zwar über seine Möglichkeiten verfügt, aber noch nicht seine volle Reife entwickelt hat, trotzdem mit Respekt und Achtung behandelt wird. Obwohl er noch Unfertigkeiten und Schwächen hat, Ecken und Kanten, Haken und Ösen, verdient jeder Mensch nach seiner Auffassung die volle Wertschätzung der Mitmenschen.

Bei Kindern fällt uns diese Haltung in der Regel sehr leicht. Wir wissen, dass sie gerade erst beginnen, sich zu entwickeln, dass sie gerade dabei sind, ihre körperlichen, geistigen und seelischen Kompetenzen zu entfalten. Trotzdem haben wir kein Problem damit, sie zu wertschätzen und ihnen mit Achtung zu begegnen. Man empfindet ihre mangelnde Reife als natürlich und unterstützt sie vertrauensvoll und zuversichtlich in ihrer Weiterentwicklung.

Nun macht das Kind/ der Mensch aber auch die Erfahrungen, dass dieses großzügige Verhalten sich verändert, sobald man größer wird, vielleicht ein Jugendlicher oder eine junge Erwachsene ist. Da ist es mit der Großzügigkeit im Umgang mit den Unfähigkeiten und der Unfertigkeit ansich schon nicht mehr ganz so weit her.

Man spürt: Die Erwachsenen verzeihen mangelnde Reife nicht mehr so leicht. Sie schrauben ihre Erwartungen höher, kritisieren schneller, fordern mehr ein etc. Dabei waren wir uns doch einig, dass man ein Leben lang braucht, um seine Reife - körperlich, aber vor allem geistig und seelisch - zu entwickeln! Trotzdem erleben junge Menschen - oft schmerzhaft - ein Nachlassen der Nachsicht und ein sich Steigern der Beurteilungen und Forderungen.

Gehen wir noch etwas anders an diesen philosophischen Gedanken heran: Fragen wir uns einmal, ob es in unserem nahen Umfeld eine Person gibt, die uns sehr gut kennt, mit unseren reifen Möglichkeiten, aber eben auch mit unseren Unfertigkeiten, Ecken und Kanten, Haken und Ösen. Ist da eine Person dabei, die uns stets mit voller Achtung behandelt, uns immer ihre Zustimmung als Mensch zeigt, obwohl sie uns so genau kennt? Die uns nie Respekt und Wertschätzung abzieht, bei der wir uns stets so zeigen dürfen, wie wir sind? Auch mit unseren Unsicherheiten, Fragen und Kompliziertheiten?

Ich wünsche jedem von Ihnen mindestens einen solchen Mensch in Ihrer Umgebung. Eine Person - dass können Elternteile sein, eine Schwester, sogar das eigene Kind, ein Sportsfreund, eine Kollegin, eine Tante... - bei der Sie sich fallen lassen können, so sein können, wie Sie sind, keine Rolle spielen müssen. Die Sie spüren lässt, dass Sie sich immer als wertvoll fühlen dürfen.

Viele Menschen werden es nicht sein, die Ihnen gegenüber so sind. Doch darauf kommt es gar nicht an! Wichtig ist vielmehr: Wie fühlen wir uns in Gegenwart eines solchen Menschen? Wunderbar! Geborgen! Sicher! Wichtig! sagten mir viele Pädagog/innen, die ich das im Rahmen von Fortbildungen fragte. Das kommt daher, dass diese Personen es schaffen, uns das Gefühl zu geben, jetzt schon - so unfertig - sehr wertvoll zu sein! Und dass es ihnen deshalb gar nicht schwerfällt, uns schon - quasi als Vorschusslorbeeren - die Anerkennung für die nächsten Reifeschritte zu geben, die eigentlich noch anstehen, die noch in unseren Möglichkeiten sind. Wir fühlen durch den Glauben der uns unterstützende Menschen schon die Achtung für das, was erst noch kommen wird, was noch ansteht. Das spüren wir dankbar, und am Zutrauen dieser Menschen können wir wachsen, unsere Resilienz steigern.

Meist stelle ich diesen Sinnspruch vor und umrunde ihn philosophisch mit den Teilnehmer/innen in Fortbildungen zum Thema "Zusammenarbeit mit Eltern". Hier ist seine Interpretation und Nutzung besonders herausfordernd.

Wir machen dann meist ein Gedankenexperiment: "Stellen Sie sich vor", sage ich, "dass Sie es schaffen, so oft wie möglich auf Eltern zuzugehen und ihnen eben dieses Gefühl zu geben: dass Sie sie sehen, wie sie gerade jetzt - nach ihren aktuellen Möglichkeiten - in ihrer Mutter- und Vaterrolle sind. Und dass Sie auch ihre Wachstumschancen in dieser Rolle sehen und ihnen diese zugestehen. Und dass Sie den Eltern das Gefühl geben, sie jetzt schon zu schätzen für das, was sie - wieder als Vorschusslorbeeren - noch sein und werden können.

Wie wirkt sich dies wohl für Ihre Beziehung zu den Eltern und die der Eltern zu Ihnen aus? Auch sie werden erleichtert sein, froh über das Zutrauen von Ihrer Seite. Sie werden auftauen und zulassen können, sich Ihnen gegenüber auch mit Unfertigkeiten in der Mutter- und Vaterrolle zeigen zu können. Sie werden aufatmen, weil sie Ihnen nichts mehr beweisen müssen, nicht mit Ihnen in Konkurrenz gehen müssen, wer das Kind am besten versteht und erzieht. Sie werden nachdenklich sein dürfen und ihre Überlegungen offener mit Ihnen reflektieren und diskutieren können. Und all dies nur, weil sie merken und glauben, dass Sie ihnen keine Achtung, keinen Respekt und keine Wertschätzung abziehen, nur weil ihre Elternrolle noch nicht fertig ist (wann ist sie dies überhaupt?)."

Darüber unterhalten wir uns dann intensiv und nachdenklich, oft in besonderer Atmosphäre, Langsamkeit und Intensität. Mir ist dann abschließend immer wichtig, noch einmal auf Martin Bubers Satzbeginn hinzuweisen:

"Es ist eine Kunst..."

Nein, es ist nicht leicht, diese Haltung einzunehmen und sie möglichst oft und lange durchzuhalten. Aber wenn Ihnen dieser Satz und die Gedanken rundherum auch gefallen, die Überlegungen Ihnen etwas bedeuten und Sie sich dieser Haltung annähern möchten, so können Sie damit jederzeit beginnen.

Tag für Tag sind wir gefragt, mit unserem Menschenbild lebendig in den (pädagogischen) Alltag hinein zu leben.