Resilienzförderung bei Kindern mit Fluchterfahrung

Anja Wilhelmi-Rapp

 

Entwicklungsgefährdungen bei Kindern mit Fluchterfahrungen

Für Kinder mit Fluchterfahrung verschränken sich unterschiedliche Risikofaktoren für ihre Entwicklung miteinander: Einem dramatischen Schicksal in ihren Heimatländern entflohen, nach Erfahrungen von Gewalt und Existenzangst seelisch belastet, kumulieren psychische und psychosoziale Stressoren durch die Fluchterfahrungen mit solchen, die am Zufluchtsort ihr Leben beeinflussen. Prekäre Wohnverhältnisse, sprachliche und kulturelle Hürden, die zusammen mit der Versorgung am Existenzminimum Teilhabe erschweren, Eltern, deren traumatisierende Fluchterfahrungen die Ausübung der Erziehungsrolle einschränken können, Zukunftsängste, ein zumindest zunächst unsicherer Aufenthaltsstatus - das Entwicklungsrisiko dieser Kinder ist hoch. Zu den spezifischen Belastungen, mit denen Kinder aufgrund der Flucht konfrontiert sind, treten altersgemäße Entwicklungsherausforderungen und die damit verbundene erhöhte Vulnerabilität, aufgrund derer Risikobedingungen eine verstärkte Wirkung entfalten können. Zu diesen normativen Krisen zählt z.B. der Übergang in die Schule.

Aus der Resilienzforschung ist allerdings bekannt, dass es Kindern trotz belastender Lebensumstände gelingen kann, psychisch gesund zu bleiben und Bewältigungskompetenzen zu entwickeln, die sie schützen.

Resilienz und Möglichkeiten der Förderung

Als Resilienz wird die psychische Widerstandskraft eines Menschen gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken bezeichnet (Wustmann 2015, S. 18). Resilienz ist kein angeborenes Charaktermerkmal, sondern ergibt sich aus einem hochkomplexen Zusammenspiel zwischen Merkmalen des Kindes und solchen seiner Lebensumwelt. Es handelt sich dabei um einen dynamischen Anpassungsprozess, den das Kind selbst bewertet und aktiv mitgestaltet und der nicht alle Lebens- und Kompetenzbereiche gleichermaßen betrifft.

Der Resilienzforschung ist es gelungen, Resilienzfaktoren zu identifizieren, die Kindern helfen, Belastungen zu meistern, und die im Kindergartenalltag gefördert werden können. Der Beitrag, den Kindertageseinrichtungen hierbei präventiv leisten, ist bedeutsam: Frühzeitig und gleichzeitig lange andauernd, intensiv und umfassend wird hier eine hohe Zahl von Kindern in ihrer Entwicklung unterstützt. Jedes Element bewusster Resilienzförderung im pädagogischen Alltag kommt dabei allen Kindern zugute.

Für Kinder mit Fluchterfahrungen können bestimmte risikomildernde Faktoren aber besonders wertvoll sein, um Entwicklungsgefährdungen abzupuffern und fehlangepasste Bewältigungsstrategien nachhaltig zu vermeiden. Eine zusätzliche Besonderheit stellt außerdem die Herausforderung dar, dass bei diesen Kindern zunächst wenig sprachliche Mittel zur Verfügung stehen, um Verbindung miteinander aufzubauen.

Im Zentrum steht die Beziehung zum Kind

Die Lebensgeschichten seelisch widerstandsfähiger Kinder zeigen, dass die wichtigste Grundlage für die Entwicklung von Resilienz stabile, wertschätzende Beziehungen zu erwachsenen Bezugspersonen sind, auf deren sicherer Basis sich Vertrauen und Autonomie des Kindes entwickeln können. Gerade bei Kindern, bei denen die Kraft und Aufmerksamkeit der Eltern durch die Bearbeitung eigener gravierender Herausforderungen absorbiert sind, können fürsorgliche Erwachsene außerhalb der Familie eine entscheidende Kompensationsfunktion haben (Wustmann 2015, S. 114). Die Beziehung der pädagogischen Fachkraft zum Kind kann als wichtiger Schutzfaktor wirksam werden, wenn die Interaktion durch Wertschätzung und Vertrauen gekennzeichnet ist und wenn das Kind erfährt, dass sich jemand für es interessiert und ihm Dinge zutraut (Rönnau-Böse/ Fröhlich-Gildhoff 2010, S. 46). Dies gilt auch und gerade dann, wenn sich die Tür zur Welt des Kindes nur behutsam nonverbal öffnen lässt.

Der Beziehungsaufbau erweist sich dabei durchaus als eine Aufgabe, die sehr viel Geduld und eine intensive Auseinandersetzung sowohl mit dem Kind als auch mit sich selbst beinhaltet. Geborgenheit und Vertrauen geschenkt zu bekommen und die erwachsene Bezugsperson als unbedingt vertrauenswürdig und zuverlässig zu erleben, hilft Kindern, die Gewalt erfahren haben, in kleinen Schritten, selbst wieder Vertrauen zu fassen. Sichtbare und spürbare Gesten des Interesses und der Zuwendung bauen dort Brücken, wo Sprache zunächst noch nicht trägt.

Sensible Beobachtung macht es der pädagogischen Fachkraft möglich, einzuschätzen, wie das Kind sich fühlt und welche Interessens- und Aktivitätsschwerpunkte es hat. Spiele, die ritualisierte Handlungen integrieren und ohne viel Sprache auskommen, stiften Gemeinschaft, indem sie ein Mit-Tun von Anfang an ermöglichen. Vertrautheit schaffen auch Rituale, die Kinder aus anderen Kulturkreisen als Gemeinschaftserlebnisse bereits kennen und schätzen, z.B. gemeinsame Mahlzeiten und ihre Vorbereitung.

Kinder mit Gewalterfahrung haben ein ausgeprägtes Bedürfnis sowohl in ihrer Autonomie wahrgenommen und in ihrer Exploration unterstützt zu werden als auch nach sozialer Orientierung: Indem die pädagogische Fachkraft eine zuverlässige und beständige Ansprechpartnerin für Kinder und ihre Eltern ist und klare, verlässliche Strukturen bietet, trägt sie durch einen äußerlich gesicherten Rahmen auch wesentlich zur psychischen Stabilisierung der Kinder bei.

Die Haltung ist wichtig

Für die Beziehungsgestaltung ist neben dem konkreten Tun vor allem die Haltung der Fachkraft entscheidend: Neben dem Wissen um die eigene kulturelle Eingebundenheit, persönliche Vorurteile und Stereotype sind Empathie und die Fähigkeit, eigene Unsicherheiten und Irritationen aushalten und reflektieren zu können, besonders wichtig. Werde ich das Kind über einen längeren Zeitraum begleiten - oder wird die Familie in Kürze abgeschoben oder anderswo untergebracht? Wie gehe ich mit dem verwirrenden und beunruhigenden Verhalten eines Kindes um, dessen erlebte Gefühle von Hilflosigkeit, Kontrollverlust, Wut, Trauer und Todesangst durch die Konfrontation mit einem Trigger erneut ausgelöst werden?

Diese und andere Fragen stellen sich in der Arbeit mit Kindern mit Fluchterfahrung. Sie erfordern in besonderem Maße, dass sich die pädagogische Fachkraft ihrerseits kongruent und vorhersehbar verhält und sich nicht leicht aus der Fassung bringen lässt. Sie konfrontieren mit der Anforderung, sich vom Schicksal des Kindes berühren zu lassen und dem Kind emotionale Wärme und unbedingte Wertschätzung entgegen zu bringen. Gleichzeitig ist es notwendig, in kritischer Selbstreflexion Grenzen und Möglichkeiten abzuwägen und die Selbstfürsorge im Blick zu behalten.

Positive Rollenmodelle sind wertvoll

Neben direkter Zuwendung und Unterstützung bietet die pädagogische Fachkraft auch ein positives Rollenmodell an, vor allem indem sie konstruktives Bewältigungsverhalten vorlebt und zeigt, wie Konflikte zufriedenstellend gelöst werden können (Rönnau-Böse/ Fröhlich-Gildhoff 2010, S. 46). Für Kinder mit Fluchterfahrung ist das Modellverhalten der Fachkraft und das anderer Kinder in der Gruppe aus einem weiteren Gesichtspunkt wertvoll: Vorbilder helfen, rasch die kulturellen Codes zu erlernen, die es ermöglichen, sich sicher und beheimatet zu fühlen und teilhaben zu können: Wenn ich weiß, wie in einem bestimmten Kontext begrüßt und verabschiedet wird, wie Emotionen ausgedrückt und Feste gefeiert werden, was gegessen und wie Streit geschlichtet wird, ist es leichter, sich geborgen zu fühlen und sich als Teil einer Gemeinschaft zu erleben.

In diesem Zusammenhang erweist sich auch das Beziehungsgeflecht der Kinder untereinander als relevanter Schutzfaktor: Positive Peer-Kontakte üben zusammen mit einem Lernklima, das Stabilität und Sicherheit bietet und in dem Gewalt konsequent unterbunden wird, für gefährdete Kinder eine wichtige Kompensationsfunktion aus (Wustmann 2015, S. 114).

Selbstwirksamkeit erfahrbar machen

Neben verlässlichen Beziehungsangeboten baut Resilienz vor allem auf der Erfahrung von Selbstwirksamkeit im Lebensalltag auf (Wustmann 2011, S. 350). Kinder wissen dann über ihre Kompetenzen Bescheid, beziehen Erfolge auf ihr eigenes Handeln und wissen, welche Strategien zu welchem Ergebnis führen. Dazu benötigen sie altersgemäße Entwicklungsanreize, die ihnen die Erfahrung ermöglichen, ihr Handeln als effektiv zu erleben. Aufgaben, die die Überzeugung des Kindes stärken, Einfluss nehmen und ein Ziel erreichen zu können, sind Herausforderungen, die machbar sind. Sie sind einerseits von hohen, aber erreichbaren Erwartungen und andererseits von Anleitung und Ermutigung begleitet.

Für Kinder, deren Selbstbild durch Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühle im Zusammenhang mit ihrer Flucht geprägt ist, ist die Erfahrung, Dinge selbst erfolgreich in die Hand nehmen zu können, essentiell. Selbstwirksamkeitserfahrungen wirken für sie wie eine Befreiung: Wo Anstrengung sich lohnt, wo es gelingt, Bedürfnisse mitzuteilen, und sie erfüllt werden, erlebt sich das Kind als wertvoll und ermutigt. Seine Unabhängigkeit und seine Hoffnung werden gestärkt, dass es gute Erfahrungen machen, Kontrolle ausüben und selbständig Veränderung herbeiführen kann. Diese Erfahrungen bilden auch die Grundlage für ein optimistisches Herangehen an neue, schwierige Situationen.

Damit ein Kind seine Stärken und Grenzen erleben und erweitern kann und sich als Gestalter seiner Welt wahrnehmen kann, muss es sich in vielen Alltagssituationen als Verursacher von Effekten erleben können: Ich kann diese Stiefel alleine anziehen, ich kann ein Butterbrot alleine schmieren, ich schaffe es, an jedes Kind einen Pinsel auszuteilen, ich habe mir dieses neue Wort gemerkt. Selbstwirksamkeitserfahrungen zu ermöglichen, verbietet schnelle Hilfe durch die pädagogische Fachkraft. Es erfordert Geduld und Durchhaltevermögen von allen Beteiligten und schließt immer auch die gemeinsame Reflexion des Erreichten ein: Schau, das hast du erreicht - zum Beispiel, weil du schon weißt, wie man darum bitten kann.

Besonders wirkungsvoll ist es, Kompetenzerleben in der Gruppe zu ermöglichen und damit sowohl personale als auch soziale Ressourcen des Kindes zu stärken. Auch hierbei können zunächst Aufgaben gewählt werden, für die kaum Sprachkenntnisse erforderlich sind, die aber verantwortungsvoll und wichtig für die Gemeinschaft sind und dem Kind deshalb die Erfahrung mitgeben: Ich gehöre dazu, und ich kann etwas bewegen!

Fazit

Kinder mit Fluchterfahrung tragen eine erhöhte Risikobelastung. Kindertageseinrichtungen können für solch belastete Kinder ein Ort sein, an dem sie Struktur, Verlässlichkeit und Fürsorge erfahren. Indem die pädagogische Fachkraft Sicherheit und Halt bietet, die Bedürfnisse des Kindes wahrnimmt und ihm im Rahmen eines emotional warmen Erziehungsklimas Handlungsmöglichkeiten aufzeigt, stellt sie einen wesentlichen Resilienzfaktor dar. Damit sich diese Schutzfunktion entfalten kann, sollte sie eine von Vertrauen und Wertschätzung getragene Beziehung zum Kind suchen, als Modell für konstruktives, prosoziales Bewältigungsverhalten zur Verfügung stehen und das Kind ermutigen, seine Fähigkeiten und Fortschritte wahrzunehmen. Insgesamt kann der heilsame Einfluss gelingender Beziehungen für Kinder mit hoher Risikobelastung nicht hoch genug eingeschätzt werden (Irmler 2011, S. 584).

Literatur

Fröhlich-Gildhoff, Klaus/Rönnau-Böse, Maike (2015): Resilienz. 4. Auflage. München: Ernst Reinhardt Verlag, 4. Aufl.

Irmler, Dorothea (2011): Leben mit dem Trauma - Resilienzförderung von Flüchtlingskindern und ihren Familien (TZFO Köln). In: Zander, Margherita (Hrsg.): Handbuch Resilienzförderung. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

Rönnau-Böse, Maike/Fröhlich-Gildhoff, Klaus (2010): Resilienzförderung im Kita-Alltag. Was Kinder stark und widerstandsfähig macht. Freiburg: Herder

Ulich, Michaela/Oberhuemer, Pamela/Soltendieck, Monika (2013): Die Welt trifft sich im Kindergarten. Interkulturelle Arbeit und Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen. Berlin: Cornelsen, 5. Aufl.

Wustmann, Cornelia (2011): Resilienz in der Frühpädagogik - Verlässliche Beziehungen, Selbstwirksamkeit erfahren. In: Zander, Margherita (Hrsg.): Handbuch Resilienzförderung. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften