Rezension

Ingrid Miklitz: Der Waldkindergarten. Dimensionen eines pädagogischen Ansatzes. Berlin, Düsseldorf, Mannheim: Cornelsen Verlag Scriptor, 4. Aufl. 2011, 304 Seiten, EUR 23,50 - direkt bestellen durch Anklicken

 

In den letzten Jahren sind viele Waldkindergärten in Deutschland gegründet worden. Träger und Erzieherinnen haben sich dabei häufig an dem Buch von Ingrid Miklitz orientiert, das mit Recht als eines der wichtigsten Standardwerke über diesen pädagogischen Ansatz bezeichnet werden kann.

Zunächst stellt Miklitz die Waldkinderpädagogik vor: ihre historische Entwicklung, die theoretischen Grundlagen, die Rolle der Erzieherin usw. Dann befasst sie sich mit dem, was eine in der Natur arbeitende sozialpädagogische Fachkraft wissen muss: Kriterien für die Eignung von Waldplätzen, potenzielle Gefahren und deren Vermeidung, Wetterkunde, Kleidung, Ausrüstung der Kinder etc. Anschließend geht es um die pädagogische Praxis, also um verschiedene Spielformen, Methoden der Naturerkundung, erlebnispädagogische Angebote, Rituale, Regeln, Festgestaltung, Integration von Kindern mit erhöhtem Betreuungsbedarf und die Gestaltung der Übergänge von der Familie in den Waldkindergarten und von dort in die Schule. In einem Exkurs wird auf Waldtage verwiesen, die von Regeleinrichtungen durchgeführt werden können.

In den nächsten Kapiteln behandelt Miklitz die Elternarbeit, die Organisation des Waldkindergartens (Träger, Elternbeiträge, Öffentlichkeitsarbeit...), Finanzierungsfragen und gesetzliche Grundlagen. Ferner geht sie ausführlich auf die Frage "Wie gründe ich einen Waldkindergarten?" ein (mögliche Rechtsformen, Vereinsgründung, Errichten von Wetterschutzbauten, Versicherungsfragen usw.). Nach einem Exkurs über Waldkindergärten in Schweden und einem Überblick über relevante Forschungsergebnisse schließt das Buch mit einem umfangreichen Anhang, in dem die Leser/innen z.B. ein Vertragsmuster zur Nutzung von Waldflächen, eine Vorlage für den Antrag auf Anerkennung als freier Träger der Jugendhilfe, eine Mustersatzung sowie Vorlagen für Arbeits- und Praktikantenverträge finden.

Für die 4. Auflage hat Miklitz ein Kapitel "Unter Dreijährige" und ein Kapitel über den von ihr neu entwickelten "Lebenspraktischen Ansatz" verfasst. Unter Letzterem versteht sie, dass Kinder "Erfahrungen im Rahmen natürlicher Lernprozesse, die sich aus den Notwendigkeiten der Arbeit ergeben, die in einem Kindergarten anfallen", machen sollen: "Zum Leben gehört auch und vor allem die Arbeit, die echte Arbeit, die getan werden muss und dem Kind vermittelt: Ich kann helfen und werde gebraucht!" So sollte jede Kindertagesstätte einrichtungsspezifische lebenspraktische Curricula entwickeln, die z.B. Aktivitäten wie das Kochen/ Backen, das Bauen eines Unterstandes, das Reinigen des Bauwagens, das Herstellen nützlicher Alltagsgegenstände, die Pflege einer Streuobstwiese, das Anlegen von Gartenbeeten oder das Arbeiten mit Werkzeugen beinhalten. Dann könnten Kinder sich alltagstaugliche Fertigkeiten aneignen.

Dieses Buch ist ein "Muss" für alle Personen, die entweder einen Waldkindergarten gründen oder in ihm arbeiten wollen.

Martin R. Textor