Eingewöhnung nach dem "Münchener Eingewöhnungsmodell"

Tanja Spieß

 

Besonders seit den Erkenntnissen von John Bowlby und Mary Ainsworth haben Bindungstheorien auf der ganzen Welt großes fachwissenschaftliches Interesse geweckt. Bei der Erforschung von Eingewöhnungsprozessen hat die Bindungstheorie den bisher nachhaltigsten Einfluss ausgeübt. Die Frühpädagogik nutzt die Bindungstheorie als eine ihrer wesentlichsten Hauptbestandteile.

Auch die beiden bereits bestehenden Eingewöhnungskonzepte "Berliner Eingewöhnungskonzept" und "Münchener Eingewöhnungsmodell" beruhen auf den Forschungsergebnissen und Erkenntnissen der Bindungsforschung. Eine sichere Bindung ist ein psychischer Schutz für Kinder, auf den sie besonders dann zurückgreifen können, wenn das Leben sie mit psychischen Belastungen konfrontiert, wie z.B. bei einer Transition (Übergangsphase). Sie bietet das Fundament für eine gute Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation des Kindes in seiner Umgebung. Sicher gebundene Kinder sind belastungsfähiger, können leichter sozialen Kontakt aufbauen und halten, sind konfliktfähiger, ausdauernder und lernbereiter. Das Einfühlungsvermögen von sicher gebundenen Kindern ist aufgrund der Erfahrungen, die sie mit ihren Bezugspersonen gemacht haben, viel besser ausgeprägt, was ihnen im gesamten Leben (auch später als Eltern) zu Gute kommt. Neben der sicheren Bindung gibt es drei weitere Bindungsqualitäten: die unsicher-vermeidende Bindung, die unsicher-ambivalente Bindung und die desorganisierte Bindung (Ahnert 2004).

Kinder können bereits im Alter von 6 bis 12 Monaten Bindungen über die Mutter hinaus an mehrere Personen aufbauen, vorausgesetzt das Kind hat die Möglichkeit, mit anderen Personen außer der Mutter zu interagieren (Becker-Stoll 2009, S. 40). Die Fähigkeit zur Bindung wird zu der Zeit umfassender, in der die Beziehung zur primären Bezugsperson in Tiefe und Stärke wächst. Allerdings besteht in den Bindungsbeziehungen eine klare Hierarchie. Die Hauptbindungsperson steht dabei an der Spitze dieser "Bindungspyramide", nachgeordnet kommen meist Bindungspersonen wie der Vater, die Großeltern oder andere Bezugspersonen wie Tagesmütter. "Es leuchtet ein, dass die Wahl der Hauptbindungsfigur eines Kindes und die Zahl der anderen Figuren, an die es sich bindet, zum großen Teil davon abhängt, wer für es sorgt und wie der Haushalt, in dem es lebt, zusammengesetzt ist. Es ist eine empirische Tatsache, dass in fast jeder Kultur die betreffenden Personen meist seine natürliche Mutter und sein Vater, seine älteren Geschwister und vielleicht auch die Großeltern sind und dass sich das Kind aus diesen Figuren wahrscheinlich seine Hauptbindungsfigur und seine Nebenfiguren wählt" (Bowlby 1975, S. 280).

Im Rahmen einer sicheren Bindungsqualität zwischen Mutter und Kind können sich Kinder von der jeweiligen Bindungsperson lösen und ihrem Bedürfnis nachgehen, die Welt zu erkunden und zu erobern. Die Bindungsperson hilft dabei, behält das Kind im Auge und wacht darüber. Sie unterstützt es dabei, eigene Selbstwirksamkeitserfahrungen zu sammeln, und freut sich schließlich mit dem Kind über dessen Leistungen.

Das "Münchener Eingewöhnungsmodell"

Das Münchener Eingewöhnungsmodell beruht auf den Ergebnissen eines wissenschaftlichen Projekts (1987 bis 1991) unter der Leitung von Prof. E. Kuno Beller. Durch das Projekt mit dem Namen "Modellprojekt Frühförderung von Kleinstkindern durch Unterstützung junger Familien bei der Erziehungsaufgabe und durch pädagogische Qualifizierung von Krippen" wurde eine Qualitätsoffensive in nahezu allen Münchener Kinderkrippen eingeleitet. Grundlage war das "Berliner Modell der Kleinkindpädagogik", das Kuno Beller mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an der FU Berlin entwickelt hatte. Das Kleinkind wird nicht eingewöhnt, es gewöhnt sich ein. Die Kinder (-gruppen) in der Kindertagesstätte gelten als die "ersten Erziehungspersonen". Sie spielen auch in der Eingewöhnungszeit eine herausragende Rolle.

Konzeptionell wird dem Münchener Eingewöhnungsmodell ein Beziehungsdreieck zwischen Kind, dessen vertrauter familialer Bezugsperson (Elternteil) und der Fachkraft zugrunde gelegt. Für die erfolgreiche Bewältigung der Eingewöhnung werden die Eltern aktiv eingebunden. In den ersten Tagen hält sich das Kind in Gegenwart der vertrauten Bindungsperson, meist eines Elternteils, in der Einrichtung nur für kurze Dauer auf, die allmählich gesteigert wird. In Begleitung der Eltern bzw. eines Elternteils gewöhnt sich das Kleinkind in einem längerfristigen Prozess an die neue Umgebung und an die neuen Personen: die Fachkraft als prospektive Vertrauen gebende Bindungsperson und die anderen Kinder und Fachkräfte. Für diese Eingewöhnungszeit ist eine bestimmte Fachkraft konstant für das Kind verfügbar. Am Verhalten des Kindes und seinen Äußerungen von Zufriedenheit und Überforderung orientieren sich Aufnahme und Dauer von Kontakten. Feinfühliges Verhalten gegenüber dem Kleinkind ist die Voraussetzung für den Aufbau einer emotional vertrauensvollen und tragfähigen Beziehung und beinhaltet, die Signale des Kindes wahrzunehmen, richtig zu interpretieren sowie prompt und angemessen darauf zu reagieren.

Elternbeteiligung

Das Wichtigste an einer bindungsorientierten Eingewöhnung ist die Elternbeteiligung. Innerhalb der Eingewöhnung ist die Aufgabe der Bezugsperson, den "sicheren Hafen" für das Kind darzustellen. Eine ungewohnte Umgebung verursacht Stress, Orientierungslosigkeit und unangenehme Gefühle, welche das Kind nicht selbst regulieren kann. Weder die Lautstärke noch die Reize oder die Anzahl anderer Kinder wird das Kind in seiner heimischen Umgebung bisher erlebt haben. Die Angst, die das Unbekannte auslöst, kann durch behutsame und feinfühlige Regulation in Form von körperlicher Zuwendung der Bezugsperson ausgelöscht werden. So kann das Kind in Ruhe explorieren, was die Grundlage dafür bildet, die neue Umgebung kennen zu lernen und eine Beziehung zu den dort vorhandenen Personen aufzubauen.

Je bekannter die Krippensituation für das Kind wird, je besser es die Bezugserzieherin, die Strukturen und Abläufe kennen lernt, desto weniger negative Gefühle hat es, sodass die primäre Bindungsperson immer weniger als sicherer Hafen benötigt wird. Wird das Kind jedoch mangelhaft von der Bindungsperson begleitet, d.h. fehlt sie, kann beim Kind ein Weinen und Schreien ausgelöst werden, das nicht ohne Weiteres abgestellt werden kann - insbesondere wenn es noch keine stellvertretende Bezugsperson für das Kind gibt. Die Folge können lange Perioden von Weinen oder Verstörung sein. Dies kann Traumata auslösen und sichere Bindungen gefährden.

Der Ablauf der Eingewöhnung

"Das Eingewöhnungskind" entscheidet über den Ablauf aktiv mit, bewältigt in eigenem Tempo die Transition und lernt sie gut zu bewältigen. Eingewöhnung ist also Bildungszeit. Die Eingewöhnungszeit untergliedert sich in fünf Phasen: der Vorbereitungsphase, der Kennenlernphase, der Sicherheitsphase, der Vertrauensphase und der Phase der gemeinsamen Auswertung und Reflexion.

Aus familienpsychologischer Sicht ist die Elternbeteiligung nicht nur für das Kind, sondern auch für die Eltern eine Methode. Sie lernen in dieser Zeit nicht nur die Räumlichkeiten, sondern auch die Strukturen des Tagesablaufs, die pädagogische Arbeit und die Betreuer/innen kennen, die künftig für ihr Kind da sein werden. Das selbstverständliche und zeitlich unbegrenzte Beisein der Eltern im normalen Krippengeschehen erzeugt Transparenz, schafft Vertrauen und ermöglicht Kommunikation, Interaktion und Beziehung.

Es muss also die ausdrückliche und mehrmalige Einladung an die Eltern erfolgen, eine aktive Rolle bei der Eingewöhnung einzunehmen. Sie können mitgestalten und sollen auch dementsprechend in den Prozess der Eingewöhnung miteinbezogen werden. Das Kind soll das Tempo bestimmen, so dass Eltern und Einrichtung die nötige Zeit einplanen müssen, um für alle Eventualitäten bezüglich der Dauer der Eingewöhnung gerüstet zu sein. Dies muss z.B. bei der Planung der Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit berücksichtigt werden. Eine Empfehlung von Joachim Bensel ist es, für die Eingewöhnung mit einer Dauer von vier bis sechs Wochen zu rechnen. Am Anfang sind längere Anwesenheitszeiten über mehrere Tage hinweg notwendig.

Vorbereitungsphase

In der Vorbereitungsphase lernen die Eltern in der Kinderkrippe das bestehende Konzept der Einrichtung, den Tagesablauf und den Ablauf der Eingewöhnung kennen. Die Fachkräfte werden von den Personensorgeberechtigten u.a. über die Gewohnheiten des Kindes, die Einstellungen und die Erwartungen an die Einrichtung informiert. Die vorgesehene Bezugserzieherin sollte in diese Gespräche unbedingt einbezogen werden, denn auch die Eltern befinden sich in der Transition und müssen also eine doppelte Anforderung meistern: (1) die eigene Transition zu bewältigen und (2) ihr Kind bei dessen Transition zu unterstützen. Die vorgesehene Bezugserzieherin wird in diesen Vorgesprächen für die Eltern zur Ansprechpartnerin; an sie wenden sie sich, wenn sie während der Kennenlernphase unsicher werden oder Fragen haben.

Kennenlernphase

Während der Kennenlernphase, die ca. eine Woche dauert, besucht die Bezugsperson gemeinsam mit ihrem Kind die Kindertageseinrichtung, um den Alltag kennenzulernen. Das Kind soll sich in Anwesenheit der Eltern in Ruhe darüber "informieren", was die Kinderkrippe bzw. die Kindertageseinrichtung zu bieten hat. Damit es die Abläufe in der Kita versteht, muss es diese wiederholt erleben.

Wichtig ist, dass das Kind die Einrichtung seinen Interessen entsprechend und in seinem Tempo erkunden darf. Es wird freundlich eingeladen, aber weder animiert noch gedrängt, sich bereits aktiv zu beteiligen. Das Neugierverhalten gehört wohl zur Grundausstattung des Menschen, aber gleichzeitig verunsichern uns neue Situationen. Neugierde und Unsicherheit sind also die zwei Seiten des Erkundungsdrangs.

Die Anwesenheit der Eltern ist für das Kind in der Kennenlernphase unverzichtbar. Die Eltern haben bisher seine Welterkundung ermöglicht und abgesichert. Es waren die Eltern, die ihm Gegenstände zum Erkunden anboten oder vorenthielten, wenn sich das jeweilige Objekt nicht zum Erkunden eignete. Das Kind kann sich also sicher sein, dass die Eltern diese Rolle auch in der neuen Umgebung spielen. Deshalb darf es in dieser Phase keine Trennungen zwischen Eltern und Kind geben.

Wichtig ist auch, dass das Kind wirklich den Kita-Alltag erleben kann, denn es informiert sich in gewissem Sinne über zwei Kanäle: Zum einen erforscht das Kind selbst die Materialien, die Räume und Interaktionen, zum anderen beobachtet es die anderen Kinder und die Pädagog/innen. Das Kind wird so erkennen, dass die Fachkräfte in der Kindertageseinrichtung die Rolle übernehmen, die es bisher an den Eltern kennengelernt hat: Auch sie ermöglichen Erfahrungen und setzen Grenzen, wenn es erforderlich ist.

Es sind vor allem die anderen Kinder, die "den Neuen" in ihre Gruppe aufnehmen und integrieren. Sie zeigen ihm, dass man sich hier wohlfühlen und gut weiterentwickeln kann.

Sicherheitsphase

Auch in der zweiten Woche bleiben die Eltern mehrere Stunden täglich gemeinsam mit ihrem Kind in der Kindertageseinrichtung. Die Fachkraft konnte während der Kennenlernphase beobachten, wie das Kind auf Neues und unbekannte Personen zugeht, welche Situationen es anregen, zu welchen Kindern es Kontakt aufnimmt, wann es müde und hungrig wird, welche Situationen es vielleicht ängstigen, welche Materialien es besonders motivieren und in welche Entwicklungsbereiche das Kind viel Energie legt. Jetzt geht die pädagogische Fachkraft aktiv auf das Kind zu und übernimmt zunehmend die Aufgaben, die in der ersten Woche den Eltern vorbehalten waren: Sie unterstützt das Kind beim Essen, bei der Körperhygiene, bei seinen Ruhebedürfnissen und Erkundungen. Dies geschieht alles unter dem wohlwollenden Blick der Eltern, die ihrem Kind signalisieren, dass sie mit dieser Arbeitsteilung einverstanden sind.

Der Aufbau der Erzieherin-Kind-Bindung erfolgt vor allem durch das Verhalten der Fachkraft. Während die Mutter als sichere Bindungsperson anwesend ist, kann die Erzieherin beginnen, durch Interaktion eine Beziehung zum Kind aufzubauen. Die alleinige Präsenz der Fachkraft reicht nicht aus; sie geht aktiv auf das Kind zu, um im Spiel und Gespräch mit ihm zu interagieren. In angeregten Schlüsselsituationen fühlt sich das Kind wahrgenommen und verstanden. Klassische Spiele wie "Frage-Antwort-Spiele" oder "Geben und Nehmen" erfüllen die Bindungserwartung des Kindes, dass seine Signale richtig gedeutet und beantwortet werden. Auch das Anbieten von interessantem Spielmaterial und von Gegenständen mit Aufforderungscharakter sowie anregende Spielangebote erleichtern die Kontaktaufnahme. Vor allem lustbetonte Interaktionen fördern den Beziehungsaufbau, weil das Kind mit der Erzieherin positive Erfahrungen macht und diese verinnerlicht.

Die Interaktion alleine reicht jedoch für den Aufbau einer Bindung nicht aus. Eine wichtige Ressource stellen in dieser Phase die anderen Kinder in der Kinderkrippe dar, wenn sie in die Eingewöhnung aktiv einbezogen werden. Die Kinder leben dem neuen Kind vor, dass es sich hier sicher und wohl fühlen kann und dass es mit anderen Kindern etwas erleben kann, das Erwachsene nicht bieten können. Kinder brauchen Gleichaltrige und das in jeder Lebensphase: "Kinder in den ersten drei Lebensjahren, besonders wenn sie sich gut kennen und regelmäßig treffen, suchen Kontakt, imitieren einander, entwickeln eigene Spiele und animieren sich zu mehr und qualitativ neuen Erfahrungen. Ein Kind allein würde lange nicht so viel laufen, hüpfen, hinfallen, aufstehen, tanzen, singen und Dinge untersuchen. Das Lernen voneinander ist ein ganzheitlicher Prozess und berührt gleichzeitig emotionale, soziale, kognitive und physische Bereiche ihrer Entwicklung" (Schneider/ Wüstenberg 2014, S. 22).

Der begleitende Elternteil nimmt einen für das Kind gut sichtbaren und zugänglichen Platz im Raum ein, von dem aus er eine sichere Basis für das Kind darstellen kann. Das Sitzen spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle: Es vermittelt dem ängstlichen Kind ein Gefühl von Sicherheit: "Die Mama hat sich niedergelassen, sie bleibt bei mir". Möchte es sich anhand von Blickkontakten in einer schwierigen Situation bei der Mutter rückversichern, merkt das Kind, dass ihre Augen auf ihm ruhen. Dies gibt ihm ein Gefühl der Sicherheit, welches undeutlicher wäre, wenn die Mutter lesen oder stricken würde.

Außerdem ist es wichtig, dass der begleitende Elternteil trotz aller Passivität die Bedürfnisse des Kindes im Auge behält. Kommt das Kind oft zur Mutter, um sich auf den Schoß zu setzen oder zieht es sie mit zu Spielsachen, die es interessieren, soll die Mutter diesen Wünschen entsprechen. Das Kind soll auf keinem Fall weggeschickt und zur beschleunigten Abnabelung genötigt werden.

Es ist selbstverständlich, dass die Bindungsperson zu Beginn der Eingewöhnung noch mehr zur Rückversicherung und Emotionsregulation benötigt wird. Sicherheit entsteht, wenn man Ereignisse vorhersehen kann. Nach ca. zwei Wochen kennen die meisten Kinder die Routine des Kita-Alltags. Sie können die Abläufe nun vorhersehen und auch beeinflussen. Jetzt kann Vertrauen entstehen.

Vertrauensphase

Vertrauen wächst, wenn das Kind spürt, dass die Grenzen, die pädagogische Fachkräfte in der Kindertageseinrichtung setzen, funktional und nicht willkürlich sind. Es erlebt, dass alle Kinder geschützt werden und dass es hier eine Gemeinschaft gibt, die von Erwachsenen geleitet und von Kindern mitgestaltet wird.

Wenn das Kind die neue Bezugserzieherin schon etwas kennengelernt hat, soll der es begleitende Elternteil zunehmend passiver in den Hintergrund treten und die Fachkraft immer mehr erledigen lassen (sofern das Kind dies zulässt). Merken Elternteil und Fachkraft beispielsweise, dass das Kind bereits seit mehreren Minuten fröhlich und ohne Bindungsansprüche an den Elternteil exploriert, oder nimmt das Kind die Erzieherin als Interaktionspartnerin an, kann davon ausgegangen werden, dass das Kind für eine Trennung bereit ist. Das Kind benötigt den Elternteil nicht mehr so sehr, wie in den ersten Tagen in der fremden Umgebung. Die Bezugserzieherin wird nun angenommen und als Spielpartnerin akzeptiert.

In dieser Phase kann sich der Elternteil nach einem angemessenen verbalen und körperlichen Abschied vom Kind trennen (gegebenenfalls nur für kurze Zeit). Eine klare Ankündigung wie z.B. "Die Mama setzt sich jetzt noch mit dir hierher, danach geh ich einkaufen und du bleibst hier" und ein Abschiedsgruß sind dringend notwendig, bevor der Elternteil den Raum verlässt. Dadurch wird für das Kind transparent: "Jetzt geht die Mama".

Sich "wegzuschleichen", ohne sich vom Kind zu verabschieden, ist auf keinem Fall eine Option: Das Vertrauen des Kindes würde dabei langfristig aufs Spiel gesetzt, die sichere Bindung riskiert. So würde es lernen, dass immer, wenn es einmal entspannt spielt, die Mama plötzlich weg sein könnte (Laewen 2011, S. 74).

Dennoch: Trennungen bedeuten meist Stress. Dieses Handlungskonzept bietet keine Garantie, dass der Abschied der Eltern ohne Tränen oder wütendem Protest erfolgt. Auch für die Eltern kann es schwer sein, sich zu verabschieden. Wichtig ist, dass die Situation vorher mit den Beteiligten durchgesprochen wurde, dass die Kriterien für die Entscheidung, warum die Eltern jetzt gehen können, für alle Beteiligten nachvollziehbar sind.

Die Vertrauensphase und damit die Eingewöhnung sind abgeschlossen, wenn das Kind mit dieser Entscheidung der Erwachsenen einverstanden ist, wenn es sich nach der Verabschiedung wieder beruhigt, Tätigkeiten wieder aufnimmt, in Kontakt zu anderen Kindern geht. Ist dies nicht der Fall, sollten die Eltern weitere Tage in der Einrichtung verbringen. Es ist keineswegs so, dass sich das Kind dann an die Anwesenheit der Eltern "gewöhnt" und diese nie mehr gehen können (Winner 2014, S. 28). Meist genügen wenige weitere Tage und das Kind kann seine Eltern gehen lassen. Es hat ja erfahren, dass seine Wünsche gehört und ernst genommen werden.

Jetzt kann das Kind die Eltern gehen lassen, ohne dass dies einen Vertrauensbruch bedeutet. Das Kind traut sich nun zu, den Tag in der Kindertageseinrichtung ohne Eltern zu verbringen. Auch die Eltern wissen jetzt, dass ihr Kind hier gut aufgehoben ist und ihm familienergänzende Erfahrungen ermöglicht werden.

Phase der gemeinsamen Reflexion

In den Wochen nach der Eingewöhnung können Eltern, die zuvor das Kind betreut haben, wieder ihr Arbeitsverhältnis aufnehmen. Bleiben sie zu Hause, gewöhnen sie sich an die neue Gestaltung des Alltags und den Zugewinn an Freizeit. Das Kind empfindet den Krippenalltag als selbstverständlich und tritt gerne in eine Interaktion mit seinen neuen Bezugspersonen und den anderen Kindern ein.

Nach einigen Wochen findet ein Elterngespräch statt, in dem die pädagogischen Fachkräfte sich mit den Eltern offen über den Prozess der Eingewöhnung, die damaligen und jetzigen Empfindungen, die Weiterentwicklung des Kindes und den neuen Alltag austauschen können.

Schlusswort

Insbesondere während des Eingewöhnungsprozesses ist die Feinfühligkeit der Erzieherin von großer Bedeutung. Die Erzieherin-Kind-Beziehung basiert - ebenso wie die Mutter-Kind-Bindung - auf Feinfühligkeit und der verlässlichen Beantwortung der Bedürfnisse des jeweiligen Kindes. Eine Studie von Howes und Hamilton aus dem Jahre 1992 ergab, dass Kinder, die in der Tagesbetreuung eine Erzieherin hatten, welche besonders feinfühlig und sensibel war, besonders sichere Beziehungen zu ihr hatten.

Während der Eingewöhnung ist ferner eine sorgfältige professionelle Beobachtung des Kindes erforderlich, um dessen Befindlichkeit richtig interpretieren zu können (Winner/Erndt-Doll 2013, S. 59).

Literatur

Ahnert, L.: Bindung und Bonding: Konzepte früher Bindungsentwicklung. Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung. München, Basel: Ernst Reinhardt 2004

Becker-Stoll, F.: Von der Mutter-Kind-Bindung zur Erzieherin-Kind-Beziehung. Berlin: Cornelsen 2009

Bowlby, J.: Bindung. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag 1975

Howes, C/Hamilton, C.E.: Children's relationships with child care teachers: Stability and concordance with parental attachments. Child Development 1992, S. 867-878

Laewen, H.-J.: Ohne Eltern geht es nicht: Die Eingewöhnung von Kindern in Krippen und Tagespflegestellen. Berlin: Cornelsen 2011

Schneider, K./Wüstenberg, W.: Was wir gemeinsam alles können. Beziehungen unter Kindern in den ersten drei Lebensjahren. Berlin: Cornelsen 2014

Winner, A.: Das Münchener Eingewöhnungsmodell - Theorie und Praxis der Gestaltung des Übergangs von der Familie in die Kindertagesstätte. KiTa Fachtexte 2015, http://www.kita-fachtexte.de/uploads/media/KiTaFT_winner_2015.pdf (18.03.2015)

Winner, A./Erndt-Doll, E.: Anfang gut? Alles besser! Ein Modell für die Eingewöhnung in Kinderkrippen und anderen Tageseinrichtungen für Kinder. Kiliansroda, Weimar: verlag das netz, 2. Aufl. 2013

Autorin

Tanja Spieß, Sozialpädagogin B.A., leitet die Kinderkrippe Hasenbergl in München.