Kinder im Miteinander für ihre Zukunft stärken

Freya Pausewang

 

In der Kita leben die meisten Kinder zum ersten Mal regelmäßig ohne ihre Eltern in Gruppen mit gleichberechtigten Mitgliedern, und zwar in einer Entwicklungsphase, in der sie ein starkes Bedürfnis nach Kontakten mit Gleichaltrigen haben. In dieser ersten Bildungseinrichtung werden Weichen für die weitere Entwicklung des Kindes gestellt. Da die Zukunft sich für heutige Kinder verändern wird und sich wegen der lebensbedrohenden globalen Krisen auch verändern muss, entsteht für die Bildungseinrichtungen einschließlich der Kitas die Frage, ob und wie Kinder für die Herausforderungen in ihrer Zukunft vorbereitet und gestärkt werden können. Damit ist nicht das Wissen gemeint, sondern die emotionale und soziale Bildung, das heißt die Basis für den Aufbau einer starken und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit mit globalem Wir-Denken.

Blick in die Zukunft heutiger Kinder

Hier nur zwei Beispiele für die sich verändernde Zukunft:

(1) Das globale, beängstigende Problem Klimakrise ist zum Glück durch die UN-Klimakonferenz vom Dezember 2015 in Paris etwas mehr in die nationale und internationale Politik und ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt worden (oder leider auch nicht?). Durch das zunehmende Wetterchaos, das vorrangig von den Industrieländern verschuldet wird, kommen in den verarmten Ländern im Süden der Erde bereits jetzt Menschen brutal um. In den Medien sind diese Meldungen allerdings weitgehend eine Randbemerkung oder werden wie ein Erdbeben als unabänderlich hingenommen. Ob die globale Weltbevölkerung wirklich bald wirtschaftlich und politisch eine Wende herbeiführen kann, bleibt leider noch immer offen.

Die Wissenschaft kann nicht eindeutig voraussagen, wann die Klimaerwärmung kippen und von Menschen nicht mehr beeinflussbar sein wird. Dass die Durchschnittstemperatur nicht um mehr als 2 °C (oder auch 1,5 °C) steigen darf, ist lediglich eine geschätzte Annahme der Forschung. Die Natur ist so vielseitig, dass die wissenschaftlichen Einschätzungen keine Garantie bieten. Zudem ist nicht sicher, welcher Wärmeanstieg durch den jetzigen CO2-Gehalt der Luft bereits vorprogrammiert ist, denn die Wirkungen zeigen sich nicht sofort.

(2) Die nach Europa strömenden Flüchtlinge machen uns nicht nur die zunehmenden Kriege und die Verzweiflung der verarmten Weltbevölkerung bewusst. Sie weisen auch auf die internationalen wirtschaftlichen Machtverhältnisse hin, durch die sich die Schere zwischen Arm und Reich kontinuierlich weiter öffnet und arme Länder durch unfaire Handelsverträge und andere Ausbeutung in den Hunger getrieben werden. Die Bevölkerung des verarmten globalen Südens hat deshalb nicht nur die schlimmsten Wetterschäden zu erleiden, sondern auch die größte Armut und den quälenden Hunger. "Wirtschaftsflüchtlinge" erhalten nach ihrer lebensgefährlichen Flucht kein Asylrecht.

In absehbarer Zeit ist zudem mit Klimaflüchtlingen zu rechnen, die zurzeit noch als Binnenflüchtlinge vom Land in nahe gelegene Städte ziehen, dort aber eben auch kein Auskommen finden. Wenn die vom Süden kommenden Menschen Hass auf die Industrieländer entwickeln, ist das nachvollziehbar.

Der gesellschaftliche Umgang mit den globalen ökologischen Krisen

Schon allein diese zwei Krisen werden den heutigen Kindern, die um die Mitte des Jahrhunderts erwachsen sein werden, eine ökologisch und sozial begründete global ausgerichtete Ethik, ein globales Wir-Denken, abverlangen. Dafür reicht es nicht, Flüchtlinge aufzunehmen und dabei den Blick auf nationale oder europäische Grenzen zu richten, sondern man muss sich an der Menschheit als Ganzem und einem demokratischen Miteinander orientieren.

Die ökologische Seite der globalen Krisen wird seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts erforscht (Club of Rome mit dem Buch, das erstmals die Augen öffnete: "Die Grenzen des Wachstums" von 1972). Die Wissenschaft warnt zunehmend vor den Folgen der weltweiten Erwärmung und weiteren Krisen, z.B. dem Aussterben von Pflanzen- und Tierarten oder den Grenzen von mineralischen Ressourcen. Ökologisch motivierte Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie der BUND und Greenpeace bis zu Tierschutz- und Pro-Regenwald-Organisationen sowie Menschenrechtsgruppen engagieren sich seit Jahrzehnten und versuchen, der Bevölkerung die Probleme und deren Folgen bewusst zu machen. Sie bitten um Beteiligung bei ihren Forderungen nach entsprechenden politischen Entscheidungen. Hier müsste die Bevölkerung unbedingt weit breiter reagieren und sich engagieren.

Die Vereinten Nationen hatten für die Jahre 2005 bis 2014 die internationale Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ausgerufen und bei deren Ende die Fortsetzung gefordert. Das Ziel dieser Weltdekade war es, in allen Bildungseinrichtungen - von der Kita bis zur Erwachsenenbildung - Wissen und Werte sowie Verhaltensweisen und Lebensstile zu vermitteln, die für eine positive gesellschaftliche Veränderung im Sinne der ökologischen Nachhaltigkeit erforderlich sind. In Deutschland wurde diese Bildungsdekade zur ökologischen Nachhaltigkeit von der Deutschen UNESCO-Kommission e.V. angeregt und verbreitet sowie von den Kultusministerien unterstützt.

Durch die Anregung der Bildungsdekade wurde der jungen Generation ökologisches Wissen vermittelt. Aber Wissen allein reicht nicht aus, das Verhalten der breiten Bevölkerung zu verändern. Eine Reduzierung des Konsums oder andere dringend notwendige gesellschaftliche Veränderungen sind dadurch nicht entstanden oder sind belanglos gering geblieben. Selbst die erneuerbare Stromerzeugung steigt nur noch in einer flachen Kurve an. Deshalb: Es muss mehr als Wissensvermittlung geschehen, um die Bewohnbarkeit des Planeten für den Menschen heute und in der Zukunft zu erhalten.

Die Notwendigkeit von Demokratie auf planetarischer Ebene

Zunehmend wird deutlich, dass wir nicht nur ökologische globale Krisen haben, sondern dass auch das soziale Denken und Verhalten nationale Grenzen überwinden und als wichtiger Bereich bei der Bewältigung der Krisen einbezogen werden muss - und zwar ein soziales Denken und Verhalten, das die ganze Menschheit einschließt. Edgar Morin, Präsident der Europäischen Agentur für Kultur der UNESCO, formulierte diese Notwendigkeit so: "Unter diesen Umständen stellt sich den als demokratisch gerühmten Gesellschaften die Notwendigkeit, die Demokratie zu regenerieren (...). Die Erfordernisse unserer Zeit verlangen von uns, eine demokratische Möglichkeit auf planetarischer Ebene zu schaffen. (...) Menschheit hat aufgehört, ein Begriff ohne Wurzeln zu sein: sie ist verwurzelt in einem 'Heimatland' - der Erde -, und die Erde ist ein Heimatland in Gefahr. Menschheit hat aufgehört, ein abstrakter Begriff zu sein: sie ist eine vitale Realität, denn sie ist zum ersten Mal insgesamt vom Tod bedroht; Menschheit hat aufgehört, nur ein ideeller Begriff zu sein, sie ist eine Schicksalsgemeinschaft geworden, und allein das Bewusstsein um diese Gemeinschaft kann sie zu einer Gemeinschaft des Lebens führen" (Morin 2001, S. 139, 141).

Wenn die mächtigen Industrieländer weiterhin ihren Lebensstil mit dem viel zu großen ökologischen Fußabdruck nicht ändern (gemeint ist mit "ökologischem Fußabdruck" der durchschnittliche Verbrauch von Material und Energie sowie die Entsorgung des Mülls bezogen auf einen einzelnen Menschen des jeweiligen Landes), werden die globalen Krisen zunehmen. Dazu kommen die unfairen und noch ärmer machenden Handelsverträge mit den bereits arm gemachten Ländern. Mit zunehmender Verarmung des globalen Südens und weiteren Flüchtlingsströmen ist dann zu rechnen. Das kann kein Weg in die Zukunft sein. Die Krisen sind nur zu bewältigen, wenn wir alle Menschen als gleichwertig anerkennen und in gemeinsamer Kooperation Wege in die Zukunft suchen und umsetzen.

Mit den Flüchtlingsströmen und der spontanen Hilfsbereitschaft der zahlreichen freiwilligen Helfer/innen dürfte das mangelnde global-demokratische Denken und Verhalten jetzt vielleicht mehr Aufmerksamkeit erringen. Nähe schafft Bindungen. Das gemeinsame Bemühen der Freiwilligen mit den Flüchtlingen und für die Flüchtlinge um Integration und Lebensqualität, etwa für die Aufnahme von Kindern in Kitas, Schulen und Berufsausbildung, für Gesundheitsversorgung, für die Suche nach einer Arbeitsstelle für einen Flüchtling oder eine kleine eigene Wohnung führt zu Bindung und trägt zu zunehmender wertschätzender Beziehung bei.

Allerdings kann die von bestimmten Bevölkerungskreisen politisch geschürte Angst vor Überfremdung das soziale Denken und die demokratische Haltung der Bevölkerung ausbremsen. Das Personal der Kitas und der weiteren Bildungseinrichtungen darf sich von dieser egozentrischen Haltung nicht anstecken lassen. Die Bewältigung der globalen Krisen - und damit das einigermaßen friedliche Zusammenleben auf dem Planeten - kann nur gelingen, wenn insbesondere von den Industrieländern eine planetarische Demokratie angestrebt und auch in der Pädagogik angelegt wird.

Vorrangiges Bildungsziel: Wir-Denken globalisieren

Die Kita als erste regelmäßige Lebensgemeinschaft vermittelt dem Kind die so wichtige Einstimmung auf Wohlgefühl in Gruppen (leider oft auch nicht!). Wenn Kinder die Kita als froh machend erleben, können sie die entsprechende Erwartungshaltung und auch erworbene soziale Kompetenzen in nächste Gruppen als Stärkung für soziale und demokratische Einstellungen und Verhaltensweisen mitnehmen und übertragen.

Flüchtlingskinder, die in die Gruppen von Kitas und in die Schulklassen kulturelle Vielfalt bringen, könnten bei einer guten integrierenden Pädagogik dazu beitragen, dass das Wir-Denken der Kinder und Jugendlichen in Ansätzen über die Gruppe oder die Klasse hinaus erweitert wird und in Richtung zu einem kulturübergreifenden Wir-Denken führt.

Aber auch ohne Auseinandersetzung mit Menschen aus fremden Kulturen ist es von Bedeutung, dass sich Kita-Teams mit Erziehung zu sozialem Denken und Verhalten über die eigene Gemeinschaft hinaus befassen. Dazu gehört auch die Partizipation als Einstimmung und Vermittlung von Basiskompetenzen für spätere demokratische Mitverantwortung und Mitbestimmung.

Die Vermittlung von Wissen in der frühen Kindheit ist für die spätere Bewältigung der Krisen weniger von Bedeutung. Wir haben heute das Wissen über den globalen Schaden, den wir anrichten, aber wir sind nicht in der Lage, ohne kooperative Grundhaltungen unser Verhalten, vor allem unseren hohen Konsum, zu verändern.

Ansätze in der Kita

Die Kita, auch bei unter dreijährigen Kindern, hat breite Möglichkeiten, Kinder für zukünftiges Zusammenleben auf der emotional-sozialen Ebene vorzubereiten und dafür zu stärken. Langsam werden diesbezüglich auch Forschungsergebnisse veröffentlicht, etwa:

Es wird dringend Zeit, dass sich die Berufsausbildungen für sozialpädagogische Fachkräfte mit diesen Themen auseinandersetzen und die Zukunft der Kinder deutlicher in den Blick nehmen. Das bedeutet nicht, dass die Zukunft im Detail vorausgesehen werden muss. Kinder können etwa dafür gestärkt werden, Missstände wahrzunehmen und lernbereit damit umzugehen, Problembewältigung als motivierende Herausforderung zu empfinden, sich in Gruppen durch immaterielles Geben und Nehmen wohlzufühlen oder auch am Teilen und gemeinsamen Benutzen von Material Freude zu haben. Es folgen einige Konkretisierungen für eine solche Kita-Pädagogik.

Lustvolles gemeinsames Spiel drinnen und draußen

Kinder von zwei und drei Jahren - auch schon jüngere - sind von Gleichaltrigen meist fasziniert. Sie wollen z.B. wissen, wie andere Kinder handeln und wie sie auf eigenes Verhalten reagieren. Wenn etwa ein zweites Kind im Sandkasten etwas nachmacht oder gar mitmacht (kooperiert), fühlt das erste Kind sich bestärkt und ist begeistert.

In Krippen- und Kindergartengruppen wird heute dafür gesorgt, dass die Kinder sich angstfrei einleben. Häufig fehlt den Erzieher/innen aber die Zeit (oder das Erkennen der Wichtigkeit?), um nach der Eingewöhnungsphase das Kind weiter zu beobachten und es in seiner Kontaktaufnahme zu bestärken und in seinem Spiel mit anderen zu unterstützen. Spielverläufe im Freispiel werden von Erzieher/innen oft zu wenig wahrgenommen und enden für manche Kinder in Enttäuschungen und nicht im Rückblick auf ein begeisterndes Spiel.

Erzieher/innen müssen Zeit einplanen, um die Kinder zu beobachten. Kinder, die häufig als Mitspieler abgelehnt werden oder sich nicht trauen zu fragen, ob sie mitspielen dürfen, brauchen Hilfe, damit sie nicht resignieren. Möglicherweise gibt es auch Gründe für die Ablehnung, die nicht von ihrem Verhalten ausgehen. Das Gemochtwerden von den Gruppenmitgliedern ist das A und O für das Wohlbefinden des Kindes in der Kita, auch bereits in der Gruppe mit Kindern unter drei Jahren. Dabei kann die bewusste oder nicht bewusste Art der Wertschätzung von Seiten der Erzieher/innen von den Kindern (unbemerkt) übernommen werden.

Dass das Kind im Spiel in eine Hochstimmung gerät und sich begeistert, ist für seine Entwicklung überaus wichtig. Der Neurobiologe Gerald Hüther (2011) schreibt zum Spiel der Kinder: "Jeder dieser kleinen Begeisterungsstürme führt gewissermaßen dazu, dass im Hirn die Gießkanne mit dem Dünger angestellt wird, der für alle Wachstums- und Umbauprozesse von neuronalen Netzwerken gebraucht wird" (S. 95). Wenn diese Begeisterung im Zusammenspiel mit anderen entsteht, hat sie eine doppelte Wirkung, weil sie dann neben der eigenen neuronalen Stärkung auch die Freude am immateriellen Geben und Nehmen und auch das Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe mit einschließt.

Um Kinder für das zukünftig notwendige soziale und auch problemlösende kreative Denken und Verhalten zu stärken, kann die Begeisterung im selbstbestimmten Spiel in Kleingruppen (beim Freispiel drinnen und draußen) gar nicht ernst genug genommen werden. Kinder können beim Spiel in den sogenannten "Flow" geraten (beglückend erlebtes Gefühl, Tätigkeitsrausch), in dem sie die harte Realität total vergessen und glücklich in die Spielwelt abtauchen können. Sie erleben dann das Wir als bereichernd und glücklich machend.

Vorbereitete Umgebung für kreative Spielideen

Die Gestaltung der Umgebung - drinnen und draußen - und die Regeln tragen viel dazu bei, ob Kinder sich bei ihrem selbstbestimmten Spiel wohlfühlen, ob sie solche Spiele entwickeln können, bei denen sie sich begeistern, und auch, ob sie bestärkende Spielpartner finden. Hierzu einige Fragen zur Reflexion:

Bei Zeitmangel kann die Vermittlung von Wissen oder anderen kognitiven Kompetenzen verringert werden. Dass der "Förderwahn" den Kindern nicht gut tut, ist in den letzten Jahren von namhaften Pädagog/innen breit behandelt und ihre Erkenntnisse sind auch veröffentlich worden. Wissen ist nicht das Wesentliche für die Entwicklung des Kindes, denn beispielsweise - wie bereits betont - führt uns unser heutiges ökologisches Wissen nicht zu einem ökologisch nachhaltig verantwortlichen Verhalten.

Lernangebote und Projekte für Forschungs- und Gestaltungsinteressen der Kinder

Der bereits erwähnte Neurobiologe Gerald Hüther sagt, motivierend und Lust machend ist für den lernenden Menschen (auch für das Kind) nicht das, was objektiv wichtig ist, sondern das, was dem Lernenden selbst wichtig erscheint. Was einem selbst wichtig ist, lernt man viel eher mit Begeisterung. Dadurch erhöht sich nicht nur die Lernfreude, sondern auch der Lernerfolg. Die Begeisterung entsteht aber eben nicht für das, was andere für wichtig halten, sondern nur für das, was der Lernende selbst für sich als bedeutsam ansieht.

Wenn es der Erzieherin gelingt, solche Themen zu finden, die Kinder für sich als wichtig ansehen, werden die Mädchen und Jungen sich mit Lust und Freude einlassen, und die "Gießkanne mit dem Dünger für die neuronalen Netzwerke" wird sich einstellen. Durch diese Lernfreude in der basisbildenden frühen Kindheit werden die Kinder auch viel eher bis an ihr Lebensende lernbereit und lernfähig bleiben, was voraussichtlich durch die schnellen gesellschaftlichen Veränderungen in Zukunft sicher noch notwendiger werden wird als heute!

Deshalb kommt es darauf an, dass die Teammitglieder

Beobachten, um das Interesse des Kindes zu unterstützen und sein Wohlgefühl am Zusammensein zu bestärken, ist eben viel wirksamer und auch Lernlust erhaltender als Lerninhalte vorzugeben und das Nachmachen zu erwarten.

Wir-Denken über die Kita hinaus

Wenn wir das pädagogische Ziel anstreben, dass Kinder später als Erwachsene ihr kooperatives Denken und Verhalten möglichst über die eigenen nationalen Grenzen hinaus erweitern, ist zu überlegen, ob auch hierfür erste Basiskompetenzen und Grundhaltungen in der Kitazeit angeregt werden können. In vielen Kitas läuft in dieser Beziehung auch bereits einiges, und zwar sowohl im sozialen Denken und Handeln als auch im Zusammenhang mit ökologischen Grundhaltungen. Ethische Grundhaltungen entstehen bei Kindern nicht über Lehre, sondern über erlebte Beispiele, über Vorbild und über eigenes Handeln.

Bei älteren Kitakindern kann im Alltag oder bei Projekten der Rahmen des Wir-Denkens über die Gruppe hinaus erweitert werden. Wenn Kitakinder (auch die Kleinen!) Mitgefühl für Kinder zeigen, die ihnen fremd sind, und wenn sie Kontakte anbahnen oder sich für die Folgen ihres Handelns auf Fremde verantwortlich fühlen, sind erste Schritte getan. Ein nächster Schritt ist ihr Beitrag für die Vermeidung von schädlichen Folgen für Handlungen, die sie nicht selbst verschuldeten. Hierzu einige Beispiele:

Wichtig ist bei Projekten, dass die Kinder das erworbene Wissen und Verhalten in ihren Alltag mitnehmen. Wird beispielsweise im Projekt über die Verwendung von Recyclingpapier gesprochen und vielleicht Recyclingpapier selbst hergestellt, muss überprüft werden, ob die Kita für den eigenen Bedarf im Haushalt, im Büro und für das Malen der Kinder auch Recyclingpapier verwendet. Wenn die Teammitglieder das privat nicht tun, werden es die Kinder möglicherweise nicht merken, aber Kinder haben ein feines Gespür dafür, wenn die Bezugspersonen sich nicht authentisch verhalten.

Einstimmung auf demokratisch-globale Mitverantwortung in der Kita durch Regeln

Um globale Krisen zu bewältigen, ist es ein erster Schritt, im eigenen Verhalten verantwortlich und kooperativ zu denken und zu handeln. Aber das reicht nicht. Die Menschen müssen politischer werden, müssen ihr Recht auf demokratische Mitverantwortung in die Hand nehmen und sich politisch mehr beteiligen als nur alle paar Jahre eine Partei zu wählen.

Die Bevölkerung ist z.B. nicht in der Lage, im Alleingang oder in Gruppen die klimaschädlichen Gase so zu reduzieren wie es notwendig wäre. Vielmehr sind politische Entscheidungen und politische Grenzen (Gesetze) erforderlich, z.B. im Energieverbrauch, in der Ernährungsweise (Beschränkungen langer Transporte oder Besteuerung/ Reduzierung von Fleisch- und Fischernährung wegen der hohen Erzeugung von klimaschädlichen Gasen und des enormen Flächenverbrauchs für die Ernährung der Tiere). Vor allem benötigt auch die Industrie für ihre Warenherstellung Grenzen durch Gesetze zur Einschränkung unserer feudalen und schädlichen Lebensweise. Die Forschung ist z.B. viel weiter in ihren ökologischen Erkenntnissen und technischen Möglichkeiten als die Industrie konkret umsetzt. Etwa könnten längst viel differenziertere Filter die Abgase in der Industrie reduzieren, Geschwindigkeitsbegrenzungen könnten den CO2-Ausstoß verringern, Waren könnten langlebiger und reparaturfreundlicher hergestellt werden und vieles mehr. Unser Wegwerfverhalten ist nicht nur wegen der knapper werdenden Ressourcen und dem Klimachaos schädlich, sondern auch wegen der Müllproblematik und den enormen Mengen an Abfallprodukten in der Luft, dem Boden und dem Wasser bis hin zu den Ozeanen.

Um das Klima nach jetzigen Erkenntnissen konstant zu halten, dürfte jeder Erdenbewohner jährlich nicht mehr als ca. zwei Tonnen CO2 erzeugen. Wir Deutschen verursachen im Durchschnitt über 11 Tonnen im Jahr! Veränderungen, die der Industrie geringere Einnahmen einbringen würden, werden sich ohne gesetzliche Grenzen nicht breit durchsetzen lassen.

In einer Demokratie sind einschränkende Bestimmungen aber nur durchsetzbar, wenn ausreichende Teile der Bevölkerung das verlangen bzw. wollen. Parteien, die nicht einen entsprechenden Teil der Bevölkerung hinter sich haben, werden nicht mehr gewählt. Deshalb: Die Menschheit, insbesondere in den Industrieländern, braucht mehr Verantwortlichkeit der einzelnen Bürger und mehr demokratische Mitbestimmung ihrer Bevölkerung!

Die Einstimmung auf demokratische Mitbestimmung in der Kita beginnt mit der Grundhaltung der Teammitglieder. So wie die Gesellschaft Gesetze braucht, um die individuellen Bedürfnisse (und die Lust erzeugenden Wünsche!) in einen gesellschaftlich-global begrenzenden Konsens zu bringen, braucht die Kita Regeln. Dabei können Wünsche der einzelnen Kinder an Grenzen stoßen, vor allem dann, wenn in der Familie solche Grenzen nicht gesetzt werden. Allerdings fällt es Kindern meist nicht schwer, sich in den unterschiedlichen Bezugsgruppen an die dort geltenden Regeln zu halten. Beispielsweise können türkische Jungen durchaus ihre dominierende Haltung gegenüber Mädchen, die sie in der Familie leben, in der Kita reduzieren, oder türkische Mädchen können sich in der Kita selbstbestimmter verhalten als in ihrer Familie.

Solche Regeln, die im Rahmen der Möglichkeiten mit der Gruppe erarbeitet und begründet werden, sind beispielsweise,

Über Partizipation demokratische Mitbestimmung vorbereiten

Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen kämpfen für mehr Demokratie - bei uns und anderswo. Ein Beispiel dafür sind u.a. die vielen Unterschriftensammlungen für bestimmte Ziele. Wenn unsere jetzigen Kinder erwachsen sind, dürfte die politische Mitbestimmung zugenommen und die Erwachsenen mehr mitzureden haben (hoffentlich!). Deshalb: Partizipation (Mitbestimmung) in der Gruppe umzusetzen - vom Freispiel bis zum Tagesabschluss - bedeutet neben der Reduzierung der Fremdbestimmung für das Kind in der Kita auch die Vorbereitung auf spätere demokratische Mitbestimmung und verdeutlicht den rechtlichen Anspruch darauf.

Seit einigen Jahren ist Mitbestimmung in Kitas ein wichtiges Thema. In der Berufsausbildung der Erzieher/innen wird Partizipation ernst genommen und soll im Berufspraktikum deutlich erprobt und im Abschlussbericht belegt werden. Oft sehen Berufspraktikant/innen die Bedeutung der Mitbestimmung aber nur in der Gegenwart der Kindergruppe: Kinder sollen mitreden können und möglichst wenig fremdbestimmt werden. Der Anteil an Partizipation besteht in ihrem Abschlussbericht dann oft nur in einem Sitzkreis, in dem die Kinder über symbolisch dargestellte Interessen (die die Praktikantin vorher durch gezielte Beobachtung zusammengetragen hat) für die Wahl des Projektthemas abstimmen.

Wie wichtig es ist, Partizipation mit dem Blick auf die Zukunft zu sehen und einzusetzen, nämlich die Basis zu legen für demokratisch mitverantwortliche Bürger, wird noch zu wenig erkannt und umgesetzt. Dazu gehören nicht nur geplante Gruppengespräche und die bekannten Kinderkonferenzen, sondern auch - und ganz besonders - der Umgang der Kinder miteinander im Freispiel drinnen und draußen, und zwar vor allem in den kleinen selbstbestimmten Spielgruppen. Zur Partizipation beitragen kann zum Beispiel:

Kinder bei ihrer Mitbestimmung zu beobachten und zu bestärken (oder auch zu bremsen) ist ein überaus schwieriger Bereich der Frühpädagogik, weil den Kindern vieles nicht bewusst ist und auch schwer bewusst gemacht werden kann. Während die Erzieherin beispielsweise eine ungerechte Verteilung von Material den Beteiligten oft belegen kann, ist es viel schwieriger, bewusst zu machen, dass bei fröhlichen Spielen in kleinen Gruppen ein bestimmtes Kind häufig an den Rand gedrängt wird, "weil doch alle glücklich sind!"

Wichtig ist auch, Partizipation in solche Projekte einzubeziehen, die über den eigenen Gartenzaun hinausgehen (siehe oben den Abschnitt: Wir-Denken über die Kita hinaus).

Zusätzliche Schwierigkeiten, aber eben auch zusätzliche Erweiterungen der pädagogischen Bestärkung von Partizipation, entstehen durch die Flüchtlingskinder. Das liegt nicht nur an Sprachproblemen, sondern auch an ihrer bisherigen Kultur. Ein banales Beispiel: Während in ihrem Land Wasser ein wertvolles und sehr begrenztes Gut war, das vielleicht von weither geholt und lange auf dem Kopf getragen werden musste, kommt es hier in nicht endenden Mengen mühelos und "kostenlos" aus dem Wasserhahn. Und das auch noch warm! Warum soll der Wasserhahn zugedreht werden, wenn das Wasser nicht aufhört? Es ist doch genug für alle da!

Zusammengefasst: Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen kämpfen für mehr Demokratie. Wenn unsere jetzigen Kinder erwachsen sind, dürfte die politische Mitbestimmung zugenommen und dürften die zukünftigen Erwachsenen hoffentlich politisch mehr mitzureden haben. Deshalb: Partizipation, breit verstanden, in der Kita umzusetzen - vom Freispiel bis zum Tagesabschluss -, bedeutet mehr als Reduzierung der Fremdbestimmung für das Kind im Hier und Jetzt. Partizipation, breit verstanden, ist die Vorbereitung auf eine Generation Erwachsener, die Mitverantwortung übernehmen - nicht nur in der eigenen Gesellschaft, sondern auch für den globalen Raum, und nicht nur für jetzt, sondern auch für das Lebensrecht der nächsten Generationen.

Stärkung der pädagogischen Fachkräfte

Durch den Streik im Sommer 2015 dürften das Selbstwertgefühl der Erzieher/innen und die Wertschätzung ihres Berufes etwas gestiegen sein, auch wenn die höhere Bezahlung nur sehr geringfügig erreicht wurde. Der Berufsbranche und der Öffentlichkeit wurde bewusst, dass die Erziehung in den außerschulischen Bildungseinrichtungen, insbesondere im Elementarbereich, nicht nur für die Entlastung der Eltern und das Erlernen der Sprache überaus wichtig ist. Vielmehr gerät zunehmend ins öffentliche Bewusstsein, dass die Kita-Pädagogik wesentlich zur Basisbildung für den Persönlichkeitsaufbau des Kindes beiträgt, vor allem für die Stärkung des Selbstwertgefühls, zur Erhöhung der Selbstwirksamkeitserwartung und zum Entstehen eines kraftvollen Wir-Denkens. Dafür sind allerdings für das Team intensive Teamgespräche, ein differenzierter Blick auf die Entwicklung jedes einzelnen Kindes und eine entsprechende Zusammenarbeit mit den Eltern notwendig.

Darüber hinaus brauchen die pädagogischen Fachkräfte die gegenseitige Unterstützung und Stärkung. Sie benötigen wechselseitige Hilfe, um nicht auszubluten. Was sie Kindern weitergeben wollen, müssen sie selbst umsetzen, damit sie überzeugen. Kleine Kinder brauchen noch weit deutlicher als ältere Kinder ein authentisches Vorbild, denn sie nehmen Gefühle sehr sensibel wahr. Für viele Bildungsziele im emotionalen und sozialen Bereich sind bewusstmachende Teamgespräche und Mut gebende Bestärkungen für die Teammitglieder deshalb überaus klärend und aufbauend.

So wie für die Kinder ein gutes Miteinander eine Kraftquelle für ihre Entwicklung und ihr Starkwerden bedeutet, braucht das Team diese Kraftquelle auch, um aneinander und miteinander in der Gemeinschaft zu wachsen. Gegenseitige positive Rückmeldungen bei besonderen Anstrengungen und gelungenen Aktionen sowie einfühlsames Verständnis bei Misserfolgen sind dafür hilfreich. Stärkung von außen kommt zusätzlich über ausreichende Fortbildung, regelmäßige Supervision und hoffentlich über positive Rückmeldung von den Eltern ins Team. Darüber hinaus braucht das Team politische Wachheit, um die eigenen Chancen und Notwendigkeiten für die Basisbildung des Kindes zu erkennen und umzusetzen. Das kann durchaus manchmal ein Kampf gegen heftige Widerstände sein. Deshalb ist die gegenseitige Stärkung - aber auch das Verständnis für Erschöpfung - so überaus wichtig.

Fazit: Mehr politisch-pädagogische Zukunftsrichtung des Kita-Fachpersonals, der Eltern und der Entscheidungsträger

Um Kinder für die Herausforderungen ihrer Zukunft zu stärken, hilft es, ihnen jetzt in ihrer Kindheit und in ihrem ersten Gruppenleben mit gleichberechtigten Mitgliedern frohe Gemeinschaftserlebnisse zu vermitteln. Im Zusammensein mit anderen über sich hinaus zu wachsen begeistert sie, macht sie glücklich und stärkt sie in ihrem Persönlichkeitsaufbau. Eine hohe Selbstbestimmung bei Rücksicht auf die anderen in der Gemeinschaft, Mitbestimmung im Zusammenleben und der Blick über den Gartenzaun bieten Basiskompetenzen für spätere Gemeinschaftsfähigkeit und demokratische Mitverantwortung.

In der heutigen globalen Situation mit lebensbedrohenden Krisen für unseren Planeten ist es von Bedeutung, das pädagogische Ziel einer gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit in Richtung eines globalen Wir-Denkens im Mittelpunkt der pädagogischen Bemühungen zu haben. In der Kita liegt der Beginn!

Wahrscheinlich werden die forschende Pädagogik und die Psychologie über Fachliteratur pädagogisches Vorgehen und auch Erfolge einer gezielt zukunftsorientierten Pädagogik verbreiten, insbesondere nachdem in den letzten Jahren nachgewiesen werden konnte, dass Kooperation der Natur des Menschen entspricht. Nicht der Kampf, sondern das Miteinander erfüllt das Prinzip Menschlichkeit. Erfahrene Erzieher/innen werden weiterhin pädagogische Neuerungen erproben und ihre Erkenntnisse veröffentlichen. Der Blick in die Zukunft muss in der Pädagogik - auch in der Frühpädagogik - mehr beachtet werden, als es zurzeit der Fall ist.

Für das pädagogische Fachpersonal bedeuten der Blick in die Zukunft der Kinder und der Umgang mit den gegenwärtigen globalen Veränderungen Offenheit für gesellschaftliche Prozesse, pädagogische Flexibilität und die Bereitschaft zur Fortbildung. Ein Teil der Eltern wird für die pädagogische Richtung mit dem Blick auf die Zukunft dankbar sein, weil sie in Sorge leben, was später auf ihre Kinder zukommen wird. Dann werden hoffentlich auch die Entscheidungsträger - von den Ministerien bis zu den direkten Vorgesetzen - den frühpädagogischen Einrichtungen mehr Bedeutung und Beachtung zukommen lassen und auch den Personalschlüssel überdenken, denn: In der Elementarbildung werden Weichen für die Bewältigung der globalen Krisen gestellt!

Literatur

Bauer, J.: Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren. Hamburg: Hoffmann und Campe 2006

Brandes, H.: Selbstbildung in Kindergruppen. Die Konstruktion sozialer Beziehungen. München: Ernst Reinhardt 2008

Franz, M.: Heute wieder nur gespielt - und dabei viel gelernt! Den Stellenwert kindlichen Spiels überzeugend darstellen. München: Don Bosco 2016

Greffrath, M.: Das Tier, das Wir sagt. Michael Tomasello sucht nach der Einzigartigkeit des Menschen und findet sie in dessen Kooperationsfähigkeit. www.zeit.de/2009/16/PD-Tomasello (30.01.2016)

Hüther, G.: Was wir sind und was wir sein könnten: Ein neurobiologischer Mutmacher. Frankfurt am Main: S. Fischer 2011

Jensen, A./Scheub, U.: Glücksökonomie. Wer teilt, hat mehr vom Leben. München: Oekom 2014

Morin, E: Die sieben Fundamente des Wissens für eine Erziehung der Zukunft. Hamburg: Reinhold Krämer 2001

Pausewang, F.: Macht mich stark für meine Zukunft. Wie Eltern und Erzieherinnen die Kinder in der frühen Kindheit stärken können. München: Oekom 2012

Pausewang, F.: Kompetenzen stärken im freien Spiel. Ein Pladoyer für das Freispiel. klein & groß 2015, Heft 6, S. 10-13

Portmann, R.: Fröhlich, stark und ganz sie selbst. Wie Erziehung gelingt. München: Don Bosco 2006

Empfehlung

Pausewang, Freya/Christophel, Sigrid: Zukunftsorientierte Pädagogik - Themenkarten für Teamarbeit, Elternarbeit, Seminare. München: Don Bosco 2016

Der Kartensatz zeigt an 30 Beispielen pädagogische Ansätze auf, wie Erzieher/innen bereits bei Kindern in der Kita Weichen stellen können für ein Starkwerden im späteren Leben. Die einzelnen Beispiele fordern zur Reflexion auf und zur Umsetzung in der eigenen Kitagruppe. Sie regen dazu an, die Unterstützung der Persönlichkeit vor die Wissensvermittlung zu stellen. So kann das Kind froh gestimmt im Hier und Jetzt für seine späteren Herausforderungen gestärkt werden.

Autorin

Freya Pausewang

Nonnenwaldweg 12 c

65388 Schlangenbad

E-Mail: F.Pausewang@t-online.de



In: Martin R. Textor (Hrsg.): Das Kita-Handbuch.

http://kindergartenpaedagogik.de/2345.html