Projektarbeit im Lebensbezogenen Ansatz - die Erzieherin entscheidet

Norbert Huppertz

 

Der Lebensbezogene Ansatz ist eine eigenständige Position in der Pädagogik, bei der das Kind mit seinen Bedürfnissen unter dem Aspekt des aktuellen und zukünftigen "Lebens" gesehen wird. Es geht aber nicht allein um das Leben des einzelnen Kindes, sondern um das Leben aller und "von allem", d.h. um das Leben aller Menschen (egal welcher Hautfarbe oder Herkunft) und das Leben aller nichtmenschlichen Wesen, z.B. Tiere und Pflanzen.

Werteorientiert, besonders mit Blick auf Gerechtigkeit, Friede, Natur und Weltbürgerlichkeit, ist sich die aktive, bildungsfreundliche pädagogische Fachkraft ihrer Verantwortung für jedes einzelne Kind bewusst. Der Begriff "lebensbezogen" wurde für diese Pädagogik gewählt, weil es um folgende Aspekte geht:

  • Leben in Gegenwart und Zukunft (auch Schulvorbereitung)
  • Leben als Vergangenheit schätzen (Tradition, Vermittlung von Kulturgütern)
  • Zusammenleben mit Kindern mit Behinderung
  • Überleben von Menschheit und Natur - Weiterleben
  • Er-leben als Methode und Prinzip
  • wirkliches Leben ernst nehmen, z.B. gesellschaftliche Zustände

Zu den zentralen Arbeitsformen und Methoden der Lebensbezogenen Pädagogik gehört die Projektarbeit - neben Bildung im Alltag, Aktivitätsangebot bzw. didaktischer Einheit sowie Freispiel (besonders das didaktische Rollenspiel).

Zum Begriff "Projektarbeit"

Das Wort "Projekt" ist derzeitig sehr verbreitet. Es wird damit oft eher lax umgegangen, wie es auch anderen Wörtern ergeht, die aber als Fachbegriffe in der Pädagogik eine ziemlich präzise Bedeutung haben und wichtig sind. Im Bahnhof von Villingen im Schwarzwald las ich als Sinnspruch in großen Lettern geschrieben: "Eines deiner Projekte wird gelingen." Dieser Aussage entnehme ich, dass der Verfasser sagen wollte: "Irgendetwas von all dem, was du dir vorgenommen hast, wird gelingen." "Projekt" stand dabei wohl für Vorhaben. In der Pädagogik sollten wir uns Klarheit verschaffen darüber, dass Projektarbeit eine klassische Methode oder Arbeitsform geworden ist.

Die Lebensbezogene Pädagogik legt großen Wert auf begriffliche Präzision. Projektarbeit beschreiben wir als eine auf Erfahrung und Erleben der Kinder setzende didaktische, länger dauernde Arbeitsform, bei der die Erzieherin die pädagogische Begleitung ausübt (vgl. Textor 2013, 2014). Projektarbeit betont das Handeln und den Einbezug mehrerer Sinne, wobei der kognitive Lernzuwachs nicht vernachlässigt wird. Wegen der er-lebenden Komponente passt die Projektarbeit besonders gut zum Lebensbezogenen Ansatz.

Lebensbezogene Themen und Inhalte in der Projektarbeit

In der Bildung der Kinder spielen selbstverständlich mehrere Faktoren eine Rolle. Im Lebensbezogenen Ansatz wird aber nicht zuletzt auch der sogenannten didaktischen Was-Frage gebührende Bedeutung beigemessen, also den Themen und Inhalten. Es darf uns niemals gleichgültig sein, mit welchen Inhalten sich Kinder in den ersten sechs Lebensjahren befassen, und was ihnen aus dem endlosen Spektrum der möglichen Bildungsinhalte aus Kultur, Tradition und Gegenwart begegnet. Womit sie bei uns konfrontiert werden, liegt zum allergrößten Teil in unserer Hand und (!) in unserer Verantwortung.

In der Lebensbezogenen Pädagogik liegt die Entscheidungsbefugnis darüber, ob etwas zum Projektthema wird oder nicht, in der Hand der Erzieherin. Sie motiviert und begeistert Kinder für "ihre" (d.h. der Erzieherin und eventuell auch der Kinder) Themen und Inhalte. Die Erzieherin entwickelt - unter Beteiligung der Kinder - eine Art Jahresprojektkalender, in dem lebensbezogene Inhalte nicht nur nicht fehlen dürfen, sondern eine besondere Rolle spielen, z.B.:

  • Friede
  • Gerechtigkeit
  • Toleranz
  • Natur
  • Gut und Böse
  • Energie sparen und verschwenden
  • Nachhaltigkeit
  • Eine-Welt (Weltbürger)
  • Toleranz
  • Bescheidenheit
  • Mut
  • etc. etc.

In der Lebensbezogenen Pädagogik sind wir uns dessen bewusst, dass dieses für die Elementarpädagogik so konzipierte Verständnis von Projektarbeit durchaus von anderen Verständnissen und Positionen abweichen kann. Die Begründung unserer Position liegt in der wirklichen Verantwortung, die die pädagogische Fachkraft mit Blick auf die kleinen Kinder trägt. Wer Verantwortung hat, entscheidet. Ansonsten kann er dieser Verantwortung nicht nachkommen.

Methodische Grundsätze der Projektarbeit

Von einem "echten Projekt" kann gesprochen werden, wenn die folgenden 14 Merkmale wenigstens zu einem großen Teil und bis zu einem gewissen Grad erfüllt sind:

  1. Realitäts- und Handlungsbezug. In der Projektarbeit geht es um Erleben sowie erfahrungsbezogenes Lernen, d.h. ein echtes Projekt ist immer irgendwie auch lebensbezogen. Praxis im weitesten Sinne hat Vorrang vor Theorie, was keine generelle Theoriefeindlichkeit besagen darf. Die Projektbeteiligten tun (!) also etwas und machen erfreuliche, eventuell auch unerfreuliche Erfahrungen. Beispielsweise filzen, schnitzen, bauen, pflanzen etc. sie.
  2. Etwas hervorbringen. Kognitives Lernen und geistiges Arbeiten im herkömmlichen Sinne bringen zwar auch Ergebnisse zustande, meist aber nur auf geistiger Ebene. Im Projekt hingegen soll ein sichtbares, handfestes "Produkt" entstehen, von dem die Projektbeteiligten sagen können: "Das haben wir gemacht". Dies ist der Fall, wenn z.B. im Kindergarten Gärtchen, Hochbeete oder ein Teich angelegt wurden o.ä.
  3. Fächer- und Sinnenvielfalt. Kindergartenarbeit ist nicht unbedingt fächerorientiert, wie z.B. bezogen auf Mathematik, Musik usw. Trotzdem sollten solche Bereiche mit bedacht werden. Im Projekt werden mehrere Dimensionen und Sinne der Beteiligten angesprochen. Kreatives Gestalten, Sprache und Sprechen, mathematische Dimensionen, Riechen, Schmecken, Hören, Tasten usw. - alles das soll nicht zu kurz kommen.
  4. Thema und Zielsetzung. Projekte haben einen thematischen Schwerpunkt, also etwas, "woran gearbeitet wird" und wobei gelernt werden soll. Das Thema kann auf verschiedene Weise gefunden werden, eventuell auch angeregt durch den Bildungsplan des jeweiligen Bundeslandes oder ein besonderes Ereignis. Die letzte Entscheidung hat in der Lebensbezogenen Pädagogik aber immer, wie gesagt, die Erzieherin.
  5. Zeitliche Begrenzung. Projekte haben einen zeitlich begrenzten Rahmen, z.B. eine oder zwei Wochen o.ä. - je nach dem, was erreicht wurde oder wie die Motivation der beteiligten Kinder ist. Als Prinzip soll gelten, dass die Projektbeteiligten "dabei bleiben", bis das Projekt zu Ende ist (vgl. auch 12.). Ende und Ziel des Projektes können jedoch auch eine gewisse Offenheit haben, ohne dass Beliebigkeit vorherrscht.
  6. Personenvielfalt. Projekte wirken in die gesellschaftliche Wirklichkeit hinein. Sie betreffen insofern immer auch andere Personen. Das muss sorgsam bedacht werden. Es sollten aber auch andere als Experten einbezogen werden, z.B. im Wald der Förster oder Holzfäller.
  7. Präsentation und Resonanz. Das "Ergebnis" des Projektes kann sich durchaus selber darstellen, je nach dem, was hervorgebracht wurde. Man kann es aber auch z.B. durch eine Ausstellung, einen Zeitungsbericht o.ä. präsentieren. Die Kinder freuen sich über eine positive Resonanz.
  8. Zusammenarbeit und Erfolg. In der Projektarbeit ist es für alle Beteiligten wichtig, dass sie persönlich lernen, und zwar sozial wie auch individuell, u.a. kognitiv (Wissenszuwachs und Erfahrungserweiterung). Projekte führen oft zu sogenannten Schlüsselqualifikationen, z.B. sich selber etwas erarbeiten können, mit anderen etwas hervorbringen können, gemeinsames Problemlösen usw.
  9. Interesse und Motivation der Kinder. Optimal ist, wenn die Kinder gleichsam für die Projektidee schon "brennen" - also motiviert sind - und wenn Thema und Ziel dann auch noch zum Profil der Einrichtung, dem allgemeinen Bildungsplan sowie zur Interessenslage der Erzieherin passen. Elementarpädagogische Fachkräfte sind aber auch in der Lage, Kinder für Projektthemen zu motivieren und zu begeistern. Dieses ist in der Lebensbezogenen Pädagogik besonders erforderlich, wenn es z.B. um ferner liegende Themen und Inhalte geht.
  10. Können und Leistungsmotivation der Kinder. Die Kinder verfügen immer über unterschiedliche Kompetenzen, allein schon bedingt durch ihr Alter, aber auch ihre Erfahrungen und sozialen Voraussetzungen. Das ist zu beachten bei den Rollen und Aufgaben in der Projektarbeit. Individualisieren und Differenzieren sind gerade auch bei dieser Methode gefragt: Jedes Kind bringt sich gemäß seiner Lage und Befindlichkeit ein.
  11. Einstieg in der Wirklichkeit. Die Projektmethode ist lebens- und wirklichkeitsbezogen. Deshalb beginnt das Projekt möglichst auch "in der Wirklichkeit" - also vor Ort, und nicht drinnen (ganz nach dem lebensbezogenen Prinzip "draußen vor drinnen"). Ein Projekt zum Thema "Müll und Müllvermeidung" beginnt "beim Müll" - eventuell sogar bei der Müllkippe.
  12. Projektzugehörigkeit. Elementarpädagogische Arbeit sollte frei sein von Zwang und Drill. Dem widerspricht aber nicht, dass Kinder Durchhaltevermögen haben bzw. erwerben sollen - eine wichtige Kompetenz: bei einer Sache bleiben, auch wenn sie etwas weniger "Spaß macht". Hier sollte der Grundsatz gelten: Wer sich für ein Projekt bereit erklärt, sollte auch dabei bleiben und nicht "hoppen".
  13. Alle Kinder sind aktiv. Elementarpädagogische Arbeit bedarf des klugen und sensiblen Differenzierens. Keineswegs sollen alle Kinder immer das Gleiche tun. "Arbeiten" in kleinen Gruppen und Teams von Kindern ist erforderlich. Es können natürlich auch mehrere Projekte zur gleichen Zeit stattfinden. Wichtig ist, dass alle aktiv sind. Projektarbeit hat möglichst keine zuschauenden Kinder.
  14. Reflexionen - Standortbestimmungen. Die Projektbeteiligten halten miteinander und gemeinsam mit der Erzieherin von Zeit zu Zeit immer wieder einmal inne für eine gezielte Reflexion und Besprechung. Die zentrale Frage dabei lautet: Wo stehen wir? Was haben wir erreicht? Wo wollen wir hin? Was war gut? Was hat Freude bereitet? Was wollen wir noch besser machen? Usw.

Projektarbeit und andere Ansätze - Sonderstellung

Nicht nur der lebensbezogene Ansatz betont die Projektarbeit, sondern auch z.B. der Situationsansatz. Außerdem wird in den Bildungsplänen der Länder die Projektarbeit erwähnt und empfohlen. Auch dass es sich um eine Arbeitsform aus der Reformpädagogik handelt, vor allem aus dem amerikanischen Pragmatismus (John Dewey, 1859 - 1952), sei nicht unerwähnt.

Das Besondere der Projektarbeit in der Lebensbezogenen Pädagogik besteht darin, dass die verantwortliche Pädagogin vor dem Hintergrund der Bedürfnisse und der Lage der Kinder die Themen und Inhalte des Projektes anregt und entscheidet. Dies begründet sich in der Verantwortung für die Werte, Ziele, Objekte etc., auf die sich das Projekt bezieht.

Bei den Projektinhalten erhalten in der Lebensbezogenen Pädagogik, wie gesagt, Themen zu Natur, Gerechtigkeit (Eine-Welt), Frieden, Weltbürgerlichkeit usw. den Vorzug und dürfen auf keinen Fall fehlen. Insofern handelt es sich bei der Projektarbeit in der Lebensbezogenen Pädagogik um stärker gelenkte und geführte Projekte, wobei es allerdings innerhalb des Projektverlaufes an Beteiligung der Kinder - auch, was verantwortbare Entscheidungen anbetrifft - nicht mangeln darf.

In einer Lebensbezogenen Pädagogik ist es jedoch auch wichtig, Themen nach der Projektmethode zu behandeln, die sich sowieso, etwa aus dem Landesbildungsplan, aus Tradition und Brauchtum, aus dem (eventuell weltanschaulich begründeten) Profil der Einrichtung ergeben. Tradition und Festkreis können so neue Impulse erhalten, wenn sie als echte Projekte begriffen und bearbeitet werden.

Als echtes Projekt behandelt wird ein Thema jedes Mal (mindestens etwas) anders verlaufen (Eine Erzieherin, der das jährliche Martinsfest zu eintönig geworden war, müsste dann nicht mehr sagen: "Der Martin jedes Jahr hängt mir zum Halse raus"). Lebensbezogene Pädagogik, vor allem im Sinne erlebender Methoden, wie z.B. echte Projektarbeit, kann dem Festgefahrenen und allzu sehr zur Routine Gewordenen durchaus neues Leben einhauchen.

Literatur

Barleben, M.: Der Lebensbezogene Ansatz. In: Rißmann, M. (Hg.): Lexikon Kindheitspädagogik. Kronach: Carl Link Verlag 2015

Huppertz, M./Huppertz, N.: Sprachbildung und Sprachförderung in Kindergarten und Krippe - lebensbezogen und alltagsintegriert. Oberried: PAIS-Verlag 2015

Huppertz, N.: Erleben und Bilden im Kindergarten. Freiburg: Herder 2003

Huppertz, N.: Der Lebensbezogene Ansatz im Kindergarten. Oberried: PAIS-Verlag 2011

Huppertz, N.: Der Lebensbezogene Ansatz. In: Pousset, R. (Hg.): Handwörterbuch Frühpädagogik. Berlin: Cornelsen Scriptor 2014

Textor, M.R.: Projektarbeit im Kindergarten. Norderstedt: BoD 2013

Textor, M.R.: Projektarbeit. In: Pousset, R. (Hg.): Handwörterbuch Frühpädagogik. Berlin: Cornelsen Scriptor 2014

Filme zum Lebensbezogenen Ansatz

Der Lebensbezogene Ansatz im Kindergarten - Ein Lehrfilm über Theorie und Praxis (DVD 55 Min.). Oberried: PAIS-Verlag

Der Lebensbezogene Ansatz in der Praxis - Erprobung in Kindergarten und Kindertagesstätte. Oberried: PAIS-Verlag

Filme auf YouTube unter "Lebensbezogener Ansatz"

Autor

Informationen zu Prof. Dr. Norbert Huppertz sind auf seiner Homepage zu finden: www.wibeor-baden.de/huppertz

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