Gelingendes Leben als Ziel der Lebensbezogenen Pädagogik - ein phänomenologisches Opusculum

Norbert Huppertz

 

In den Publikationen zu meiner Pädagogik, vor allem in den Schriften zum Lebensbezogenen Ansatz in der Elementarpädagogik, wird an vielen Stellen auf das zentrale Ziel dieses Ansatzes, nämlich gelingendes Leben, hingewiesen. Nicht immer kann dort dieser wichtige Begriff ausreichend reflektiert oder gar geklärt werden. Deshalb erfolgt hier die phänomenologische Betrachtung dazu.

Leben - was ist das, und wie lässt sich dieses Phänomen beschreiben und das Wort definieren? Wir haben es und tun es, und zwar alle, aber können wir auch sagen, was es ist? Wir sprechen gerne vom "gelingenden Leben". Ist das zu begreifen und auf eine Formel zu bringen?

1. Leben - seine Verständnisse

Das Gegenteil von Leben sei Tod, so wird jemand sagen. Ein anderer: Nein, im Tod findet das (jetzige) Leben erst seine Vollendung. Tod also nicht als Ende, sondern als Ziel - und Anfang?

Was Leben überhaupt und an sich ist, das ist eine Frage der Philosophie - vor allem, wenn die Frage ohne Rückgriff auf Offenbarung und Glaube gestellt ist. Leben kann zunächst biologisch-naturwissenschaftlich verstanden werden, z.B. bei Pflanzen, Tieren und Menschen - oft im Gegensatz zum Anorganischen. Mit "Leben" befassen sich aber auch Psychologie (individuell) und Soziologie (gesellschaftlich). Theologie und Philosophie haben ihre eigenen Fragestellungen, u.a. mit Blick auf Sinn, Werte und Glück. Sozialarbeit und Pädagogik, u.a. Elementarpädagogik, interessieren, wie Menschen zum gelingenden Leben gelangen und eventuell zu führen sind. Die Wissenschaften möchten "Leben" ergründen, wobei nicht zu übersehen ist, wie groß das Geheimnis unseres Phänomens geblieben ist. Ist die Ergründung ratsam?

In der Lebensbezogenen Pädagogik - nicht zuletzt in der Didaktik des Lebensbezogenen Ansatzes für Kindergarten und Krippe - ist gelingendes Leben das zentrale Ziel von Erziehung und Bildung, und zwar das gelingende Leben aller und von allem. Das heißt: Es geht einerseits um das gelingende Leben des einzelnen jeweiligen Kindes, andererseits aber auch um das gelingende Leben aller Menschen auf der Erde - unabhängig davon, welche Hautfarbe sie haben, welcher Herkunft sie sind und auf welchem Erdteil sie leben. Wenn wir vom gelingenden Leben "von allem" sprechen, dann bezieht sich Leben auch auf das nichtmenschliche Sein, wie Pflanzen und Tiere.

Wie im Folgenden deutlich werden sollte, handelt es sich bei der Rede vom "gelingenden Leben" nicht, wie sozialwissenschaftlich kritisch als Einwand zu hören sein könnte, um eine sogenannte Leerformel, sondern um eine fundierte Leitlinie für Erziehung und Bildung.

2. Gelingen

Angeblich und der Rede nach gibt es auch das "verpfuschte" Leben - das "missglückte" und "misslungene", das "Scheitern". Gelingen, und so wohl auch das gelingende Leben, bringen wir auch gerne mit "erfolgreich", "funktionieren", "nach Plan verlaufen" oder "glücken" u.a. in Verbindung.

"Gelingen" ist also ein Prozess, - "gelungen" nennen wir das "geglückte" Ergebnis des Prozesses. Gelingendes Leben ist somit ein "glücklich" verlaufender Prozess. Allerdings nicht irgendein Prozess, sondern aus menschlicher Sicht der allerwichtigste. Nun gibt es aber kaum ein Wort, das so vielfältig gedeutet werden kann und wird, wie das Wort "Glück" und sein Adjektiv "glücklich" - und zwar wohl seit Menschengedenken und in sämtlichen Sprachen. Glück als Phänomen gehört zu den großen Fragen der Menschheit. Es ist deshalb ein originär philosophisches Wort und fehlt deshalb in nahezu keinem der philosophischen Wörterbücher.

3. Wer sorgt für das gelingende Leben?

Zunächst ist gelingendes Leben ja, meistens implizit und nicht wörtlich zu hören, ein Phänomen des Alltags, und zwar aller Menschen. Jemand war einer Situation ausgesetzt und hat diese "gemeistert". Dann sagen wir, das sei ihm gelungen. Nun ist das Leben aber nicht zerstückelt zu betrachten, und es besteht nicht aus einer Aneinanderreihung von gemeisterten und misslungenen "Situationen" - schon gar nicht aus sogenannten Grenzsituationen im Sinne der Existenzphilosophie -, sondern das jeweilige Leben im biographischen Sinne impliziert die Kontinuität des Fließens und Zusammenhängens.

Zivilisierte Gesellschaften "bestellen sich" ihre Personen für das Gelingen des Lebens. Neben Eltern, die man rechtlich verpflichtet, für das gelingende Leben ihrer Kinder zu sorgen, haben zivilisierte Gesellschaften Personen, deren Aufgabe es ist, für das Gelingen des Lebens zu sorgen. Dazu gehören u.a. politisch Verantwortliche. Vor allem aber hat man Professionals der Pädagogik (in Erziehung, Bildung, Betreuung) und Sozialen Arbeit. Diese alle sind zu sehen als Agenten und Garanten des gelingenden Lebens - u.a. betraut mit viel Verantwortung.

Selbstverständlich haben Menschen auch - im Rahmen ihrer Kräfte - selber für ihr gelingendes Leben zu sorgen. Verantwortliche Andere sind Helfende - immer jedoch nach dem Motto der "Hilfe zur Selbsthilfe" oder "Hilf mir, es selbst zu tun".

4. Operationalisierung von gelingendem Leben

Unsere Rede vom gelingenden Leben kann, wie gesagt (ebenso wie der oft in ähnlichem Sinne strapazierte Begriff des Glücks), sehr unterschiedlich verstanden werden. Wenn von der Operationalisierung eines solchen Wortes gesprochen wird, dann ist zum einen die Konkretisierung durch möglichst unmissverständliche Angaben gemeint, zum anderen jedoch auch Vorgänge des sozialwissenschaftlichen Messens, z.B. die Frage: Woran erkenne ich das gelingende Leben, und wodurch kommt es zustande?

Auf die Frage, was gegeben sein muss, damit individuelles Leben gelingt, kann hier kurz und knapp folgende Antwort erfolgen:

  1. Die Bedürfnisse des Menschen sollten erfüllt sein und
  2. er sollte über eine Sinnperspektive verfügen.

Konkreter: Wir können heute, durchaus belegt durch Wissenschaft und Forschung, sagen, welche Bedürfnisse der Mensch hat. Damit ist hier die Frage gemeint: Was braucht ein Mensch wirklich und unbedingt für sein gelingendes Leben? (Nicht ist gemeint: Was könnte er - aus welchen Gründen auch immer - eventuell "auch noch gut gebrauchen"? Das beträfe die Interessens- oder Begehrlichkeitsfrage). Was ein Mensch wirklich braucht, ist: Anerkennung und Zuwendung, soziale Einbindung, Orientierung und Anregung, Möglichkeiten der Einflussnahme und Partizipation, Selbstverwirklichung, Bewegung, Essen, Trinken, Wärme und gute Luft.

Das alles, so wissen wir heute (theoretisch), kann ihm auch ermöglicht oder gegeben werden. Gelingt dann aber schon sein Leben? Ist er dann schon glücklich und zufrieden?

5. Der subjektive Faktor

Offenbar gibt es über die soeben betrachtete objektive Seite des Gelingens von Leben hinaus einen weiteren Punkt, den wir als den "subjektiven Faktor" bezeichnen möchten.

Kann auch der in Armut lebende Mensch glücklich sein und ein gelingendes Leben haben? (Es ist hier, wie sich von selbst versteht, nicht die Rede von der selbstgewählten Armut im Sinne der drei evangelischen Räte). Den ersten Teil der Frage, ob ein Armer glücklich sein kann und sein Leben gelingt, würden wir spontan mit "Ja" beantworten, beim zweiten Teil müssten wir wohl differenzieren. Wobei zum Glücklichsein im subjektiven Sinne gewiss das Minimum an Befriedigung der Primärbedürfnisse gegeben sein muss: Bei Menschen, die permanent hungern, dürsten und frieren, können wir keine Glücksäußerungen sehen.

Zum umfassend gelingenden Leben, wie wir es verstehen und beschreiben möchten, gehört zusätzlich zu den objektiven Aspekten eine Antwort auf die Wert- und Sinnfrage: Der Mensch mit dem gelingenden Leben möchte die Frage nach seinem sinnvollen Leben positiv beantworten können. Er will am Ende auf ein "erfülltes Leben" blicken, in dem er sinn-voll gewesen ist. Dann wird er sagen, es sei gelungen. Er möchte gleichsam Spuren hinterlassen, und nicht wie ein Nichts im Nichts verschwinden. Deshalb ist es gut, wenn Menschen ein kreatives und sinnstiftendes Leben führen können. Aus der Sozialforschung ist bekannt, dass es nicht die expliziten Gegebenheiten sind, z.B. Geld, Erfolg und Ansehen, die Menschen in erster Linie zufrieden machen, sondern die impliziten, wie Freundschaften oder überhaupt soziales Handeln. Insofern spielt nicht der Mensch selbst, sondern der andere die wichtigere Rolle.

Bedürfnistheoretisch können wir hier auch durchaus von Verwirklichung seiner selbst reden - philosophisch spreche ich lieber von Sinnerfüllung.

6. Gelingt das Leben immer?

In der traditionellen scholastischen Philosophie, begründet durch Thomas von Aquin, gibt es den Begriff des Debitum - das ist das "Geschuldete" oder das "Gesollte"; gemeint ist, dass etwas so beschaffen ist, wie es sein soll; nicht nur im ethischen Verständnis des Tun-Sollens, sondern auch im ontologischen Sinne, dass ein Seiendes so ist, wie es sein soll. Das gilt auch für Lebewesen, u.a. für den Menschen; es ist die Rede vom "homo debitus", dem gleichsam "gesollten" Menschen. Was nicht ist, "wie gesollt", ist "defectus"; ihm fehlt etwas.

Mit diesem Blick auf Mensch und anderes Sein an die heutige Welt und Gesellschaft heranzugehen, bereitet Schwierigkeiten und genügt nicht, vor allem mit Blick auf gelingendes Leben, z.B. von Menschen mit Behinderung. Zum Erfassen des Phänomens des gelingenden Lebens bedienen wir uns insofern wohl besser einer Gedankenwelt der Inklusionstheorie: Ich bin gut, und du bist gut; Heterogenität und Abweichung können bereichern.

Realistisch ist natürlich bei der Frage, ob Leben immer gelingt, zu sehen, dass man durchaus verschiedene Phasen des gelingenden Lebens erleben kann, und zwar individuell, gesellschaftlich und national sowie global. Gelingendes Leben muss auch gradmäßig unterschieden werden: So spricht man etwa von "Entwicklungsländern" (geringe Alphabetisierung, hohe Säuglingssterblichkeit, geringe Lebenserwartung) und "Schwellenländern", wo offenbar mehr menschenwürdiges Leben gelingt - aber noch keineswegs genug. Leben gelingt also keineswegs immer und überall in vollem Umfang.

7. Wo und wann soll das Leben gelingen? Paradise now?

Die Frage nach gelingendem Leben bzw. Leben überhaupt kann rein innerweltlich betrachtet werden, oder aber auch über die menschliche Existenz "in dieser Welt" hinaus. Überlegungen auf "das Leben" verweisen ja durchaus auch auf die Frage des Lebens nach dem Tod. Mag rein phänomenologisch die Betrachtung eines ewigen Lebens noch keineswegs weit gediehen sein, wenngleich sich Phänomenologen mit dem Phänomen des Todes befasst haben, so gehört auf jeden Fall die Frage des Weiterlebens des Menschen nach dem Tod zur Betrachtung des menschlichen Daseins dazu.

Für unsere Überlegungen phänomenologischer Art ist auch das empirische Ergebnis von Umfragen aufschlussreich, wonach etwa zwei Drittel der Deutschen angeben, an ein Weiterleben nach dem Tod zu glauben, mit unterschiedlichen Tendenzen in Ost- und Westdeutschland. Allerdings ist nicht anzunehmen, dass so viele Menschen sich bei der Frage nach dem eigentlichen Leben - somit auch nach dem gelingenden Leben - auf das "Jenseits" beriefen. Jedenfalls wäre das nicht vereinbar mit dem Motto "Ich will Spaß, und zwar sofort", wie es der heutigen Gesellschaft nachgesagt wird und was augenscheinlich auch stattfindet.

Die Menschen wollen sich bezüglich ihres gelingenden Lebens nicht (mehr) vertrösten lassen. Deshalb sind auch menschliches Elend und Hunger auf und in dieser Welt nicht mehr mit anzusehen. "Die Armen" wollen und sollen jetzt mehr haben. An der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin hatte man sich im Sommer 2013 "Paradise now!" zum Semesterthema erkoren. Der Form nach hatte man ein Ausrufezeichen gesetzt, dem Inhalt nach eher ein Fragezeichen. Gibt es das paradiesische Leben - hier?

8. Der normative Aspekt und die Anforderung

In phänomenologischer Betrachtung haben wir gesehen, dass die Frage um das gelingende Leben sich beziehen kann auf den Einzelnen, auf Gruppen, Gesellschaften, Nationen und Länder. Wir müssen die Frage aber auch - und heute besonders - in globaler Hinsicht stellen. Bei einer globalen Betrachtung der Frage nach dem gelingenden Leben kann man schließlich nur zu der leidvollen Erkenntnis gelangen, dass Hunger, Krankheit und Tod, aber auch Ausbeutung, in einem Ausmaße vorherrschen, dass wir von allem anderen sprechen müssen als von einem gelingenden Leben in globaler Hinsicht. Deshalb muss unsere phänomenologisch bemühte Reflexion mit dem Plädoyer für ein gelingendes Leben enden, und zwar von allen und von allem: Das Leben des nächsten Menschen möge gelingen, aber auch das Leben des fernsten. Nicht nur das Leben der Menschen, sondern gelingendes Leben verbindet sich mit allem: besonders allen anderen Lebewesen (auch Tier und Pflanze).

Die ethische Anforderung aus den Überlegungen zum gelingenden Leben muss enden mit der Betonung der Werte und weltweit zu realisierenden Ziele: Gerechtigkeit, Friede und Naturerhaltung (oder Bewahrung der Schöpfung). Der so eingestellte und entsprechend handelnde Mensch wird von uns als Weltbürger bezeichnet. Dieser sieht sich nicht allein und denkt nicht nur an sich. Sein Motto: Ich bin gut und du bist gut.

9. Anwendung in Pädagogik und Elementarpädagogik

Besonders die soeben genannten Werte der Gerechtigkeit, des Friedens, der Naturerhaltung und des Weltbürgers können und müssen uns als pädagogische Zielinstanzen leiten bei der Arbeit an didaktischen Aktivitätsangeboten, bei Projekten sowie bei der Begleitung der Kinder im freien Spiel, aber auch im Alltag von Kindergarten, Schule, Hort und Jugendarbeit.

Als Fazit bleibt: Unser Leben gelingt, wenn wir zum gelingenden Leben anderer beitragen. So sieht es im Grunde auch der Volksmund: "Geld allein macht nicht glücklich." Dieser populäre, weit verbreitete Spruch wird eben auch, wie bereits weiter oben genannt, in sozialwissenschaftlichen Studien belegt: Soziales Engagement und Freundschaften tragen mehr zum gelingenden Leben bei als Ansehen und materielle Vorteile.

10. Literatur

Zur Vertiefung und Konkretisierung, vor allem in der elementarpädagogischen Arbeit, sei verwiesen auf die folgende Literatur:

Huppertz, N.: Der Lebensbezogene Ansatz im Kindergarten. Oberried 2011

Huppertz, N.: Erleben und Bilden im Kindergarten. Freiburg, 5. Aufl. 2003

Huppertz, N.: Der Lebensbezogene Ansatz. In: Pousset, R. (Hg.): Handwörterbuch Frühpädagogik. Berlin 2014

Huppertz, M./Huppertz, N.: Sprachbildung und Sprachförderung in Kindergarten und Krippe - lebensbezogen und alltagsintegriert. Oberried 2014

Barleben, M.: Der Lebensbezogene Ansatz. In Rißmann, M. (Hg.): Lexikon Kindheitspädagogik. Kronach 2015

Filme zum Lebensbezogenen Ansatz:

Der Lebensbezogene Ansatz im Kindergarten - Ein Lehrfilm über Theorie und Praxis (DVD 55 Min.). Oberried

Der Lebensbezogene Ansatz in der Praxis - Erprobung in Kindergarten und Kindertagesstätte. Oberried

Filme auf YouTube unter "Lebensbezogener Ansatz"

11. Autor

Informationen zu Prof. Dr. Norbert Huppertz sind auf seiner Homepage zu finden: www.wibeor-baden.de/huppertz

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