Kinderlyrik in Bildern - eine praktische Erprobung mit dem Kamishibai

Martina Ruggeri-Neuscheler

 

Kinderlyrik und Kamishibai in der Berufsfachschule für Kinderpflege

"Kinderreime und Kinderlieder bieten einen ständigen Anreiz für gemeinsames Sprechen, Singen und Spielen. Weiterhin werden in ihnen Informationen über die Welt auf verständliche Weise weitergegeben, die nicht nur passiv von den Kindern aufgenommen, sondern auch aktiv und produktiv umgestaltet werden dürfen" (Marquardt 2010).

Das Kamishibai (vgl. TPS 8/12) bietet hierfür eine neue und interessante Form der Umsetzung von Kinderlyrik. Allerdings ist das japanische Papiertheater in der sozialpädagogischen Praxis noch weitgehend unbekannt. Unlängst haben Vermittlungsstellen wie Kinderbibliotheken oder Medienausleihen das Kamishibai in ihr Angebot aufgenommen und mit der Genehmigung der Verlage Bildkarten von Bilderbüchern erstellt. Somit haben Kindertageseinrichtungen die Möglichkeit der Ausleihe.

Für den Einsatz von Kinderlyrik sieht der Lehrplan der Berufsfachschule für Kinderpflege lediglich die Berücksichtigung ihrer Bedeutung vor, weniger eine konkrete Vorgabe praktischer Anregungen zur Umsetzung. Eine Verbindung der beiden Elemente "Kinderlyrik" und "Bilderbuch" sieht der Lehrplan zwar nicht vor, aber die Anregungen zur "Erprobung von gewonnenen Erkenntnissen" und der "Entwicklung eigener Umsetzungsideen" bieten Platz für diese Idee (vgl. Lehrplan der BFS Kinderpflege: Lernfeld 3: Buch-, Erzähl- und Schriftkultur erfahrbar machen I, 2007, S. 6 ff.).

Im Rahmen einer Unterrichtseinheit mit einer Kinderpflegeklasse wurde eine praktische Umsetzung des Kamishibai vorbereitet. Als textliche Grundlage dienten Kindergedichte (u.a. Guggenmos, Morgenstern), die von den Schülerinnen bildlich umgesetzt wurden und die Grundlage für anregende Fragestellungen bildeten. Kindergedichte gelten eher als eine "unterprivilegierte Literaturgattung", denn sie erhalten beispielsweise seltener eine Preisvergabe beim Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreis (vgl. Franz in Lange 2012, S. 212) und werden vergleichsweise zum Fingerspiel im Elementarbereich seltener aufbereitet und eingesetzt.

Mit dieser Methode wurde am Bildwissen der Schülerinnen angeknüpft und durch eine künstlerische Auseinandersetzung dem Text "sehr nahe" gekommen (vgl. Scheller 2004, S. 42 ff.). "Gedichte als Drehbücher" zu bearbeiten oder aber bildgestützt mit dem Kamishibai umzusetzen, sind kreative Vorschläge zur "Verarbeitung" von Kinderlyrik (vgl. Näger 2013). Mit dieser Form der Umsetzung von Kindergedichten sollte den Schülerinnen ein neuer und praxisnaher Zugang zur Kinderlyrik ermöglicht werden.

Illustrierte Lyrik und lyrisches Bilderbuch als sprachförderndes Element

Die Kinderlyrik begegnet dem Kind bereits in einer sehr frühen Phase. Wenn die Eltern im Zwiegespräch mit ihrem Säugling sind, gemeinsame Rituale gestalten, das Kind zur Ruhe kommen soll oder getröstet werden möchte, werden kinderlyrische Elemente wie Schlaflieder, Krabbelverse oder Trostverse selbstverständlich eingesetzt. In der Kindertageseinrichtung begleitet die Kinderlyrik den Tagesablauf bzw. ist Bestandteil in zahlreichen Ritualen (z.B. als Essenspruch, Fingerspiel, Abschiedslied etc.).

"Der Reim als Strukturelement der Kinderlyrik bietet (...) über seine sinnlichen Qualitäten hinaus ein Lernpotenzial für die sprachlich-kognitive Entwicklung des Kindes" (Wildemann 2003). Nicht zuletzt regen Reime zu einem kreativen Umgang mit Sprache an (vgl. Rau 2007).

Die Kinderlyrik im Bilderbuch vereint Reim bzw. gebundene Sprache mit Bildern. Diese Komposition ermöglicht es dem Kind, eine visuelle Interpretationsebene zu nutzen. Es ist davon auszugehen, dass die Bebilderung das ganzheitliche Erfassen der Kinder unterstützt und vor allem jüngeren Kindern "eine umfassende literarisch-künstlerische Erlebnisform" anbietet (vgl. Wege/ Wessel 2009).

Lyrische Bilderbücher, deren Texte in absoluter Reimform gehalten sind und parallel direkt verbildlicht werden (z.B. "Der Grüffelo" bzw. "Für Hund und Katz ist auch noch Platz"), ermöglichen es der pädagogischen Fachkraft, vom Text abzuweichen und mit den Kindern über die Bilder zu sprechen. Damit kann das Besondere des Bilderbuchs, nämlich die gereimte Sprache, auch unbeachtet bleiben.

"Die Technik des dialogischen Lesens ist vor allem als eine Methode der Sprachförderung konzipiert und erfolgreich erprobt worden" (Gesemann/ Köhler 2011). Im Lehrplan der Berufsschule für Kinderpflege ist die Methode der dialogischen Bilderbuchbetrachtung zur Vermittlung von Inhalten u.a. im Bilderbuch und neben dem klassischen Vorlesen und Erzählen aufgeführt. Die Vertiefungsmöglichkeiten im Lehrplan sind sehr offen gehalten und erlauben einen ideenreichen Umgang mit Bilderbüchern und ihrer Betrachtung.

Für diese Unterrichtseinheit wurden die Schülerinnen zuvor in die dialogische Bilderbuchbetrachtung eingeführt und lernten beispielsweise, geschlossene und offene Fragestellungen zur sprachlichen Anregung der Kinder voneinander zu unterscheiden.

Ziele und Methodenabfolge der Unterrichtseinheit

Für die Unterrichtseinheit im Umfang von ca. acht Schulstunden wurden u.a. folgende Ziele fokussiert.

  • Im Rahmen der Förderung ihrer Personalkompetenz sollten Schülerinnen Verantwortung für die Erstellung des Kamisihibai übernehmen und eigenständig eine Bildabfolge erstellen.
  • Zur Förderung ihrer Fachkompetenz sollten Fragestellungen erarbeitet werden, die sie für das freie Sprechen und Erzählen in der Arbeit mit Kindern anwenden können.

Als Grundlage für diese Unterrichtseinheit hatten sich die Schülerinnen zuvor u.a. die unterschiedlichen Formen des Bilderbuchs erarbeitet, Bestandteile der Kinderlyrik unterschieden und die dialogische Bildbetrachtung erlebt.

Zu Beginn der unterrichtspraktischen Durchführung unterschieden die Schülerinnen zunächst zwischen bebilderter Lyrik und lyrischem Bilderbuch. Dabei entdeckten sie direkte und indirekte Bezüge zwischen Bild und Text. Das heißt, dass alle wesentlichen Elemente im Text eine Eins-zu-eins-Umsetzung (direkt) erfahren, verändert oder gar nicht dargestellt (indirekt) sind. Darüber hinaus erkannten die Schülerinnen, dass bestehende Reime (z.B. "Dunkel war's der Mond schien helle") bebildert und andererseits Bilderbuchgeschichten bereits in Reimform geschrieben werden (z.B. "Der Grüffelo").

In der daran anschließenden Unterrichtsstunde entschieden sich die Schülerinnen für ein Kindergedicht und hielten erste Ideen für ihre bildliche Abfolge in einem Storyboard (Szenenbuch) fest. Die Auszubildenden kreierten eigene Umsetzungsideen, wie sie sie vergleichsweise in der Analyse der bebilderten Lyrik und dem lyrischen Bilderbuch kennen gelernt hatten. Es folgte das Kennenlernen des Kamishibai, verbunden mit der Idee, Kinderlyrik selbst zu bebildern und darin zu präsentieren.

Die bildliche Umsetzung erfolgte im Kunstunterricht bzw. zu Hause, wobei der aktuelle Arbeitsstand immer wieder in den theoretischen Unterricht zurückgekoppelt wurde. Diese Unterrichtseinheit ist ein Beispiel für das Handlungsfeldkonzept in der Berufsfachschule für Kinderpflege, demnach thematische Querverbindungen auch durch die Kooperation von Lehrkräften für die Schülerinnen sichtbar wurden.

Anhand des Kindergedichts "Die drei Spatzen" (C. Morgenstern) wurde eine fünfteilige Bildabfolge mit dem Kamishibai exemplarisch vorgestellt. Diese Bildabfolge wurde von mir für den Unterricht erstellt. Es handelte sich dabei um verschiedene farbtechnische Zusammensetzungen (Wasser-, Finger-, Acryl- und Wachsmalfarbe), die von den Schülerinnen leicht übernommen werden können. An jedem der fünf Bilder wurden jeweils zwei Büroklammern mit Klebeband geklebt, sodass diese an die angebrachten Haken des selbst hergestellten Kamishibai eingehängt werden konnten.

Das Papiertheater (Kamishibai) selbst wurde aus insgesamt drei Teile mit Buchbinderleinen zusammengeklebt (zwei Außenteile: 25x40; Innenteil: 50x40). Der Frontbereich wurde so ausgeschnitten, dass ein Rahmen entstand. Die ausgewählte Graupappe ermöglicht ein stabiles Papiertheater, das schnell hergestellt werden kann. Um einen besseren Lichteffekt zu erzeugen, wurden alle drei miteinander verbundenen Teile mit schwarzer Acrylfarbe bemalt. Diese Vorgehensweise der eigenen Herstellung sollte die Schülerinnen motivieren, mit einfachen und günstigen Mitteln "eigene Materialien für die Praxis" herstellen zu wollen.

Für die Präsentation wurde ein Tisch mit einem schwarzen Tuch abgedeckt und mit einem Lichtspot beleuchtet. Parallel dazu wurde für einen kurzen Moment der Einstimmung Musik eingespielt und der Beginn der Präsentation mit Zimbeln signalisiert.

Diese Elemente werden für den Einsatz des Kamishibai immer wieder verwendet und sollen den Kindern vermitteln, dass die Eröffnung des Papiertheaters kurz bevorsteht (vgl. Schüler 2011). Die Atmosphäre, die durch die Verdunklung des Raums bzw. die partielle Beleuchtung und die eingespielte Musik hergestellt wurde, stieß bei den Schülerinnen auf großes Interesse und maximale Aufmerksamkeit.

Angeregt durch diese Präsentation erarbeiteten die Schülerinnen in Kleingruppen mögliche Fragestellungen, die u.a. als Impulsfragen oder Vermutungsimpulse für das eigene Storyboard hilfreich waren. In der Kleingruppe wurden diese Fragestellungen anschließend vorgestellt und für den praktischen Einsatz (vgl. Methodische Hinweise, s.u.) der Bildabfolgen erprobt.

Methodische Hinweise für den Einsatz der Kinderlyrik in Bildern

  1. Das erste Bild wird gezeigt. Achtung: Den Kindern Zeit lassen, die Dinge zu erkennen.
  2. Stellen Sie eine erste Frage, nachdem Sie innerlich bis 5 gezählt haben.
  3. Schaffen Sie Übergänge, z.B.: "Jetzt schauen wir mal, wie es weitergeht."

Zu Variante 1: Alle Bilder (bis zu 5) werden nacheinander dialogisch betrachtet. Anschließend wird zu den entsprechenden Bildern der lyrische Text gesprochen. Die einzelnen Abschnitte können auf der Rückseite des jeweiligen Bildes angebracht werden.

Zu Variante 2: Nach jedem betrachteten Bild wird sofort der lyrische Text gesprochen.

Den Abschluss der Unterrichtseinheit bildete eine kritische Würdigung bzw. Vertiefung der Kinderlyrik in Bildern und ein schriftliches Feedback der Schülerinnen.

Chancen und Kritik

Das Feedback der Schülerinnen machte deutlich, dass sie von dieser Unterrichtseinheit profitieren konnten. Darüber hinaus haben die Auszubildenden für sich erfahren, auf welche Punkte sie bei der Vorbereitung von "Kinderlyrik in Bildern" in der Tageseinrichtung achten können.

Im Rahmen einer Wiederholung sollten folgende Punkte beachtet werden:

  • Das Erarbeiten einer Bildfolge sollte über einen längeren Zeitraum mit einer gesicherten Erprobung in der Praxis und einer Rückkoppelung in den Unterricht verbunden sein.
  • Die Autor/innen der verwendeten Kindergedichte können gleich zu Beginn "porträtiert" werden, um so einen vertiefenden Lerngewinn zu ermöglichen.
  • Um das bildliche und szenische Gestalten sinnvoll zu ergänzen, kann das Rollenspiel eine praktische Umsetzung realistisch abbilden.
  • Das jeweilige Alter der Kinder (auch Kleinkinder) ist in der praktischen Umsetzung zu berücksichtigen.
  • Die ausgewählten Gedichte sollten in ca. 5 Bildern umgesetzt werden können.

Colpron (2012) führt an, dass sich der Erzähler während der Vorführung "weitgehend zurücknimmt, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen." Ebenso ist das Kamishibai "richtig benutzt nicht mit einem Bilderbuch vergleichbar" (ebd., S. 32 ff.). Diese beiden Gesichtspunkte wurden im Rahmen dieser Erprobung tatsächlich nicht beachtet. Vielmehr sollten die Auszubildenden der Berufsfachschule das Kamishibai als Möglichkeit kennen lernen, Kindergedichte in ihre Arbeit kreativ einzubringen. Verbindungen zwischen einer (dialogischen) Bilderbuchbetrachtung und der Kinderlyrik (hier: Kindergedichte) wurden bewusst geschaffen, um Synergieeffekte zu nutzen und nicht zuletzt um eine praktische Umsetzung in der pädagogischen Praxis anzuregen.

Literatur

Colpron, G. (2012): Kamishibai. Erzählen in japanischer Tradition. TPS 8/2012, S. 32-33

Franz, K. (2012): Kinderlyrik. In: Lange, G. (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Hohengehren: Schneider, S. 193-216

Landesinstitut für Schulentwicklung (2007): Lehrplan der Berufsfachschule für Kinderpflege: Unterstützung der Sprachentwicklung.

Näger, S. (2013): Kamishibai - erzählendes Papiertheaterspiel. Methoden für sprachliche Bildung und Literacy (5). Kindergarten heute 5/2013, S. 44-45

Näger, S. (2013): Literacy. Kinder entdecken Buch-, Erzähl- und Schriftkultur. Freiburg: Herder

Marquardt, M. (2010): Handbuch Kinder- und Jugendliteratur. Troisdorf: Bildungsverlag Eins

Nentwig-Gesemann, I./Köhler, L. (2011): Erzählkultur. Die diskursive Bilderbuchbetrachtung. Kindergarten heute 2/2011, S. 22 ff.

Rau, M.-L. (2009): Literacy: Vom ersten Bilderbuch zum Erzählen, Lesen und Schreiben. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt Verlag, 2. Aufl.

Scheller, I. (2004): Szenische Interpretation. Theorie und Praxis eines handlungs- und erfahrungsbezogenen Literaturunterrichts in Sekundarstufe I und II. Seelze-Velber: Kallmeyer

Schüler, H. (2011): Sprachkompetenz durch Kamishibai Erzähltheater. Dortmund: KreaShibai.de, 2. Aufl.

vom Wege, B./Wessel, M. (2009): Kinderliteratur für sozialpädagogische Berufe. Troisdorf: Bildungsverlag Eins

Wildemann, A. (2002): Kinderlyrik im Vorschulalter. Kinder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit (Dissertation). Frankfurt: Peter Lang

Autorin

Martina Ruggeri-Neuscheler ist Studienrätin, Dipl. Pädagogin, Dipl. Sozialpädagogin (FH) und staatlich anerkannte Erzieherin. Sie unterrichtet u.a. an einer Berufsfachschule für Kinderpflege. Homepage: www.treffpunkt-eltern-kind.de