Wohlgefühl in der Kita-Gemeinschaft: Basisbildung für die schwierigen Herausforderungen heutiger Zukunft

Freya Pausewang

 

Jetzige Kinder werden nicht nur individuelle Klippen zu meistern haben, sondern auch Herausforderungen, die durch die globalen Prozesse auf sie zukommen werden. Hürden sind leichter zu nehmen, wenn der Mensch sich in Gemeinschaften eingebunden fühlt und etwas riskieren kann, ohne seine Sicherheit zu seinen Bezugsgruppen zu verlieren. In der Kita als erster regelmäßig besuchter Gemeinschaft mit gleichberechtigten Gruppenmitgliedern beginnt für das Kind die Basisbildung für Gemeinschaftsfähigkeit. Deshalb ist der Blick der Erzieher/innen auf die Möglichkeiten wichtig, wie sie die Kinder in ihrem Wohlgefühl in der Kita-Gemeinschaft im Freispiel und bei angeleiteten Tätigkeiten unterstützen können. Dabei brauchen die Kinder Freiraum, um Problemlösungen für ihr Handeln selbst zu suchen und zu erproben. Eigens gefundene Problemlösungen führen zu Erfolgserlebnissen und zu begeisternder Lernfreude.

Voraussichtliche Herausforderungen durch die globalen Entwicklungen

Wir, das heißt die Weltbevölkerung, stehen vor enormen Bedrohungen. Wir sind dabei, durch den hohen CO2-Ausstoß das Klima zu verändern und dadurch zunehmend Teile des Planeten für Menschen unbewohnbar zu machen (vor allem durch Ausdehnung von Wüstengebieten, Überschwemmungen oder Unfruchtbarkeit von Ackerland wegen Überdüngung oder Versalzung). Schuld daran ist in erster Linie der überaus hohe Konsum. Deshalb sind es auch insbesondere die Industrieländer, die ihren Lebensstil verändern müssen. Das wird allerdings nur gelingen, wenn wir - jedenfalls ein überwiegender Teil der Bevölkerung - global denken und unser Handeln in globalen Zusammenhängen - sozial und ökologisch - bewerten und verändern können. Konkret werden die notwendigen Veränderungen voraussichtlich vor allem bedeuten:

1. Konsumreduzierung

Jede Produktion und jeder Transport von Waren erzeugen CO2. Davon abgesehen sind die Ressourcen für die Fortsetzung heutiger Produktionsmengen nicht vorhanden. Prof. Niko Paech (2014a, b), einer der bekanntesten Forscher für gelingende Zukunftsbewältigung, erläutert: Unser Leben muss nicht freudloser werden, wenn weniger Waren erzeugt und gekauft werden. Langlebigkeit der Produkte, Reparaturfähigkeit, gemeinsame Nutzung und Warentausch können dazu führen, dass wir weniger wegwerfen und weniger benötigen, ohne verzichten zu müssen.

Im Sinne von Demokratie und Gerechtigkeit kann die Abnahme der Produktion zu einer sukzessiven Verkürzung der Wochenarbeitszeit führen. Das bedeutet, die Menschen verdienen weniger. Dafür ist eine neue Gerechtigkeit hinsichtlich der Höhe der Gehälter notwendig. Im Gegenzug gewinnen die Arbeitnehmenden Zeit. Diese Zeit reduziert den Stress und gibt dem Menschen die Möglichkeit, sein Leben abwechslungsreicher zu gestalten. Mit einer Spezialisierung auf bestimmte handwerkliche Tätigkeiten oder Dienstleistungen kann der Einzelne z.B. Reparaturen vornehmen und nicht nur Waren, sondern auch Dienstleistungen mit anderen "tauschen", etwa Gartenarbeit gegen Hausarbeit, Betreuungsaufgaben gegen Reparatur.

2. Ökologisch-globale Wahrnehmung

Ohne Wahrnehmung der kritischen ökologischen Weltsituation und ohne das Bewusstsein der individuellen Mitverantwortung - wenigstens bei der überwiegenden Mehrheit der Menschen - ist eine solche Transformation (Umwandlung) der Gesellschaft nur schwer vorstellbar. Allerdings lassen sich Menschen durch kulturelle Trends sehr beeinflussen: Wenn es z.B. als positiv gelten würde, langlebige und reparaturfähige Waren zu kaufen oder sich weitmöglich biologisch zu ernähren, würden diese Lebensstile an Verbreitung zunehmen, auch ohne dass die Einzelnen von ökologisch schädlichen Wirkungen überzeugt sein müssten. Die Entscheidung, welche Waren Menschen kaufen oder nicht kaufen, hängt eben auch von der Anerkennung ab, die der Einzelne von seiner Umwelt zu erhalten glaubt - nämlich besser oder schlechter angesehen zu werden.

3. Demokratisch-globale Solidarität

Neben der ökologischen Verantwortung muss auch die globale Solidarität zunehmen, damit z.B. (Klima-) Flüchtlinge eine neue Heimat finden und Kriege um Rohstoffe und um fruchtbares Land in Grenzen gehalten werden. Die repräsentative Demokratie - mit Wahlen im Abstand von vier oder fünf Jahren - reicht für demokratische Mitverantwortung nicht aus. Zahllose Bürgerinitiativen machen deutlich, dass breite Bevölkerungskreise mit den Entscheidungen der Regierenden - von Kommunalpolitiker/innen bis EU-Kommissaren - nicht einverstanden sind.

4. Soziale Kompetenzen

Eine solche gesellschaftliche Veränderung verlangt soziale Kompetenzen. Wenn Gemeinschaften mehr zusammenrücken, wenn die Menschen Waren abwechselnd gebrauchen und teilen (angefangen von der Bohrmaschine, die mehrere Menschen gemeinsam nutzen, bis zu den Gemeinschaftsgärten oder den Generationenhäusern), dann führt das zu mehr Gemeinsamkeit und zu mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse des Einzelnen und das Wohl aller.

Wo ist der Bezug zur Kita? Kinder denken nicht global!

Kinder, sogar schon Säuglinge, suchen und lieben den Kontakt zu Gleich- und Ähnlichaltrigen. Bereits in der frühen Kindheit wird die Basis für soziale Beziehungen gelegt. Ebenso entstehen in den ersten sechs Lebensjahren ethische Werthaltungen - nicht über Theorien und Wissen, sondern über das Vorleben und das Zusammenleben.

Was wir mit Freude machen und was uns zu Erfolgen führt, lässt uns innerlich wachsen. Das betrifft ganz besonders auf das Kind zu. Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie, betont immer wieder die Wichtigkeit der Begeisterung beim Lernen und bei der Entwicklung: "...nur wenn sich ein Mensch für etwas begeistert, kommt in seinem Gehirn die Gießkanne mit dem Dünger in Gang, werden all jene Netzwerke ausgebaut und verbessert, die der betreffende Mensch in diesem Zustand der Begeisterung nutzt" (Hüther 2011, S. 94).

Deshalb kommt es darauf an, dass das Kind sowohl das Zusammensein und sein Spiel in der Gruppe als auch den erarbeiteten (sozialen) Lernzuwachs mit Freude und Begeisterung erlebt. Die Kita bietet Basisbildung, bei der Weichen gestellt werden, eben weil sie die erste Gemeinschaft ist, in der das Kind regelmäßig Teile des Tages unter gleichberechtigten Gruppenmitgliedern verbringt.

Das Kind, das die Kita-Gemeinschaft mit Begeisterung erlebt und sich zunehmend sicher fühlt, kann Widerstand riskieren, wenn es mit etwas nicht einverstanden ist. Wenn es einen Erfolg erfährt, wird seine Selbstwirksamkeitserwartung steigen. Es wird zuversichtlicher und mutiger forschen und Veränderungen riskieren. Oft wird es dabei versuchen müssen, die Meinungen anderer einzubeziehen und Kompromisse zu finden. Wenn es mit positiven Ergebnissen eigene Handlungsspielräume austastet und dabei die Bedürfnisse der anderen kritisch einbezieht, wird es in der Gemeinschaft stark werden. Dabei verinnerlicht es gemeinsam gelebte Werthaltungen, etwa sparsame Handhabung von Material oder wertschätzender Umgang mit Tieren und Pflanzen.

Für Kinder müssen nicht globale Gefahren problematisiert werden. Kinder leben im Hier und Jetzt und benötigen Lebensfreude. Ziel der nachfolgenden pädagogischen Überlegungen ist es deshalb vor allem, die Kinder durch und in Gemeinschaften stark zu machen, damit sie eigene Handlungsspielräume erkennen und nutzen können, wenn sie Veränderungen aus ihrer Sicht für sinnvoll halten. Dabei müssen Erzieher/innen allerdings darauf achten, dass die Gruppenmitglieder die Bedürfnisse und Meinungen der anderen Betroffenen wahrnehmen, gegebenenfalls bewerten und berücksichtigen.

Basisbildung Teil I: Im Freispiel Wohlgefühl unter den Gruppenmitgliedern unterstützen und für Handlungsspielraum sorgen

Eine Gruppe von 20 Kindern ist für die frühe Kindheit zu groß. Deshalb ist das Freispiel der wichtigste Tagesabschnitt: Hier bilden die Kinder kleine Spielgruppen. In der überschaubaren Kleingruppe, die das Kind jederzeit wechseln kann, entwickelt und erprobt es den Umgang mit Beziehungen und findet seine Rolle in den unterschiedlichen Bezugsgruppen und bei den mannigfachen Spielformen.

Der Beginn in der Kita

Zum Glück ist es heute so, dass Kitas auf das angstfreie Einleben des Kindes in die Gruppengemeinschaft großen Wert legen. Das Team gibt dem Kind Zeit, sich langsam von der Familie zu lösen und sich in der Einrichtung sicher zu fühlen, bevor es von der vertrauten Person aus der Familie allein gelassen wird. Gerade durch Ängste beim Einleben kann das Kind unangenehme Gefühle in sein späteres Zugehen auf Gruppen mitnehmen (meist nicht bewusst) und kann bei der Beziehungsgestaltung jetzt und auch später ängstlich und gehemmt sein.

Nehmen und Geben im Spiel

Das Spiel der Kinder in den kleinen Spielgruppen beim Freispiel drinnen oder draußen ist voller Nehmen und Geben. Dabei handelt es sich vor allem um immaterielles Nehmen und Geben. An den Spielideen, die Kinder in ihre Spiele - vorrangig in Konstruktions- und Rollenspiele - einbringen, begeistern sie sich, stecken andere an und tragen die Spielgruppe in eine Spielatmosphäre, die sie von der Realität abhebt. Hier würde Hüther (2011) wieder von der Gießkanne mit dem Dünger sprechen.

Natürlich muss das Spiel nicht immer positiv verlaufen. Selbst dann, wenn kein Streit entsteht und die Erzieherin nicht aufmerksam wird, kann es sein, dass der Einfluss der Kinder auf einzelne unter ihnen nicht aufbauend wirkt, dass etwa die Spielführung nicht allen mitspielenden Kindern gut tut. Kinder können in ungünstige Rollen gedrängt werden, etwa in untergeordnete Rollen ohne eigene Entscheidungen, in Clownsrollen oder in Außenseiterpositionen. Einzelne Spielpartner/innen empfinden dann kein Wohlgefühl im Spiel. Weil ihnen aber die Zugehörigkeit zur Gruppe so überaus wichtig ist, fügen sie sich. Eine andere Gruppe zu suchen, kann mit Ängsten verbunden sein. Deshalb ist es für das Team in der Kita wichtig, sensibel wahrzunehmen, was in den Beziehungen zwischen den Kindern abläuft. Solche Rollen können sich schnell verfestigen, in die nächste Gruppe mitgetragen werden und dort wieder auftreten.

Trotz Freiraum für individuelle Entscheidungen braucht das Kind Regeln, und zwar sowohl Regeln, die das Zusammenleben in der Einrichtung insgesamt betreffen, als auch spezielle Regeln für das Freispiel. Regeln bilden den Rahmen; sie bieten Klarheit, Halt und Sicherheit, insbesondere die Regeln im sozialen und ökologischen Bereich.

Beziehungsgestaltung in den Spielgruppen

Kinder lernen sehr viel beim Spiel in den kleinen Gruppen. Da es sich bei diesem Lernen nicht um kognitives Lernen - um Wissenserwerb - handelt, sondern um die Gestaltung sozialer Beziehungen, wird das Freispiel von vielen Eltern - und nicht nur von ihnen - leider nicht genügend wertgeschätzt. Das Kind muss z.B. Mittelwege zwischen Dominanz und Unterordnung, zwischen Kooperation und Konkurrenz finden, muss Ideen entwickeln und geschickt in die Gruppe einbringen, muss Vorschläge von anderen abwägen und akzeptieren oder Kompromisse finden. Es muss Konflikte bearbeiten und zugleich wahrnehmen, ob und wie alle in das Spiel einbezogen und zufrieden sind.

Vom kleinen Kind, das fasziniert zuschaut oder auch dankbar ist, mitspielen zu dürfen, bis zum Gruppenmitglied, das kompetent die Spielführung übernimmt, Handlungsvorschläge einbringt und Begeisterung ausstrahlt, liegt ein Lern- und Leistungsprozess, der leider nicht jedem Kind gelingt. Deshalb müssten Erzieher/innen viel mehr Zeit für das Freispiel haben, um die einzelnen Kinder zu beobachten und stärkend zu unterstützen. Die Bildung unter Kindern entspricht (neben der Bildungsanregung durch Erwachsene) einem hohen Bedürfnis des Kindes. Es will sowohl Anregungen geben als auch Anregungen erhalten und sich dadurch einbezogen und gebraucht fühlen. Die gegenseitige Bildung unter Kindern bewirkt einen wichtigen Entwicklungsanstoß, der aber eben nicht grundsätzlich für jeden förderlich ist.

Freundschaften, auch mit Kindern aus Migrantenfamilien

Freundschaften tragen dazu bei, dass Kinder sich in den kleinen Spielgruppen und bei der Beziehungsgestaltung sicherer fühlen. Stabile Freundschaften sind vor allem für diejenigen Kinder von Bedeutung, die keine Geschwister haben, mit denen sie anhaltende Beziehungen aufbauen können. Kinder brauchen die Erfahrung, dass Streit kein Grund für einen Beziehungsabbruch sein muss, dass gute Freundschaft Meinungs- und Handlungsdifferenzen überdauert. Solche Freundschaften sollten auch über den Kindergarten hinausgehen und in die Familien getragen werden, damit Mädchen und Jungen in unterschiedlichen Zusammenhängen die Stabilität ihrer Freundschaft erfahren.

Natürlich werden Kinder auch den Verlust einer Freundschaft erleben. Wenn diese Erfahrung zum Beginn einer neuen bereichernden Beziehung führt, kann das eine Stärkung ihrer Fähigkeit zur Beziehungsgestaltung bedeuten.

Freundschaften mit Kindern aus Migrantenfamilien können später helfen, rassistische Hürden, die die Gesellschaft vorlebt, zu überwinden oder sie nicht zu spüren. Dann ist es leichter, sich von rechten Strömungen nicht beeinflussen zu lassen, globale Ungleichheiten wahrzunehmen und Gerechtigkeit anzustreben.

Basisbildung Teil II: Wohlgefühl und Lernfreude bei gelenkten Bildungsangeboten wichtig nehmen

Auch bei den von Erzieher/innen gelenkten Bildungsangeboten brauchen die Kinder Wohlgefühl, Lernfreude und Erfolgserlebnisse. Dazu trägt Handlungsspielraum für eigene Entscheidungen bei.

Ideenvielfalt und Erfolgserlebnisse durch Kreativität

Kreativität bedeutet schöpferische Kraft und Einfallsreichtum. In Kitas wird irrtümlicherweise Kreativität oft synonym mit Werken gebraucht: "Wir machen heute etwas Kreatives". Manches Werken bietet den Kindern aber gar keine Möglichkeit für Einfallsreichtum und eigenen Handlungsspielraum, z.B. bei einem vorgegebenen Werkablauf mit Schablonen oder Faltarbeiten.

Kreativität entspricht dem kindlichen Denken. Deshalb enthalten Spiele, die Kinder selbst entwickeln, oft vielfältige Kreativität: Spielabläufe im Rollenspiel etwa oder das umdefinierte Material, das Kinder aus ihrer Umwelt dabei verwenden, z.B. einen Baumstumpf als Herd, Rinde als Kochtopf und Laub mit Steinen als Speise.

Freiraum für Einfallsreichtum und Mitbestimmung muss das Team nicht nur beim Materialangebot für das Freispiel beachten, sondern auch bei den gelenkten Angeboten. Kinder könnten sonst ableiten: "Nur dort, wo ich spiele, darf ich eigene Ideen entwickeln. Wenn ich 'lerne', sagen mir die Erwachsenen, wie ich vorgehen soll." Kinder sollen sich aber auch für "Ernsthandlungen" mit eigenen Problemlösungen zuständig und kompetent fühlen. Und das eben auch bei der Basisbildung in der frühen Kindheit.

Zudem ist Kreativität nicht nur wichtig, weil die Kinder mit Wonne etwas erfinden und dabei begeistert über sich hinaus wachsen (Hüther!), sondern sie ist auch eine Fähigkeit, die für zukünftige Problembewältigung dringend benötigt wird: nicht nur für die ökologischen und sozialen Probleme, für die wir bisher keine ausreichenden Lösungen gefunden haben, sondern auch für den alltäglichen Kleinkram: Wenn wir z.B. unseren Konsum reduzieren, heißt das u.a., Lösungen für das Reparieren und Haltbarmachen zu finden.

Ökologische Grundhaltung als Prinzip

Mit Dingen sparsam umzugehen, das Leben von Pflanzen und Tieren zu schützen und diese so wenig wie möglich zu beschädigen, kann zu einem Grundsatz werden wie das Zähneputzen oder das Begrüßen und Verabschieden. Ökologische Grundhaltung durchzieht wie selbstverständlich den gesamten Tag in der Einrichtung einschließlich der Mahlzeiten. Dadurch wird die Lebensfreude des Kindes nicht reduziert, vor allem dann nicht, wenn die Regeln für alle einschließlich der Erwachsenen gelten.

Wenn Kinder in der Familie ein hohes Wegwerfverhalten erleben, in der Kita dagegen einen sparsamen Verbrauch, dann kann das einzelne Kind sich zwar meist an die unterschiedlichen Regeln anpassen, aber seine Haltung wird oft brüchig bleiben. Dagegen können Kinder nachvollziehen, dass sie die Fülle dort freudig nutzen dürfen, wo sie sich ohne Schaden anbietet: Pfützen und Matsch im Frühling und Sommer, Laubhaufen im Herbst, Schnee und Eis im Winter.

Viel Kooperation, wenig Konkurrenz

Die Zusammenarbeit mit anderen kann dem Kind Wohlgefühl vermitteln, weil Kinder grundsätzlich die Gemeinschaft suchen und in gelingender Beziehungsgestaltung begeistert über sich hinauswachsen. Kooperation gehört zugleich zu den wichtigsten Kompetenzen für die Bewältigung der globalen Krisen. Nur wenn die Menschen zusammenarbeiten und gemeinsam Ziele verfolgen, wird sich das Wir-Denken über nationale Grenzen hinaus erweitern, werden globale Hürden bewältigt werden können. Um etwa die Klimaveränderungen in den Griff zu bekommen, müssen alle Länder ihre CO2-Emissionen reduzieren, wenn auch die einen mehr und die anderen weniger (weil deren ökologischer Fußabdruck durch ihre Armut kleiner ist). In jedem Fall müssen die Länder dabei kooperieren und sich gegenseitig unterstützen.

Es fällt zurzeit auf, dass sich Psychologie und Pädagogik oder die Neurobiologie - auch unabhängig von Zukunftsfähigkeit - mit der Frage befassen, welche Stellung die Kooperation in der Entwicklung des Menschen, insbesondere des Kindes, einnimmt. Beispiele sind Bücher mit Titeln wie: "Prinzip Menschlichkeit - Warum wir von Natur aus kooperieren" (Joachim Bauer 2006) oder "Warum wir kooperieren" (Michael Tomasello 2010). Danach wird der Mensch mit der Fähigkeit zur Kooperation geboren, muss diese Anlagen aber entwickeln und erweitern, insbesondere in der frühen Kindheit.

Bei konkurrierenden Spielen, etwa Wettspielen, gewinnen nur wenige oder hat vielleicht nur ein einziges Gruppenmitglied Erfolg, während alle anderen eine Enttäuschung erleben. Kooperierende Spiele bieten den Mitspieler/innen das meist beglückende Gefühl, etwas zum gemeinsamen Ergebnis beigetragen zu haben. Kooperation ist eben nicht nur zukunftswichtig für das Kind, sondern bestärkt auch das augenblickliche Wohlgefühl.

Freude und Stolz bei handwerklichen Tätigkeiten

Niko Paech (2014a, b) erläutert in "Freiheit vom Überfluss": Wenn Produkte in Zukunft haltbarer erstellt werden und reparierfähiger sein werden, wird der Mensch der Zukunft selbst reparieren, wo es möglich ist, und er wird auch mehr selbst oder in einer Gemeinschaft mit anderen erzeugen und gebrauchen. Ein Hinweis auf einen entsprechend beginnenden Prozess in der Gesellschaft sind die zunehmend entstehenden "Repair-Cafés" in größeren Städten.

Kinder sind mächtig stolz, wenn sie untersuchen können, wie etwas funktioniert, oder gar wenn sie etwas reparieren können. Handwerkliche Tätigkeiten - vom Annähen eines Knopfes bis zum Arbeiten mit Holz - sollten deshalb in Kitas einen höheren Stellenwert erhalten. Die in vielen Kitas häufige Arbeit mit Papier kann dafür reduziert werden.

Von Mitbestimmung zu Führungsqualitäten und zur Partizipation

In der Regel entwickelt eine ganze Reihe von Kita-Kindern in den kleinen Spielgruppen im Freispiel erstaunliche Führungsqualitäten (siehe oben). Sie bringen Spielideen in die Gruppe ein, strahlen Begeisterung aus und können das Spiel in einer Kleingruppe lenken, ohne deshalb ein dominanter "Bestimmer" zu sein. Bei einer besseren Personalsituation in den Kitas könnten sicher mehr Kinder durch sensible Beobachtung und vorsichtige Impulse in solchen Führungsqualitäten bestärkt werden (Dass Impulse vorsichtig gegeben werden sollen, hängt damit zusammen, dass die Spielstimmung nach einer Unterbrechung von den Spieler/innen oft nicht mehr wieder hergestellt werden kann. Die Spielgruppe beendet dann enttäuscht ihr Spiel).

Die Führungsfähigkeiten, die Kinder in den Kleingruppen entwickeln, nehmen sie mit in gelenkte Tätigkeiten und in die gemeinsame Partizipation in der Gesamtgruppe. Für manche Kinder bedeutet der Schritt von der Beteiligung in der kleinen selbstbestimmten Spielgruppe in ein gelenktes und strukturiertes Gruppengespräch allerdings eine nur schwer zu überwindende Hürde. Erzieher/innen haben die Aufgabe, bei gelenkten Aktionen die einzelnen Kinder in ihren sozialen Kompetenzen dort abzuholen, wo sie stehen, und sie in zunehmend größeren Gruppen zu Beiträgen zu ermutigen und dabei zu bestärken.

In den letzten Jahren wurde Partizipation als eine überaus wichtige und zu unterstützende Fähigkeit in der Kita angesehen. Es geht dabei ebenfalls um Basisbildung. Partizipation ist Demokratie in Kinderschuhen. Kinder, die gelernt haben, sich in einem Planungs- oder Reflexionsgespräch in der Gruppe zu äußern, sind auf einem guten Weg zu späterer demokratischer Beteiligung und Mitverantwortung. Natürlich ist für eine entsprechend sensible und differenzierte Unterstützung der Kinder eine bessere Personalsituation als die heutige eine grundlegende Voraussetzung.

Fazit

In der Kita kann das Kind beim Aufbau einer stark machenden Basis für die Bewältigung späterer schwieriger Herausforderungen unterstützt und gestärkt werden. Kinder, die sich in der Kita-Gemeinschaft sicher und glücklich fühlen, die Widerstände und Handlungsnotwendigkeiten wahrnehmen und mit veränderten Handlungsvorschlägen bearbeiten können, gegebenenfalls Kompromisse finden und sich bei deren Bearbeitung nicht zu schnell entmutigen lassen, haben gute Voraussetzungen, später sinnvolle und notwendige Veränderungen zu erkennen und anzugehen.

Eine entsprechende Beobachtung und Unterstützung ist den Erzieher/innen allerdings nur mit einer weit besseren Personalsituation möglich. Das heutige Fachkraft-Kind-Verhältnis lässt den Teammitgliedern oft gerade mal zu, heftige Konflikte in der Gruppe zu begrenzen und sich bei den Angeboten an fertige Vorgaben zu halten, anstatt die individuellen Lerninteressen der Kinder aufzufangen sowie bestätigend und erweiternd zu unterstützen.

Literatur

Bauer, Joachim: Prinzip Menschlichkeit - Warum wir von Natur aus kooperieren. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag 2006

Hüther, Gerald: Was wir sind und was wir sein könnten. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2011

Paech, Niko: Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: oekom verlag, 7. Aufl. 2014a

Paech, Nico: Befreiung vom Überfluss. Vortrag. www.youtube.com/watch?v=JFck2n-nM2E (18.12.2014b)

Pausewang, Freya/Strack-Rathke, Dorothea: Ins Leben begleiten. Bildung und Erziehung in der sozialpädagogischen Praxis. Berlin, Düsseldorf, Mannheim: Cornelsen Scriptor Verlag 2009

Pausewang, Freya: Macht mich stark für meine Zukunft - Wie Eltern und Erzieherinnen die Kinder in der frühen Kindheit stärken können. München: oekom verlag 2012

Tomasello, Michael: Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp Verlag 2010

Wagenhofer, Erwin: alphabet - Angst oder Liebe. Film. http://www.alphabet-film.com/ (18.12.2014)

Welzer, Harald: Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 5. Aufl. 2013

Autorin

Freya Pausewang, Erzieherin, Sozialpädagogin, Dozentin a.D. an einer Fachschule für Sozialpädagogik in Mainz, Fachautorin für die Berufsausbildung von Erzieher/innen und für Elementarpädagogik, wohnt in Schlangenbad. Emailadresse: F.Pausewang@t-online.de