Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Marie Bloch

Manfred Berger

 

Die Kindergarten- und Fröbelbewegung wurde stark von Jüdinnen beeinflusst. Dabei wirkte der größte Teil der Frauen sozusagen im "Stillen vor Ort", indem sie tagtäglich an der Basis ihre "pädagogischen Pflichten" erfüllten. Eine solche "stille Frau" war auch Marie Bloch, liebevoll von den Kindern, Eltern und Mitarbeiterinnen "Tante Mieze" genannt. Mehr als zwei Jahrzehnte wirkte sie als Kindergärtnerin und Ausbildnerin in Rostock, bis die Nazis an die Macht kamen und ihr Lebenswerk zerstörten. Als Jüdin deportiert verlieren sich ihre Spuren im Inferno der Nazibarbarei.

Clara Emilie Marie Bloch erblickte als fünftes Kind des jüdischen Hof- und Verlagsbuchhändlers Adalbert Bloch und seiner Frau Clara Bloch (geb. Reincke) am 27. November 1871 in Berlin das Licht der Welt. Das wohlhabende Ehepaar Bloch pflegte intensive Kontakte zu intellektuellen Kreisen und zum preußischen Hof. Marie hatte noch sechs Geschwister: Hermann, Adalbert, Walter, Betty, Cläre und Willy. Die Eltern, ursprünglich jüdische Religionsangehörige, ließen ihre Kinder evangelisch taufen. Literatur, Reisen, Theaterbesuche und "schöngeistige Bildung" bestimmten zu einem Großteil den Familienalltag. Marie und ihre Geschwister genossen eine unbeschwerte Kindheit im vornehmen Berliner Stadtteil Tiergarten, in der Regentenstraße 14 (heute Hitzigallee).

Als "Höhere Tochter" erhielt Marie die damals für Mädchen ihres Standes übliche Ausbildung. Zunächst absolvierte das äußerst wissbegierige und sozial eingestellte Mädchen die "Fürstin-Bismarck-Schule", eine höhere städtische Mädchenschule (die heute noch unter den Namen "Sophie-Charlotte-Gymnasium" existiert und eines der ältesten Gymnasium von Berlin ist). Anschließend besuchte Bloch das private Lehrerinnenseminar, dessen Oberleiterin die Frauenrechtlerin Helene Lange war, die sich für die Verbesserung des Mädchenbildungswesen einsetzte. Aus gesundheitlichen Gründen musste die Seminaristin nach anderthalbjähriger Ausbildung die Bildungsstätte verlassen. Im Jahre 1889 hatte Lange in Berlin "Realkurse" für Frauen gegründet. Dort absolvierte Bloch ein Jahr später einen Kurs und belegte die Fächer Englisch und Mathematik.

Ab April 1892 besuchte Bloch das von Henriette Schrader-Breymann gegründete "Pestalozzi-Fröbel-Haus" in Berlin-Schöneberg, welches u.a. Kindergärtnerinnen in der Tradition der Fröbelpädagogik ausbildete. Die Gründerin der Ausbildungsstätte war noch eine ihrer Lehrerinnen. Aufgrund der guten Vorbildungen konnte die begabte Schülerin bereits im April 1893 das Examen ablegen, das sie berechtigte, einen Kindergarten selbstständig zu leiten. Von 1893 bis 1908 arbeitete Bloch als Leiterin in verschiedenen vorschulischen Einrichtungen in Berlin. Ferner war sie im "Pestalozzi-Fröbel-Haus" als Lehrerin tätig.

Nach dem Tod ihrer Eltern folgte die Kindergärtnerin ihrem Bruder, dem bedeutenden Historiker, Professor für Geschichte und Politiker Hermann Reincke-Bloch, nach Rostock. Dort unterstützte sie ihre Schwägerin bei der Kinderbetreuung und im Haushalt. Aus dem Erbe der Mutter erwarb Bloch ein zweistöckiges Haus mit Garten in der Rostocker Steintorvorstadt und eröffnete hier 1910 einen Fröbelschen Kindergarten, dem eine Kinderpflegerinnenschule angeschlossen war. Bevor die Kindergärtnerin ihre Bildungs- und Erziehungsinstitution eröffnete, hatte sie den Oberkurs an der von Alice Salomon am 15. Oktober 1908 in Berlin gegründeten interkonfessionellen "Sozialen Frauenschule" abgeleistet.

Blochs Kindergarten, der den Schülerinnen als Praxisstätte diente, galt bald als die "modernste und reformfreudigste Institution Mecklenburgs auf dem Gebiet der Kleinkinderfürsorge. Die Absolventinnen der Pflegerinnenschule galten als gesuchte Fachkräfte" (http://ruh.soziale-bildung.org/stolperstein-marie-bloch). Ganz im Sinne Friedrich Fröbels, der im kindlichen Spiel "die Grundlage einer bildenden Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich und der Welt gegeben sah, wurde in der praktischen Arbeit die Spieltätigkeit sowohl durch die vom Begründer des Kindergartens (Friedrich Fröbel; M.B.) entwickelten Spielgaben und Beschäftigungsmittel angeregt, wie auch der Ausführung von Bewegungsspielen sowie der musischen Erziehung und vor allem dem freien Spiel breiter Raum gegeben wurde" (Gittner 2013, S. 45).

Entsprechend der von Schrader-Breymann "erfundenen" Methode des Monatsgegenstandes, bei der ein Thema vier bis sechs Wochen lang behandelt wurde, "versuchte 'Tante Mieze' ihren Kindern zu einer Sachbegegnung zu verhelfen, die sie zu einem Wertschätzen sowie Verstehen hauswirtschaftlicher Tätigkeiten als der grundlegenden menschlichen Versorgungsweise befähigte. An den Ausführungen waren Mädchen wie Jungen gleichermaßen beteiligt. Beispielsweise wurde der Monatsgegenstand Wind in das Interesse der Kinder gerückt und mit Informationen und praktischen Tätigkeiten, z.B. Puppenwäsche vom Wind trocknen lassen, Lieder, Märchen, Erzählungen, Bilderbücher, Bastelarbeiten, Fingerspiele oder mit Bauaufgaben aus dem Fröbelbaukasten, wie eine Mühle bauen, den Kindern nahegebracht" (ebd., S. 48).

Quelle: Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen

Zusätzlich zu ihrem Engagement für den Kindergarten betätigte sich Bloch noch im sozialen Bereich. Sie war Mitglied im Frauenverein "Soziale Gruppe" und zeichnete für die ihr angeschlossenen weiblichen Jugendgruppe verantwortlich. Die jungen Mädchen der "Gruppen" arbeiteten als freiwillige Helferinnen in Kindergärten, Horten und ähnlichen sozialen Einrichtungen oder unterstützten alleinerziehende Frauen in der Kinderbetreuung. Ab 1910 gehörte Bloch dem Beirat des Vorstandes des "Volkskindergartens e.V." an. Außerdem engagierte sie sich im "Jugendbund", im "Verein Jugendwerkstatt" und im "Deutschen Fröbel-Verband".

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914) wuchs die Jugendgruppe, die folgend unter dem Namen "Helfende Hand" firmierte, auf etwa 150 Mitglieder an. Eine der vielen Aufgaben von Bloch war nun, die Mädchen mit nahezu allen Bereichen der Wohlfahrtspflege theoretisch wie praktisch vertraut zu machen. Bedingt durch den Einsatz der Mütter für die Rüstungsindustrie fehlte es an Kinderbetreuungsplätzen für deren kleinen Kinder. Noch im letzten Kriegsjahr wurde Bloch vom Kriegsamt Altona beauftragt, die Kindergärten und Krippen in großen Teilen Mecklenburgs umzugestalten. Von 1919 bis 1923 wirkte sie als Oberleiterin der städtischen Kinderfürsorge Rostocks. In dieser Funktion versuchte sie, die Erziehungskonzepte von Friedrich Fröbel und/oder Maria Montessori in den vorschulischen Einrichtungen durchzusetzen.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten gaben immer weniger Eltern ihre Kinder in den nun als "jüdisch" verfemten Privat-Kindergarten. Bereits im Sommer 1934 wurde die Kinderpflegerinnenschule von den Nationalsozialisten geschlossen, mit der Begründung, dass Blochs jüdischer Einfluss deutsche Mädchen verderben würde.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde in Rostock unweit des Kindergartens die Synagoge niedergebrannt. Der Kindergarten blieb unbeschädigt, jedoch durfte "Tante Mieze" nicht mehr als Kindergärtnerin tätig sein. Auch musste sie ihr Haus verkaufen. Zurückgezogen und völlig vereinsamt lebte die Verfemte auf dem Dachboden eines Hauses. Als 1941 die Juden gezwungen wurden, den Judenstern zu tragen, trug die überzeugte Christin neben den gelben Stern ein Kreuz aus Elfenbein.

Am 11. November 1942 wurde Marie Bloch in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort begegnete sie ihrer Schwester Cläre, die schwer krank war und von Marie bis zu ihrem Tod gepflegt wurde. Wenige Monate später starb auch sie (im April 1944). Verwandte erhielten die Nachricht, dass Marie Bloch (angeblich) an Typhus verstorben sei.

Rostock ehrte in vielfältiger Weise ihre einstige Mitbürgerin. Seit August 1989 trägt ein Kindergarten ihren Namen. Der in Rostock geborene Historiker Yaakov Zur enthüllte die Namenstafel und sprach die Hoffnung aus, dass der "Kindergarten Marie Bloch" ein lebendigen Grabstein im Sinne der hervorragenden Erzieherin sein wird" (zit. n. Jürgens 2002, S. 13). Den Kindern wünschte Zur: "Möge es nie wieder eine Zeit geben, in der man Kindern ihre Kindheit nimmt" (zit. n. Gundlach 2003, S. 179). Ferner wurde eine Straße nach Marie Bloch benannt, und ein Stolperstein erinnert an ihr Schicksal. Auf dem jüdischen Friedhof im Lindenpark wurde Blochs Namen, neben vielen anderen jüdischen NS-Opfern, in eine Stele eingeritzt.

Literatur

Beese, M.: Marie Bloch. In: Familie, Frauenbewegung und Gesellschaft in Mecklenburg 1870 - 1920. Rostock 1999, S. 288-297

Bethkenhagen, D.: "Tante Mieze" und ihre Kinder. Ausstellung über Marie Bloch im Max-Samuel-Haus, Erinnerungen an eine jüdische Stadtgröße. Norddeutsche neueste Nachrichten 2011, S. 13

Freunde gedenken Marie Bloch. Zusammentreffen anlässlich des 140. Geburtstages der Reformpädagogin. Norddeutsche neueste Nachrichten 2011, S. 15

Gittner, R.: Zur geschichtlichen Entwicklung des Kindergartens und seiner Vorgängereinrichtungen in Mecklenburg bis 1945. Berlin 2014 (unveröffentlichte Masterarbeit)

Gundlach, C.: Die Welt ist eine schmale Brücke. Yaakov Zur - ein Israeli aus Rostock. Erinnerungen und Begegnungen. Berlin 2003

Grewolls, G.: Bloch, Marie. In: Wer war wer in Mecklenburg und Vorpommern? Das Personenlexikon. Bremen 2011

Hoffgard, N.: Nasenbluten? Kein Problem! Tante Mieze war Seelentröster, Märchentante und Zauberin zugleich. In: Rostock im 19. und 20. Jahrhundert. Rostock 2012, S. 91-92

Jonas, A.: Ein Leben zum Wohl der jüngsten Rostocker: mit dem Erbe ihrer Eltern gründete Marie Bloch einen Kindergarten. Norddeutsche neueste Nachrichten 2013, S. 10

Jürgens, B.: Tante Mieze - ein Leben für Kinder. Das Schicksal der jüdischen Kindergartenleiterin Marie Bloch (1871-1944) in Rostock. Rostock 2002

Manke, M.: Bloch Marie. In: Biographisches Lexikon für Mecklenburg 2009, S. 71-72

Marie Bloch. In: Schröder, F.: 100 jüdische Persönlichkeiten aus Mecklenburg-Vorpommern. Rostock 2003, S. 29-30

Max-Samuel-Haus, Stiftung Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur (Hrsg.): Marie Bloch. In: Blätter aus dem Max-Samuel-Haus/Nr. 30. Rostock 2006, S. 3

Pelc, O.: 777 Jahre Rostock. Neue Beiträge zur Stadtgeschichte. Rostock 1995

Schlaefer, K.E.: Führer zu Orten jüdischer Geschichte in Rostock. Putbus o.J.

Schröder, F./Ehlers, I.: Zwischen Emanzipation und Vernichtung. Zur Geschichte der Juden in Rostock. Rostock 1988

Webseiten

http://ruh.soziale-bildung.org/stolperstein-marie-bloch (27.11.2014)

https://www.rostock-heute.de/ausstellung-marie-bloch-max-samuel-haus/20032 (27.11.2014)

http://www.lexikus.de/bibliothek/Beruehmte-Rostocker-Persoenlichkeiten-aus-800-Jahren/Marie-Bloch-Rostocker-Reformpaedagogin-%281871-1942%29 (27.11.2014)

http://www.0381-magazin.de/rostock/termine/39203/rostock/ausstellung-marie-bloch-reformpaedagogin-und-kindergaertnerin-max-samuel-haus-rostock-08-03-2011.html (27.11.2014)

http://www.juden-in-rostock.de/printlightbox/images/paulstrasse.jpg (27.11.2014)