Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Gertrud Dann

Manfred Berger

 

Die Kindergarten- und Fröbelbewegung wurde allgemein in hohem Maße von Frauen beeinflusst, darunter viele Jüdinnen. Ein großer Teil wirkte sozusagen im Stillen vor Ort, indem sie z.B. Kindergartenvereine oder Kindergärten gründeten, als Lehrerinnen oder Kindergärtnerinnen tätig waren.

Eine solche "stille Frau" war Gertrud Dann. Ihre Ausbildung zur Kindergärtnerin absolvierte sie am "Seminar für Frauenbildung" in Hellerau bei Dresden. Genannte Ausbildungsstätte wurde von der sächsischen Pädagogin Elisabeth Hunäus geleitet, einer Anhängerin der Anthroposophie Rudolf Steiners. In Hellerau "sollten jedoch keine Waldorfkindergärtnerinnen herangebildet werden. Mit dem Wissen um die in jener Pädagogik gefundenen Erziehungsgrundlagen sollte die Arbeit in diesem Seminar geprägt werden. Neben der in Hellerau traditionellen rhythmischen Gymnastik fand auch die Eurythmie Einzug... Die zukünftigen Kindergärtnerinnen erhielten eine Ausbildung, die eine Förderung des Kreativ-Künstlerischen wie Praktisch-Handwerklichen vorsah. Der obligatorische wissenschaftliche Unterricht war nicht ausgespart. Ebenso wurde Wert auf die Rhythmisierung des Lebens durch das Hervorheben von Festen, von Spiel und Tanz gelegt" (Fasshauer 1997, S. 239).

Gertrud Dann erblickte als dritte Tochter von Fanny Dann, geb. Kitzinger, und des Kaufmanns und Synagogenkommissars Albert Dann am 27. Mai 1908 in Augsburg das Licht der Welt. Sie hatte noch vier Schwestern, mit denen Gertrud eine glückliche Kindheit erlebte. Ihre um sieben Jahre ältere Schwester starb im Alter von 17 Jahren.

Die Familie wohnte in einem vornehmen Haus (damals) außerhalb der Stadt mit einem großen Garten. Vom ersten Stock aus hatte man bei Föhn einen herrlichen Blick auf die Alpen. Die Mädchen wurden nicht streng erzogen, "aber wir wußten genau, was erlaubt und was verboten war", resümierte rückblickend Gertrud Dann (1998, S. 108). Wie ihre älteren Schwestern besuchte sie das weit über die Stadt hinaus hochgeschätzte "Anna Barbara von Stetten'sche Institut". Eigentlich wollte die junge Frau Tänzerin oder Gymnastiklehrerin werden. Da der Arzt der Familie aber meinte, sie wäre für genannte Berufe zu zart, entschied sie sich für den Beruf der Kindergärtnerin.

An ihre Ausbildung in Hellerau hatte Gertrud Dann keine guten Erinnerungen: "Das Seminar wurde nach anthroposophischen Grundsätzen geführt, die mir sehr fremd und absolut unverständlich waren. Ich war ziemlich unglücklich dort, abgesehen von den Gymnastikstunden und vom Volkstanzen. Nach eineinhalb Jahren machte ich das Examen mit mittelmäßigem Resultat" (ebd., S. 109). Nach Augsburg in das Elternhaus zurückgekehrt, lernte Gertrud Dann noch Säuglingspflege und arbeitete danach als Erzieherin in verschiedenen jüdischen, katholischen und paritätischen Kinderheimen (u.a. in und bei München sowie Hamburg), "teils bei den Babies, teils bei den Kindergartenkindern oder den Schulkindern" (ebd.).

Im Jahr 1932 übernahm die 24-Jährige die Leitung eines kleinen Kindergartens, der von ca. zehn bis zwölf Kindern besucht wurde. Untergebracht war die Vorschuleinrichtung im früheren Kinderzimmer des Elternhauses. Sie war nur vormittags, von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Aufgenommen wurden Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren., in Ausnahmefällen auch früher. Die Einrichtung erhielt keine finanziellen Unterstützungen, weder von der Stadt noch von der Jüdischen Gemeinde. Er trug sich allein über die Elternbeiträge. Demzufolge besuchten überwiegend Kinder aus "gutem Hause" den Privatkindergarten. Die Väter waren Geschäftsinhaber, Ärzte, Juristen, Fabrikbesitzer und Gelehrte. Bewusst nahm die Kindergartenleiterin aber auch weniger bemittelte Kinder, ferner nicht nur jüdische, sondern ebenso evangelische wie katholische Kinder auf. Sie war nämlich davon überzeugt, dass kulturelle, soziale und religiöse Unstimmigkeiten nur durch gemeinsame Erziehung von Kindern unterschiedlicher Kulturen, Religionen und sozialer Schichten überwunden werden können. Die pädagogische Konzeption orientierte sich an der Pädagogik Fröbels. Dementsprechend stand das Spiel im Zentrum des Kindergartenalltags. Dazu vermerkte Gertrud Dann in ihrem Kindergartentagebuch: "Fröbel hat den hohen Ernst und den ungeheuren Entwicklungssinn des kindlichen Spiels wie kein anderer durchschaut und der von seinen Gedanken getragene Kindergarten hat seine zentrale Aufgabe von jeher darin gesehen, dem freien Spiel des Kindes breiten Raum und vielfältige Möglichkeit zu geben" (zit. n. Berger 1994, o.S.).

Privatkindergarten von Gertrud Dann

Prospekt des Privatkindergartens. Quelle: Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen

Vielfältige ausgewählte Spiele standen den Kindern zur Verfügung. Neben den Fröbel'schen Baukästen gab es im Kindergarten u.a. Puppen, "ein Schaukelpferd und didaktisches Spielzeug (Puzzles). Die Kinderspielsachen waren von der Leiterin selbst hergestellt worden (Turner an der Stange, der sich überschlagen konnte)" (Lütkemeier 1992, S. 122). Besonderen Wert legte Gertrud Dann auf wertvoll ästhetische Bilderbücher, wie "Hänschen im Blaubeerwald" von Elsa Beskow, "Die Wiesenzwerge" von Erst Kreidolf oder "Hans Wundersam" von Adolf Holst. Für jedes Kind wurde ein Schulheft mit seinen Bastel-, Mal- und Klebearbeiten angelegt, "das den Eltern, wenn die Kinder den Kindergarten verließen, ausgehändigt wurde... Es wurden viele Sparziergänge unternommen. Täglich wurde mit den Kindern zehn Minuten Gymnastik gemacht oder geturnt" (ebd., S. 122 f.).

Im Jahr 1933 kam Adolf Hitler an der Macht. Die Juden wurden Bürger zweiter Klasse und erfuhren von Anfang an unschöne Stigmatisierungen. Gertrud Dann durfte ab 1934 keine "arischen Kinder" mehr aufnehmen, da sie als Jüdin unfähig war, die deutschen kulturellen Werte und Normen zu vermitteln, ihr "schlechter jüdischer Einfluß nach Meinung der Nazis" die Kinder "verdorben hätte" (Dann 1998, S. 109). Schließlich musste sie mit ihrem Kindergarten in Nebenräume der Augsburger Synagoge, gelegen mitten in der Stadt, übersiedeln. Da immer mehr jüdische Familien emigrierten, gab es keine Kinder mehr, und Gertrud Dann stellte 1937 den Betrieb des jüdischen Kindergartens ein. Nachfolgend arbeitete sie in einem Kinderheim der "Israelitischen Jugendfürsorge" in München bis zu ihrer Auswanderung im Jahre 1939 nach England.

In der neuen Heimat durfte Gertrud Dann zunächst nur als Hausangestellte arbeiten. Bis Anfang 1941 war sie als Zimmermädchen oder Köchin tätig. Über ihre Schwester Sophie kam sie in Kontakt mit Anna Freud, der Tochter des weltberühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud und Begründerin der "Hampstead Nurseries". Dort übernahm sie die Abteilung "Kinderparadies". Sie betreute Kinder, "die zu groß für die Säuglingsabteilung und zu klein für den Kindergarten waren" (Dann 1998, S. 120).

Nach Kriegsende begann für Gertrud Dann, wie sie schrieb, "die lohnendste Arbeit, die ich in meinem ganzen Leben geleistet habe" (ebd., S. 122): Zusammen mit ihrer Schwester arbeitete sie mit schwer traumatisierten jüdischen drei- und vierjährigen Waisenkindern aus deutschen Konzentrationslagern, die an ein "normales" Leben gewohnt werden mussten. Eine ungemein schwierige Aufgabe, denn die Kinder hatten keine Vorstellung von einer normalen Umwelt: "Familie, Haushalt, Garten, Läden, Schaufenster, Verkehrsmittel, all dies war ihnen fremd. Nur große Lastwagen schienen ihnen bekannt zu sein, offenbar eine Erinnerung an die Transportwagen im Konzentrationslager. Außer Hunden kannten sie keine Tiere. Vor diesen hatten sie anfangs entsetzliche Angst, wahrscheinlich wegen im Lager gemachter Erfahrungen. In den ersten Lebensjahren hatten sie nur solches Spielzeug zur Verfügung, das die Erwachsenen aus leeren Fadenrollen, Büchsen und Lappen für sie angefertigt hatten" (zit. n. Römer 1990, S. 209).

Nach einem Jahr erfolgreicher Arbeit fand Gertrud Dann, die 1946 die britische Staatsbürgerschaft erhielt, eine Anstellung in einem Heim für Flüchtlingskinder. Im Jahre 1958 übernahm sie noch eine Stelle als Bibliothekarin in der "Hamstead Child Therapy Coure and Clinic", die sie nach 20 Jahren niederlegte.

Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Gertrud Dann zusammen mit ihrer Schwester Sophie in einem englischen Altenheim. Sie starb am 2. April 1998 in der Grafschaft Sussex.

Literatur

Berger, M.: Jüdischer Kindergarten mußte schließen. Donauzeitung vom 13.04.1994, o.S.

Dann, G.: Ich war die rote Prinzessin. In: Römer, G. (Hrsg.): Vier Schwestern. Lebenserinnerungen von Elisabeth, Lotte, Sophie und Gertrud Dann aus Augsburg. Augsburg 1998, S. 105-134

Fasshauer, M.: Das Phänomen Hellerau. Die Geschichte der Gartenstadt. Dresden 1997

Lütkemeier, H.: Hilfen für Kinder in Not. Zur Jugendwohlfahrt der Juden in der Weimarer Republik. Freiburg/Brsg. 1992

Römer, G.: Schwäbische Juden. Leben und Leistungen aus zwei Jahrhunderten. Augsburg 1990, S. 200-209