Entwicklung begleiten - Beziehung gestalten im U3-Bereich: Qualitäts- und Personalentwicklung für die Elementarerziehung

Stephan Rietmann und Ulrike Stening-Peters

 

In diesem Beitrag stellen wir das Projekt "Entwicklung begleiten - Beziehung gestalten im U3-Bereich" vor, das die Arbeit von Fach- und Leitungskräften sowie von Gruppenleitungen in Kindertageseinrichtungen in der Stadt Borken im U3-Bereich unterstützt. Das Konzept ist von der Psychologischen Beratungsstelle des Caritasverbandes Borken erarbeitet und in enger Abstimmung mit Vertreter/innen der teilnehmenden Einrichtungen detailliert worden.

Zielsetzung des Projektes ist die Weiterbildung der Fachkräfte in praktischer, methodischer und theoretischer Hinsicht. Ferner zielt das Projekt auf die Unterstützung der Qualitätssicherung in der U3-Betreuung sowie auf die Vernetzung der Akteure, die im U3-Bereich aktiv und verantwortlich sind. Projektbeteiligte sind der Fachbereich Jugend und Familie der Stadt Borken als Auftraggeber, die Psychologische Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern des Caritasverbandes Borken e.V. als Projektträger sowie die Kindertageseinrichtungen im Stadtgebiet Borken. Unterstützend wirken Fachkräfte und Institutionen mit, die mit U3-Kindern arbeiten (z.B. Frühfördereinrichtungen, Kinderärzte).

Die Laufzeit des Projekts ist für den Zeitraum Herbst 2013 bis Ende 2015 geplant. Von den insgesamt 22 Kindertageseinrichtungen im Stadtgebiet Borken nahmen 17 Einrichtungen aktiv teil. Sie besuchten die Vorträge oder nutzten die Möglichkeit der längerfristig angelegten methodischen Fort- und Weiterbildung.

1. Anlass und Hintergrund des Projektes

Immer mehr und jüngere Kinder besuchen eine Kindertagesstätte. Die Mitarbeiter/innen dieser Einrichtungen sind gefordert, sich mit dieser neuen Herausforderung auseinander zu setzen und altersentsprechende Konzepte zu entwickeln. Mit dem Projekt BEN - Borkener Entwicklungsnetz - gab es ein Referenzprojekt, das seit 2004 erfolgreich für die 4- bis 6-jährigen Kinder entwickelt und systematisch in den Einrichtungen umgesetzt wurde. Auftrag war es nun, ein auf die jüngeren Kinder und ihren Bedürfnisse entsprechendes Programm im Rahmen der frühen Hilfen zu konzipieren. Da mittlerweile ein großes Fortbildungsangebot für die Erzieher/innen im U3-Bereich besteht, wurde das Projekt so konzipiert, dass die Kinder mit ihrem Bedürfnis nach Beziehung, Bindung und Entwicklung sowie die Erzieher/innen mit ihrem Bedürfnis nach beruflicher Qualifizierung, Weiterentwicklung und Selbststeuerung gleichzeitig in den Blickpunkt genommen wurden. Dabei erschienen folgende Aspekte besonders wichtig:

  • Je jünger Kinder sind, umso wichtiger sind verlässliche Bindungen und Beziehungen für die Entwicklung.
  • Beziehungsarbeit ist demnach zentral für die U3-Pädagogik. Um nachhaltig wirksam handeln zu können sind dafür eine gut funktionierende Selbststeuerung und eine sorgsame Selbstfürsorge wichtig.
  • Eine einrichtungsübergreifende Fallberatung soll zur vertiefenden Analyse und Lösungsentwicklung in besonderen Fällen aus der eigenen Praxis beitragen. Die Reflektion der täglichen Praxis ist sinnvoll, um aus der Distanz einen neuen Blickpunkt auf eine Situation, ein Kind oder eine Familie einnehmen zu können. Erprobte, kreative Methoden und eine Moderation von außen erleichtern dieses Vorgehen.
  • Qualitätssicherung spielt in der U3-Betreuung eine wichtige Rolle. Im Stadtgebiet Borken sollen die Akteure, die im U3-Bereich aktiv und verantwortlich sind, untereinander stärker vernetzt werden, um kollegiale Fachpraxis gemeinsam weiter zu entwickeln.

Diesen Anforderungen entspricht das Projekt durch vier Module mit jeweils spezifischer methodischer und inhaltlicher Ausrichtung. Diese Module werden im Folgenden beschrieben:

  • das Modul Beobachterschulung (Marte-Meo),
  • das Modul Selbstfürsorge,
  • das Modul Kollegiale Beratung und
  • das Modul Wissensinput (Vorträge).

2. Das Modul Beobachterschulung (Marte Meo)

2.1. Die Idee des Moduls Marte Meo

Bindung und Beziehung sind im U3-Bereich von herausragender Bedeutung für die kindliche Entwicklung. Sie sind Grundlage, damit sich Kinder positiv entwickeln können. Je sicherer ein Kind gebunden ist, umso freier und selbstbewusster kann es explorieren. Viele kleine Schritte und Momente im Alltag ermöglichen eine gute Beziehung und Bindung zwischen Kind und Fachkraft. Oft ist es im Nachhinein schwer, sich diese Momente bewusst ins Gedächtnis zu rufen, um sie reflektieren und erfolgreiches, wirkungsvolles Handeln identifizieren zu können. Interaktionen laufen nämlich intuitiv und vielfach implizit ab, sodass sie oftmals unbewusst bleiben.

Um Reflektion und Verstehen zu ermöglichen und sichtbar zu machen, was und wozu interaktionelles Verhalten hilfreich ist, haben sich Videoaufnahmen aus dem Alltag als hilfreich erwiesen. Sie erlauben es, die Interaktion zwischen Fachkraft und Kind wiederzugeben und diese intensiver auszuwerten. Auch ermöglichen Videoaufnahmen, kindliches Verhalten zu reflektieren, und besser zu verstehen, um daraus kindliche Bedürfnisse und somit für die Entwicklung unterstützende Haltungen und Handlungsmöglichkeiten der Fachkräfte abzuleiten.

2.2. Die Methode Marte Meo

Ein wichtiger Leitsatz unserer täglichen Arbeit in der Beratungsstelle ist es, mit einer offenen, positiven und ressourcenorientierten Haltung wahrzunehmen und zu beraten. Die Methode Marte Meo übersetzt diese positive und ressourcenorientierte Sichtweise in eine wirkungsvolle und entwicklungsanregende Beratungsmethode. Marte Meo bedeutet soviel wie "Aus eigener Kraft" und ist eine videogestützte Beratungsmethode, die in den 1980er Jahren von Maria Arts aus den Niederlanden aus der Praxis für die Praxis entwickelt wurde. Kinder, Eltern und Fachkräfte sollen befähigt und unterstützt werden, Entwicklungsprozesse aus eigener Kraft zu aktivieren und weiterzuentwickeln. Marte Meo ist immer Entwicklungszeit, und Probleme werden als Wachstumsmöglichkeiten verstanden. Wenn Menschen Aufgaben und Probleme erfolgreich lösen, baut dies Kompetenzen auf und stärkt die Person und ihre Selbstwirksamkeitsüberzeugungen.

Grundlage für diese Methode ist das Marte Meo Basiswissen. Arts filmte alltägliche gelungene Interaktionen zwischen Eltern und Kindern. Diese analysierte sie auf angemessenes und natürliches Verhalten, welches die Entwicklungsinitiativen eines Kindes wahrnimmt, diesen Initiativen folgt und sie unterstützt. Gleichzeitig erhielt sie Informationen darüber, wie Eltern sowohl in strukturierten als auch in unstrukturierten Situationen dem Kind Klarheit und Orientierung geben. Dieses Basiswissen ist die Grundlage, beispielsweise um blockierte Entwicklungsprozesse zu erkennen und zu aktivieren und um Eltern und Fachkräfte konkrete, detaillierte und einfach formulierte Informationen geben zu können.

Mit Hilfe von Marte Meo und vielschichtigen Videoaufnahmen wurden im Modul der Beobachterschulung folgende Fragen und Themen erarbeitet, vertieft und ausgebaut:

  • Einführung in das Marte Meo Basiswissen und Nutzen der Methode für die praktische Arbeit im U3-Bereich.
  • Bedeutung von Beziehung und Bindung für die kindliche Entwicklung und Möglichkeiten, dies positiv zu gestalten.
  • Spielverhalten von U3-Kindern und Möglichkeiten, es gezielt zu unterstützen, zu stärken und zu begleiten, sodass das Spiel als Motor kindlicher Entwicklung möglich ist.
  • Was benötigt das Kind, um vom Ich zum Du und zum Wir zu kommen? Wie schaffe ich Verbindung zwischen den Kindern, aber auch zu anderen Fachkräften in der Gruppe, sodass ein gegenseitiges Wahrnehmen und Kennenlernen möglich ist?
  • Wie leite ich das Kind positiv in strukturierten Situationen (z.B. Wickeln), damit es Sicherheit und Vertrauen erfahren kann, aber auch damit es lernt, aufmerksam und konzentriert dabei bleiben zu können, um am Entwicklungsstand orientiert entsprechend zu kooperieren?
  • Wie kann ich das Kind im Alltag sprachlich unterstützen?
  • Was übernehme ich für das Kind und welche Probleme kann es mit Unterstützung selbständig lösen, damit es Probleme als Wachstumsmöglichkeit erfährt? Wie kann ich so die Frustrationstoleranz stärken sowie Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen aufbauen?
  • Welche Bedeutung hat das Spiegeln von Handlungen, Gesten, Mimik und Sprache für die kindliche Entwicklung?

Die Teilnehmer/innen nutzten die Möglichkeit, sich als Marte Meo Praktiker/innen ausbilden zu lassen. Sie brachten zu verschiedenen Themen Videoaufnahmen von sich in der Interaktion mit einem oder mehreren Kindern mit. Diese Aufnahmen wurden mit Hilfe der Marte Meo Interaktionsanalyse vorrangig mit drei Fokussierungen analysiert:

  1. Wann passiert etwas? (z.B. wann zeigt das Kind eine Spielinitiative)
  2. Was entwickelt sich? (z.B. die Erzieherin nimmt die Initiative wahr, folgt dieser und benennt sie)
  3. Wozu ist das hilfreich? (z.B. das Kind fühlt sich gesehen, bekommt eine Spiegelung seiner Initiative, wird sprachlich unterstützt usw.)

Dieses Herangehen "Wann - Was - Wozu" macht bewusst, wie man Kinder in ihrer Entwicklung positiv unterstützen kann und was Kinder in besonderen Situationen benötigen.

Da sich die Teilnehmer/innen über ein halbes Jahr an sechs Terminen immer wieder regelmäßig mit demselben Kind filmten, konnten sie anhand der Aufnahmen selber sehen, wie sich das Kind und wie sich die Bindung zum Kind positiv weiterentwickelt haben. Dieses Sichtbarmachen der eigenen Arbeit gab den Teilnehmenden ein positives Gefühl für die eigene praktische Arbeit und Selbstwirksamkeit. Sie übten diese bewusster, zufriedener und selbstbewusster aus. Gleichzeitig verinnerlichten sie das Marte Meo Basiswissen, sodass die innere Haltung (z.B. Wie gehe ich auf ein Kind zu? Wie nehme ich es wahr? Wie kann ich es positiv begleiten und unterstützen?) sich in der gesamten pädagogischen Arbeit widerspiegelte und sich fortschreitend automatisierte. Es wurde sichtbar, dass eine positive und entwicklungsunterstützende Zeit im U3-Bereich eine wichtige Grundlage für die weitere Entwicklung eines Kindes ist.

2.3. Der fachliche und persönliche Gewinn der Teilnehmenden

Projekte sind dann erfolgreich, wenn sie einen Nutzen für die Teilnehmenden haben. Die Rückmeldung zum Beobachtungsmodul deutet an, in welchen Bereich der Nutzen als besonders groß erlebt wird:

  • Die Erzieher/innen erlernen eine strukturierte Beobachtungsmethode.
  • Sie werden in ihrer Beobachtungsfähigkeit gestärkt.
  • Sie erlernen eine Methode, die im Alltag umgesetzt wird und keine Sondersituation benötigt.
  • Sie erfahren Sicherheit in der Beziehungsgestaltung im Alltag.
  • Sie erfahren Sicherheit in der Bewertung der Bindungsfähigkeit und -qualität.
  • Sie werden sich bewusst, in wie vielen unbewussten Momenten Entwicklung im Alltag unterstützt werden kann und wird.
  • Sie werden sich ihrer eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten bewusster und können diese gezielter einsetzen.
  • Sie sehen am Bild die positiven Erfolge und werden in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt.

Das Modul trägt nach den Erfahrungen in diesem Projekt zur Qualitätssicherung in einer Einrichtung bei, denn Bilder dokumentieren die fachliche Arbeit und machen Stärken und Entwicklungsbereiche sichtbar.

3. Das Modul Selbststeuerung

3.1. Die Idee des Moduls Selbststeuerung

Leitidee dieses Moduls ist es, Menschen auf dem Weg zu einer guten Kooperation mit sich selbst zu begleiten. Berufliches Handeln von Erzieher/innen im U3-Bereich bewegt sich zwischen pädagogisch fachlichem Anspruch und der Erfordernis, der Leitidee einer Dienstleistungskultur zu entsprechen. Die in der U3-Arbeit typische Beziehungsarbeit fordert von den Fachkräften, sich in einer Dynamik von Zuwendung und Abgrenzung zu bewegen: gegenüber den Kleinkindern, den Eltern, den Kolleg/innen, der Leitung und dem Träger sowie weiteren professionellen Vernetzungspartnern. Dauerhaft erfolgreich können diese Anforderungen am besten dann gestaltet werden, wenn die handelnden Fachkräfte eine gut funktionierende Selbststeuerung, eine positive Selbstbeziehung und eine wirksame Selbstfürsorge haben.

3.2. Die Methode

Unter Selbstfürsorge verstehen wir die Fähigkeit einer Person, wirkungsvolle Leistungen der Selbststeuerung zu erbringen. Dies beinhaltet vielfältige Funktionen, denen gemeinsam ist, dass sie situativ dafür sorgen, dass die Bedürfnisse der Person erfüllt sind und ein Zustand von Wohlbefinden, Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit besteht und erhalten wird. Dazu gehören beispielsweise:

  • Selbstmotivierung bei Aufgaben, die einem nicht zusagen,
  • Selbstberuhigung bei Themen und Situationen, die einen aufwühlen,
  • Frustrationstoleranz und Umgang mit Dingen, die Ärger auslösen,
  • Regulation und Verringerung von Stress,
  • Prüfung, welche Aufgaben man sich selbst aussucht und welche einem von außen vorgegeben werden,
  • achtsame Nutzung innerer, auch gegensätzlicher Handlungstendenzen in einem Zustand von Vielstimmigkeit statt Ambivalenzen rigoros zu vermeiden.

Konzeptuell nutzen wir in diesem Modul die Methode der Teilearbeit (hier des inneren Teams), bei der Ich-Anteile (ego states) und gegensätzliche oder mehrdeutige Handlungstendenzen (Ambivalenzen oder Polyvalenzen) sichtbar gemacht werden und sensibel genutzt werden sollen. Dabei geht es um Alltagserfahrungen, die jede Person kennt: Man freut sich auf eine spannende Aufgabe; es missfällt einem jedoch, dass dafür ein freies Wochenende verloren geht. Man mag eine Person, und es gibt Verhaltensweisen an ihr, die einen massiv stören. Statt in energiezehrende innere Dialoge zu gehen, sollen produktive, vielstimmige und ressourcenaktivierende Strategien gefördert werden.

Das innere Team kann man im Sinne innerer Stimmen auf Kärtchen sammeln; zu jeder Stimme Ressourcen, Kompetenzen und Qualitäten identifizieren; die Stimmen im Raum aufstellen und sie anschließend in Dialog treten lassen und dazu funktionale und dysfunktionale Glaubenssätze herausarbeiten. Die Methode der Arbeit mit dem inneren Team bildet den Mittelpunkt dieses Moduls. Darüber hinaus werden Entspannungsübungen (Trancearbeit) angeboten, Möglichkeiten einer tragfähigen Selbstfürsorge im Alltag zusammen erarbeitet und positive Beispiele aus dem Alltag der Teilnehmenden gemeinsam reflektiert.

3.3. Der fachliche und persönliche Gewinn der Teilnehmenden

Die Teilnehmenden berichten, dass ihnen die Mitwirkung an diesem Modul persönlich gut tut und sie sich gestärkt fühlen. Sie werden mit ihren persönlichen Themen ernst genommen, und ihre anspruchsvolle berufliche Aufgabe wird in der Gruppe gewürdigt. Die vielfältigen Aufgaben des Alltags erfordern es oft, den Blick auf das externe Kooperationssystem zu legen. In diesem Modul geht der Blick nach innen, auf eigene Strategien im Umgang mit dem beruflichen Alltag, mit Herausforderungen und Grenzsituationen. Die Teilnehmenden melden zurück, dass sie insbesondere von diesen Punkten profitieren:

  • Erkennung und Benennung von oftmals selbst erzeugten Stressfaktoren und Stresstreibern,
  • Identifizierung tragfähiger persönlicher Ressourcen und von Möglichkeiten, diese zu aktivieren,
  • Würdigung von Ruhe und Rückzugsbedürfnissen wie von Bedürfnissen nach Aktivität und Austausch,
  • Förderung von Selbstfürsorge, Selbstausdruck und Autonomie- und Abgrenzungswünschen,
  • Unterstützung eines ressourcenorientierten, nährenden Umgangs mit dem eigenen inneren Team, um dieses als Alltagspartner zu nutzen,
  • Erkennen, dass innere Teile "Diener" des Gesamtsystems sein sollten statt "Herrscher" sowie
  • Nutzung kollegialer und sozialer Unterstützung als wichtiger Alltagsressource.

4. Das Modul Kollegiale Beratung

4.1. Die Idee der Kollegialen Beratung

Erzieherinnen aus verschiedenen Kindertageseinrichtungen und Familienzentren der Stadt Borken treffen sich in diesem Angebot zu einem strukturierten und extern moderierten kollegialen Austausch, um sich gegenseitig ihre Kompetenzen zugänglich zu machen und Antworten auf individuelle Fragen aus dem Berufsalltag zu erarbeiten. Dies geschieht in einem vertrauensvollen, konkurrenz- und prüfungsfreien Arbeitsrahmen unter professioneller, didaktischer Anleitung erfahrener Fachkräfte der Psychologischen Beratungsstelle.

4.2. Die Methode

Kollegiale Beratung ist eine strukturierte, lösungs- und ressourcenorientierte Lern- und Arbeitsform. Der Ablauf orientiert sich an dem Modell der Kollegialen Fallberatung (z.B. Franz/ Kopp 2010). Die Wahl der ergänzenden Methoden wird in Abstimmung auf den Fall und die Gruppe getroffen.

Im vorliegenden Projekt ist vereinbart, an geeigneten Stellen methodische Qualifizierung der Teilnehmenden zu unterstützen, indem entsprechende Techniken und Arbeitsweisen vorgestellt werden. Dies können methodische Trainings zu Fragetechniken oder Beratungsmethoden sein, Strategien zur Dissoziierung und Distanzierung oder Wissensvermittlung und Informationen über Persönlichkeitsstile und -störungen, die menschliche Stressreaktion sowie weitere relevanten Themen mehr sein.

Der Fallgeber oder die Fallgeberin bringt ein Anliegen ein. Die Gruppe analysiert den Fall und sammelt zunächst Assoziationen, Bilder, Hypothesen und Erklärungsansätze, die dem Fallgeber angeboten werden. In einem nächsten Schritt berät die Gruppe und entwickelt Lösungsvorschläge mit Bezug auf eigene Erfahrungen und stellt hypothetische Lösungsoptionen dar. Der Fallgeber lernt auf diese Weise mögliche alternative Beschreibungs- und Lösungsvarianten kennen und kann sich die Ideen herausziehen, die für seine aktuell eingebrachte Fragestellung hilfreich sind.

Moderiert wird der Prozess von einer Fachkraft der Psychologischen Beratungsstelle, die neben einer einschlägigen Hochschulausbildung (z.B. Sozialpädagogik, Heilpädagogik, Psychologie) über Zusatzqualifikationen in Beratungs- und Therapieverfahren und mindestens fünf Jahre Beratungspraxis verfügt. Die Fachkraft ermöglicht einen Arbeits- und Lernrahmen, bringt Methoden zur professionellen Fallberatung ein, moderiert und steht auch als Berater zur Verfügung. Nach und nach wird seine Rolle immer mehr die eines Lernberaters auf Anforderung der Teilnehmenden.

4.3. Der fachliche und persönliche Gewinn der Teilnehmenden

Für die Teilnehmenden sind mit Kollegialer Beratung in den Rollen des Fallgebers und der Mitwirkung im Beratungsteam Lern- und Kompetenzzuwächse verbunden. Für den konkreten Fall wird unter Nutzung der Gruppenintelligenz ein vertieftes Verständnis möglich; es werden neue Perspektiven und erweiterte Lösungsideen entwickelt. Indem man Sichtweisen auf den Fall teilt, kann Entlastung entstehen, weil auch andere Gruppenmitglieder mit dem Fall Probleme erleben. Langfristig kann sich ein fachlicher Blick ausbilden, der zugrunde liegende Probleme, Themen und Strukturen rascher und tiefgründiger erfasst. Zusammenfassend berichten die Teilnehmenden verschiedene Aspekte, die sie als nützlich und hilfreich erleben:

  • Sofortnutzen durch konkrete, situative Problemlösungen für reale Fälle,
  • Eröffnung neuer Perspektiven und Handlungsoptionen,
  • Erweiterung der Urteilsfähigkeit sowie der Wahrnehmungs- und Verhaltenskompetenz,
  • gegenseitiger Erfahrungsaustausch und eine neue Kultur des Miteinander- und Voneinanderlernens,
  • Training von Methoden der Kommunikation und Beratung,
  • Abbau belastender Emotionen und
  • Anschluss in einem professionellen Netzwerk.

5. Das Modul Vorträge und Veranstaltungen

5.1. Die Idee zu Vorträgen und Veranstaltungen

In diesem Modul sollen Vorschläge und Wünsche der Einrichtungen für Themen aufgegriffen werden, zu denen spezifischer Informationsbedarf besteht. Praktische und theoretische Themen sollen in Form von Vorträgen vermittelt werden.

5.2. Die Themen des Moduls

Vortrag 1: "Beziehung leben - Ver-Bindung schaffen"

In einem ersten Vortrag wurde den Teilnehmer/innen das Modellprojekt "Mo-Ki - Monheim für Kinder" von Inge Nowak, Koordinatorin und Leiterin von Mo-Ki vorgestellt. Mo-Ki beschreibt den Leitgedanken der Monheimer Jugendhilfeplanung. Dabei handelt es sich um einen kommunalen Präventionsansatz, der einen systematischen Umbau der Kinder- und Jugendhilfe zum Ergebnis hat - weg von der Reaktion auf Defizite hin zur Prävention als aktive Steuerung und Gestaltung. Im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen das Kind und seine Entwicklung. Die Methode Marte Meo ist in diesem Projekt ein zentraler Baustein, da sie von der Geburt bis in Jugendalter eingesetzt wird. Die Fachkräfte der Kindertageseinrichtungen werden u.a. alle in dieser Methode geschult.

Vortrag 2: "Die Kleinen haben viel zu erzählen - Kommunizieren mit den Händen"

In diesem Vortrag erläuterte Frau Annette Hüning, Heilpädagogin und Mitarbeiterin der Frühförderstelle Haus Hall Gescher, wie die sprachliche Entwicklung der Kinder durch einfache Gesten und Gebärden gezielt unterstützt und die Kommunikationsmöglichkeiten der Kinder erweitert werden kann. Es wurden die Grundlagen der Kommunikation und Sprachentwicklung angesprochen und aufgezeigt, welche Bereicherung die Gebärden für die kindliche Sprachentwicklung darstellen. Ebenso wurden die Teilnehmer/innen mit ersten Gebärden für den Alltag vertraut gemacht.

Vortrag 3: "Frühförderung - Ein Angebot für Kinder mit Behinderung oder Entwicklungsverzögerung"

In diesem geplanten Vortrag werden zwei Frühförderstellen ihre Arbeit, die Zugangswege und Voraussetzungen für dieses Hilfsangebot vorstellen. Dieser Vortrag dient der Information über bedeutende Netzwerkpartner und soll die Zusammenarbeit zwischen den Kindertageseinrichtungen und den Frühförderstellen erleichtern.

Vortrag 4: Kinderärzte

Die Kindertageseinrichtungen äußerten den Wunsch, spezifische pädiatrische Fragen und Themen mit einem Kinderarzt zu diskutieren. Dazu ist ein Angebot in Planung.

5.3. Der fachliche und persönliche Gewinn der Teilnehmenden

Dieses Modul unterstützt Informationsbedarfe der Teilnehmenden durch zielgenaue, punktuelle Veranstaltungen mit für die U3-Arbeit bedeutenden Netzwerkpartnern. Dabei wird insbesondere dieser Nutzen deutlich:

  • Die Teilnehmenden können neues Wissen erwerben und bereits bekanntes auffrischen und vertiefen.
  • Interdisziplinäre Netzwerkkontakte können erweitert und gepflegt werden.
  • Die Teilnehmenden bekommen Impulse und Anregungen für ihre eigene konzeptionelle Arbeit.
  • Die Qualität der Arbeit wird durch bedarfsgerechten Kompetenzaufbau gefördert.

6. Zusammenfassung und Fazit

Leitidee dieses Projektes ist es, Betreuungsqualität in der U3-Arbeit zu verbessern, indem Erzieher/innen unterstützt werden, Entwicklungsprozesse noch genauer wahrzunehmen und diese wirksam zu gestalten. Der Ansatz, fachliche Kompetenzen insbesondere der Beobachtung und Reflektion fort zu entwickeln, wird mit der Persönlichkeitsentwicklung der Erzieher/innen verbunden. Es hängt nämlich wesentlich von der Gestaltung der Beziehung zu sich selbst ab, wie eine Erzieherin mit Kleinkindern in Kontakt gehen kann. Hier setzt der Baustein Selbststeuerung an. Die Kollegiale Fallberatung unterstützt Reflexionsprozesse im Einzelfall und regt damit an, einen vertieften Blick auf Interaktionen, Wechselwirkungen und das Beziehungsgeschehen zu werfen.

Die Rückmeldungen der Teilnehmenden und des Projektförderers sowie die Erfahrungen des Projektträgers sind ermutigend, dass dieser Projektansatz einen Beitrag zur Qualitätsentwicklung leistet. Diese besteht vor allem in:

  • Qualifizierung der Teilnehmenden in den Bereichen Wahrnehmungsfähigkeit, Selbststeuerung und Reflektionsvermögen,
  • Unterstützung von Kommunikation und Zusammenarbeit der verschiedenen Netzwerkpartner,
  • Förderung gemeinsamer Standards in der U3-Arbeit und Kommunikation über bestehende fachliche Standards in den Einrichtungen vor Ort,
  • Würdigung der Bedeutung der U3-Arbeit und der Fachkräfte, die diese verantwortliche Tätigkeit ausüben, und Motivation der Erzieher/innen.

Das Projekt läuft noch bis 2015. In dem noch bevorstehenden Projektzeitraum sind diese Schritte vorgesehen:

  • Die Module 1 bis 3 werden wiederholt angeboten, um den Kreis der teilnehmenden Erzieher/innen zu erweitern und um auch dem Wunsch nach erneuter Durchführung zu entsprechen.
  • Fachlicher Austausch mit der Stadt Borken als Projektförderer, den Kindertageseinrichtungen und der Psychologischen Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern als Projektträger, um weitere Erfahrungen, die dauerhafte Sicherung der Projektergebnisse sowie Wünsche und heterogenen Erwartungen der beteiligten Akteure abzustimmen.

Literatur

Franz, H.-W./Kopp, R. (Hrsg.): Kollegiale Fallberatung. State of the Art und organisationale Praxis. Bergisch Gladbach: EHP Edition Humanistische Psychologie, 2. Aufl. 2010

Autor/in

Dr. Stephan Rietmann, Diplom-Psychologe, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle

Ulrike Stening-Peters, Kinderkrankenschwester, Diplom-Heilpädagogin, Marte Meo Supervisorin, Projektleitung

Kontaktadresse

Dr. Stephan Rietmann
Caritasverband für das Dekanat e.V.
Psychologische Beratungsstelle
Turmstrasse 14
46325 Borken
Email: beratungsstelle@caritas-borken.de
Tel.: 02861/945-750