Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Hulda Schimmack (verh. Remppis)

Manfred Berger

 

Hulda Katinka Auguste erblickte am 8. April 1874 in Köln als Tochter des Oberpostsekretärs Wilhelm August Schimmack und dessen Ehefrau Antoinette Louise (geb. Willmaser) das Licht der Welt. Sie wuchs in gesicherten Familienverhältnissen auf; es umfing sie Wärme und Geborgenheit. Gleichzeitig regelten Ordnung, Autorität, Liebe und Strenge ihre Kinder- und Jugendzeit.

Über den Verlauf ihrer Schulzeit ist nicht viel bekannt. Hulda besuchte die Höhere Töchterschule, zuerst in Münster, dann in Velden. Anschließend absolvierte sie "das Haushaltungspensionat der Vorwerk'schen Schule in Wolfenbüttel". Daraufhin folgten Jahre des "Haustochterdaseins". Doch mit dieser Situation war Hulda Schimmack nicht zufrieden. Darum strebte sie nach einer sinnvolleren, sie erfüllenden Tätigkeit. Im Alter von 29 Jahren entschied sich Hulda Schimmack für eine soziale Ausbildung und ließ sich von 1903-1905 am "Evangel. Fröbelseminar zu Cassel" ausbilden. Dort erwarb sie am 14. März 1905 die Berechtigung zur Leitung von Kindergärten und Horten; zugleich war damit verbunden, als Lehrerin an Kindergärtnerinnenseminaren unterrichten zu können.

Von 1905-1908 lehrte sie an ihrer eigenen Ausbildungsstätte. In dieser Funktion leitete sie noch zusätzlich im April 1908 in drei benachbarten Städten des Rheinlandes "Fröbelkurse", die 10 Wochen dauerten und die Teilnehmerinnen in die Theorie und Praxis Friedrich Fröbels einführten. Darüber berichtete Hulda Schimmack: "Die Kurse waren teils für Mütter und junge Mädchen der gebildeten Stände, teils für Lehrerinnen und Kleinkinderlehrerinnen (Kindergärtnerinnen gibt es da noch kaum), teils für Krankenschwestern... Ich erlebte wieder einmal so recht die Wirkungskraft unsers Meisters, wenn man sie nicht dem Worte, sondern dem Geiste nach auffasst und sie dem Geiste unserer Zeit dienstbar zu machen sucht. Die Gedankengänge wurden namentlich von den Müttern und Lehrerinnen mit Begeisterung aufgenommen und oft in lebhafter Diskussion erörtert.
Daneben hatte ich Gelegenheit, die Anziehungskraft der Gaben und Beschäftigungen auf alle, Grosse wie Kleine, täglich neu zu erfahren. In den Praxisstunden gehörten zu den eifrigsten die Nonnen verschiedener Orden, die nach ihrer eigenen Aussage in den Klöstern gar keine Beschäftigung für Kinder kennen gelernt hatten... Keine Baukästen, keine Stäbchen, keine Tafeln, kein Sand - ja, viele dieser Schwestern ahnten gar nicht, dass man so kleine Kinder überhaupt schon beschäftigen könne!" (Schimmack 1909, S. 244).

Am 15. März 1909 legte Hulda Schimmack in Köln die Prüfung als Volksschullehrerin ab und unterrichtete nachfolgend an der mit dem "Evangel. Fröbelseminar zu Cassel" verbundenen Fröbel-Übungsschule (dreiklassige Vorschule für Mädchen und Jungen). Neben der Welt der Buchstaben, den Fächern Rechnen, Singen, Religion und Turnen stand die Beschäftigung mit den Fröbelmaterialien in der Tagesordnung des Unterrichts. Über das "erste Schuljahr in der Fröbelschule" konstatierte die Lehrerin: "Fröbel, der große Reformator, hat seinen Einzug in die Schule begonnen; er wird sich sicher immer mehr Gebiet davon erobern. Vor allem, was das erste Schuljahr betrifft, denn hier ist's am nötigsten, dass das Hergebrachte gründlich erneuert werde. Kommt es doch in der Schule wie überall am meisten auf die Anfangsgründe an, auf denen alles Weitere sich aufbaut; heißt es doch am Beginn der Schulzeit vor allem, in die Kindesnatur verstehend einzudringen und an sie anzuknüpfen, um sie in das Schulleben und Lernen organisch hineinzufügen... Aber nicht nur im Wort sollen die Kinder Äußeres verinnerlichen, das Innere veräußerlichen; sondern vor allem in der Tat! Da wird getont und gemalt, gefaltet und ausgeschnitten, mit Täfelchen und Stäbchen gelegt; dass dies nicht als gesonderte 'Handfertigkeitsstunde' dasteht, sondern ganz mit dem Unterricht verschmolzen ist, braucht wohl bei einer Fröbelschule kaum erwähnt werden" (Schimmack 1910, S. 255 ff.).

Am 30. September 1911 hatte Hulda Schimmack in Koblenz erfolgreich das Schulvorsteherinnenexamen absolviert und war nachfolgend vom 1. Oktober 1911 als solche mit der Leitung der Kasseler Fröbel-Übungsschule sowie des Internats des Fröbelseminars betraut worden. Zugleich wurde sie zur Oberin des Fröbelseminars und zum Mitglied des Kuratoriums ernannt.

Als überzeugte Anhängerin der Fröbelpädagogik gehörte sie zu den ersten, die sich kritisch über die aufkommende Montessori-Pädagogik äußerte, insbesondere das kindliche Spiel und das frühe Erlernen des Schreibens und Lesens betreffend. Bereits 1914 bemängelte die Pädagogin an der "Montessori-Methode": "Sie (Maria Montessori; M.B.) nennt das Spiel 'alberne Spielerei', nach der Kinder, die einmal an den Buchstaben und somit an ernster Geistesarbeit Gefallen gefunden haben, nicht mehr verlangen. Sie wollen nur noch arbeiten, um zu lernen. Arme Kinder - mögen sie es in den Montessori-Heimen auch hundertmal besser haben als zu Hause, weil sie unter liebevoller Leitung sind - hierin müssen wir sie bedauern. Sie werden einerseits frühreif, andererseits entgehen ihnen die unschätzbar großen Entwicklungsmöglichkeiten durch das Spiel. Warum sollen 3-5 jährige Kinder schon schreiben und lesen? Haben sie schon so Wichtiges zu sagen, daß sie es schriftlich niederlegen müssten, oder haben sie ein natürliches Bedürfnis, schriftliche Mitteilungen anderer zu lesen, da sie doch die ganze Natur und Umwelt als Buch voller Wunder vor sich haben. Sicher nein. Es sollte ja auch nicht so kommen, sagt M. Montessori, die Verhältnisse brachten es mit sich. Und das glaubt man gern: die Kinder lernen in den Montessori-Heimen leichter und freudiger diese Fähigkeiten als in rückständigen Elementarschulen! Aber wir, die wir gute Kindergärten und neuerdings auch schon fast in jeder Stadt wenigstens eine Fröbel-Schule haben, wir wollen dies wahrlich nicht nachahmen. M. Montessori geht meines Erachtens gerade den umgekehrten Weg, den die Kinderschar vorschreibt: sie will erst eine lange Weile rein mechanischer Übung mit trockner Belehrung bis der Sinn der Sache eines Tages dem Kinde aufgeht! Wir wollen aus dem Sinn heraus das Bedürfnis des Schreibens und Lesens erwecken... und erzielen dann durch das erweckte Interesse rasche Einübung. Vorübung haben wir auch, aber nicht mechanische durchs Freizeichnen; das Zusammensetzen von Täfelchen üben wir ebenso wie M. Montessori reichlich, aber in Verbindung mit dem belebenden Einheitsstoff, und statt im Einzelunterricht klassenweise" (Schimmack 1914a, S. 135 f).

Im März 1915 legte Hulda Schimmack ihre Ämter nieder. Sie heiratete den Direktor der Erziehungsanstalt in Wabern, Pfarrer Paul Remppis. Die beiden lernten sich während der vielen Praxisbesuche von Hulda Schimmack mit ihren Seminaristinnen in der Waberner Erziehungsanstalt kennen. Paul Remppis war Witwer und brachte ein Tochter mit in die Ehe. Paul und Hulda Remppis blieben kinderlos. Fortan unterstützte sie ihren Mann, der später zum Schulrat berufen wurde, in seiner beruflichen Tätigkeit.

Nach dem Tod ihres Mannes übersiedelte Hulda Remppis 1931 nach Tübingen. Dort starb sie nach längerer schwerer Krankheit am 11. Juli 1956.

Literatur

Schimmack, H.: Fröbels Beschäftigungsmittel im Krankenhaus, in: Kindergarten, 49, 1908, 175-177

Dies.: Fröbelkurse, in: Kindergarten, 50, 1909, 243-244

Dies.: Das erste Schuljahr in der Fröbelschule, in: Kindergarten, 51, 1910, 255-259

Dies.: "Fröbel nach oder von Fröbel frei?", in: Kindergarten, 55, 1914, 197-199

Dies.: Über die Montessori-Methode, in: Kindergarten, 55, 1914a, 134-137