Die vorschulische Erziehung in Ägypten

Ali Etman

 

Ägypten weist eine hohe Bevölkerungsdichte und eine große Anzahl von Kindern auf. Die ägyptische Bevölkerung hat von etwa 10 Mio. zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf über 30 Mio. im Jahr 1960 und fast 95 Mio. bis zum heutigen Zeitpunkt zugenommen (State Information Service 2014). In den Großstädten ist heutzutage auch in Ägypten die Kleinfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und zwei bis drei Kindern, vorherrschend. Die noch ständig wachsende Gruppe von Kindern stellt die Regierung vor große Herausforderungen, um deren Versorgung in den Bereichen Gesundheit, Ernährung und Erziehung sicherzustellen.

Die ökonomischen Veränderungen haben in Ägypten mit am stärksten die traditionelle Rolle der Frau verändert, die sich früher auf Tätigkeiten im Haus und auf die Erziehung und Betreuung der Kinder konzentrierte. In der modernen Gesellschaft nimmt die Frau eine wichtige Stellung ein, weil sie in allen Bereichen arbeiten kann und ihre Mitarbeit auch notwendig ist. Die Frau übernimmt Funktionen im Erwerbsleben und trägt so zu den ökonomischen und materiellen Grundlagen der Familie bei. Diese Veränderungen in der Tätigkeit von Frauen, die ganztags, halbtags oder auch nur gelegentlich arbeiten, geben der Vorschulerziehung der Kinder ein neues Gewicht: Die Erziehung in Einrichtungen für das Vorschulalter ergänzt die traditionelle Erziehung in der Familie. Dem gesellschaftlichen Trend nach stehen die Kinder immer mehr im Mittelpunkt; daher wird eine qualitativ hochwertige Betreuung gesucht, während die Eltern ihrer Arbeit nachgehen.

Die Kinder von heute sind die Erwachsenen der Zukunft, die wirtschaftliche und politische Aufgaben übernehmen sowie die Weiterführung unseres Systems und die gesellschaftliche Sicherheit für weitere Generationen garantieren sollen. Die Kindererziehung ist also eine wichtige gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die ersten sechs Lebensjahre und später die Grundschuljahre erweisen sich als die lernintensivsten Jahre im Leben eines Menschen. Es ist deshalb unerlässlich, dass in Ägypten sowohl konzeptionell als auch finanziell für die soziale und gesellschaftliche Sicherheit der jüngsten Altersgruppe gesorgt wird.

Die Vorschulerziehung ist in Ägypten Bestandteil des Schulsystems (Erziehungsministerium und Al-Azhar KG), und ein verhältnismäßig großer Teil der entsprechenden Altersgruppe nimmt an der Vorschulerziehung entweder in Kindergärten oder in anderen vorschulischen Einrichtungen teil. Das ägyptischen Erziehungsministerium benennt zur Zeit vier Kernkompetenzen, die Kinder im Kindergarten erwerben sollen: So werden sie in der Kita erstens darin gefördert, an Selbständigkeit zu gewinnen, sich selbst als Persönlichkeit kennen zu lernen und sich zu behaupten (Ich-Kompetenz). Darüber hinaus lernen sie zweitens, mit anderen Kindern auszukommen, Freundschaften aufzubauen und Konflikte zu lösen (soziale Kompetenz). Sie eignen sich drittens Wissen über viele Sachverhalte an (Sachkompetenz) und lernen viertens, wie sie sich selbst Informationen beschaffen und Antworten auf Fragen finden können (lernmethodische Kompetenz).

Bei der Vorschulerziehung haben die Entwicklung der sozialen Beziehungen zwischen den Kindern sowie die Kooperation mit und Respektierung der anderen Priorität. Die Vorschulerziehung ist in Ägypten aber auch ausdrücklich auf die Entwicklung von frühzeitigem Lesen und Schreiben ausgerichtet (Etman 2006). Auch der kompetente Umgang mit Veränderungen spielt eine Rolle.

Der Kindergarten stellt in Ägypten die traditionelle Form der vorschulischen Erziehung für Kinder zwischen vier und sechs Jahren dar. Der Besuch des Kindergartens erfolgt auf Wunsch der Eltern, die sich um einen Platz für ihr Kind bemühen und einen bestimmten Kostenbeitrag leisten müssen. Es findet ein regelmäßiger Austausch zwischen Eltern und Kindergartenpersonal statt, damit jeder über den jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes und mögliche Probleme informiert ist.

Die Vorschulerziehung, deren wichtiges Anliegen die Vorbereitung auf die Grundschule ist, steht für die Förderung der Gesamtpersönlichkeit des Kindes. Die Schulpflicht für die ägyptischen Kinder beginnt mit dem sechsten Lebensjahr. Die Eltern werden bei Fragen hinsichtlich der Vorbereitung ihrer Kinder auf die Schule unterstützt.

In Ägypten ist die Kindergartenerziehung ähnlich organisiert wie in Deutschland. Das Sozialministerium und das Erziehungsministerium sind in Ägypten gemeinsam für diese Altersgruppe zuständig und haben in Zusammenarbeit mit Fachleuten (z.B. Pädagog/innen und Sozialwissenschaftler/innen) ausführliche Programme für die Arbeit im Kindergarten entwickelt.

Auch in Ägypten wurden Kindergärten in den letzten Jahren immer mehr zu einer gesellschaftlichen Notwendigkeit. Es gibt viele Familien in verschiedenen Sozialschichten, denen es wichtig ist, ihre Kinder in einen Kindergarten zu schicken. Das bedeutet nicht eine Reduzierung der Erziehungsfunktion der Familie, sondern es bedeutet vielmehr eine Ausweitung der Kontaktmöglichkeiten für die Kinder und ihre Eltern (Arafat 1991, S. 163). In unserer heutigen Industriegesellschaft ist die Familie die wichtigste Form einer sozialen Gruppe. Das heißt, die Familie hat eine große Bedeutung in der Gesellschaft, und die Erziehung der Kinder in den ersten Lebensjahren ist ihre wichtigste Aufgabe. Daraus resultiert auch das Interesse der Familie an einer guten Betreuung im Vorschulalter (Abdel Wahab 2011).

Ägypten ist eines der Länder, die einen Schwerpunkt auf die frühkindliche Erziehung setzen - besonders in den letzten Jahren, seit die Weltorganisationen (UNO, UNESCO, UNICEF) den Lebensbedingungen und der vorschulischen Versorgung von Kindern einen hohen Stellenwert zugewiesen haben (Arafat 1991, S. 182).

Literatur

State Information Service: Egypt Population. http://www.sis.gov.eg/Ar/Templates/Articles/tmpArticles.aspx?ArtID=9 (14.08.2014)

Etman, A. Ali: Quality of the Preparation of Kindergarten Teacher and its Effectiveness on the Educational Performance at Kindergartens' Institutions. A Field Study from the Perspective of Kindergarten Teachers. Journal of Childhood Care and Development, Mansoura University, Egypt, 2006, Vol. 1, No. 4, 4th Year

Bund der Entwicklung der Kindheit: Arbeit in Kindergarten, Kairo 1995

Arafat, Sleiman: Lehrer und Erziehung. Kairo: The Anglo-Egyptian Bookshop 1991

Abdel Wahab, Abdel Qader: Die Bedeutung des Lernens und der Bildung in der Vorschulerziehung. 2011

Autor

Dr. Ali Etman, Associate Professor
Al-Azhar University, Women's Branch
Faculty of Humanities
Kindergarten Department
Madinat Naser, Cairo, Egypt
Email: alietman1@yahoo.com

Veröffentlichungen

Etman, A. Ali: Vorschulische Erziehung: Ägypten und Deutschland. Vergleichsstudie unter besonderer Berücksichtigung der Erzieherausbildung. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag 2004

Etman, A. Ali: Gemeinsam lernen. Eine empirische Untersuchung zur gemeinsamen Erziehung behinderter und nicht behinderter Kinder im Regel-Kindergarten aus der Sicht von Eltern und Leitungspersonal. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag 2005

Etman, A. Ali: Quality of the Preparation of Kindergarten Teacher and its Effectiveness on the Educational Performance at Kindergartens' Institutions. A Field Study from the Perspective of Kindergarten Teachers. Journal of Childhood Care and Development, Mansoura University, Egypt, 2006, Vol. 1, No. 4, 4th Year

Etman, A. Ali: The Role of Educational Computer in the Effectiveness of Educating the Kindergarten Child. A Field study. Pensee Journal 2014, Vol. 76, No. 6

Etman, A. Ali: Fremdsprachenlernen im Kindergarten - am Bespiel Ägyptens. http://www.kindergartenpaedagogik.de/1135.html

Etman, A. Ali: Lesenlernen in ägyptischen Kindergärten. http://www.kindergartenpaedagogik.de/1405.html

Etman, A. Ali : Kindergärten des Ägyptischen Erziehungsministeriums. http://www.kindergartenpaedagogik.de/2297.html