Aspekte der Glücksforschung in der Elementarstufe: Liebesfähigkeit macht Kinder glücklich

Christine Freitag

 

"Glücklich allein ist die Seele, die liebt", hat Johann Wolfgang von Goethe (1749-1823) schon erkannt, und mit der Wahl dieses Themas liegt er auch heute noch voll im Trend: Die Glücksforschung, deren wissenschaftliche Wurzeln bis in die 1980er Jahre zurückreichen, erlebte in den letzten Jahren einen deutlichen Aufschwung. Die faszinierenden Vernetzungen von Lebensumständen, unter welchen Menschen sich als glücklich bezeichnen, wurden mittlerweile aus nahezu allen wissenschaftlichen Disziplinen beleuchtet, und auch historisch betrachtet zieht sich das Thema Lebensglück schon sehr lange durch die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte.

Philosophen beschäftigten sich bereits vor zweieinhalbtausend Jahren mit den Gedanken rund um unser Lebensglück. Aristoteles (384-322 v. Chr.) meinte etwa, dass "alle Menschen glücklich sein wollen", und Nietzsche, der rund zweitausend Jahre später dieses Zitat aufgriff, erweiterte es um seine persönliche Formel für Glück: "...ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie und ein Ziel" und unterstreicht damit die individuelle Betrachtungsweise von Glück.

Getragen von dem Grundgedanken, dass Menschen generell nach Glück streben, ist auch die psychologische Glücksforschung. Sie geht - überlappend mit soziologischen und psychotherapeutischen Theorien - davon aus, dass Glück vorrangig durch positives Erleben von Lebensumständen entsteht. Konträr betrachtet die Theologie dieses Modell, denn hier finden wir Glück als ein von Gott gegebenes Gut.

Der populärste Ansatz in der Glücksforschung findet sich jedoch in der kognitiven Emotionspsychologie. Sie geht davon aus, dass die Bewertung unseres Erlebens einen weitaus größeren Stellenwert hat als das tatsächlich Erlebte. Eine Veränderung des Blickwinkels kann also Menschen helfen, eine andere Bewertung eines Ereignisses zuzulassen und somit durch gedankliche Umformungen andere Gefühle zu erzeugen. Hängt Glück also bloß davon ab, wie wir unsere Lebensumstände bewerten?

Die gegenwärtige Glücksforschung beantwortet diese Frage nicht eindeutig. Fakt ist jedoch, dass Glück mit dem Erleben von erfüllten Beziehungen korreliert - obgleich dieses Erleben stark an individuelle Bewertung gebunden ist. Der Maßstab für empfundenes Glück findet sich somit in Werthaltungen und verinnerlichte Normen, die unser Bewertungssystem speisen und somit unser Empfinden formen. Durch gezielte Manipulation unserer Bewertungssysteme müsste demnach Glück für jedermann möglich sein.

Glück lässt sich lernen

"Das Glück des Lebens besteht nicht darin, wenig oder keine Schwierigkeiten zu haben, sondern sie alle siegreich und glorreich zu überwinden". Carl Hilty (1833-1909), ein schweizer Rechtsgelehrter und Schriftsteller, fasst hier zusammen, was Pädagogen auch aus der gegenwärtigen Resilienzforschung kennen. Es geht nicht unbedingt darum, Schwierigkeiten zu vermeiden, sondern angemessen mit ihnen umgehen zu können. Wichtig hierbei ist, den Blickwinkel auf die Stärken in uns zu legen, damit Schwächen überwunden werden können.

Ressourcenorientiertes Arbeiten und Resilienzförderung sind also offenkundig brauchbare Methoden, um den Zustand des Glücks herbeizuführen. Und auch der psychotherapeutische Blick auf die ressourcenorientierte Arbeit konzentriert sich auf einem am Bedürfnis orientierten Aufgreifen von Fähigkeiten, die der Stärkung eines Menschen dienen. Die Emotionsforscher Diener und Biswas-Diener (2008) gehen sogar so weit, dass sie das langfristige Glück einerseits von genetischen Faktoren abhängig machen, andererseits diesen Faktor um einen weiteren ergänzt, der es möglich macht, häufiger als Mitmenschen Freude oder andere positive Emotionen zu empfinden.

Glück ist also durchwegs auch erlernbar, denn der Blick auf selbstwertdienliche Aspekte im Leben - und einhergehend damit die positive Bewertung weniger gelungener Lebensteile - verhilft uns schon zu mehr Lebensglück.

Glücksfaktor Liebesfähigkeit

Glücksempfinden ist mehr als eine positive Emotion, es ist nach Averill und More (1993) "gleichbedeutend damit, dass wir unsere Situation und die uns umgebenden Dinge als grundsätzlich richtig und gut bewerten" (zitiert nach Ben-Ze'ev 2009, S. 240). Interessant bei dieser Betrachtungsweise ist die Affinität zwischen Glück und dem Liebe. Nach Ansicht des italienischen Emotionsforschers Ben-Ze'ev (2009) kommt diese "darin zum Ausdruck, dass die Liebe zu den wichtigsten Dingen gehört, von denen unser Glück abhängt" (S. 241).

Und tatsächlich ist die Hypothese, dass Glück mit stabilen und tiefen Beziehungserfahrungen korreliert, in mehr als zweihundert Studien, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, belegt worden. Beispielsweise hat Pearl Dykstra in einer in Holland durchgeführten Studie schon 1990 zeigen können, dass verheiratete Menschen glücklicher sind als partnerlose Menschen. Die unglücklichsten Menschen waren geschieden, verwitwet oder Langzeit-Singles. Auch eine schwedische Langzeitstudie aus den 1980er Jahren, durchgeführt von dem Forscher Michael Gähler (1998), bestätigt diese Forschungsergebnisse. Hier wurden Menschen, die eine Scheidung in ihren Lebensläufen erfuhren, als am unglücklichsten eingestuft. Die von der Universität Stockholm in Auftrag gegebene Studie weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass das allgemeine Wohlbefinden der geschiedenen Menschen in den Jahren nach der Trennung deutlich abnimmt. Begründbar sei dies vor allem durch den Verlust sozialer Kontakte, finanzielle Schwierigkeiten und den emotionalen Trennungsschmerz, der oft viele Jahre nachklingt (vgl. Gähler 1998). Weitere Studien aus den USA, aus Norwegen, Finnland, Kanada, Deutschland und der Schweiz kamen zu sehr ähnlichen Ergebnissen: Die Beurteilung des eigenen Lebensglücks ist offenbar tatsächlich an die Erfahrung von guten, tiefgehenden und vor allem langjährigen Beziehungen gekoppelt.

Eine Strategie, die dem unglücklich Sein entgegenwirken könnte, ist also das Forcieren von Langzeitpartnerschaften. Begünstigend hierfür kann die Ausformung der Liebesfähigkeit eines Menschen sein.

Liebesfähigkeit ist das Resultat aus dem Erfahren von unbedingter Liebe

Ein bisweilen vielfach unterschätzter Faktor für Glückserleben ist also die Liebesfähigkeit eines Menschen, die es zu fördern gilt. Liebesfähigkeit im zwischenmenschlichen Bereich meint die Fähigkeit, andere Menschen bedingungslos lieben zu können. Lauster (2013) betont in diesem Zusammenhang, dass "die Fähigkeit zu lieben sich nicht von selbst ergibt, wie wenn sie angeboren wäre und in der Entwicklung mitwüchse wie Arme und Beine. (...) obwohl das viele glauben" (S. 83). Er expliziert weiter, dass Liebesfähigkeit in langsamen Schritten entsteht, beginnend mit dem Erfahren der (Anm. d. Autorin: bedingungslosen) Mutterliebe im Säuglingsalter (vgl. Lauster 2013, S. 83 f.).

Diese Auffassung geht einher mit den Ansichten des Entwicklungsforschers Erik Eriksons (1966). Er verdeutlicht in seinem psychosozialen Modell der Entwicklung, dass Liebesfähigkeit durch das Entwickeln von Urvertrauen im ersten Lebensjahr entsteht. Das Erfahren von bedingungsloser und prompter Zuneigung entscheidet, ob ein Kind diese Entwicklungsstufe mit Urvertrauen anstatt mit Misstrauen abschließt. Bedingungslos heißt in diesem Zusammenhang: ohne etwas zurückhaben zu wollen, ohne jemanden formen oder beeinflussen zu wollen. Die Liebe wird vom Kind als zwanglos erlebt, wenn Eltern lieben um des Liebens Willen - nicht weil sie etwas dafür "zurückhaben" möchten, beispielsweise "braves" Benehmen.

Im Gegensatz zu Besitzdenken ist bedingungslose Liebe nicht an Regeln geknüpft. Sie darf erlebt und erfahren werden, beurteilt und zurückgewiesen werden. Dennoch wird sie nie versiegen. Solche Momente machen Kinder liebesfähig: Das Wissen, dass sie in einer unendlichen Liebe sind, aus der sie nie herausfallen können.

Elementares Erlernen der Liebesfähigkeit

Da Glücksempfinden mit der Liebesfähigkeit eines Menschen korreliert, kommt dem Phänomen der Liebe ein besonderer Stellenwert in der Elementarpädagogik zu. Denn gerade im ersten Jahrsiebt besteht die Entwicklungsaufgabe im Ausdifferenzieren der Emotionen; hier wird der Grundstein für emotionale Intelligenz - und damit einhergehend für emotionales Wohlbefinden - gelegt.

Stellt man nun die Ausdifferenzierung und Erhaltung der Liebesfähigkeit in den Mittelpunkt pädagogischer Konzepte, lauten die Botschaften an uns Pädagoginnen und Pädagogen daher:

  • Liebevolle Zuwendung geben: Unbedingt positive Resonanzen durch einfühlendes Verstehen sind der Schlüssel zu gelungener ressourcenorientierter Arbeit. Das sanfte emotionale "Hinwenden" zu einem Kind, das Mitschwingen mit der Seele eines Kindes, der Perspektivenwechsel und das Einfühlen in das innere Erleben schaffen Raum für Wertschätzung und für den Aufbau einer tragfähigen Beziehung.
  • Jedes einzelne Kind als liebenswert betrachten: Der Selbst-wert eines Kindes wird sehr stark beeinflusst durch Wert-schätzung, die einem Kind entgegengebracht wird. Wertschätzung beinhaltet die unbedingte Annahme aller Wesens- und Charakterzüge, unabhängig von Verhalten und Leistung eines Kindes.
  • Die Kunst des Liebens vermitteln: in keinem anderem Bereich kann Liebe so authentisch und individuell ausgedrückt werden wie im künstlerischen Bereich. Sei es durch Musik, Malen, Zeichnen, Formen, Basteln etc. - Liebe zieht ein, wo Schöpferisches, "nicht Vorgenormtes" im Mittelpunkt steht. Nicht das Ergebnis darf im Vordergrund der künstlerischen Arbeit mit Kindern stehen, sondern der künstlerische Weg stellt die eigentliche Entwicklungsleistung - in Form eines emotionalen Ausdrucks - eines Kindes dar. Gabriele Münter, expressionistische Malerin und Mitbegründerin der Künstlervereinigung Blauer Reiter (1911) bringt den Zweck des kindlichen Kunstschaffens vortrefflich auf den Punkt: "Was durchfühlt ist, braucht den Vergleich mit großer Kunst nicht zu scheuen, Wahrhaftigkeit der Empfindung ist wichtiger als gängige Schönheitsbegriffe" (zitiert nach Kleine 2012). Umso mehr gilt es, hier Abstand zu nehmen von einem Eingreifen in künstlerische Prozesse der Kinder!

Letztendlich liegt es in der Verantwortung von uns Pädagog/innen, Kindern Liebesfähigkeit, als Grundvoraussetzung für späteres Glücksempfinden, zugänglich zu machen, in dem wir Verantwortung für das emotionale Wohl der uns anvertrauten Kinder übernehmen.

"Man ist Zeit seines Lebens dafür verantwortlich, was man sich einmal vertraut gemacht hat" (Antoine de Saint-Exupery).

Literatur

Ben-Ze'ev, Aron: Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009

Diener, Edward/Biswas-Diener, Robert: Happiness: Unlocking the Mysteries of Psychological Wealth. Hoboken, N.J.: John Wiley & Sons 2008

Erikson, Erik: Identität und Lebenszyklus. Drei Aufsätze. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1966

Gähler, Michael: Life after divorce. Economic, social and psychological well-being among Swedish adults and children following family dissolution. Doctoral dissertation. Stockholm: Swedish Institute for Social Research 1998

Kleine, Gisela: Gabriele Münter und die Kinderwelt. Frankfurt am Main: Insel Taschenbuch 2012

Lauster, Peter: Die Liebe. Psychologie eines Phänomens. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 42. Aufl. 2013