Bewegung - Selbstwirksamkeit und Resilienz

Barbara Perras

 

Bewegung bietet Kindern eine unmittelbare Rückmeldung ihres Handelns: Sie laufen von A nach B oder sie stellen einen Stuhl von A nach B und erleben den selbst geleisteten Erfolg. Sie haben selbst etwas bewirkt...

...und dieses Erfolgserlebnis wird im emotionalen Erfahrungsgedächtnis gespeichert.

Das emotionale Erfahrungsgedächtnis zählt zum limbischen System, welches auch die "Belohnung" über körpereigene Opiate steuert. In jeder neuen Situation versucht nun das Gehirn, an bereits erworbene Erfahrungen anzuknüpfen, und prüft, ob sich der neue Einsatz auch lohnt. Bei positiver Bewertung werden bestimmte Neurotransmitter ausgeschüttet (Roth 2012, S. 59):

  • Noradrenalin (allgemeine Aufmerksamkeit, Erregung, Stress),
  • Dopamin (Antrieb, Neugier, Belohnungserwartung),
  • Serotonin (Dämpfung, Beruhigung, Wohlgefühl) und
  • Acetylcholin (gezielte Aufmerksamkeit, Lernförderung).

Ein Kind benötigt ständig unzählige Möglichkeiten, sich selbst wahrzunehmen, sich zu spüren und sich mit seiner Umwelt in Beziehung zu setzen. Das geschieht über die körpernahen Sinne:

  • den Tastsinn (Haut, Hände, Füße, Mund),
  • die Priozeption (Druck und Zug auf Muskeln, Sehnen und Gelenke),
  • das Gleichgewicht,
  • das Riechen und Schmecken

sowie in Abgleich mit bereits gemachten Erfahrungen. Je ähnlicher neue Situationen dem im Gehirn gespeicherten Wissen sind, um leichter kann Lernen daran anknüpfen.

Gehen wir zurück zu unserem Stuhlbeispiel: Ein Kind hat sich einen Stuhl geholt und sich auf ihn in den Morgenkreis gesetzt. Es hat erfolgreich und sachgemäß seinen Stuhl bewegt, weiß, wie man sich darauf setzt, und ist sozial damit belohnt worden, indem es in die Gemeinschaft aufgenommen wird. Es wird die Situation zeitnah wiederholen, abwandeln und ausbauen - was uns Erziehern nicht immer recht sein wird. Das Wichtige für Erwachsene war das Ziel: "Das Kind sitzt endlich ruhig im Kreis auf seinem Stuhl". Für das Kind ist der Weg wichtig: "Ich habe den Stuhl gesehen, bin auf ihn zugegangen, habe ihn berührt, dann hochgehoben und getragen, in den Kreis gestellt, mich darauf gesetzt" usw.

Ich habe bewusst Vergangenheit und Gegenwart gewählt, denn was für Erwachsene bereits abgeschlossen ist, schließt dem Kind neue Erfahrungsfelder auf... Es wird vielleicht viele oder alle Stühle im Raum transportieren und lernt dabei, Entfernungen zu den einzelnen Stühlen zu vergleichen, zu fühlen, dass alle gleich schwer sind und bestenfalls, dass andere Stühle andere physikalische Eigenschaften besitzen. Das Kind kann dem Spiel mit den Stühlen auch eine Bedeutung geben, z.B. Zug spielen oder Kinoreihen bilden, und auch soziale Komponenten im Rollenspiel einfließen lassen. In diesen selbst gewählten Spielsituationen lernt das Kind ganzheitlich, es kann alle seine Bedürfnisse ideal aufeinander abgestimmt befriedigen.

Einigen Kindern wird dieses Spiel zu ruhig sein; sie sind laut und gehen grob mit den Stühlen und den Mitspielern um - sie brauchen stärkere Reize, um mit sich selbst, mit ihrem Körper, in Kontakt zu bleiben.

Kinder, die sich selbst zu wenig spüren, "ecken" leicht an

Wenn Kinder sich zum Beispiel in einer Turnstunde in einer Reihe ruhig anstellen sollen, verlieren sie den Kontakt zu sich selbst. Sie brauchen einen bewegten Körper und Widerstand - Reizmeldungen aus ihren Sinnesorganen. Deshalb schubsen sie mitunter andere und fallen mit ihnen um. Erwachsene, aber auch andere Kinder, empfinden dieses Verhalten oft störend. Solchen Kindern, auf der steten Suche nach Wahrnehmungsreizen, hilft zum Beispiel ein Kletternetz, in welches sie sich legen können. Durch das eigene Gewicht spüren die Kinder im Bereich der Seile einen starken Widerstand, wogegen die Zwischenräume wenig Reize bieten. Durch Verlagerung des eigenen Körpers und unterschiedlich intensive Bewegungen können die Kinder selbst ihre Bedürfnisse befriedigen. Eine weitere Möglichkeit sind Bewegungsbaustellen, bei denen das Stillstehen und Warten weniger oft aufkommen kann.

Bezog sich vor 10 bis 20 Jahren das Bewegungs- und Wahrnehmungsdefizit meist auf die Grobmotorik und großräumige Bewegungen, so ist auffallend, dass immer mehr Kinder im Stuhlkreis die Arme aus den Ärmeln ihrer Kleidung ziehen und vor der Brust verschränken. Oder sie dehnen die Ärmel über die Fingerspitzen hinaus und stecken den Stoff in den Mund. Diese Kinder suchen Haut- und Schleimhautreize, weil sie diese als Stimulation für das Gehirn dringend benötigen. In selbst gewählten "Lernsituationen" können sich die Kinder die Umgebung so gestalten und Reize so kombinieren, dass sie dieses - für Erwachsene häufig störendes - Verhalten nicht benötigen.

Das Gehirn benötigt Nahrung, um arbeiten zu können

"Das Gehirn wiegt ca. zwei Prozent des Körpergewichts, verbraucht jedoch mehr als 20 Prozent der Energie, die wir mit der Nahrung aufnehmen" (Spitzer 2012, S. 23). Gehirnnahrung sind:

  • ein Fünftel der täglichen Nahrungszufuhr (ca. 120 g Einfachzucker),
  • mehrfach ungesättigte Fettsäuren für die Ummantelung der Nervenzellen (Myelinisierung - zur schnelleren Weiterleitung von Impulsen aufgrund von Wiederholungen von Bewegungen) und
  • Sinneswahrnehmungen: Die Wahrnehmungszellen der Sinne sind als einzige Zellen des Körpers in der Lage, Reize in Energie umzusetzen. Auf die so über die Nervenbahnen zum Gehirn geleitete Energie ist das Gehirn dringend angewiesen, denn nur auf diesem Weg sind seine Zellen in der Lage sich zu vernetzen, Synapsen zu verbinden. Das Zusammenspiel der Sinne - die sensorische Integration - wird durch Bewegung gefördert.

Der Bedarf an sinnlicher Nahrung ist doppelt so hoch wie die Energie, welche aus Nahrung gewonnen wird!

Unruhige Kinder benötigen Bewegung

Sie überprüfen zum Beispiel durch das Zappeln die Stellung ihrer Gelenke. In Aktion erfolgen Meldungen an das Gehirn, in Ruhestellung nicht. Deshalb fällt es diesen Kindern schwer, sich zu konzentrieren. Man kann es sich so vorstellen: Im Kino sitzend überlegen Sie, ob der Herd zu Hause auch wirklich abgeschaltet ist. So spannend könnte kein Film sein, dass Sie noch ruhig und aufmerksam der Handlung folgen könnten. Die Gewissheit, dass der Herd aus ist, also das Ausschalten der Störung, hat unbedingten Vorrang!

Kinder, die beim Essen mit dem Stuhl schaukeln, versuchen wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Für sie ist dieses Bedürfnis wichtiger als die Nahrungsaufnahme, auch wenn die Erwachsenen in diesem Augenblick etwas anderes erwarten. Solche Bewegungs-"Auffälligkeiten" wurden bereits vor über 100 Jahren von Dr. Heinrich Hoffmann in seiner Geschichte vom "Zappel-Philipp" im "Struwwelpeter" beschrieben. Während in diesem Buch das Bewegungsbedürfnis als Unart des Kindes beschrieben wurde, gilt heute, die Resilienz von Kindern zu fördern, indem ihr Verhalten akzeptiert wird: Gelingt es dem Kind, sich mit dieser Eigenart anzunehmen, kann es selbst Lösungen für sich finden, also zum Beispiel an einem Stehtisch essen oder auf einem Sitzball balancieren. Solche Kinder suchen sich bei jeder Gelegenheit Gleichgewichtsreize: Sie balancieren auf Gartenmauern und an Gehsteigkanten, womit sie unbewusst das Tempo ihrer Eltern oder Erzieher/innen ausbremsen. Die Aufgabe der Erwachsenen ist dann anzuerkennen, dass das Kind weiß, was es braucht, und nicht die Absicht hat, sie zu ärgern.

Kinder finden selbst heilende Situationen

Resiliente Kinder haben Zugang zu ihren Gefühlen: Mutig und aufrichtig stellen sie sich ihrer Trauer, ihrer Wut und ihrer Angst. Sie trauen sich zu, ihre wahren Gefühle auszuhalten und ihre wirklichen Bedürfnisse zu begreifen. Diese Kinder lieben es, alleine oder neben anderen Kindern stundenlang und ohne Unterbrechung zu spielen. Sie begleiten ihr Spiel mit eigenen Dialogen. Sie schaukeln oder drehen sich in einer Hängematte ein, um sich anschließend ganz schnell von Schwer- und Fliehkraft ausdrehen zu lassen. Aus diesem therapeutischen, selbst initiierten und selbst bestimmten Spiel gehen die Kinder gestärkt in die nächste Situation und können von der zuvor gespeicherten Energie zehren.

Oft unterschätzen Erwachsene, was sie Kindern antun, wenn sie ihr Spiel unterbrechen. Im schlimmsten Fall können sich die Kinder nicht mehr auf eine (heilsame) Spielhandlung einlassen!

Die Kinder haben für die Dauer ihres Spiels die Macht über das, was geschieht. Sie können gefahrlos ausprobieren, wie sie ihre Welt so gestalten können, dass sie ihnen weniger Kummer und Schmerzen bringt. Sie verschaffen sich Unabhängigkeit und vermindern Hilflosigkeit, mit der sie alltäglichen Gegebenheiten ausgeliefert sind.

Erwachsene benötigen neben einem sehr stark ausgeprägten Feingefühl auch Wissen über die Entwicklung eines Kindes und viel Vertrauen, dass ein Kind seine Entwicklung selbst gestalten kann. Erzieher/innen können Kindern helfen, indem sie im Rahmen einer "vorbereiteten Umgebung" vielfältige Entwicklungsanreize geben: Natur, Garten, Wasser, Spielkameraden, Zeit, eventuell Tiere usw.

Antriebskraft von innen macht unabhängiger von außen

Eigenaktivität und Selbsttätigkeit können sich nur entwickeln, wenn Langeweile zugelassen wird. Aus einem leeren Moment kann wieder etwas Neues und Sinnvolles entstehen.

Kinder spielen um des Spielens willen. Im freien, vom Kind selbst ausgehenden Spiel bringt sich das Kind ganz ein und schöpft aus seinem inneren Reichtum. Selbsttätigkeit ist die intensivste Form, sich Erfahrungen anzueignen, weil sie alle Sinne anspricht. Kinder müssen Wirklichkeit spüren, Ereignisse nachvollziehen, Zusammenhänge selbst entdecken können, um so die Welt für sich selbst strukturieren und verstehen zu können.

Vertrauen ist die Voraussetzung für Veränderung

Erwachsene nehmen Eigenaktivität ernst, wenn sie

  • Kindern eine anregende Umgebung bieten, in der sie ihr eigenes Spiel entfalten können,
  • sich nicht in das Spielgeschehen einmischen oder es unnötig unterbrechen,
  • nur dann Hilfestellung geben, wenn die Kinder ausdrücklich danach fragen,
  • im Hintergrund bleiben,
  • Kindern Zeit geben, eigene Lösungen zu finden,
  • nie an den Werken von Kindern herumkorrigieren, weder mit Worten noch mit Händen...

Die moderne Hirnforschung bestätigt, was Reformpädagogen bereits wussten: Wir Erwachsenen und Erzieher müssen umdenken - auch wenn es nicht immer leicht fällt!

Literatur

Roth, G.: Möglichkeiten und Grenzen von Wissensvermittlung und Wissenserwerb. Erklärungsansätze aus Lernpsychologie und Hirnforschung. In: Caspary, R. (Hrsg.): Lernen und Gehirn. Hamburg, 7. Aufl. 2012

Spitzer, Manfred: Medizin für die Schule. Plädoyer für eine evidenzbasierte Pädagogik. In: Caspary, R. (Hrsg.): Lernen und Gehirn. Hamburg, 7. Aufl. 2012

Autorin

Barbara Perras, Erzieherin mit Zusatzqualifikation Psychomotorik, Sprachberaterin und Krippenpädagogin, ist z.Zt. tätig im Kath. Kindergarten St. Martin in Schwarzenfeld (Landkreis Schwandorf/Oberpfalz).