Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Helene Klostermann

Manfred Berger

 

Zweifellos gehört Helene Klostermann zu den herausragenden Persönlichkeiten der Fröbelbewegung, die "das Werk Fröbels in voller Sachkenntnis beherrschten" (Hoffmann 1962, S. 7). Ihre umfassende Auseinandersetzung mit der Pädagogik des Kindergartenbegründers schlug sich in mehreren Veröffentlichungen und Editionen nieder. Insbesondere durch die Herausgabe des Buches: "Friedrich Fröbels Werdegang und sein Wirken als Knabenerzieher" hatte sie einen wesentlichen Beitrag zur Erforschung von Fröbels Leben und Wirken geleistet. Diesbezüglich formulierte Helene Klostermann treffsicher im Vorwort:

"Die Bedeutung, die Fröbels Kindergartenidee erlangte, hat seine Verdienste für die Erziehung höherer Alterstufen in den Schatten gestellt. Es ist Zeit, sie aus dem Dunkel wieder ans Licht zu ziehen. Denn nur aus seinem ganzen Lebenswerk kann Fröbels Idee der Einheit des Lebens, der Einheit in der Menschenbildung verstanden und zum Wohl kommender Geschlechter fruchtbar gemacht werden" (Klostermann 1927, S. X).

Von 1918-1923 war sie Vorsitzende des "Deutschen Fröbel-Verbandes", anschließend Ehrenvorsitzende. Darüber hinaus war Helene Klostermann eine gesuchte Referentin zu Fragen der Kindergarten- und Fröbelpädagogik. Als nach dem I. Weltkrieg die Montessoripädagogik immer mehr an Bedeutung gewann, plädierte sie für eine Auseinandersetzung mit den Bestrebungen der italienischen Ärztin und Pädagogin. Ihr Fazit zum Kampf "Hie Montessori - hie Fröbel" lautete:

"Uns aber, die wir uns zu Fröbel bekennen, erwächst eine große und wichtige Aufgabe. Zum erstenmal, seit Fröbels Aufruf: 'Kommt, lasst uns unsern Kindern leben!' einen ähnlichen Siegeszug antrat, handelt es sich um einen Gedanken, der einer Grundforderung Fröbels sehr nahe kommt: 'Durch Tun zum Erkennen, durch Selbsttätigkeit zur Selbständigkeit.' Dem Wesen nach... ist die Forderung beider dieselbe, sie unterscheidet sich hauptsächlich in der Form. Eins aber ist zu bedenken, die Montessori spricht die Sprache der Gegenwart, sie wird von der Gegenwart leichter verstanden werden, als Fröbel, der schon für seine eigenen Zeitgenossen eine so geheimnisvolle Sprache redete, daß nur das ganz aufmerksame nach innen gerichtete Ohr ihren Sinn enträtseln konnte ...
Wenn die Losung ausgegeben wird: 'Hie Montessori - hie Fröbel!' wird der Kampf sich möglicherweise leichter und schneller zu Gunsten der Montessori entscheiden, es sei denn, daß Fröbels Jünger und Jüngerinnen entschlossen sind, sich die Schätze nicht rauben zu lassen, die sie ihm verdanken. Nach meiner Überzeugung steht ihnen nur ein Weg offen: sie müssen sich, gerade als Vertreter des Fröbelschen Erziehungsgedanken, ganz und gar mit den Bestrebungen der Montessori bekannt machen; sie müssen von ihr lernen, was es bei ihr zu lernen gibt - und das ist nicht wenig -, und dann müssen sie sich mit den neu gewonnenen Einsichten Fröbel wieder zuwenden. Sollten sie dann zu der Erkenntnis kommen, daß die Montessori ihnen mehr und Besseres bietet, als Fröbel, dann ist es Zeit, daß Fröbel durch die Montessori ersetzt wird. Fröbel selbst hätte bereitwillig den Platz dem geräumt, der den Gedanken der Menschenbildung tiefer erfasst und befriedigender gelöst hätte, als er" (Klostermann 1920a, S. 156 f).

Obwohl Helene Klostermann letztlich davon überzeugt war, "daß Fröbels Gaben und Beschäftigungen nicht nur die Selbstbelehrungsstoffe der Montessori nach jeder Richtung hin weit überragen, sondern daß sie auch niemals von irgendwelcher Erfindung ähnlicher Art übertroffen werden können" (Klostermann 1920b, S. 63), versuchte sie trotzdem die Leistungen Maria Montessoris hervorzuheben um von ihr zu lernen:

"Der Montessori gebührt ferner unser Dank für ihre ernste Vertiefung in die physiologischen, psychologischen und biologischen Vorgänge des kindlichen Organismus. Die Kindergärtnerin, die ihr darin folgt, wird reichen Gewinn erlangen für die Beurteilung der ihr anvertrauten Kinder. Zur Fachausbildung gehört die Beschäftigung mit diesen Fragen bereits; ihre Ausgestaltung nach den wissenschaftlichen Ergebnissen der Gegenwart wird erreicht werden müssen.
Den wertvollsten Dienst für die frühe Erziehung hat uns Montessori erwiesen durch ihre folgerichtige Anwendung des Grundsatzes von der Selbsttätigkeit des Kindes. Sie ist damit nicht über Fröbel hinausgegangen, aber sie hat gewissermaßen als erste das getan, was Fröbel forderte, sie hat sich nachgehend und nicht eingreifend oder bestimmend dem Kinde gegenüber verhalten. In doppelter Hinsicht, durch sich selbst und durch das Kind hat sie uns damit einen Beweis dafür geliefert, daß das Tun dem Erkennen vorangeht, und daß dann erst, aus der Verbindung beider, ein höheres, das bewußte Tun erfolgt. Diese Einsicht kann der Schlüssel zu einem vertieften Verständnis Fröbels und zur richtigen und erschöpfenden Anwendung seiner Grundsätze werden" (Klostermann 1927, S. 412 f).

Helene Louise Klostermann erblickte am 29. Juni 1858 in Messina (Sizilien) das Licht der Welt. Ihre glückliche Kindheit wurde durch schwere Sorgen überschattet:

"Helenes einziger Bruder stirbt nach kurzer Krankheit im Jahre 1863; die Mutter, sehr zart und schon länger leidend, kann sich von dem Kummer über diesen Verlust nicht erholen. Als ihr im folgenden Winter der Tod noch eine geliebte Schwester raubt, siecht auch sie dahin - und es kommt der Tag, da der schwergeprüfte Vater mit seinen drei kleinen Töchtern am Grabe der Mutter steht. Im kommenden Sommer verliert Helene auch noch ihre liebste Spielgefährtin, ihre kleine Schwester Anna" (Lück o. J., S. 286).

1869 heiratete der Vater erneut, und bald kamen zwei weitere Geschwister hinzu. Viele Jahre später wurde noch ein Mädchen geboren. Mit ihrer Stiefmutter und ihren Halbgeschwistern verband Helene Klostermann zeitlebens eine innige Beziehung. Nach ihrer Lehrerinnenausbildung war sie einige Jahre lang Privatsekretärin von Frau Julia Salis-Schwabe (1819-1896) in England gewesen. Letztgenannte hatte u.a. in Westkensington Fröbelschulen und 1873 in Neapel, wo sie nach dem Tod ihres Mannes lebte, eine Fröbelsche Erziehungs- und Bildungsanstalt (Kindergarten, Schule und Kindergärtnerinnenseminar) ins Leben gerufen. Mit 30 Jahren lernte Helene Klostermann in der süditalienischen Stadt (im sog. "Istituto Froebel") die "lebendige Verwirklichung der Fröbelschen Idee kennen" (Hoffmann 1962, S. 8). Von nun an galt ihr Interesse der Gedankenwelt Friedrich Fröbels.

1898 übersiedelte Helene Klostermann nach Bonn, um in der Stadt, in der sie selbst kurze Zeit als Schülerin und junge Lehrerin an der Schule ihrer Tante geweilt hatte, einen Kindergarten, ein Kindergärtnerinnen- und Lehrerinnenseminar zu gründen. Doch es kam anders:

"Die Klostermannsche Höhere Mädchenschule suchte eine neue Leiterin, und Helene Klostermann wurde gebeten, sich der stark zurückgegangenen Schule anzunehmen. Sie empfand dieses Zusammentreffen als göttliche Fügung und tat den Schritt bewußt im Gehorsam gegen Gott. Sie durfte dann wie ihr Meister in der Erziehungskunst zuerst Schulkinder, nach der Gründung eines Kindergartens auch Kleinkinder und dann junge Mädchen erziehen, die sich im Lehrerinnen-Seminar und Kindergärtnerinnen-Seminar auf den Erzieherberuf vorbereiteten. Sie übernahm 1903 das von Friedrich Zimmer in Kassel gegründete Comenius-Seminar, das nach Bonn verlegt wurde. (Fröbel-Seminar konnte sie es nicht nennen, um seiner gesunden Entwicklung nicht zu schaden!) Zum Seminar kam eine Übungsschule, zum Kindergärtnerinnen-Seminar ein Volkskindergarten, ein Hort, im Krieg ein Tagheim für Kinder und eine Krippe" (Kley 1935, S. 540).

Im Jahre 1922 legte sie die Leitung "ihrer" Erziehungs- und Bildungseinrichtung in jüngere Hände. Folgend galt ihr Interesse der Archivierung des Fröbelnachlasses im Bad Blankenburger Fröbelhaus.

Helene Klostermann verlebte ihre letzten Lebensjahre auf Rügen. Sie starb am 27. Mai 1935 in Putbus.

Literatur

Berger, M.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch, Frankfurt 1995

Hoffmann, E.: Nachwort, in: Blochmann, E./Geißler, G./Nohl, H./Weniger, E. (Hrsg.): Kleine Pädagogische Texte Fröbels. Theorie des Spiels II, Weinheim 1962

Kley, M.: Helene L. Klostermann, in: Die Erziehung Jhg. 1935

Klostermann, H.: Montessori oder Fröbel?, in: Kindergarten Jhg. 1920a

dies.: Der Einfluß auf die Entwicklung des Volkscharakters durch die Pflege der Selbsttätigkeit im Kindergarten und Schulen, in: Kindergarten Jhg. 1920b

dies.: Ausgangspunkt und Zielsetzung der frühkindlichen Entwicklung bei Fröbel und Montessori, in: Die Erziehung Jhg. 1927

dies.: Friedrich Fröbels Werdegang und sein Wirken als Knabenerzieher, Leipzig 1927

Lück, C.: Frauen. Acht Lebensschicksale, Reutlingen o.J.