Selbstkonzept und Selbstbild - zwei Partner für eine gesunde Selbstentwicklung

Thomas Künne, Frank Aufhammer, Heiko Frankenberg und Julius Kuhl

 

Die Begriffe Selbstkonzept und Selbstbild tauchen in verschiedenen Disziplinen häufig mit unterschiedlichen Bedeutungen auf. In diesem Artikel stellen wir aus unserer psychologischen Sicht die Wichtigkeit beider Begriffe und ihre Unterschiede dar. Ausgehend von der Frage: "Wie entwickeln Kinder ein stabiles und realistisches Selbstkonzept?" erörtern wir, warum sich das Selbstkonzept nicht ohne das Selbstbild entwickelt und umgekehrt. Zudem wollen wir uns der Frage widmen, was man heute in der Psychologie unter dem "Selbst" einer Person verstehen kann. Denn genau dieses Selbst mit seinen wissenschaftlich erforschten Funktionen hält viele pädagogische Handlungsoptionen bereit und ist ein wichtiger Bestandteil in der Entwicklung eines realistischen Selbstkonzeptes.

Oft sprechen wir von dem Selbstkonzept eines Kindes, und es klingt nach etwas Greifbarem, das man schützen, fördern aber auch schädigen kann. Aber was bedeutet Selbstkonzept eigentlich? Das Selbstkonzept ist natürlich kein greifbarer Gegenstand, sondern die Vorstellung eines Kindes über sich selbst (z.B. Haug-Schnabel/ Krenz 2007). Das Kind hat Begriffe dafür, was es kann, was es mag oder nicht mag und was es als Person auszeichnet, d.h. es hat ein Konzept von sich selbst (Kuhl 2001). In den meisten Fällen sind Kinder recht früh in der Lage, verbal Auskünfte über sich selbst zu geben. Zum Beispiel auf die Frage: "Was ist Dein Lieblingsessen?" Doch solche Einzelmerkmale beschreiben eigentlich noch nicht das Selbst eines Kindes, sondern erst einmal nur das, was es über sich selbst denkt.

Selbstkonzept Selbstbild
  • Ansammlung von Begriffen, die das Selbst beschreiben
  • kognitives Wissen über sich selbst
  • Beschreibung einzelner Merkmale und Fähigkeiten oder deren Auflistung
  • Dinge auf den Punkt bringen, Begriffe für etwas finden
  • Antwort auf Fragen wie: Wie groß oder alt bist Du? Was kannst Du gut oder nicht gut? Was isst Du gerne?
  • Gefühle, Erfahrungen, Bedürfnisse
  • umfassendes ganzheitliches Bild von sich selbst; Gesamtbild
  • Zusammenfügung von verschiedensten Aspekten, sogar von Widersprüchen
  • gefühltes, breites Wissen über sich selbst, welches auf Erfahrungen beruht
  • Antwort auf die Fragen wie: Was bewegt Dich? Was brauchst Du? Was hast Du erlebt? Wie fühlst Du Dich?

Selbstbild und Selbstkonzept

Lassen Sie uns zunächst den Unterschied zwischen Selbst-Konzept und Selbst-Bild betrachten (s. Tabelle 1): Im Allgemeinen reicht das Selbst-Konzept häufig nicht aus, um das Selbst einer Person zu beschreiben. Das Selbstkonzept ist eine Ansammlung von Begriffen, die eine Person beschreiben (Kuhl 2001). Aber wir wissen, dass Vieles mit Begriffen und Worten allein nicht zu beschreiben ist, z.B. die Gefühle als wesentlicher Bestandteil einer Person. Um einer Person als Ganzes gerecht zu werden, d.h. um sich ein umfassendes Bild von ihr zu machen, braucht es mehr als Worte. Man sagt: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte (Kuhl 2011). Deshalb unterscheiden wir heute in der Psychologie zwischen dem Selbstbild und dem Selbstkonzept.

Das Selbstbild kann sehr viele Erfahrungen, Gefühle, Bedürfnisse, Erfolge wie auch Misserfolge integrieren (wie ein Bild viele Einzelheiten zu einem Ganzen zusammenfügt, das man dann auch blitzschnell als Ganzes "sehen" kann). Dieses Selbstbild lässt sich allerdings nicht so gut beschreiben wie das reine (begriffliche) Wissen über sich selbst; es lässt sich oft nur andeuten, umschreiben oder sogar nur fühlen: Man hat ein Gefühl von sich selbst. Man könnte auch sagen, das Selbstbild ist mehr als die Summe seiner Teile (Kuhl 2011; Kuhl/ Künne/ Aufhammer 2011). Eine einfache Auflistung von Fähigkeiten und Eigenschaften - wie ein Kind kann laufen, springen, schwimmen, mag Nudeln, hat Arme und Beine - sagt uns im Grunde recht wenig über die Person als Ganzes, da dies auf sehr viele andere Personen auch zutrifft. Verbinde ich diese Merkmale aber mit einem Kind, das ich kenne, z.B. der Max aus meiner Gruppe, so entsteht aus der reinen Auflistung ein Gesamtbild inklusive der entsprechenden Gefühle und Erinnerungen.

Dies beinhaltet bereits einen ersten Anknüpfungspunkt zur Förderung des Selbstbildes (s. Praxistipp 1). Die entwicklungspsychologische Forschung hat gezeigt, dass Eltern, die ihre Kinder lediglich mit Oberflächenmerkmalen beschreiben, sich nicht gut in ihr Kind hineinversetzen können (Biebrich/ Kuhl 2008). Das führt dazu, dass sie ihrem Kind weniger gut die Fähigkeit vermitteln können, sich in die inneren Zustände eines anderen bzw. die eigenen hineinzuversetzen (Fonagy/ Gergely/ Target 2007). Wer dagegen nicht an einzelnen Merkmalen oder Begriffen hängen bleibt, sondern sich ein ganzheitliches "Bild" eines Kindes machen kann, gibt dem Kind das Gefühl, als Person gesehen zu werden. Dieses Gefühl ist für die Entwicklung eines Kindes sehr wichtig.

Praxistipp 1: Analogien und Metaphern bilden (vgl. Martens/ Kuhl 2004)

Wer lernen will, sich ein ganzheitliches "Bild" von Kindern zu machen, der könnte sich zum Beispiel im wahrsten Sinne des Wortes wirklich ein Bild zu dem Kind vorstellen, welches gut zu dem Kind passt. Mit der Zeit wird dieses leichter fallen, und Sie werden merken, wie sich Ihre Wahrnehmung des Kindes verändert. Eine solche Möglichkeit wäre, dass Sie den einzelnen Kindern in Ihrer Gruppe eine der folgenden Frage stellen:

"Was wäre ich für ein Tier, wenn mich eine gute Fee verwandeln würde?"

"Was wäre ich für eine Filmfigur?"

"Was wäre ich für ein Geschäft/Laden?"

Zu diesen Fragen können Sie mit den Kindern positive Eigenschaften sammeln, ein Bild dazu malen etc. Sie können im Rahmen des Kita-Alltags immer wieder kleine Verknüpfungen herstellen, z.B. "Das könnte doch der Peter ganz gut, der ist doch so stark wie ein Elefant".

Im günstigen Fall kann das Selbstkonzept zwar einzelne Aspekte des Selbstbildes recht gut und auch realistisch beschreiben, d.h. ich habe keine falschen Vorstellungen von mir, weil ich mich in verschiedensten Bereichen nicht über- oder unterschätze. Dies geschieht im Idealfall dadurch, dass Selbstkonzept und Selbstbild abgeglichen werden, also ein Austausch zwischen beiden stattfindet. Andernfalls kann es zu den genannten Fehleinschätzungen kommen, da nicht alle relevanten Informationen (wie gemachte Erfahrungen oder Gefühle) berücksichtigt werden. Zum Beispiel sagte meine Oma immer "Du kannst doch bestimmt toll mit Bauklötzen bauen!" und füllte so mein Selbstkonzept mit Informationen. Im Laufe der Zeit mache ich jedoch häufig die Erfahrung, dass meine Türme immer als erste einstürzen. Gelingt nun der Austausch zwischen Selbstkonzept und Selbstbild, so müsste ich mein bewusstes Selbstkonzept in diesem Aspekt überdenken und dabei die gemachten Erfahrungen berücksichtigen, um dann vielleicht zu sagen: "Das Bauen macht mir Freude, aber ich muss noch üben".

Eine solche integrative und reife Leistung kann im Grunde nur das Selbstbild erzeugen, denn dies kann im Unterschied zum Selbstkonzept positive und negative Seiten der eigenen Person zusammenführen, selbst wenn sie auf den ersten Blick noch so widersprüchlich wirken (Kuhl/ Künne/ Aufhammer 2011). Somit kann das Selbstbild sich sowohl auf der einen Seite der Kritik stellen und damit umgehen als auch auf der anderen Seite durchaus Lob und Erfolge annehmen. Das Selbstkonzept kann Widersprüche nicht so gut integrieren, weil es den Gesetzen der Logik folgt: So wie "Ein Satz nur wahr oder falsch sein kann", so kann in der Denkwelt des Selbstkonzepts ein Mensch nur über die eine oder die andere Eigenschaft verfügen.

Praxistipp 2: Fehlerfreudigkeit

Kinder machen Fehler und das ist auch notwendig für ihre Entwicklung. Denn sie lernen ganz wesentlich aus dem Feedback, das sie aus ihrer Umwelt bekommen. Die entscheidende Frage ist also, wie wir mit dem Verhalten des Kindes umgehen. Pauschale Sätze von Erwachsenen, wie z.B. "Hast Du etwa schon wieder ... ?", "Ich hab's Dir doch gesagt!" oder "Du darfst hier keine Fehler machen!" hemmen die natürliche Neugier der Kinder für das Ausprobieren neuer Verhaltensweisen.

Das Feedback an die Kinder sollte immer an das konkrete Verhalten adressiert sein und erläutert werden. Man spricht auch von der Trennung von Person und Verhalten, d.h. nicht die ganze Person ist schlecht, sondern das Verhalten war in der Situation nicht adäquat. Wichtig ist, die Frage zu klären, warum das Verhalten nicht angemessen ist. Die Kritik sollte zudem immer in einen weiten Kontext gestellt werden: Was kann das Kind selbst daraus lernen, wie fühlt es sich und wie kann es beim nächsten Mal handeln? Der Fokus sollte also auf einer Reflexion der Lernerfahrung aus Kindersicht liegen.

Trotz der besonderen Vorteile des Selbstbildes ist auch das bewusste Selbstkonzept sehr wichtig: Das Selbstkonzept dient dazu, das Selbstbild immer wieder auf den Punkt zu bringen. Alles was ich auf einen Begriff verdichten und mit einem Wort ausdrücken kann, bringt einen Zuwachs an Klarheit. Es ist gut, wenn ein Kind nicht nur ein diffuses Gefühl hat, was es kann und was es nicht so gut kann, sondern das auch in Worte fassen kann. Der sprachbegabte Verstand liest dabei Einzelheiten oder sogar ein Resümee aus dem Selbstbild ab (Kuhl 2001).

So kann ich zum Beispiel über mich reden oder eine realistische Einschätzung über mich abgeben ("Kann ich das oder vielleicht doch noch nicht?"). Dieser Einschätzung sollte ein Gefühl über mich selbst zu Grunde liegen, welches meiner gesamten Person gerecht wird, d.h. viele von mir erlebte Situationen und Erfahrungen werden mitbeachtet. So viele Informationen gleichzeitig zu berücksichtigen, ist mit dem Verstand nicht möglich: Hier kommen Begriffe und Worte rasch an ihre Grenzen. Aber mit dem Selbstbild kann man sehr, sehr viele Erfahrungen "erfühlen", ohne sich alle Situationen bewusst machen zu müssen.

Dieses ganzheitliche Gefühl über sich selbst entsteht in der Entwicklung eines Kindes in Beziehungen zu anderen Menschen und in Lebenssituationen, in denen das Kind aus der Umwelt Rückmeldungen über sein Verhalten erhält. Die für das Selbstwachstum relevanten Beziehungserfahrungen reichen bis in die Säuglingszeit zurück, wo Mutter-Kind-Interaktionen,die ersten Formen von Beziehung ausmachen und dem Säugling erste Rückmeldungen über sein Verhalten ermöglichen (Fonagy/ Gergely/ Target 2007). Mit der Zeit werden alle diese Erfahrungen gespeichert und machen meinen Erfahrungsschatz aus. Also alle Erfahrungen, die für mich wichtig und bedeutsam sind, prägen mit der Zeit mein Selbstbild.

Kinder beginnen auch früh zu lernen, dass ein anderes Kind (oder sie selbst) nicht nur vorlaut oder nur zurückhaltend ist, sondern dass solche gegensätzlichen Merkmale auf dieselbe Person zutreffen können. Wir sprechen dabei von Integration, also der Zusammenführung widersprüchlicher Informationen (z.B. Papa ist entspannt, Papa ist gestresst, trotzdem ist er meine - es gut mit mir meinende - Vertrauensperson).

Auf der anderen Seite suchen wir im Leben nach vereinfachenden Regeln wie "Was ist richtig und was ist falsch?" Hierbei geht es somit um eine erleichternde und eindeutige Entweder-oder-Entscheidung des logischen Verstandes, die möglichst auf viele Situationen anwendbar ist. Diese Allgemeingültigkeit über viele Situationen hinweg (ver-) führt dazu, dass der Verstand immer wieder dazu neigt, situative Randbedingungen zu vernachlässigen: "Dieses Kind ist nicht auszuhalten" könnte ein solcher Beitrag meines Verstandes sein. Ich vergesse, in diesem Fall zu differenzieren und dazu zu sagen, in welchen Situationen welche Verhaltensweisen des Kindes mir schwer erträglich erscheinen und was das womöglich auch mit mir zu tun hat.

Auf die Randbedingungen kann man achten, wenn man aus der Welt der Begriffe in die Welt der Bilder und gefühlten Erfahrungen wechselt. Wir sprechen hier auch von einer Art Hintergrundmusik, die uns leise begleitet, uns aber häufig vor lauter Alltagsstress verborgen bleibt. Lauscht man dieser Hintergrundmusik ein wenig, kann man sich ein ganzheitliches "Bild" von der eigenen Person und von anderen Personen machen (s. Praxistipp 1). Diese Welt nennen wir das Selbst einer Person und verbinden in der psychologischen Forschung damit ein psychisches System (Kuhl 2001, 2011), welches mit seiner Hintergrundmusik - also seinen Funktionsmechanismen - maßgeblich das Selbstbild einer Person prägt.

Kleiner Exkurs: Was ist das Selbst?

Das Selbst wird formal als ein sehr großer Informationsspeicher für die Erfahrungen beschrieben, die persönliche Relevanz haben und mir Auskünfte über mich und meine Geschichte, meine Fähigkeiten und Wünsche, meine Gefühle und Bedürfnisse ermöglichen (Kuhl 2011). Zudem verfügt das Selbst über sogenannte Selbstkompetenzen (Künne/ Sauerhering/ Strehlau 2011), die besonders wichtig sind, um lebenslang lernen zu können, sich in unserer schnelllebigen Zeit zurechtzufinden und auch um sein eigenes Selbstbild weiterentwickeln zu können. Zu diesen Selbstkompetenzen gehören Fähigkeiten, wie z.B. sich selbst motivieren zu können, auch wenn man zunächst keine Lust verspürt, oder sich in stressigen Momenten selbst beruhigen zu können. Diese Fähigkeiten heißen deswegen Selbstkompetenzen, da sie im Laufe der Entwicklung ohne die Hilfe eines anderen funktionieren, d.h. ich kann mich auch alleine beruhigen, wenn gerade niemand in der Nähe ist.

In unserer Forschung konnten wir viele wichtige Merkmale des Selbst beschreiben und untersuchen, die diesen Selbstkompetenzen zugrunde liegen (Storch/ Kuhl 2011). Im Folgenden wollen wir uns genauer anschauen, welche Handlungsmöglichkeiten aus diesen Merkmalen ableitbar sind und eine gesunde Selbstentwicklung eines Kindes unterstützen.

Praktische Implikationen für den erzieherischen Alltag

Da das Selbst mit seinen Selbstkompetenzen eine wichtige Rolle bei der Weiterentwicklung des eigenen Selbstbildes spielt, wollen wir praktische Aspekte darstellen, die zum einen das Selbst mit seinen Funktionen aktivieren und zum anderen den Aufbau eines differenzierten Selbstbildes und den Austausch mit dem Selbstkonzept unterstützen. Hierzu greifen wir drei Merkmale des Selbst heraus und beschreiben auf diesen drei Ebenen Handlungsmöglichkeiten für den pädagogischen Alltag.

Ebene 1: Gefühle und Emotionsregulation

Gefühle dienen in unserem Leben als eine Art von Navigationshilfe, d.h. Gefühle helfen uns, möglichst günstige Entscheidungen für uns zu treffen (Storch/ Kuhl 2011). Je besser die einzelnen bisher erlebten Erfahrungen mit den damaligen Gefühlen verknüpft sind, desto deutlicher wirken Gefühle als "Navigationshilfe" bei der Suche in den unendlichen Weiten der persönlichen Erfahrungswelt (des Selbst). Man kann sich somit gut vorstellen, dass das eigene Verhaltensspektrum umso flexibler und kreativer werden kann, je größer der emotionale Erfahrungsschatz des Selbst ist.

In der Entwicklung eines Kindes gibt es allerdings viele Erlebnisse, die das noch in der Reifungsphase befindliche Selbst aufgrund des noch nicht so breit angelegten Erfahrungsspektrums überfordern können. Hier ist das Kind auf eine Unterstützung von außen durch eine Bezugsperson angewiesen. Folgende Methoden eignen sich:

Eine erste Möglichkeit ist es, die von einem Kind gezeigte Emotion zurückzumelden oder angemessen zu handeln. Ein Beispiel: Ein Kind hat Angst zu rutschen, und die Erzieherin sagt: "Ich verstehe, dass Du Angst hast". Stürzt ein Kind und tut sich weh und äußert seinen Schmerz, so kann eine Reaktion sein, auf den Schmerz mit Pusten und Trost zu reagieren.

Kleinen Kindern fällt es oft noch schwer, eigene emotionale Zustände auf eine Frage nach ihrem Gefühlszustand auszudrücken. Hier können folgende Übungen helfen:

  • Unterhaltung z.B. mit Handpuppen über die Kindergefühle, die anstelle der direkten Befragung des Kindes tritt. Ein solches Vorgehen schafft eine gewisse Distanz zum Gefühl, sodass das Kind hiervon nicht überwältigt ist.
  • Eine weitere Unterstützung bietet die Vorlage von Emotionsbildern, die die Kinder auch selbst gestalten können. Hier haben die Kinder die Möglichkeit, ihre verschiedenen Erfahrungen und ihr Wissen zu Gefühlen einzubringen. Eine spielerische Variante wäre die folgende: Ein Kind stellt eine Emotion dar, und die anderen Kinder erraten diese.
  • Das gemeinsame Lesen und Betrachten von Bilderbüchern mit Emotionsgeschichten (s. Literaturtipps) zeigt modellhaft den Charakter von und Umgang mit Emotionen und regt die Fantasie an.

Reflexionsfragen:

  • Wie gehe ich als erwachsene Person mit meinen Gefühlen um? Wie reagiere ich auf die Gruppe und auf einzelne Kinder?
  • Sich zwischendurch bewusst in eine "Beobachterposition" bringen: Wie geht es mir jetzt gerade in diesem Moment?

Ebene 2: Die Rolle des Körpers

Ebenso wie Gefühle uns als Navigationshilfe dienen, so gibt uns auch unser Körper wichtige Hinweise und Impulse für unser alltägliches Handeln. Kleine Kinder erleben sich erst in einer Tätigkeit als selbstwirksam und erfahren über die im Körper spürbaren Rückmeldungen etwas über ihr Verhalten (Zimmer et al. 2005).

Eine Rückmeldung, die neben sprachlichen Informationen auch Körperwahrnehmungen beinhaltet, stärkt direkt das Selbstbild. Förderlich können hier Übungen sein, die direkt oder indirekt den Körper mit einbeziehen (s. auch Psychomotorik als Methodik).

Ein wichtiger Schritt ist dabei, zunächst eine grundlegende Form von Körpergefühl zu etablieren. Dies kann z.B. über einen Barfußpfad erfolgen oder indem in Zweierübungen gegenseitig der Rücken gekrault wird (hier gibt es Bilder wie verschiedene Wetterlagen oder Teig auf dem Rücken kneten).

Wichtig für die Förderung des Selbstbildes und des Selbstkonzeptes ist der Austausch über die Erlebnisse, der in einem wertschätzenden Rahmen stattfindet und keine Erlebnisse - seien sie auch noch so merkwürdig - als falsch oder nicht angemessen geringschätzt: So kann es z.B. sein, dass Kinder aus unterschiedlichen Kulturen ganz verschiedene Wahrnehmungen haben oder vor ihrem Hintergrund noch nicht bereit sind, sich in einer solchen Übung zu öffnen (Keller 2011).

Die Körperwahrnehmung beinhaltet auch eine gute Ergänzung zu den o.g. Übungen zu Gefühlen, wenn die benannten Gefühle z.B. mit Körperwahrnehmungen in Verbindung gebracht werden können. So könnten Gefühle in einen Körperumriss gemalt werden und dann Unterschiede zwischen den Kindern besprochen werden, immer mit der Frage: "Wie fühlt sich das bei Dir an?" Hierzu kann man auch einen Spiegel nutzen, in dem man seine Gefühle anschauen und ausprobieren kann, wie verschiedene Gefühle aussehen. Zudem bietet der Spiegel den Vorteil, dass er die Aufmerksamkeit auf das eigene Selbst richtet und gleichzeitig ein Bild von einem selbst zeigt.

Reflexionsfragen:

  • Welche Wahrnehmungen und Signale nehme ich von meinem Körper wahr? Wie unterscheiden sich Situationen?
  • Wie könnte ich meine Körpersignale für den Kita-Alltag nutzen?
  • Wie könnte ich Körperwahrnehmungen im Alltag bei den Kindern mehr berücksichtigen? An welchen Stellen kann ich Rückmeldungen mit Körperwahrnehmungen verbinden?

Ebene 3: Integrationsfähigkeit

Ein weiteres sehr bedeutendes Merkmal des Selbst ist dessen Integrationsfähigkeit, d.h. es werden auch auf den ersten Blick widerstrebende Informationen zusammengebracht. Die Integration umfasst kognitive, emotionale und körperliche Komponenten und bildet sozusagen den Rahmen um die bisher genannten Aspekte. Weiter oben haben wir bereits ein Beispiel für eine integrative Leistung angeführt, nämlich dass ein Kind eine andere Person mit positiven und negativen Eigenschaften wahrzunehmen lernt (Kuhl 2011).

Stärken lässt sich diese Fähigkeit, indem man im Kontakt mit dem Kind auf die positiven und negativen Merkmale anderer Personen achtet. Eine typische Äußerung eines Kindes könnte sein: "Der Max, der ärgert immer nur alle! Den mag ich nicht". An dieser Stelle kann der Erwachsene die Frage stellen, ob das wirklich immer so ist oder ob der Max auch nette Seiten hat. Sicherlich bieten Generalisierungen im Kindesalter einen gewissen Halt und schaffen Klarheit, führen aber langfristig zu einer eher einseitigen Sicht der Dinge.

Reflexionsfragen:

  • Wie gehe ich selbst mit generellen Urteilen über andere Leute um?
  • Differenziere ich zwischen einem ersten Impuls, wie z.B. "Mensch, ich kann den Karl gar nicht ausstehen", und einer reflektierten Ebene, was genau mich denn am Verhalten des anderen stört und warum?

Die integrative Fähigkeit betrifft aber auch die eigene Person, d.h. das Kind hat einen Überblick über seine Stärken und auch Schwächen. Eine Balance zwischen einem kritischen Blick auf und einer guten Selbstfürsorge für die eigene Person ist wichtig, um einer Selbstüberschätzung bzw. einem Selbstwertverlust vorzubeugen. Hier könnte man zusammen mit Kindern eine Waage mit Gewichten basteln. Dabei gibt es die eine Seite mit Gewichten, was ich besonders gut kann, und die andere Seite, was ich noch üben muss. Die anderen Kinder in der Gruppe sind dazu eingeladen, für jedes Kind weitere - zum Kind passende - Gewichte zu ergänzen und auch darauf zu achten, dass die Waage nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Wichtig ist zu betonen, dass beide Seiten gleichwertig sind und dass sowohl positive als auch negative Gewichte ihren Platz bekommen. Die Ergebnisse kann man dann auch vor dem Hintergrund von Gefühlen und Körperwahrnehmungen besprechen bzw. mit den o.g. Übungen kombinieren. Mit der Zeit kann die Anzahl der berücksichtigten Aspekte erhöht werden, wenn die Kinder ihre integrativen Fähigkeiten erweitert haben.

Fazit

Für eine gesunde Selbstentwicklung ist gerade der Austausch zwischen Selbstbild und Selbstkonzept zentral (vgl. Künne et al. 2011). Denn dieser sorgt dafür, dass das Selbstkonzept immer wieder mit realen Erfahrungen abgeglichen wird, die im Selbstbild gespeichert sind. Das Selbst stellt dabei die Grundlage des Selbstbildes dar. Die Funktionsweisen des Selbst sind in der psychologischen Forschung belegt (Kuhl 2011) und bieten Ansätze zur Förderung. Abschließend lässt sich festhalten, dass sich ein stabiles und reales Selbstkonzept nur auf Basis eines differenzierten Selbstbildes entwickeln kann.

Literaturtipps

Kog, M./Moons, J./Depondt, L.: Ein Koffer voll Gefühle. Erkelenz: Berufskolleg des Kreises Heinsberg 2007

Kreul, H./Geisler, D.: Ich und meine Gefühle. Bindlach: Loewe 2011

Kuhl, J./Müller-Using, S./Solzbacher, C./Warnecke, W. (Hrsg.): Bildung durch Beziehung. Selbstkompetenz stärken - Begabungen entfalten. Freiburg: Herder 2011

Mehr Zeit für Kinder e.V. (Hrsg.): Kluge Gefühle. Familienratgeber zur Förderung der emotionalen Intelligenz. Turnhout: Proost 2005

Storch, M./Kuhl, J.: Die Kraft aus dem Selbst. Sieben PsychoGyms für das Unbewusste. Bern: Huber 2011

Literatur

Biebrich, R./Kuhl, J.: Reflexionsfähigkeit und Selbstentwicklung. In: R. Sachse (Hrsg.): Theorie und Praxis der Klärungsorientierten Psychotherapie. Göttingen: Hogrefe 2008

Fonagy, P./Gergely, G./Target, M.: The parent-infant dyad and the construction of the subjective self. Journal of Child Psychology and Psychiatry 2007, 48, S. 288-328

Haug-Schnabel, G./Krenz, A.: Entwicklungspsychologische Grundlagen. In: Krenz, A. (Hrsg.): Psychologie für Erzieherinnen und Erzieher. Berlin: Cornelsen Scriptor 2007

Keller, H.: Die Autonomieillusion: Kindheit in Deutschland zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Eingereichtes Manuskript. Universität Osnabrück 2011

Künne, T./Kuhl, J./Frankenberg, H./Völker, S.: Die Bedeutung der individuellen Förderung in der Grundschule aus Sicht der Persönlichkeitspsychologie/PSI-Theorie. In: Solzbacher, C./Müller-Using, S./Doll, I. (Hrsg.): Ressourcen stärken! Individuelle Förderung als Herausforderung für die Grundschule. Kronach: Carl Link 2011

Künne, T./Sauerhering, M./Strehlau, A.: Selbstkompetenzförderung als Basis frühkindlichen Lernens. Ein (weiterer) Anspruch an die elementarpädagogische Praxis!? (2011). http://www.kindergartenpaedagogik.de/ 2208.html (21.09.2011)

Kuhl, J.: Motivation und Persönlichkeit. Göttingen: Hogrefe 2001

Kuhl, J.: Erkenntnisse aus der Erforschung des Selbst. Psychologie-Unterricht 2011, Heft 44

Kuhl, J./Künne, T./Aufhammer, F.: Wer sich angenommen fühlt, lernt besser: Begabungsförderung und Selbstkompetenzen. In: Kuhl, J./Müller-Using, S./Solzbacher, C./Warnecke, W. (Hrsg.): Bildung durch Beziehung. Selbstkompetenz stärken - Begabungen entfalten. Freiburg: Herder 2011

Kuhl, J./Völker, S.: Entwicklung und Persönlichkeit. In: Keller, H. (Hrsg.): Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. Bern: Huber 1998

Martens, J.U./Kuhl, J.: Die Kunst der Selbstmotivierung. Neue Erkenntnisse der Motivationsforschung praktisch nutzen. Stuttgart: Kohlhammer 2004

Storch, M./Kuhl, J.: Die Kraft aus dem Selbst. Sieben PsychoGyms für das Unbewusste. Bern: Huber 2011

Zimmer, R./Tieste, K./zur Lage, I./Vieker, N.: Handbuch der Sinneswahrnehmung. Grundlagen einer ganzheitlichen Erziehung. Freiburg: Herder 2005

Kontakt zu den Autoren

Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung
Forschungsstelle Begabungsförderung - Prof. Dr. Julius Kuhl
z.Hd. Thomas Künne
Seminarstr. 20
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