Supervision - ein Weg, handlungsfähig zu bleiben oder wieder zu werden

Sabine Mair

 

In Zeiten immer knapper werdender Ressourcen und stetig wachsender Anforderungen ist es wichtiger denn je, dass Erzieher/innen ihre professionelle Rolle und das eigene Handeln kontinuierlich reflektieren und klären. Supervision kann dabei unterstützen, vorhandene Kompetenzen zu stärken, und kann neue Perspektiven im Umgang mit der eigenen Rolle und den beruflichen Strukturen aufzeigen.

Supervision ist eine Beratungsform, die im beruflichen Kontext begleitend und unterstützend genutzt werden kann. Dabei werden Fragen und Themen, die sich aus den Anforderungen des Berufs ergeben, reflektiert und geklärt, um so zukünftige alternative Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Supervision hilft also, über die berufliche Rolle und über professionelles Handeln nachzudenken, den eigenen Blickwinkel zu erweitern und so neue Handlungsperspektiven und -strategien zu entwickeln. Dabei können Veränderungsprozesse begleitet werden oder man kann Unterstützung beim Klären und Gestalten von Aufgaben und Aufträgen erhalten. Ebenso kann Supervision als Reflexions- und Entscheidungshilfe dienen; sie kann Unterstützung in herausfordernden oder belastenden Arbeitssituationen und/oder Konflikten bieten oder sie kann Hilfe bei der Bewältigung neuer Aufgaben und Herausforderungen aufzeigen.

Supervision ist somit eine arbeitsfeldbezogene und aufgabenorientierte Form der Beratung, die individuelle Fragestellungen der Einzelpersonen klären kann.

Erzieher/innen begegnen vielen Schwierigkeiten im pädagogischen Alltag:

  • Strukturelle Schwierigkeiten: Personalengpässe, verstärkte Einsparungen der Träger bzw. Erhalter im Bereich der Ressourcen (Material, Personal...)
  • Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit Eltern: beispielsweise überhöhte Forderungen der Eltern, desinteressierte Eltern
  • Veränderte fachliche Ansprüche: Erzieher/innen sind gefordert, sich immer wieder auf Neues einzulassen und anzupassen
  • Kommunikationsschwierigkeiten im Team: schlechte Gesprächs- und Teamkultur, mangelnde Führungskompetenzen der Leitung, Konkurrenzdenken, fehlende Zielorientierung, Konflikte und Unstimmigkeiten
  • Konkrete gesellschaftliche Veränderungen: Kinder mit Auffälligkeiten oder Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen, Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache (fehlende Ressourcen, Kommunikationsprobleme...)
  • Persönliche Schwierigkeiten: mit zunehmendem Alter das Gefühl, auch in der Sprache auf eine Kleinkindwelt beschränkt zu sein, fehlende Perspektiven zur beruflichen Veränderung oder Weiterentwicklung

Es liegt an jedem/r Erzieher/in, sich den Entwicklungs- und Veränderungsprozessen zu stellen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Wenn wir uns bewusst werden, dass "jammern" grundsätzlich Energieverschwendung ist, dann sind wir in der Lage, unsere Energie meist um ein Vielfaches effektiver zu nutzen. Durch das Erlernen des Umganges mit unseren eigenen Ängsten und Widerständen und durch das Lernen der persönlichen Auseinandersetzung und Reflexion werden wir letztlich mehr Zufriedenheit gewinnen und Bereicherung erfahren.

Das Professionalitätsprofil der Erzieher/innen

Erzieher/innen sind Fachfrauen/-männer für Elementarpädagogik. Sie tragen gemeinsam mit den Eltern Verantwortung dafür, dass Kinder in den frühen Jahren ihrer Entwicklung die entscheidenden Lernschritte gehen können. Auch die besten Förderkonzepte oder fortschrittlichsten Erziehungskonzepte garantieren keinen pädagogischen Erfolg, denn sie agieren nie unmittelbar im pädagogischen Kontakt mit den Kindern. Entscheidend für die Qualität und die Wirksamkeit der pädagogischen Arbeit sind vielmehr Handlungsfähigkeit, Elan und Ethos der Erzieher/innen. Ohne die Bedeutung von guter Ausstattung und Konzeptionen schmälern zu wollen: Was letztlich zählt, sind die konkrete Gestaltung und die daraus resultierende Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Dennoch wissen wir, dass diese tagtägliche Beziehungsarbeit eine erhebliche Anforderung im beruflichen Alltag an Erzieher/innen stellt. Hierfür gibt es vielfältige Gründe: zum einen wirken sich die meist knappen Zeitressourcen ungünstig auf die pädagogische Arbeit aus, zum anderen erfolgen Lern- und Entwicklungsprozesse selten geradlinig und auch selten in rasantem Tempo. Vielmehr sind diese Prozesse oft mit Verunsicherungen, Schwierigkeiten, plötzlichen Einsichten und Fragen verbunden, die jeweils ganz individuell erfolgen. Darüber hinaus ist die Qualität der kollegialen Beziehungen am Arbeitsplatz ausschlaggebend dafür, ob Leitung und Team an einem Strang ziehen und ihre Aufgaben motiviert und teamorientiert erfüllen.

Erzieher/innen können im Supervisionsrahmen eine Stärkung in der Ausrichtung der pädagogischen Arbeit oder Unterstützung bei der Persönlichkeitsentwicklung erhalten. Sie können Hilfestellung bei der Klärung von persönlichen Konflikten mit Eltern oder Kolleg/innen oder Unterstützung im Teamfindungsprozess und in der Zusammenarbeit im Team erhalten. Das persönliche Zeit- und Organisationsmanagement kann optimiert werden, belastende Situationen aus dem Arbeitsalltag können besser bewältigt werden. Außerdem können Erzieher/innen Unterstützung beim Umgang mit Ressourcen und Energien erhalten, oder die Strukturentwicklung innerhalb der Organisation kann eine Stärkung erfahren. Ebenso kann die Konfliktlösungskompetenz gestärkt und die Teamarbeit verbessert werden. Es können neue Impulse oder Impulsfragestellungen aufgenommen werden. Hilfestellungen können dazu beitragen, den Blickwinkel zu erweitern und die Sache von einer anderen Seite zu betrachten. Die Erzieher/innen können so Anstoß bekommen, ihre Eigenressourcen zu aktivieren.

"Überhaupt lernt niemand etwas durch bloßes Anhören, und wer sich in gewissen Dingen nicht selbst tätig bemüht, weiß die Sache nur oberflächlich" (Johann Wolfgang von Goethe).

Literatur

Burchat-Harms, Roswitha (2001): Konfliktmanagement. Wie Kindergärten TOP werden. Weinheim, Basel, Berlin: Beltz Verlag

Lamberti, Maria-Anne/Sommerfeld, Verena (2003): Strategische Personalentwicklung. Team- und Organisationsentwicklung praktisch. Wie Kindergärten TOP werden. Weinheim, Basel, Berlin: Beltz Verlag

Lill, Gerlinde (1995): Königin im eigenen Reich. Zum Berufsrollenverständnis von Kindertagesstättenleiterinnen. Berlin: Luchterhand

Priester, Sabine (2005): Supervision als Unterstützungsmöglichkeit für Kindergartenpädagoginnen: Welche Ansatzpunkte für eine stärkere Inanspruchnahme gibt es?

Autorin

Sabine Mair, MAS, Fortbildungsreferentin für pädagogische Fachkräfte, Begleitung von Teams (Teamentwicklung, Teambildung, Teamsupervision, Teamschulungen). Kontakt: sabine.mair@lebensaesthetik.com