Rezension

Christiane Richard-Elsner: Draußen spielen. Lehrbuch. Weinheim: Beltz Juventa 2017, 216 Seiten, EUR 19,95 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Das vor Kurzem im Belz Verlag erschienene Buch "Draußen spielen" von Christiane Richard-Elsner ist von großer Bedeutung: Die Erkenntnisse zu den Auswirkungen des "Draußen Spiels" und zu den gravierenden Folgen, wenn dieses fehlt, werden in ihm erstmalig in großer Fülle ausgebreitet. Zahlreiche Anregungen vermitteln zudem, wie die Situation der Kinder verändert und durch das nicht angeleitete Spiel im Freien belebt werden kann.

Die nachfolgenden Ausführungen entstanden als Einführung in das Thema des "Draußenspiels" anlässlich eines Vortrages der Buchautorin in der Schweiz. Drei zentrale Aspekte wurden dabei hervorgehoben:

Erstens: "Draußen spielen" - was für ein einfacher Titel! Das ist doch selbstverständlich. Wir gehen doch alle mit den Kindern immer wieder auf die Spielplätze im Wohnumfeld oder auf öffentlichem Grund. Setzen uns dort und plaudern mit andern Müttern oder Vätern. Bis, ja bis sich mein Kind Sand um den Mund, schmiert, einen Baum, die Schaukel besteigen will oder gar mit den Spielkameraden zu streiten beginnt. Da juckt es uns in den Beinen. Wir eilen herbei, intervenieren und entziehen dem Kind die Möglichkeit, das Problem selbst zu lösen.

Nicht viel anders ist es in Spielgruppen, in Kitas, Kindergärten, Schulen: Pädagog/innen und Lehrer/innen müssen nicht nur die Aufsichtspflicht erfüllen, sondern haben auch einen Bildungsauftrag, den man unbedingt und andauernd erfüllen will. Und nach der Kita, nach dem Kindergarten, nach der Schule und Tagesschule kommt der Hort oder - sofern man das Kind nicht einfach den Medien überlässt - eine mehr oder weniger intensive Förderung zu Hause.

"Draußen spielen" setzt hier einen Kontrapunkt. Die Autorin will dem Kind jenen Raum und jene Zeit zurückgeben, in dem/der es ohne ständige instruierende erwachsene Begleitung eigenständige Erfahrungen in seiner Umwelt machen kann. Wir haben, so meine Meinung, die Balance verloren zwischen dem, was die Kinder von Erwachsenen vermittelt bekommen, und dem, was sie selber erfahren und dank diesen Erfahrungen auch das von oben herab Vermittelte verarbeiten und internalisieren können.

Zweitens: Vernünftige Erziehung und Bildung, ja das gesunde Aufwachsen eines Kindes braucht Raum! Raum, den Kinder selbstständig erreichen und wo sie mit anderen Kindern spielen können. Diesen Raum zu schaffen, übersteigt in den allermeisten Fällen die Möglichkeiten der Eltern wie all jenen, die beruflich Bildung vermitteln. Wenn ich, um ein banales Beispiel zu erwähnen, als Mutter seit Jahren gezwungen werde, mein Kind ständig an die Hand zu nehmen, weil der motorisierte Straßenverkehr vor der Haustüre zu gefährlich ist, weil rund ums Haus der geeigneter Raum fehlt, weil mein Kind die Haustüre nicht selbstständig öffnen kann, so fehlt es dem Kind an Bewegung und an eigenständigen sozialen Kontakten. Das "Ständige-an-die-Hand nehmen" führt fast unausweichlich zu einer höchst ungesunden, allzu engen Beziehung zwischen dem Kind und seinen Betreuer/innen. Kinder, die so aufwachsen, werden - um eine derzeit aktuelle Diskussion um das Elterntaxi aufzugreifen - gemäß unseren Untersuchungen auch den Weg in den Kindergarten und die Schule nicht allein unter die Füße nehmen.

Drittens: Der Verlust an Raum für das eigenständige Spiel im Freien hat - wie Christiane Richard-Elsner im Buch aufzeigt - vielfältige gravierende Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder, die unser Gesundheitssystem enorm belasten. Was tun wir dagegen? Treten Probleme wie Bewegungsmangel, Übergewicht, nicht Beherrschen des Fahrrades, Probleme auf dem Schulweg usw. auf, so verweisen die Politiker/innen schönrednerisch ständig auf die Eigenverantwortung der Eltern. Fehler in der Bau- und Raumplanung und vor allem die Verdrängung der Kinder aus dem Straßenraum werden bewusst übersehen. Wo die Schuldzuweisung an die Eltern, was naheliegend ist, nichts nutzt und ständig mehr Defizite bei den Kindern festgestellt werden, beauftragt man unsere Bildungsinstitutionen, damit sie die Defizite bei den Kindern beseitigen. Kitas, Kindergärten und Schulen werden überfordert und zu "Flickbuden" der Gesellschaft degradiert. Der einsetzende und immer stärker wachsende Therapieapparat behandelt in der Folge Kind für Kind. Dem Problem des fehlenden Frei- und Bewegungsraums als wesentliche Ursache der Defizite stehen die Therapeut/innen hilflos gegenüber. Es ist an der Zeit, dass unsere Politiker, Architekten, Raumplaner, Liegenschaftsverwalter usw. aufwachen und an der Wurzel - an der Raumthematik - zu arbeiten beginnen!

Der Weg zur Erneuerung des Draußenspiels ist steinig. Der Autorin gelingt es trotz grundlegender Kritik anhand zahlreicher Beispiele dem Leser aufzuzeigen, dass es viele Möglichkeiten gibt, die Situation wesentlich zu verbessern und die Kinder wieder unbegleitet im Freien spielen zu lassen.

Marco Hüttenmoser
Forschungs- und Dokumentationsstelle Kind und Umwelt
www.kindundumwelt.ch