Aus: Kindersprechstunde, 17. Aufl., S. 454-460

Gesundheit durch Erziehung: Die Kindergartenzeit

Michaela Glöckler

 

Die Liebe herrscht nicht,
aber sie bildet, und das ist mehr.
Goethe: "Das Märchen"

Gesundheitsförderung im Kindergarten - wie sieht das konkret aus? Die Kinder treffen innerhalb der ersten Stunde nach Öffnung des Kindergartens ein. Ein Kleines wird von Hand zu Hand direkt übergeben, die Älteren laufen ihren Müttern bereits davon, einige kommen allein oder in kleinen Gruppen schon ganz selbstbewusst zur offenen Tür herein. Nachdem sie den Mantel ausgezogen haben und in die Hausschuhe geschlüpft sind, begrüßen sie ihre Erzieher, die sie meist bei einer bestimmten Arbeit antreffen. Während die Kleinsten sich gern in deren Nähe aufhalten - zuschauend oder mithelfend -, finden sich die Ältesten zielstrebig zum gemeinsamen Spiel zusammen. Da werden Tische und Ständer aufeinander gebaut, mit Tüchern verhängt und als Wohnung eingerichtet. Ein anderes Mal werden daraus Feuerwehr-, Müll- oder Notarztwagen, vielleicht auch ein Überseedampfer. Die Vier- bis Fünfjährigen holen sich gern Pferd und Kutsche oder bauen einen Zug, in dem sie Steine, Tannenzapfen und anderes transportieren. Gerne wickeln und füttern sie auch ihre Puppenkinder und tragen sie spazieren. Mit Tüchern und Schleiern verkleiden sie sich als Mutter, Krankenschwester oder Postbote. Es ist ein emsiges, vielseitiges Tun und Treiben in dieser ersten Zeit am Morgen.

Die Erzieher sind dabei der ruhende Pol. Obwohl sie selbst etwas arbeiten, nehmen sie dennoch an allem Geschehen ringsum interessiert Anteil. Sie sorgen dafür, dass das Leben dieser "Großfamilie" geordnet und anregend verlaufen kann, ohne jedoch selbst einzugreifen. Vielmehr wählen sie aus der Vielzahl möglicher Alltagstätigkeiten diejenigen aus, die einfach und überschaubar sind und von den Kindern gerne nachgeahmt werden: waschen, Brot backen, Frühstück vorbereiten usw. Mitunter verlassen sie auch ihren Arbeitsplatz, um bei einer kleinen Gruppe den Puppengeburtstag mitzufeiern oder weil sie vielleicht eingeladen werden, eine Überfahrt auf dem Fährschiff mitzumachen, oder weil ein Kind ihren Zuspruch braucht. Konfliktsituationen oder das Auftreten stereotyper Verhaltensweisen lassen sie aufmerksam werden und sich dem betreffenden Kind zuwenden.

Nähert sich das Ende der Spielzeit, so fangen die Erzieher an, ihren eigenen Arbeitsbereich aufzuräumen. Das wird von einigen Kindern bemerkt, die daraufhin anfangen, ebenfalls aufzuräumen. Bis sich auch die Letzten in dieses muntere Treiben hineingefunden haben, können mitunter sieben bis zehn Minuten vergangen sein. Nachdem der Gruppenraum auch noch gefegt worden ist und die Kinder sich die Hände gewaschen haben, versammeln sie sich nun zum gemeinsamen rhythmischen Spiel: Verse in Verbindung mit Bewegungsspielen, Lieder und Singspiele. Inhaltlich orientiert sich das Geschehen meist am Jahreslauf und den jeweils typischen Tätigkeiten der Landwirte oder an den zugehörigen Naturereignissen. Auch die Motive der christlichen Jahresfeste nehmen einen breiten Raum ein und können zu Höhepunkten im Kindergartenalltag werden. Da über längere Zeit täglich die gleichen Singspiele und Lieder wiederholt werden, erwerben sich die Kinder dabei wie von selbst einen reichen Vers- und Liederschatz. In einigen Kindergärten geht diesem rhythmischen Spiel ein so genannter Morgenkreis voraus, in dem gemeinsam ein Spruch oder Gebet gesprochen und ein Morgenlied gesungen wird. Im Anschluss an diese gemeinsame Tätigkeit folgt das Frühstück. Es besteht aus Brot, Müsli oder anderen kleinen Gerichten; dazu Obst und Tee.

Nun folgt wieder eine Zeit, in der die Kinder aus eigener Initiative spielen und tätig sind. Meistens geschieht dies im Garten, im Sand oder - wenn möglich - im Park oder auf einem kleinen Spaziergang. Zum Abschluss des Vormittages versammeln sich die Kinder noch einmal in lockerer Runde, um ein Märchen zu hören. Die Kleinen lieben und brauchen es, nahe bei den Erziehern zu sitzen. Sie erzählen nicht dramatisch-emotional, sondern liebevoll und schlicht. Dadurch werden die oft dramatischen Szenen der Märchen als Bilder aufgenommen und nicht als bedrohliche oder faszinierende Handlungen. Es ist zu spüren, wie die Erzieher jedes Wort und jeden Satz, den sie sagen, gerne haben. Sie erlauben sich keine Variationen beim Erzählen. Die Kinder würden es merken und korrigieren, da sie über längere Zeit hindurch jeden Tag dasselbe inzwischen vertraute Märchen hören. Meist werden die Märchen der Brüder Grimm gewählt. In Stil, Aufbau und Inhalt eignen sie sich ganz besonders gut dazu, Phantasie und Gefühl in der kindlichen Seele anzuregen und zu bereichern.

Der Tagesablauf gliedert sich in zwei größere Zeitspannen, in denen sich die Kinder ihrem Alter entsprechend betätigen können. Dabei werden die Anregungen in Form eines reichen Angebotes an Spielmaterial sowie durch das Vorbild der Erzieher gegeben, die sich ähnlich wie die Eltern zu Hause im Wechsel mit allen möglichen nützlichen Haushaltstätigkeiten beschäftigen. Außer Frühstückmachen, Brotbacken, Wäschewaschen gehören dazu auch Stopfen, Bügeln, Spielzeugpflege oder künstlerische Tätigkeiten wie das Malen mit Wasserfarben und anderes. Durch dieses breite Angebot wird erreicht, dass jedes Kind "zu seiner Zeit" und "auf seine Weise" für sein Nachahmungsbedürfnis das findet, was seiner Entwicklung gerade gemäß ist. Es bleibt also dem Kind überlassen, was, wie und ob es etwas nachahmen will. Zwei kürzere Zeiten sind dann dem gemeinsamen Tun gewidmet (rhythmisches Spiel und Frühstück sowie das Märchenerzählen). Der Wechsel zwischen dem Freispiel und dem gemeinsamen Tun ist wie ein großes zweimaliges Ein- und Ausatmen.

Ein solcher Tagesablauf im Kindergarten erfordert eine gute Kommunikation zwischen Erziehern und Eltern. Zum Beispiel gibt es immer wieder Vorbehalte den Märchen gegenüber. Diese werden als grausam oder moralisierend empfunden. Daher ist es gut, wenn sich die Eltern von den Erziehern im Rahmen eines Elternabends in diese Märchenwelt einführen lassen und auch die notwendige ruhig-epische Erzählweise, in liebevoll warmem Ton, erleben. Die meisten Märchen - insbesondere der Brüder Grimm - bringen menschliche Schwächen und Stärken in differenzierten Bildern zum Ausdruck. Das Böse erscheint nur, um letztlich dem Guten zum Sieg zu verhelfen und dazu beizutragen, dass positive menschliche Eigenschaften zur Entwicklung kommen, z.B. Bescheidenheit, Freundlichkeit, Ausdauer, Ehrlichkeit, Tapferkeit und Treue.

Kinder, die viel Zeit vor dem Fernseher verbringen und wenig Gelegenheit zu phantasievoller Eigentätigkeit haben, fallen im Kindergarten oft schon im Freispiel dadurch auf, dass sie nicht richtig mitmachen können und lieber zuschauen oder - je nach Temperament - Chaos anrichten. Es fällt ihnen schwer, sich in den Gruppenprozess zu integrieren. Oft dauert es ein halbes Jahr, bis diese Kinder die notwendigen sozialen Fähigkeiten erworben haben. Wer sein Kind einige Zeit einer solchen Kindergartenpraxis anvertraut, bemerkt, wie es gekräftigt nach Hause kommt. Auch bringt es manche Anregungen mit, die im Familienalltag Änderungen hervorrufen. So verlangen z.B. einige Kinder zu Hause, dass jetzt vor dem Essen ebenfalls gebetet wird. Andere möchten mit den Geschwistern oder Eltern auch zu Hause ein Singspiel machen oder ihr Lieblingsmärchen hören.

Diese Kindergartenpädagogik orientiert sich an den Lebensbedürfnissen des Vorschulkindes: Morgens möchte sich das Kind zunächst seine Umwelt erobern. Dies vermischt sich mit Erinnerungen an die Ereignisse des Vortages oder auch der letzten Woche, so dass das Kind diese im Spiel freudig noch einmal nachvollziehen und dadurch vertiefen kann. Ein Kind dieses Alters begnügt sich nie mit einer einmaligen Handlung oder Erfahrung. Es will diese gerne wiederholen und sie dadurch verinnerlichen. So werden auf selbstverständliche Weise seine Geschicklichkeit und Handlungsfähigkeit gefördert - und seine Willensstärke. Denn wie ein Muskel nur durch Training kräftiger wird, so bedarf der Wille zu seiner Stärkung der Wiederholung, und auf diese "Willenserziehung" ist der ganze Tageslauf im Kindergarten hinorientiert. Je mehr eine Erzieherin mit ihrer Arbeit identifiziert ist, umso anregender ist ihr Vorbild für die Nachahmungs- und Handlungsbereitschaft.

Entscheidend ist dabei jedoch, dass alles in einer Atmosphäre freudiger Geschäftigkeit geschieht; dass die Kinder in freier Weise ihren Spielraum ergreifen und das ordnende Element durch die Erzieher nie lähmend oder eine Tätigkeit gewaltsam abbrechend eingreift. Ist ein Kind gerade mit Feuereifer in ein Spiel versunken, es soll jetzt aber gefrühstückt werden, dann muss es den Erziehern gelingen, das Kind den Übergang von seiner "Arbeit" zum gemeinsamen Essen finden zu lassen. Das ist ein besonders heikler Punk: Wer kennt nicht das "Maulen" und Jammern, wenn ein Kind vom Spiel weggeholt wird, weil man "Wichtigeres" oder Notwendiges mit ihm vorhat. Den Erziehern kommt hier zu Hilfe, dass sie bereits mit der entstandenen Gewohnheit in der Gruppe rechnen können: Für einige reicht schon das beginnende Aufräumen oder Klappern mit den Tassen als Signal, dass jetzt das Frühstück fällig wird. Zu Hause ist das ungleich schwerer, weil die Notwendigkeiten immer wieder andere sind und so individueller durchgesetzt werden müssen. Umso wichtiger sind die vorbereitenden Signale einige Minuten vor Abschluss des Spiels wie z.B.: "Du hast ja eine schöne Burg gebaut! Sitzen die da drinnen schon beim Essen? Bei uns gibt es jetzt auch gleich was, ich ruf dich ganz bald."

Ohne Einsicht in solche Gesetzmäßigkeiten kindlichen Tätigseins kann viel geschadet werden. Erlebt sich doch das Kind am meisten als "es selbst", wenn es ganz von sich und aus sich heraus tätig sein darf. Das spätere Freiheitsbewusstsein und Freiheitserleben haben hier, im freien Spiel und Sich-Bewegen-Dürfen, ihren Ursprung. Erlebt das Kind oft Eingriffe von außen in "seinen Spielraum", und dass seine Tätigkeiten jäh abgebrochen werden, oder wird es durch Korrekturen und Zurechtweisungen abgelehnt, so wirkt sich das störend auf die Entwicklung des Willens aus. Die parallel stattfindende körperliche Reifung leidet ebenfalls darunter. Beim fröhlichen Tätigsein vollziehen sich die physiologischen Prozesse in gesunder Weise, wohingegen sie beim frustrierten Kind geradezu ins "Stocken" geraten. Diese Tatsache kann gar nicht ernst genug genommen werden. Lebt doch der Mensch ein Leben lang mit den Körperfunktionen und Organen, die sich - angeregt durch die tätige Inanspruchnahme - in der Kindheitsphase ausgestalten.

Je kleiner die Kinder sind, und je unreifer der Organismus und insbesondere das Nervensystem, umso störanfälliger ist deren Entwicklung. Die tiefgreifendsten Förderungen oder Schädigungen erfolgen daher auch in den ersten drei Lebensjahren. Aus diesem Grund raten wir, Kinder - wenn irgend möglich - erst nach Ablauf des dritten Lebensjahres aus dem Haus zu geben. Andererseits gibt es viele berufliche Zwänge, und viele private und öffentliche Initiativen bieten den Kleinsten tagsüber eine Umgebung mit altersgerechten Anregungen. Zu wünschen ist dabei, dass nicht nur das Kind eine altersgerechte Förderung seiner Sinne und menschliche Verbindlichkeiten erfährt, sondern sich auch die Eltern so einbezogen fühlen, dass sie dem Kind eine zentrale Stütze bleiben oder werden können. Gibt es doch viele Eltern, die sich selbst nicht auf eine harmonische oder förderliche eigene Kindheit stützen können und erst jetzt die Möglichkeit haben zu erfahren, was Kindsein eigentlich ist.

Die Waldorfpädagogik hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten verstärkt den Erziehungsfragen für die ersten Lebensjahre zugewandt. Bei der Fülle von Spielzeugangeboten für die Vorschulzeit geht es stets um die Frage: Fördert es die Eigenaktivität? Das zu sehr Vorgefertigte und mechanisch Perfekte prägt sich dem noch nicht abgegrenzten nachahmungsbereiten Organismus ein und legt Phantasie und schöpferische Eigentätigkeit lahm. Wenn ein fünfjähriges Kind die genormten Lego-Teilchen ineinander drückt und keine Möglichkeit hat, aus dem vorgelegten Schema auszubrechen, wird seiner Phantasie ein entscheidender Spielraum genommen. Die Lego-Steine ermöglichen Konstruktionen, die den Gleichgewichtssinn nicht fördern. Wo Bauklotzbauten aus statischen Gründen längst eingestürzt wären und dem Kind gezeigt hätten, dass es mit dem Material und dessen Gewicht noch nicht richtig umgegangen ist, halten die Lego-Steine aufgrund der Druckhaftung noch fest.

Bei den heute angebotenen Computerspielen, ferngesteuerten Autos und Eisenbahnen kann man erkennen, dass das Kind im Umgang mit ihnen nur fasziniert beobachten, kombinieren und bedienen lernt. Dies sind jedoch Funktionen, die erst in einem späteren Lebensalter "entwicklungsgemäß" sind und fördernd wirken können. In der Prägephase des Körpers, für die "selber tätig Sein" das A und O darstellt, sind sie nicht förderlich, sondern deaktivieren altersgerechte Entwicklungsimpulse.

Zusammenfassung

Die wesentlichsten Erziehungsaspekte im Vorschulalter sind:

  • Anregung von (Eigen-) Initiative durch entsprechende Vorbilder.
  • Angebot von Spielzeug, das die Eigenaktivität fördert: einfache Gegenstände und Materialien, die der Phantasie breiten Raum lassen und zu immer neuen Gestaltungsmöglichkeiten anregen.
  • Aktivierung und Pflege der Sinne.
  • Veranlagen guter Gewohnheiten durch regelmäßiges Tun und durch kleine Rituale am Morgen, beim Essen sowie am Abend vor dem Schlafengehen.
  • rhythmische Gestaltung des Tages-, Wochen-, Monats- und Jahreslaufes.
  • regelmäßige Zeiten ungeteilter Aufmerksamkeit für das Kind: z.B. beim Aufstehen und Zubettgehen und dann hin und wieder während des Tages.
  • Überwiegend "nonverbaler" Erziehungsstil, d.h. Handlung und Vorbild sagen mehr aus für das Nachahmungsbedürfnis des Kindes als viele Worte.
  • Möglichkeiten, der Natur zu begegnen.
  • Vermeiden von Multimedia-Angeboten und technischem elektronischem Spielzeug.
  • Auch wenn der Tag viele Pflichten enthält und deshalb angespannt verläuft, trotzdem das Kind im Bewusstsein haben und in Gedanken "mitnehmen". Dies ist besonders für den Elternteil wichtig, der wenig zu Hause ist. Solche inneren Bedingungen helfen dabei, auch den äußeren Kontakt beim Wiedersehen schnell wieder aufzubauen.
  • Gründe für Freude und Dankbarkeit suchen - nichts lieben Kinder mehr als eine fröhliche und dankbare Stimmung.

Weiterführende Literatur

Ahnert, Lieselotte: Entwicklungs- und Sozialisationsrisiken bei jungen Kindern. In: Fried, Lilian/Roux, Susanna: Pädagogik der frühen Kindheit. Weinheim, Basel 2006

Carlgren, Frans: Erziehung zur Freiheit. Die Pädagogik Rudolf Steiners. Stuttgart, 8. Aufl. 1996

Glöckler, Michaela: Die Würde des kleinen Kindes. Pflege und Erziehung in den ersten drei Lebensjahren. Persephone Kongressband 2. Dornach o.J.

Göbel, Elisabeth: Eurythmie im ersten Lebensjahrsiebt. Ein Lebenselixier in unserer Zeit. Stuttgart 2005

Kügelgen, Helmut von (Hrsg.): Plan und Praxis des Waldorfkindergartens. Stuttgart, 11. Aufl. 1991

Schad, Wolfgang: Erziehung ist Kunst. Pädagogik aus Anthroposophie. Stuttgart, 3. Aufl. 1994

Schäfer, Gerhard: Ästhetische Bildung. In: Fried, Lilian/Roux, Susanna: Pädagogik der frühen Kindheit. Weinheim, Basel 2006

Steiner, Rudolf: Die gesunde Entwickelung des Menschenwesens. Eine Einführung in die anthroposophische Pädagogik und Didaktik (GA 303). Dornach, 4. Aufl.1987