Katholische Kindertagesstätten: Profil und Praxis

Matthias Kleis

 

Das katholische Profil

Der Staat garantiert Eltern die Bildung, Betreuung und Erziehung ihrer Kinder; es gibt sogar einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Kindertagesstätte. Aber der Staat betreibt keine eigenen Einrichtungen, sondern gibt diese Verantwortung ab an Trägerorganisationen wie die Kirchen, die Wohlfahrtsverbände oder die Kommunen. Dafür bekommen die Träger bestimmte Privilegien.

Die Kirche z.B. hat das Recht, eine Kindertagesstätte gemäß ihren Werten und ihrem Glauben zu führen und ihre Arbeitsverhältnisse selbst zu regeln. Allerdings ist sie dabei nicht unabhängig von staatlichen Regeln und Gesetzen. Das Grundgesetz gilt auch in katholischen Kindertagesstätten, ebenso alle anderen Gesetze. Es gibt spezielle Kindergartengesetze und - da Bildung in der Hoheit der Länder liegt - unterschiedliche Bildungspläne in den einzelnen Bundesländern. Die katholische Kindertagesstätte ist also, wie alle anderen auch, im staatlichen Rechtssystem verankert. Darüber hinaus ist sie aber auch in der Kirche verankert und in deren Glauben. Wie werden nun der staatliche und der kirchliche Anteil in der Praxis miteinander verbunden zu einem klaren Profil?

Das additive Modell

Eine Möglichkeit der Verbindung ist das additive Modell. Es besagt, dass zu der nach staatlichem Recht geführten Kita noch etwas hinzu kommt, addiert wird. Das sind religionspädagogische Aktionen, die Feier kirchlicher Feste, Rituale und Gottesdienste in mehr oder minder großem Ausmaß. Bisweilen erweist sich das katholische Profil lediglich darin, dass einmal im Monat der Pfarrer in die Kita kommt und der Kindern eine biblische Geschichte erzählt.

Das integrative Modell

Das integrative Modell ist wesentlich anspruchsvoller. Der Glaube und seine Werte sollen den gesamten Alltag der Kita durchdringen, im Alltag integriert sein. Dies betrifft dann nicht nur religionspädagogische Maßnahmen, sondern jegliche Aktivitäten und alle beteiligten Personen.

Wie das Team der Erzieher/innen miteinander umgeht soll genau so von christlichen Werten geprägt sein wie die Atmosphäre in der Kindergruppe. Religiöse Bildung ist nicht ein Bildungsbereich unter anderen, sondern die gesamte Bildungsarbeit wird unter christlichen Aspekten gesehen. Deshalb haben auch die katholischen Bistümer in Hessen einen gemeinsamen Leitfaden für Erzieher/innen herausgegeben, wie der Hessische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren in katholischen Einrichtungen umgesetzt werden kann.

Die Grundlagen

Die Grundlagen für den Kindergartenalltag bilden eindeutige und unbestrittene Glaubensaussagen der Kirche.

Schöpfung

Jeder Mensch ist von Gott geschaffen und gewollt. Deshalb ist jeder Menschen ein Subjekt. In katholischen Kindertagesstätten werden deshalb Kinder und andere Menschen als Subjekte behandelt, die man ernst nimmt und die an allen Abläufen partizipieren.

Charismen

Jeder Mensch hat von Gott Gaben bekommen, die ihm helfen, sein Leben zu gestalten. Charismen sind "Gnadengaben". Charis = Gnade, das heißt, etwas, was man ohne eigenes Zutun und ohne Eigenleistung geschenkt bekommt.

Jeder Mensch hat solche Charismen; jeder hat andere; manche haben viele, manche weniger. Manche Menschen haben durch biologische oder soziale Defizite Schwierigkeiten, ihre Charismen zu erkennen oder zu entfalten.

Katholische Kindertagesstätten helfen den Kindern, ihre Gaben zu erkennen, und fördern ihre Entfaltung. Daraus resultiert ein ganzheitliches, kindorientiertes Bildungsverständnis. Die Stärken zu fördern ist wichtiger als die Schwächen auszugleichen.

Gottes Ebenbild

Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes, nach dessen Bild geschaffen. Deshalb begegnen wir in jedem Menschen Gott; und in jedem Menschen können wir etwas von Gott erkennen. Respektvoller Umgang miteinander prägt deshalb das Sozialverhalten in einer katholischen Kindertagesstätte.

Allerdings kann ein Ebenbild auch mehr oder weniger verzerrt sein und nur noch wenig vom Urbild erkennen lassen. Das macht den Umgang miteinander nicht leichter.

Gott ist die Liebe

Gott ist die Liebe, und jeder Mensch ist von Gott geliebt. Alle Menschen sind gleichwertige, von Gott geliebte Kinder. Deshalb ist ein liebevoller Umgang miteinander in katholischen Kindertagesstätten selbstverständlich.

Dreieinigkeit

Der eine Gott ist in sich Gemeinschaft von Vater, Sohn und Geist. Der Mensch ist also Ebenbild eines Gemeinschaftsgottes. Daraus ist kein anderer Schluss möglich, als dass der Mensch gemeinschaftsfähig und gemeinschaftsbedürftig ist.

Die Förderung von Gemeinschaft, von Gemeinschaftsfähigkeit und das Gemeinschaftsleben sind also in einer katholischen Kindertagesstätte nicht irgendetwas Nebensächliches oder rein pädagogisch motiviert, sondern gehören zum innersten Kern.

Leib und Seele

Der Mensch ist eine Einheit aus Leib, Geist und Seele. Deshalb ist die Pädagogik in einer katholischen Kindertagesstätte ganzheitlich orientiert. Nicht nur kognitive Fähigkeiten werden gefördert, sondern auch sozial-emotionale; auch der Körper wird nicht vergessen.

Ein ganzheitlich orientiertes Bildungsverständnis kann dabei durchaus in Konflikt stehen mit einem eher kognitiv orientierten Verständnis schulischer Bildungspläne. Das macht die Kooperation zwischen Kita und Grundschule bisweilen schwierig.

Praxisaspekte

Das Grundverständnis des katholischen Profils ist in katholischen Kindertagesstätten ziemlich einheitlich. Da aber die verschiedenen Bistümer auch verschiedene Praxissysteme haben (Rahmenleitbilder, Richtlinien), kann hier nur vom Bistum Mainz gesprochen werden; für alle katholischen Kindertagesstätten in Deutschland zu sprechen wäre unseriös.

Seit 2002 hat das Bistum Mainz eine Pastorale Richtlinie, die 2010 in einer überarbeiteten und erweiterten Ausgabe herausgegeben wurde. Darin werden die Probleme und Chancen von Kindertagesstätten beschrieben. Die folgenden Praxisaspekte sind an diese Richtlinie angelehnt.

Diakonischer Auftrag

Eine Kindertagesstätte ist ein Dienst, den die Kirche für die Eltern leistet. Indem sie bei Bildung, Erziehung und Betreuung ihrer Kinder Partner der Eltern ist, ermöglicht (oder erleichtert) sie diesen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Außerdem kann sie bei verschiedenen Problemen Hilfe leisten oder doch Hilfe vermitteln.

Kindern wird Raum und Begleitung bei der Entfaltung ihrer Persönlichkeit geboten. Außerdem werden sie durch elementare Bildung auf das Leben und die Schule vorbereitet. Auch dies ist ein wichtiger Dienst, den die Kirche hier leistet.

Pastoraler Auftrag

Eine katholische Kita ist Teil einer Pfarrgemeinde und damit Teil der Kirche. Aufgabe der Kirche ist es, den Menschen die Liebe Gottes erfahrbar zu machen (Vaticanum II, Ad Gentes Nr. 10). Dies geschieht in einer katholischen Kindertagesstätte in hervorragender Weise, wenn die oben genannten Prinzipien umgesetzt werden. Familien können in der Kita Kirche erleben als sinnvoll, menschenfreundlich und hilfreich. Eine Pfarrgemeinde kann froh sein, eine solch hervorragende pastorale Chance wie eine Kita zu haben.

Bildung

In katholischen Kindertagesstätten erfahren die Kinder Bildung von Anfang an. Die Bildungsarbeit orientiert sich an den Ressourcen, die das Kind mitbringt. Sie ist ganzheitlich, das heißt, sie umfasst nicht nur alle Sinne, sondern auch alle Persönlichkeitsbereiche. Spielend lernen heißt das Prinzip.

Die Bildungs- und Erziehungspläne von Hessen und Rheinland Pfalz werden in den Kitas des Bistums Mainz umgesetzt.

Religionspädagogik

Kinder stellen religiöse Fragen: nach dem Woher und Wohin, nach dem Tod, nach der eigenen Identität. Das Christentum kann Antwort auf solche Fragen geben. In katholischen Kindertagesstätten werden solche Fragen mit den Kindern angegangen. Existentielle Fragen stellen zu können und nach Antworten suchen zu können, sind wichtige Kompetenzen für Kinder, die im Leben mit einer Vielzahl von Sinnangeboten konfrontiert werden; so werden sie weniger manipulierbar.

Katholische Kindertagesstätten sind deshalb keine abgeschotteten Inseln in einer immer pluraler werdenden Welt (so Evelyne Muck, Kindergärten in katholischer Trägerschaft - für wen eignen sie sich?, http://www.kindergartenpaedagogik.de/839.html), sondern Orte, die Orientierungshilfen anbieten, um mit dieser Welt zurecht zu kommen.

Offen für alle

In den Kitas des Bistum Mainz sind im Schnitt 44% der Kinder katholisch, 20% ohne Konfession, 13% Muslime. Da Gott der Vater aller Menschen ist wird diese Offenheit in der Pastoralen Richtlinie ausdrücklicht betont. Die Vielfalt der Religionen und Kulturen ist eine Bereicherung und macht schon früh eine Friedensarbeit möglich. Außerdem werden hier Kindern Kompetenzen vermittelt, die sie in einer Multikultigesellschaft dringend brauchen.

Netzwerk

Katholische Kindertagesstätten sind eingebunden in ein Netzwerk. Manche Probleme, mit denen sich Familien herumschlagen, können von der örtlichen Pfarrgemeinde angegangen werden - ob es sich nun um das politische Engagement für einen Zebrastreifen oder um Ferienbetreuung für Kinder handelt, deren Eltern keine sechs Wochen Urlaub am Stück machen können.

Wenn Erzieher/innen einmal das Vertrauen der Familien gewonnen haben, werden sie bei den verschiedensten Problemen um Rat gefragt. Oft geht das weit über die Kompetenz einer Erzieherin hinaus. Aber im Netzwerk Kirche kann sie die Eltern weiter vermitteln; Bistum, Caritasverbände und Orden stellen eine Vielzahl von Beratungs- und Hilfemöglichkeiten zur Verfügung.

Qualität

Bis zum Jahr 2013 werden 90% der Kindertagesstätten im Bistum Mainz ein Qualitätsmanagementsystem eingeführt haben. Es handelt sich dabei um ein werteorientiertes System im Sinne der oben beschriebenen Grundlagen. Damit wissen die Eltern genau, wie die Erziehung aussieht, die ihr Kind in der Kita genießt. Das System ist transparent, und die Eltern können entscheiden, ob sie dies für ihr Kind wollen oder nicht.

Autor

Dr. Matthias Kleis ist beim Caritasverband für die Diözese Mainz e.V. tätig (Fachdienste III, Referat: Die Pfarrgemeinde und ihre Kindertagesstätte).