Aus: Margarete Blank-Mathieu: Jungen im Kindergarten, Frankfurt a. M. 1996, S. 107-113; Copyright by Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt a. M. Mit freundlicher Genehmigung.

Projekt "Geschlechtsbezogene Erfahrungen"

Margarete Blank-Mathieu

 

Projektplanung zu geschlechtsspezifischen Erfahrungen

Ausgangssituation:

Am Anfang jeden Projektes steht eine Idee, ein besonderes Interesse der Kinder und der Erzieherin, bzw. aller am Projekt Beteiligten. Den Anstoß zu solchen Überlegungen könnte im Bereich der geschlechtsspezifischen Überlegungen zum Beispiel geben:

  • ein Bilderbuch über vertauschte Berufsrollen,
  • ein männlicher Erzieher im Kindergarten,
  • Berufe als Thema einer Kindergarteneinheit,
  • Verkleidungsspiele,
  • Probleme mit einer Jungengruppe/Mädchengruppe,
  • Kinderstreit um Spielzeug/Spielräume,
  • Konflikte mit einem Jungen/Mädchen,

um nur einiges zu nennen. Nach einem Elternabend zu diesem Thema könnte die Diskussion auch durch die Eltern angestoßen sein und Kinder und Erzieherin zu einem speziellen Projekt anregen.

Richtziele:

Welche Erfahrungsmöglichkeiten sollen die Kindergartenkinder in diesem Projekt bekommen?

  • Sie können ihr Wissen über geschlechtsspezifische Festlegungen einbringen, erweitern und verändern,
  • ihre Sozial- und Handlungskompetenzen festigen,
  • ihre Einstellungen und ihre Haltung zum anderen Geschlecht überdenken und verändern.

Mögliche Aktionen:

Im Kindergartenteam wird zunächst überlegt, welche Aktionen geeignet erscheinen, wie Kinder vielfältige, ganzheitliche Erfahrungen machen können, welche Personengruppe einbezogen werden soll, welche Kinder ausgewählt werden, wie das Umfeld des Kindergartens mit einbezogen werden kann, welche Informationen nach draußen gelangen sollen, wie eine Dokumentation aussehen könnte. Anschließend werden mögliche Aktionen im Brain-storming gesammelt.

Möglichkeiten wären:

  • Besuch bei einem "Hausmann".
  • Eine Frau stellt uns ihren (untypischen) Beruf vor (z. B. eine Omnibusfahrerin).
  • Jungen dürfen kochen, waschen, bügeln, häkeln ...
  • Mädchen arbeiten beim Schreiner in der Nachbarschaft mit.
  • Ein Bilderbuch mit vertauschten Rollen wird vorgestellt.
  • Der Kindergarten wird umgestaltet, andere Spielecken und -räume entstehen.
  • In Rollenspielen oder Theateraufführungen wird dieses Thema aufgenommen.
  • Vertauschte Rollen geben Anlaß zu anderem Verhalten.

Nach dieser Vorplanungsphase geht es in die Hauptplanung.

Gemeinsame Planung und Durchführung mit der Kindergruppe

Wir erzählen den Kindern anhand einer Bilderbuchbetrachtung, eines Stuhlkreisgespräches über eine Begebenheit im Kindergarten, die Beobachtung eines Rollenspieles oder einem Bericht aus dem Elternabend von unserem Vorhaben. Die Kinder können Vorschläge machen, was sie gerne zu diesem Thema unternehmen oder ausprobieren möchten. Wo man Männer und Frauen treffen kann, die typische oder untypische Arbeiten verrichten. Anschließend ergänzen wir unsere Vorschlagsliste nach den Kinderwünschen und legen fest, womit wir das Projekt beginnen wollen.

Ein Projekt könnte sich zum Beispiel so gestalten:

1. Tag: Wir spielen im Kindergarten "verkehrte Welt". Jungen kommen als Mädchen, Mädchen als Jungen verkleidet in den Kindergarten und spielen einen Vormittag in dieser Rolle.

Reflexion und mögliche Lernerfahrung: Die Kinder haben sich in der andersgeschlechtlichen Rolle erlebt und können berichten, wie sie sich dabei gefühlt haben.

2. Tag: Wir besuchen eine Frau oder einen Mann in einem untypischen Beruf.

Reflexion und mögliche Lernerfahrung: Kinder machen die Erfahrung, daß Männer und Frauen unterschiedliche Berufe erlernen können und dies nichts mit ihrer Geschlechtszugehörigkeit zu tun haben muß.

3. Tag: Wer kann was besonders gut? Jungen und Mädchen dürfen zeigen, was sie besonders gut können und dies anderen Kindern lernen, z. B. Seil springen, auf einem Bein hüpfen, Flieger bauen, häkeln, basteln, sägen ...

Reflexion und mögliche Lernerfahrung: Die Erfahrung, daß ich selbst etwas besser kann als andere, daß ich aber auch von anderen Kindern etwas lernen kann, gleichgültig, ob ich ein Junge oder ein Mädchen bin, stärkt das Selbstbewußtsein, zeigt aber auch deutlich, daß Jungen und Mädchen gleichermaßen in der Lage sind, alles zu erlernen.

4. Tag: Wir gestalten den Kindergarten um. Die Puppenecke und die Bauecke verschwinden. Dafür überlegen wir gemeinsam, welche Spielräume wir haben möchten. Die Kinder gestalten mit der Erzieherin (und den Eltern) die Räume um und spielen anschließend darin.

Reflexion und mögliche Lernerfahrung: In diesen veränderten Spielräumen machen Jungen und Mädchen andere Erfahrungen, auch miteinander.

5. Tag: Bilderbuchbetrachtung zum Thema Familie. Anhand einer Bilderbuchbetrachtung werden die Rollenverteilungen innerhalb der Familien thematisiert. Wer ist in den Familien für welche Arbeiten zuständig?

Reflexion und mögliche Lernerfahrung: Die Kinder erfahren, daß die geschlechtsspezifische Rollenverteilung nicht natürlich ist, sondern verschieden gehandhabt werden kann.

Das Thema Familie könnte weiter ausgebaut werden, wenn die Kinder dies wünschen oder als eigenes Projekt geplant werden.

6. Tag: Männer und Frauen stehen den Kindern als Ansprechpartner zur Verfügung. Väter oder Großväter arbeiten mit der Erzieherin gemeinsam und teilen alle Aufgaben des Kindergartenalltags, Aufräumen, Tische abwischen, Bilderbücher ansehen, Vesper richten, mit den Kindern kochen ...

Reflexion und mögliche Lernerfahrung: Es ist nichts Besonderes, wenn Männer im Kindergarten sind. Trotzdem können unterschiedliche Erfahrungen gemacht werden, bei den Mädchen, bei den Jungen, im Erzieherinnenteam.

7. Tag: Mädchen und Jungen spielen einen Tag in einer gleichgeschlechtlichen Gruppe zusammen. Ein Gruppenraum steht nur den Mädchen, ein anderer nur den Jungen zur Verfügung. So können alle Kinder alle Spielmöglichkeiten nutzen.

Reflexion und mögliche Lernerfahrung: Austausch über den Tagesablauf. Welche Spielecken wurden nicht genutzt, anders als sonst? Welche Spielkameraden hat man vermißt, welche Spielräume wurden vom anderen Geschlecht erobert?

8. Tag: Vertauschte Rollen. Die Kinder dürfen den Tagesablauf weitgehend selbst gestalten. Die Erzieherin hilft bei der Planung mit. Sie bildet verschiedene Kindergruppen, die die Tagesplanung übernehmen dürfen. Sie können gemeinsam planen:

  • die Freispielphase (draußen oder drinnen, Raumverteilung, Besonderheit)
  • Vesperphase (wann, zusammen oder jeder für sich ...)
  • Bastelangebote (wenn ein oder mehrere Kinder Vorschläge haben)
  • Bilderbuchbetrachtung
  • Stuhlkreis, Lieder/Spiele

Reflexion und mögliche Lernerfahrung: Gab es Schwierigkeiten bei den Absprachen? Wer konnte sich durchsetzen, Jungen oder Mädchen? Wurden eigene Fähigkeiten erprobt?

Eltern-Kindertag als Abschlußfest

Väter und Mütter (auch Großväter und Großmütter) machen eigene Angebote, stellen ihre Fähigkeiten als Aktivitätsangebote zur Verfügung. Die Kinder können sich dann aussuchen, bei wem sie mitmachen und was sie besonders interessiert.

Am Schluss werden am Lagerfeuer gemeinsam mit Eltern, Großeltern und Erzieherinnen Würstchen und Stockbrot gebraten, Geschichten erzählt und Lieder gesungen.

Reflexion und mögliche Lernerfahrung

Am Ende des Projektes steht eine Reflexion und Auswertung der gemachten Erfahrungen und was daraus für die Zukunft beibehalten werden soll:

  • mit den Kindern
  • mit den Eltern
  • im Kindergartenteam

Denkbar ist eine Darstellung des Projektes für die Öffentlichkeit:

  • Fotoausstellung
  • Videofilm
  • Ausstellung der hergestellten Gegenstände
  • Kindergartenzeitung
  • Besuch eines Reporters der Tageszeitung