Rezension

Antje Bostelmann (Hrsg.): Krippenarbeit live! Ein Film zum Leben und Lernen mit Kindern unter 3. DVD, 130 Min., Mülheim: Verlag an der Ruhr 2010 (dieser Film kann nur zusammen mit einem Grundlagenbuch und Praxismaterial hier erworben werden)


Der eigentliche Film (70 Min.) führt am Beispiel der Kinderkrippen der KLAX gGmbh in die Arbeit mit unter Dreijährigen ein. Er enthält acht Kapitel:

  1. Ein Tag in der Krippe: Durch Szenen vom gemeinsamen Frühstück, vom Morgenkreis, vom draußen Spielen usw. wird ein Einblick in den Krippenalltag vermittelt. Es wird verdeutlicht, dass es hier um weit mehr als reine Betreuung geht: Die Krippe bietet mehr Anreize als eine Familie - und so ist es kein Wunder, wenn sich die Kinder am Abend "müde gelernt" haben. Vor allem die Selbständigkeit wird gefördert (das sich Anziehen, das alleine Essen und Trinken usw.).
  2. Anikó wird eingewöhnt: Der Übergang von der Familie in die Kinderkrippe beinhaltet den Wechsel von der unendlichen Sicherheit der Familie in eine komplexere, spannendere Welt voller neuer Abenteuer und Kontakte. Gezeigt wird, wie die Transition sinnvoll gestaltet werden kann und welch große Bedeutung dem Trösten des neu aufgenommenen Kindes zukommt. Ein "Ich-Buch", das von den Eltern mit Fotos von daheim ausgestattet wird, kann als Brücke zwischen Familie und Krippe fungieren. Ferner wird gezeigt, dass die Eingewöhnung auch mit großen Veränderungen auf Seiten der Eltern verbunden ist.
  3. Über Räume für Krippenkinder: Da klare Strukturen Sicherheit geben, werden in KLAX-Krippen Orte des Spielens, des Essens, des Ausruhens, der Schlafens, des Tobens usw. klar voneinander getrennt. Gezeigt werden ein Raum mit Manipulierbereich, Bauecke, Bilderbuch- und Kuschelbereich sowie Puppenecke, der mit verschiedenen Bodenbelägen und relativ wenig Spielmaterial ausgestattet ist, sowie ein zweiter Raum, der durch Podeste, große Bausteine, Rampen usw. viele Bewegungsanregungen gibt und auch zum Schlafen genutzt wird. Der obere Bereich der Wände ist leer, weil er außerhalb des Blickfeldes von unter Dreijährigen liegt; im unteren Bereich befinden sich z.B. Spiegel, Animationsfotos und fest montierte Spielgeräte. Schließlich wird noch ein Atelier für unter Dreijährige gezeigt.
  4. Wie kleine Kinder spielen: Obwohl die kindlichen Aktivitäten rast- und ziellos wirken und fortwährend gewechselt werden, dienen sie einem großen Zweck - nämlich der Beantwortung der Frage "Wie funktioniert die Welt um mich herum?". So kann man bei genauem Beobachten eine begrenzte Zahl elementarer Experimente (z.B. zur Objektkonstanz oder Schwerkraft) erkennen. Viele Tätigkeiten umfassen auch das Verändern von Gegenständen. Im Krippenalter findet ferner der Übergang vom Als-ob Spiel zum Rollenspiel statt.
  5. Über gutes Spielzeug: Da zu viele Spielsachen verwirren und zu Unkonzentriertheit führen, enthalten KLAX-Kinderkrippen nur wenig Spielzeug. Dabei handelt es sich nicht um "bunte" oder "niedliche" Sachen aus dem Kaufhaus, sondern vor allem um Experimentiermaterial, das möglichst alle Sinne anspricht und viele Lernerfahrungen ermöglicht. Eine wichtige Rolle spielen hier "Aktionstabletts" (s.u.). Eine große Bedeutung kommt auch dem gemeinsamen Spiel zu, bei dem die Fachkraft als Mitspielerin fungiert und bei Bedarf neue Spielideen einbringt. Am Ende des Tages wird gemeinsam aufgeräumt - auch Spielsachen haben "ihren" Platz.
  6. Angebote für Krippenkinder: Von Erzieher/innen geplante Angebote sind als neue Anreize, als gemeinsame Aktivitäten, als besondere Erlebnisse gedacht. Gezeigt werden Szenen wie z.B. Malen (Körperfarben), Turnen (Bewegungsparcours), Musizieren mit Instrumenten und elementare Erfahrungen mit Papier. Mehrere verschiedene Angebote stehen zumeist in einem thematischen Zusammenhang.
  7. Planung in der Krippe: Durch Beobachtung werden die derzeit aktuellen Themen der Kinder erfasst (zumeist ähnlich, da diese sich wechselseitig anregen) und dann sinnvolle Impulse mit Hilfe eines Lotusplans zusammen gestellt. Deren Wirkung wird z.B. mit Hilfe von Fotos und Beobachtungsbögen überprüft und dokumentiert. Ferner wird für jedes Kind ein Portfolio erstellt und mit diesem und seinen Eltern besprochen. Bei Elterngesprächen stehen die Fragen "Was hat das Kind erreicht?" und "Woran sollen Familie und Krippe gemeinsam weiterarbeiten?" im Mittelpunkt.
  8. Über Pflege und Nähe: In KLAX-Krippen kommt der Pflegetätigkeit eine große Bedeutung zu - sie dient der Beziehungs- und Seelenpflege. So nehmen sich die Fachkräfte z.B. für das Wickeln viel Zeit und gestalten es zu einer intensiven Zwiesprache mit dem Kleinstkind aus. Insbesondere in Pflegesituationen zeigt sich die Qualität der Krippenerziehung - ob der ganze Mensch gesehen wird, ob die Fachkraft sanft und zärtlich mit dem Kind umgeht, wie Körper (-teile) berührt werden, wie auf Ausscheidungen reagiert wird, ob das Kind gestreichelt oder geneckt wird, ob mit ihm gesprochen und es auf die nächste Tätigkeit vorbereitet wird. So trägt die Qualität der Pflege entscheidend dazu bei, wie eng die Beziehung zwischen Fachkraft und Kind wird und ob Erstere zu einem "sicheren Hafen" wird, in dem das Kind Trost, Schutz und Zuneigung findet.

Der Film enthält neben vielen Szenen aus dem Krippenalltag auch mehrere Interviews mit Eltern und Fachkräften. Er wird ergänzt durch folgende "Extras" (ca. 60 Min. Laufzeit):

  • ein Interview mit Antje Bostelmann: Die pädagogische Geschäftsführerin stellt KLAX vor (Entstehungsgeschichte, Angebote, Ziele), geht auf die Bedeutung von Krippen ein (andere Lebenswelt, neue Anreize, Erweiterung des Beziehungsfeldes usw.), betont die Rolle der Eltern und die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit, befasst sich mit der Individualisierung der pädagogischen Arbeit (setzt die Kenntnis der Bedürfnisse eines jeden Kindes voraus), verweist auf Missstände (auf den Mangel an qualifizierten Krippenerzieherinnen sowie auf den bei Fachkräften häufig auftretenden Fehler, dass unter Dreijährige wie Kleinkinder behandelt werden und ihnen zu wenig körperliche Zuwendung gezeigt wird) und skizziert die Zukunft der Krippenpädagogik (die Ansprüche der Eltern werden weiter steigen, und die Fachkräfte können sich nur durch das Entwickeln und Vertreten professioneller Positionen gegen Zumutungen wie "Frühchinesisch" oder "Internetkrippen" wehren).
  • Aktionstabletts: Einige Tabletts können von den Kindern alleine, andere nur unter Anleitung der Fachkraft benutzt werden. Vorgestellt werden Schütttabletts (Eingießen von Flüssigkeiten, Umfüllen von Kanne in Glasgefäß usw.), Löffeltabletts (z.B. Löffeln von Linsen von einem Gefäß in ein anderes), Sortiertabletts (Ordnen nach Größe, Farbe usw.), Feinmotoriktabletts (z.B. Ergreifen von Gegenständen mit einer Zuckerzange, Stecken, Legen von Mustern), Basteltabletts (Kleben, Malen...) und Manipuliertabletts (Einsteckdosen mit Gardinenringen, Korken, Lockenwicklern, Ketten, Wollknäueln usw., Aufschraubdosen, Puzzles, Stecktürme mit Ringen aus verschiedenen Materialien).
  • Geschichtensäckchen: Mit in Säckchen versteckten Gegenständen werden die Geschichten "Die drei kleinen Schweinchen", "Vier Vögel sitzen auf einem Ast" und "Häschen in der Grube" erzählt.
  • Beispiele für Singezeilen: Diese werden - oft mit Körperbewegungen verbunden - z.B. beim Waschen, Obstessen und Aufräumen gesungen.
  • Beobachtungsszenen: Diese zum Teil schon ausschnittweise im Film gezeigten Szenen "Angebot Rupfen", "Aufräumen" und "Angebot Farben" sind ohne Begleittext. Sie können vor allem bei Fortbildungen eingesetzt werden.
  • Trailer (mit Kurzszenen aus dem Film und Texteinblendungen).

Film und Extras können auch mit englischsprachigen Untertiteln angeschaut werden. Die Qualität der Aufnahmen ist hervorragend, der Schnitt gelungen, der Text prägnant.

Die DVD verdeutlicht auf eindrucksvolle Weise, was eine gute Krippenpädagogik ausmacht. Sie ist vor allem für die Aus- und Fortbildung geeígnet, kann aber auch auszugsweise bei Veranstaltungen für an Krippenerziehung interessierte Eltern oder für "neue" Eltern gezeigt werden. Berufserfahrene Fachkräfte in Kindergärten und Kindertageseinrichtungen, die erstmalig mit unter Dreijährigen arbeiten sollen, werden sicherlich davon profitieren, wenn sie den Film an ihrem Arbeitsplatz oder daheim anschauen.

Martin R. Textor