Aus: Norbert Kühne: 30 Kilo Fieber - die Poesie der Kinder. Kinderanekdoten. Zürich 1997

Monster, Poeten, Informanten

Norbert Kühne

 

1. Zwischen Glotze und Kreativität?

"Das amerikanische Durchschnittskind sieht 5000 Stunden fern, bevor es in die Schule kommt; rund 16000 Stunden bis zum Schulabschluß. Die einzige Beschäftigung, die mehr von der Zeit eines amerikanischen Jugendlichen einnimmt als Fernsehen, ist - schlafen" (Neil Postman, FRANKFURTER RUNDSCHAU, 2. März 1985).

Fänden wir in Deutschland/ Mitteleuropa Kinder stets vor der Glotze, hätte die Mattscheibe aus ihrer Vorstellungswelt einen Eintopf aus MacDonald und Crime, aus Licher Pils und dem Gestammel aus Sprechblasen sowie der Sekundenwelt der Serien und dem Zucken greller Videoclips angerührt. Ihre Wahrnehmung der Welt wäre die dicke Suppe aus den aneinandergereihten Kürzestpassagen, gesendet von ca. 28 TV-Stationen, vielleicht auch etlicher Horrorstreifen, die Eltern aus Versehen oder mit Absicht in der Küche zwischen Weißbrot und Milky Way herumliegen ließen.

"Heute arbeiten mit dem Jugendschutzchip auch Sat 1, RTL 2, Vox und Pro Sieben, und der V-Chip (V steht für "violence"/Gewalt) steckt in praktisch jedem neueren Fernsehgerät deutscher Fertigung drin. Na also!" Aber, so heißt es an anderer Stelle dieses Beitrags in der ZEIT (vom 20.20.1995): "Die Zeitschaltuhr, der V-Chip (der den Fernsehkonsum der Kinder verhindern soll), die Geheimnummer - sie knacken alles." Sie, das sind unsere Kinder, die immer siegen, wenn sie den Fernsehkonsum in der Familie durchsetzen wollen. "Die Eltern wollen nicht, daß das Kind fernsieht", aber "das Kind will fernsehen". Und es wird fernsehen, wann immer es will - letztendlich (so B. Straßmann, DIE ZEIT).

Die Eltern, die guten unter ihnen, wollen vielleicht das kleine Monster verhindern?

"Jungen (15 und 18 Jahre) spielten Krieg und stachen im Wald kleine Mädchen nieder - Neunjährige starb - Freundin verletzt", wird in der WAZ (Essen, 21.11.86) berichtet. Die Zeitung kennt auch schon den Grund des "Verbrechens". Sie schreibt: "Die beiden Jungen wurden einige Stunden später von der Polizei festgenommen. Sie legten inzwischen ein Geständnis ab. 'Wir hatten Horrorfilme gesehen und wollten mal selber ein Mädchen umbringen'."

Nun ist es erkannt: Das Kind unserer (Fernseh-)Zeit kann nicht das werden, was wir, die Erwachsenen, die gestandenen Erzieher, begabten Lehrer oder gar rüstigen Großeltern sind: die tatkräftigen Menschen, mit zwei Beinen - auf dieser Erde, die eine Welt wahrnehmen, analysieren, um sie schöpferisch zu gestalten (oder zu zerstören?). Weil sie fernsehen, sind sie nicht von dieser Welt. Sie assimilieren und akkomodieren (J. Piaget) die Kunstwelt der Flimmerkiste. Nach dem Schlürfen der Fernsehwelt schlafen sie ihre acht Stunden (N. Postman), träumen von jenseitigen und zuckenden Figuren des Flimmerns und regulieren die Inhalte ihrer kleinen Köpfe in aufregenden Traumsequenzen eben abartig anders, fernsehgemäß, um gerüstet zu sein für den kommenden Tag vor der Glotze, an dem sie stets als drahtige oder dickliche Monster erwachen. Sprechen sie nicht auch in Fetzen bei Kakao und Marmeladebrot am Morgen beim Frühstück (sollte es das noch geben), die wir nicht mehr verstehen? Die ErzieherInnen in Kindergärten wissen es auch: Morgens herrscht die Sprache der "anderen Welt", speziell an den entsetzlichen Montagen und dienstags auch noch; freitags schon wieder. Die Lehrer berichten von den Pausenhöfen, wie sie sich in die Unterleibe treten und wie Jungen die Mädchen mit Waffen drangsalieren. Man hat davon gehört. Sind sie uns nicht auch fremd geworden in ihrer Gier nach Horror und Crime? Sind sie denn noch unsere Kinder, wie wir sie gewollt haben?

Basteln wir am richtigen Bild vom Kind dieser Zeit? Die Klagen über die Verrohung der Kinder und Jugendlichen durch die Gewalt im Fernsehen (die natürlich von netten und vielleicht pazifistisch gesinnten Erwachsenen produziert wird) sind bekannt. Ist es aber ein Zufall, daß es keine vernünftige vergleichende Untersuchung über aggressives Verhalten in den (meinetwegen) 50er und 90er Jahren gibt? Eine Dokumentation über Gewalt von Kindern (eine ZDF-Sendung am 03.02.1993 über Gewalt in der Schule, glaube ich) begann mit der Aufzählung der Gewalttaten von Grund- und Hauptschülern und der verwendeten "Waffen". Ich reagierte wie jeder Zuschauer (nehme ich an), indem ich dachte: "Genau so ist es heute!" Kaum hatte ich es ausgesprochen, sagte der Sprecher, das seien die Gewalttaten der Schüler vor 20 Jahren - über die sich damals die Lehrer beklagten, entnommen einem Bericht der Hamburger Schulbehörde, der nie veröffentlicht wurde. Aus gutem Grund?

Kommen wir in unserem Urteil über Kinder ohne die Weisheiten von Stammtischen aus? Neil Postman ist ein kritischer Beobachter, aber hat diese Einseitigkeit in der Beurteilung der Effekte aus dem Fernsehkonsum nicht dazu beigetragen, daß wir ungerecht sind? Daß wir schon gar nicht mehr hören, was Kinder zu bieten haben?

Ein paar Psychologen haben neuerdings damit begonnen, unser Bild vom Säugling zu korrigieren. "Je weniger Wissen (Anmerkung: Gemeint ist das Wissen über Kleinkinder/Säuglinge), desto wilder waren die Spekulationen (...). Erst in den 60er Jahren brachten die baby-watcher nach und nach Licht in das Dunkel der ersten Lebensjahre. (...). Außer im Film sagen die Babys selten 'ja' oder 'nein'" (Claus Lechmann, in PSYCHOLOGIE HEUTE Februar 1994). Es geht hier, in diesem Beitrag, um die Zusammenfassung der Diskussion zum "kompetenten Säugling", die uns eines Besseren belehrt, was die tatsächlichen Fähigkeiten/Fertigkeiten eines Säuglings angeht (Siehe auch: M. Dornes: Der kompetente Säugling, Frankfurt 1993).

Wir sind besser dran! Wir haben sprachliche Äußerungen von Kindern zusammengetragen. Von älteren Kindern, die der Sprache mächtig sind. Wir, die Eltern, Erzieher und Lehrer, hätten sie schon immer haben können, denn wir haben sie alle irgendwie gehört und auch nebenbei vernommen, vielleicht aber nicht wahrgenommen. Unter Umständen nicht die geeigneten Schlüsse daraus gezogen? Wir haben gehört und vielleicht doch nicht zugehört. Im Vorhof unserer Wahrnehmung haben wir ihre Sätze, ihren Witz, ihre Äußerungen über diese unsere Welt abgestellt und verrotten lassen. Ihre Aussagen sind vielleicht nicht in unsere Herzen, in jedem Fall nicht bis zu unserem Verstand vorgedrungen. Wir huldigen sicherlich - als statistische Mehrheit allemal - der Vorstellung vom unrettbar verlorenen Fernsehkind, dem typischen Zeitkind. Selbstverständlich! Einzelne Prachtexemplare sind ausgenommen. Mein Kind natürlich, das von den lieben Freunden und nächsten Bekannten auch. Unser Bild vom Kind ist in diesem Fall ein Vorurteil, ein Urteil im Vorhof (des Wahrnehmens oder Denkens). Nicht das Kind ist unser Problem, scheint mir - sondern unser Bild von ihm!

  • "Mama, ich möchte auch eine Batterie haben!", sagt Boris (4 Jahre) zur Mutter, die sich ein Tampon reinschiebt.
  • "Kaiserwall, Königswall, Karneval!" (Sibille, 2 Jahre).
  • "Mama, sei nicht traurig, wir bestellen Dir einen 'Pipimann' beim Otto-Versand." (Ole, 3 Jahre).
  • D. (6 Jahre) hatte im Musikunterricht ein C gelernt. "Und jetzt zeige ich Dir ein K, obwohl wir das noch nicht gelernt haben!"
  • Beim Anschauen von alten Fotos will Gunda (6 Jahre) wissen: "Mama, hast Du auch schon gelebt, als die Menschen noch schwarzweiß waren?"

Wir brauchen nicht den pädagogischen Zeigefinger, um ahnen zu können, daß diese Kinder über Instrumente verfügen, mit deren Hilfe sie eine Welt erfassen, die vermutlich ihre reale Welt ist. Es darf uns peinlich sein, falls wir kleinmütig verzagt waren ob der vermeintlich verengten Fernseh-Weltbilder dieser Kinder. Wir dürfen rot werden, falls wir noch imstande sind, aufrecht einzugestehen, welchen Unsinn wir uns über das Seelenleben des Kindes zusammengereimt haben.

Nicht nur die Präzision der Kombination von Daten, die Kinder mit ihren Fähigkeiten zusammenfügen, ist, was uns bei der Lektüre der Anekdoten bewegt. Es ist vor allem etwas anderes, was fasziniert: Die sich aus Unbekümmertheit, Impulsivität und grenzenlosem Einfallsreichtum entwickelnde Kreativität. Sie rührt uns an, fesselt und verschlägt uns gelegentlich den Atem. Gemessen daran sind unsere wohlerzogenen Sätze und angepaßten Wendungen ausgewogen bis langweilig, angeschmuddelt bis blaß; blutleer oder einfach öde.

Dieses Urteil könnte sich auch schon allein aus der Direktheit und Geradheit dieser kindlichen Äußerungen ergeben. Können wir uns daran noch erfreuen?

Die Kinder, von deren Anekdoten in diesem Buch berichtet wird, zeigen eben nicht das, was wir gewöhnlich erwarten, was der Psychologe Guilford "konvergentes Denken" nennt oder das Gewöhnliche, was sich die Schlauen unter uns schon "gleich gedacht" haben, was sich jeder halbwegs Normale eben auch in seinem Gehirnkasten basteln kann. Nein, es ist das Unerwartete, Ungewöhnliche, manchmal Irrwitzige und wohltuend Abwegige, das "divergente Denken" (Guilford; Wörterbuch der Psychologie, DTV) eben. Selbst "Kreativität" klingt da schon abgenutzt, verstaubt; riecht nach Pädagogik oder der Maßeinheit von Intelligenzquotienten ("Kreativität und Intelligenz", in: N. Kühne u.a.: Psychologie für Fachschulen und Fachoberschulen, 5.. Aufl., Köln 1993).

Ein Argument gegen all diese Überlegungen wird sicher nicht von der Hand zu weisen sein:

Die Kinderanekdoten, das sind doch die Blähungen privilegierter Kinder aus einer heilen Welt und gestylter Familienidyllen - letztendlich die Abziehbilder der geordneten Lebensentwürfe ihrer Eltern. Das Argument aber ist nicht korrekt. Das läßt sich aus vielen Äußerungen der Kinder fast erahnen:

  • "Mama, schon wieder ein Papa!" (4 Jahre)
  • "Bei meiner Mama kommt nur Luft raus." (4 Jahre)
  • "Zu meinem Popo darf ich ruhig Arsch sagen." (5 Jahre)
  • "Wofür brauchste heut noch Brüste? Milch gibt's in Tüten!" (8 Jahre).

Das sieht eher nach den sehr individuellen Bildern der Kinder von dieser Welt aus. Es gibt sehr viele dieser Beispiele.

Ein Großteil der Anekdoten dieses Bandes, es sind vor allem die Kinder im Alter zwischen 6 und 10 Jahren, kommt überdies von Grund- und Sonderschülern. Aufgezeichnet von Lehrerinnen, seltener von Lehrern. Das sind eben nicht die wohlbehüteten Kinder ohne Glotze in der Wohnung oder mit dem alljährlich gebuchten Urlaub in Süd- oder Nordeuropa. Es sind sehr oft die Kinder, die sich mit ihrer Familie, der Schule oder auch mit ihren Freundinnen und Freunden intensiv und manchmal knallhart auseinandersetzen müssen, um würdig zu überleben.

2. Die Poeten

Man bemerkt bei der Lektüre der Kinderanekdoten bald, daß "ein Verfahren der Produktion" der Anekdote ganz deutlich erkennbar ist. Es ist gleichzeitig ein Verfahren, das Dichter schon immer genützt haben, um neue Wege zu gehen, um Neues zu schaffen oder zu erschaffen. Die Technik ist nicht auf den Umgang mit Worten beschränkt; sie ist in der Bildenden Kunst ebenso beliebt wie zum Beispiel in der Fotografie. Die Technik ist sehr einfach und doch wirkungsvoll:

Das Element - ein Wort, ein Detail - wird aus dem Zusammenhang, aus dem situativen Kontext oder aus der gewohnten Umgebung genommen; es wird seiner gängigen Definition enthoben - und überraschend kombiniert mit neuen situativen Bedingungen, damit aber einer anderen Definition zugeführt:

  • "30 Kilo Fieber",
  • "Mein Baby hat schon den ganzen Mutterkuchen aufgegessen".

Mit der Kombination wird etwas geschaffen, was vorher nicht existierte. Es ist so originell - auch im statistischen Sinne, womit solche Kombinationen jedem Kreativitätstest standhalten würde, daß es einmalig im wahrsten Sinne des Wortes ist, also auch per Definition. (Guilford - s.o. - hätte seine Freude daran.) Und diese neue Realität existiert - wie zum Beispiel das Gedicht, das diese Technik verwendet - zuerst einmal im Kopf des Kindes bzw. nun im Wort. Es ist vor allem eine poetische bzw. ästhetische Realität.

Ein Jammer, daß nicht mehr dieser poetischen Wendungen der Kinder aufgeschrieben und gesammelt werden. Was an Kreativität geht uns tagtäglich verloren! Die Erwachsenen hören - und vergessen es, zumindest meistens. Nun bleibt uns bei einigen wenigen Anekdoten unserer Kinder/ Schüler die Erinnerung an diese Poesie und damit die Freude daran. Das Buch kann helfen, sich an mehr zu erinnern.

Der Transfer des Elements kann zeitlich sein, wie hier bei der Ermahnung, die das Kind an die Mutter richtet:

  • "Mama, Deine Fingernägel sind zu lang! Die mußt Du mal wieder abknabbern!

Die Mutter wird hier in eine Kinder-Umgebung verfrachtet, in der sie natürlich die Fingernägel abknabbern kann, sobald es nötig ist.

Oder die grammatische Struktur wird verändert: Aus dem Substantiv wird ganz selbstverständlich ein Verb gemacht:

  • "Ich hab Dich verspaßvogelt!"

Auch die gewohnte Satzstruktur wird geknackt:

  • "Das kann doch nicht wohl wahr sein!"

Ich möchte daraus keine pädagogischen Konsequenzen ziehen, indem ich auffordere, von den Kindern in diesem Sinne zu lernen. Wir könnten es fürwahr! Natürlich ist diese beschriebene Technik auch nicht die einzige; das kann man sich vorstellen. Die Produkte der Kinder sind nicht so einfach zu ordnen. Jeder Leser, das bilde ich mir ein, wird selbst bemerken, daß die Auseinandersetzung mit der kindlichen Phantasie - vor Ort sozusagen - eine unerschöpfliche Quelle sein kann und daß eine kontinuierliche und lustvolle Interaktion mit den jüngeren Poeten unter uns die Ignoranz und Arroganz gegenüber der kindlichen Vorstellungswelt ganz von selbst abbauen würde. Jeder, der das kapiert, wird auch flugs begreifen, wer eigentlich gefördert werden müßte! Eine kindlichere Welt wäre allemal eine bessere.

Ätsch, könnte man auch sagen! Meine Weisheiten wollen doch nur über einen banalen Tatbestand hinwegtäuschen: Kinder in der Entwicklung können natürlich noch nicht vollkommen sein - das sieht man am Gebrauch ihrer geistigen Werkzeuge. Das Geschwätz über kindliche Kreativität ist nichts weiter als der aufgemotzte Sachverhalt: Die Kleinen sind noch nicht so weit oder am krausen Bäumchen angelangt - und machen deshalb Fehler. Die Fehler wären das, was ich Kreativität nenne. Erfrischend fände ich es eben nur, weil ich als Erwachsener etwas anderes erwartete; also überrascht werde von einer Sicht der Dinge, die nicht "erwachsen" ist, aber zweifellos noch werden wird. Na und! Wenn schon! Wer das glauben will, soll es weiterhin tun. Allerdings will ich mit dem Buch den Versuch machen, den Pessimisten - so will ich sie hier einmal nennen, ein Lächeln abzuringen.

3. Das Ende der Kreativität?

Ich hatte mir vorgenommen, Anekdoten von Kindern/ Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr zu sammeln. Nun stelle ich fest: Etwa 95 % aller Anekdoten sind dem Alter von 1 - 10 Jahren zuzuordnen. Wären sie gleichmäßig über alle Altersstufen verteilt gewesen, hätte ich für die Kinder bis zum 10. Lebensjahr etwa 55 % haben müssen. Eine kleine Überraschung sicherlich! Denn in dieser Eindeutigkeit hätte ich die tatsächliche Verteilung der Anekdoten auf die Altersstufen nicht erwartet.

Sind also vor allem die Kinder bis zum 10. Lebensjahr "kreativ"? Danach bestenfalls "intelligent"? Liegt es am selektiven Blick der Aufzeichnenden - meiner Informanten und mir, die der Kreativität der Heranwachsenden oder Jugendlichen nichts mehr abgewinnen können? Oder hilft uns J. Piaget, der den Beginn der eigentlich "formalen Denkoperationen" um das 10. Lebensjahr ansiedelt. "Der Denkvorgang ist nicht mehr anschauungsgebunden (...). Der Jugendliche vermag nun Annahmen gedanklich zu verarbeiten. Er kann dabei zu Schlüssen kommen, deren Richtigkeit nicht durch tatsächliche, konkrete Handlungen in der Realität überprüft werden muß" (N. Kühne u.a.; s.o.).

Piaget: "Fünf Flaschen mit farblosen Flüssigkeiten stehen vor der Versuchsperson. Mischt man die Inhalte von den Flaschen 1, 3 und 5, dann erhält man eine braune Flüssigkeit. Die vierte Flasche enthält eine Flüssigkeit, die die braune Farbe wieder rückgängig macht, und die zweite Flasche enthält eine neutrale Flüssigkeit. Das Problem besteht darin, die braune Flüssigkeit zu mischen. Jugendliche, die formale Denkoperationen bewältigen, entdecken die Lösung Schritt für Schritt, indem sie verschiedene Möglichkeiten logisch vereinigen und die Wirkung oder Neutralität der gemischten Flüssigkeit bestimmen" (J. Piaget, Psychologie der Intelligenz, Freiburg 1972/ Zürich 1948). Salopp ausgedrückt: Die Jugendlichen dieses Alters kommen zu den Lösungen, die die Kultur der Erwachsenen (Mitteleuropas) von ihnen erwartet. "Kreativität" im Sinne von Guilford (s.o.), das Irrwitzige und Ungewöhnliche im Denken, das geringe Ausmaß an Angepaßtheit, ist nicht mehr zu erwarten? Sie haben Grundlegendes internalisiert; sie operieren von nun an mit den tradierten geistigen Werkzeugen und jonglieren mit den Inhalten, die sie in unserer Kultur mühsam lernend sich angeeignet haben. Nun sind sie kurz davor, erwachsen zu sein. Sie sind das geworden, was sie - den Erwartungen der Wissenschaftler und ihren Erziehern gemäß - schon immer werden sollten, mindestens sind sie auf der letzten Stufe ihrer geistigen Entwicklung formal angekommen: Sie sind die kleinen Erwachsenen, die schon verdammt gut kapiert haben, was läuft. Divergentes - in Gedanken, Worten oder gar Werken - wird nicht mehr ohne Sanktionen geduldet werden. Nützliche Einsichten!

Sind sie nun den Erwachsenen, den Eltern und Lehrern, schließlich den Vorbildern, ähnlich? Sind sie im Alltag der Erwachsenen aufgegangen, sind sie den vielfältigen Bemühungen der Erziehung qualvoll erlegen, daß das Andersartige nicht mehr als Anekdote registriert, sondern als Unbotmäßigkeit geahndet wird? Womit es aus dieser Kategorie "Kinderanekdote" endlich - und Gott sei Dank - ausscheidet?

4. Die Informanten

Erwähnenswert erscheint mir auf alle Fälle: 59 der 84 Informanten, die mir die Anekdoten - mündlich oder in schriftlicher Form - überließen, sind Frauen (ca. 70 %). Würde man die Anzahl der Anekdoten auszählen, wäre das Übergewicht - der Frauen - noch deutlicher (geschätzt: 90%). Nicht überraschend ist es, aber doch eine Hypothese wert: Frauen registrieren die Äußerungen der Kinder häufiger und präziser; sie sind dem Kind allemal näher, sie haben den Blick und die nötige Einfühlung.

Männer leben offenbar auf "einem anderen Stern". Die männlichen Informanten sind in der Mehrzahl Lehrer - oder Großväter. Ein paar Schriftsteller sind zum Schluß dazugekommen. Männer, so läßt sich vermuten, treten kindlichem Denken nicht freundlich gegenüber. Sie haben nicht selbstverständlich ein Auge dafür - von den o.a. Ausnahmen abgesehen. Fürchten sie sich vor der Kreativität der Kinder oder ihrer Unberechenbarkeit? Sind sie ganz einfach im Kerker ihres Egozentrismus gefangen? Statistisch sind sie wahrscheinlich kinderfeindlich wie eh und je! Sie sind die Männer und Macher, die Politiker und Kämpfer in der feindlichen Welt - so fern vom freundlichen Witz ihrer eigenen Kinder, daß sie selten und niemals begreifen, was sie versäumen. "Warum sind so viele Männer offensichtlich so wenig interessiert, ihr Kind ein Leben lang auf all seinen Entwicklungsstufen zu begleiten? (...) Abwesende Väter leben ein armes, sozial unverbindliches und doch (...) offensichtlich prägendes Lebenskonzept" (Donné Beyer in einer Rezension des Bandes "Still-Leben mit Vater", in PSYCHOLOGIE HEUTE April 1996, S. 83).

Knapp zwei Drittel der Informanten wohnen im Bundesland NRW. Das hat mit meinen Möglichkeiten der Kommunikation zu tun. Eine Anekdote wurde mir aus Finnland zugeschickt.