Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Marie Kiene

Manfred Berger

 

Im Jahre 1922 wurde Marie Kiene, Referentin für Kinderfürsorge im Erzbistum Köln, vom Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes, Benedict Kreuz, an die Zentrale nach Freiburg berufen. Hier übernahm sie vier Jahre später, in Nachfolge der früh verstorbenen Alexe Hegemann, die Leitung des Referats Kinderfürsorge, im Jahr darauf die des neugegründeten Jugendleiterinnenseminars. Zeitlebens galt ihr besonderes Interesse dem konfessionell gebundenen Kindergarten, der ihrer Ansicht nach "durch die Einheit mit dem innersten Leben in der Familie allein die volle harmonische Entfaltung des Kindes (sichert; M.B.). Dadurch kann er auch am wirksamsten die volkserzieherischen Aufgaben an der Familie der Kinder lösen. In den Septembertagen 1952 wurde in Oxford auf einer von Staat und Kirchen veranstalteten 'Familienkonferenz' öffentlich ausgesprochen, 'Christliche Gläubigkeit' führe 'zu einer festen und dauernden Verehrung der Familie, die auf göttlicher Lehre begründet sei und Vorrang vor dem Staat habe'. Sinngemäß ist deshalb der Kindergarten und seine vorausgegangenen, ihm verwandten Einrichtungen der Kleinkinderfürsorge vorwiegend vom Zusammenwirken von Familie und Kirche erfaßt und verbreitet worden. Heute noch bilden in Deutschland bis zu nahezu achtzig Prozent kirchliche Organe der katholischen und evangelischen Konfession die Trägerschaft unserer Kindergärten. Die Kirche wird sich auch in Zukunft die ihr von Jesus Christus unmittelbar übertragene Sorge und Verantwortung für das kleine Kind von niemand abnehmen lassen. Zugleich aber verpflichtet sie ihr Auftrag, durch beste, dem Kindesalter gemäße fachliche und religiöse Arbeit, das Vertrauen zu unseren Kindergärten immer neu zu befestigen und zu erhöhen. In solcher Erfüllung sichert sie die nach ihren Grundsätzen ausgerichtete christliche Erziehung des Kleinkindes, verwurzelt sie im Herzen des Volkes und macht sie unangreifbar" (Kiene 1953, S. 19 f).

Für Marie Kiene hatte der Kindergarten eine familienergänzende Funktion. Sein Ziel sollte sein, sich "zu erübrigen". Eindeutig favorisierte sie die Erziehung in der Familie vor der im Kindergarten, eine Ansicht, die damals üblich und auch in Fachkreisen weit verbreitet war:

"Es (war; M.B.) von jeher Herzenssache der caritativen Kinderfürsorge, den Kindergarten nur als eine die Familie ergänzende Einrichtung zu erkennen und ihn als solchen überall zu vertreten. Jede Betrachtung über den Kindergarten geht davon aus, daß er keineswegs anstatt der Familie oder etwa, wie die Schule, als eine notwendige Welt des Kindes neben die Familie zu setzen ist. Der Kindergarten tritt als Hilfe für die Familie in den vielen Fällen ein, wo das Kind in seiner körperlichen - seelischen - geistigen Entwicklung leidet, weil die außerhäusliche Berufsarbeit der Mutter, drückende Wohnungsenge und -unfreundlichkeit oder andere Belastungen das Familienleben den notwendigen Lebensraum für die erste Entfaltung des kindlichen Lebens versagen. Das Kind verlangt aber nach Raum für sein Leben und dürfte größeren Anspruch darauf erheben als die Pflanze, um deren möglichst vollkommene Entwicklung sich der Gärtner mit größter Sorgfalt müht. Die Familie, die aus der wahren Liebe erwachsen ist und in ihr lebt - Abbild der Liebe des Dreifaltigen Gottes, Urquell alles Seins - bedeutet für das Menschenleben den Seinsgrund, der über die Erzeugung des Lebens hinaus auch die besten und letztlich unersetzlichen Auftriebe für die Entfaltung des ganzen Lebens in sich birgt ... Möchten doch alle Eltern die Idee unseres deutschen Kleinkinderpädagogen, Friedrich Fröbel, erfassen: 'In der häuslichen Kinderstube ist der eigentliche Kindergarten, wo Mutterliebe und Kindersinn zu einem Einigen erblühen.' ... Friedrich Fröbel hat, nachdem er sich zur Gründung außerhäuslicher Kindergärten veranlasst sah, ausgesprochen: 'Wir sind da, um uns zu erübrigen.' In diesem Geist muß jede Kindergartenleiterin ihre Aufgabe sehen. Von hier aus ist es ihr ein Bedürfnis, bei der Auswahl der aufzunehmenden Kinder eng mit den Organen der Familienpflege zusammenzuwirken. Wo die Familie zur vollen Selbsthilfe im eigenen Kreis geführt werden kann, darf das Kind nicht aus ihr herausgenommen werden" (Kiene 1953, S. 10 ff.).

Marie Sophie Thekla erblickte am 8. April 1889 als drittes von fünf Kindern des Landrichters und späteren Justizministers von Württemberg Johann (Hans) Kiene und seiner Frau Anna, geb. Schneider, in Schwäbisch Hall das Licht der Welt. Nach der üblichen Schulbildung für Mädchen ihres Standes bereitete sich Marie Kiene auf das Abitur vor, das sie als Externe an einem Gymnasium in Stuttgart, wohin die Familie aus beruflichen Gründen des Vaters übersiedelt war, erfolgreich ablegte. Anschließend studierte sie Philosophie, brach aber das Studium bald wegen Krankheit ab. Unerfüllte Jahre des "Haustochterdaseins" folgten. Um ihrem Leben mehr Sinn zu geben, engagierte sich Marie Kiene ehrenamtlich in sozialer Arbeit an der ersten Mütterschule Deutschlands in Stuttgart. Dabei erkannte sie bald, dass eine professionelle Ausbildung zum Vorteil wäre. Mit fast 30 Jahren entschied sich Marie Kiene für eine Ausbildung zur Kindergärtnerin, der später die zur Jugendleiterin folgte. Während der Nazi-Diktatur musste sie schwere Jahre der Bedrängnis überstehen. Sie passte sich dem System nicht an, sondern verteidigte den Erziehungsauftrag der katholischen Kirche an den Kindern. Mutig schrieb sie bereits 1934 an den Jesuitenpater Constantin Noppel:

"Hoffentlich verstehen wir die Stunde! Hoffentlich sieht die maßgebende Kirche, daß das Ziel ist, alles auszuhöhlen, aber eben scheinbar den Frieden zu geben, daß daher keinerlei Konzession gemacht werden darf. Nur an einem Felsen kann der 'scheinbar' übermächtige Mensch zerbrechen! Wir dürfen nicht ein Lebensgebiet aufgeben von seiten der Kirche!" (zit. n. Wollasch196, S. 164).

Ende der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts entstand eine Diskussion um die richtige Berufsbezeichnung für die in Kindergärten tätigen Personen. Sollen sie sich Kindergärtnerinnen oder Erzieherinnen nennen? Diese Frage ist inzwischen längst geklärt. Trotzdem erscheint Marie Kienes Ansicht auch heute noch von Interesse. In Anlehnung an Friedrich Fröbel vertrat sie die Meinung:

"Kindergarten ist eine Bezeichnung des Lebensraumes für die Kindheit. Dieser Lebensraum ist nicht nur rational zu verstehen. Kindergarten, Kindergärtnerin sind Bilder. Bilder in der Sprache gibt es zu allen Zeiten. Sie offenbaren nach Romano Guardini 'Innenwege, geistige Gehalte'. In der Tätigkeit der Kindergärtnerin geht es um die Innenvorgänge im Lebensraum der Kindheit. Die Richtung, die einen neuen Namen sucht, will die Bezeichnung 'Erzieherin, Erzieher' an die Stelle der Kindergärtnerin setzen. In dem Begriff 'Kindergärtnerin' ist die Ganzheitlichkeit in der typischen Lebenspflege ... treffender herausgestellt als in der Bezeichnung 'Erzieherin'... Warum wollen wir das Wesentliche in der Prägung eines Berufsbildes, wie sie vom Verstehen der Kindheit, ihres Wachstums, der Art und Weise, sie möglichst seinshaft zu erfassen, ausging aufgeben? ... Kindergärtnerin macht zuerst das Wachsen und Gedeihen des Menschenkindes in der ihm angepassten Umwelt, die Pflege dieses Gedeihens und die Pflege dieser Umwelt in uns bewußt" (Kiene 1963, S. 13).

Marie Kiene war Mitglied mehrerer nationaler und internationaler Vereinigungen. So war sie u.a. Mitglied des Direktionskomitees des "Bureau International Catholique de I'Enfance" (BICE), Vorsitzende der Kommission "Education prèscolaire", des "Nationalkomitees für die Erziehung im frühen Kindesalter" (OMEP), ferner aktives Mitglied in der "Arbeitsgemeinschaft für Jugendpflege und Jugendfürsorge" (AGJJ). Bereits 1923 gründete sie zusammen mit Alexe Hegemann die "Arbeitsgemeinschaft katholischer Jugendleiterinnen, Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen" (heute: "Katholische Erziehergemeinschaft Deutschlands") sowie 1925 in enger Verbindung mit Mutter Catharina, Leiterin des Kindergärtnerinnenseminars der Ursulinen in Trier, die "Arbeitsgemeinschaft katholischer Kindergärtnerinnenseminare" (heute: "Bundesarbeitsgemeinschaft katholischer Ausbildungsstätten für Erzieherinnen/Erzieher", die derzeit 81 Mitgliedsschulen mit ca. 10.000 Ausbildungsplätzen umfasst).

Von Staat und Kirche wurde Marie Kiene durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes I. Klasse und dem Päpstlichen Orden "Pro Ecclesia et Pontifice" geehrt.

Sie starb im Alter von 90 Jahren am 28. September 1979 in Feiburg.

Literatur

Berger, M.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch, Frankfurt 1995

ders.: Mit dreißig Jahren Kindergärtnerin. Marie Kiene (1889-1979), in: Welt des Kindes 1995/H. 2

ders.: Marie Kiene - Ein Leben zum Wohle der caritativen Fürsorge, in: Deutscher Caritasverband (Hrsg.): caritas '96. Jahrbuch des Caritasverbandes, Freiburg 1995

ders.: Führende Frauen in sozialer Verantwortung: Marie Kiene, in: Christ und Bildung 1996/H. 1

Kiene, M.: Das Kind im Kindergarten, Freiburg 1953

dies.: Die Entwicklung des Kindergärtnerinnenberufs, in: Kinderheim 1963/H. 1

Wollasch, H.-J.: "Sociale Gerechtigkeit und christliche Charitas". Leitfiguren und Wegmarkierungen aus 100 Jahren Caritasgeschichte, Freiburg 1996