Aus: Hoppe, Jörg/Zern, Hartmut: Projekte verändern Schule. Erzieherausbildung im Umbruch. Frankfurt: Eigenverlag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge 2000, S. 13-14

Projekt "Einführung in die Erzieherausbildung"

Hartmut Zern

 

1. Zur Bedeutung der Einführungsphase in der Erzieherausbildung

In den letzten Jahren hat es sich, bewährt zu Beginn der Ausbildung an Fachschulen für Sozialwesen, besondere Einführungsphasen/Orientierungsphasen von ca. ein bis zwei Wochen Dauer zu etablieren (Zühlke, 1985, Grabow, 1990). Ziel solcher Veranstaltungen ist es einerseits, den Neuanfängern ein intensives Kennenlernen untereinander zu ermöglichen, die Lehrer, den Lernort kennen zu lernen sowie andererseits erste Ein- und überblicke in Ablauf und Inhalte der Ausbildung zu gewinnen. Wichtig ist der zügige Abbau der für diese Phase des Zusammenseins typischen konventionellen, distanzierten Verhaltensformen, die eine demokratische Beteiligung, daß sich "Einbringen" in Unterrichts- und -gruppenprozesse erschweren. In dieser Zeit muß sich gegenseitiges Vertrauen entwickeln, als eine "unentbehrliche Grundlage, die es den Schülern erlaubt, heikle Themen anzuschneiden, Auseinandersetzungen zu führen und schwierige Entscheidungen zu treffen" (Higgins, 1987). Dies erscheint nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil anzunehmen ist, daß ein Teil der angehenden ErzieherInnen mit negativen Schulerfahrungen in die Ausbildung kommt, die den Einstieg in die Ausbildung durch entsprechende Erwartungshaltungen zusätzlich behindern. Die Bedeutung und Zielsetzung der Einführungsphase beschreibt Higgins, eine Kollegin von L. Kohlberg und Vertreterin der Theorie der moralisch-demokratischen Erziehung (just community), wie folgt: "Die zweiwöchige Orientierung führt neue Schüler in die Idee der Schule ein, gibt ihnen Gelegenheit, die für die Beteiligung notwendigen Fertigkeiten zu üben: genaues Zuhören, wirksames Sprechen, kritische Erwägung und Lösung von Problemfragen." Es ist dies auch eine projektbezogene Übung, die den Schülern z.B. das handwerkliche Rüstzeug, das "know how", hinsichtlich Verfahrens- und Verhaltensfragen, für künftige Projekte vermitteln kann (Schweingruber, 1979). Die Hauptaktivität während der Orientierungsphase besteht für Schüler und Lehrer darin, an Treffen teilzunehmen, in denen die Grundregeln der Schule begründet und neu festgelegt werden" Die gesamte Qualität schulischen Lebens kann somit günstig beeinflußt werden.

2. Wesentliche Aspekte bei der Realisierung derartiger Einführungsphasen

1. Gerade in dem frühen Stadium der Ausbildung dürfen keine unverbindlichen Nettigkeiten im Sinne einer präventiven, sozialen Befriedungsaktion ausgetauscht werden, sondern es hat konkret um Diskussion und Entscheidungsfindung hinsichtlich der Grundregeln schulischen Zusammenlebens zu gehen (Grabow, ebd.).

2. Es dürfen in dieser Phase keine falschen Erwartungen geweckt werden, die dann später nicht eingelöst werden können. Die Ansprüche die in dieser Zeit gemeinsam formuliert werden, dienen als Maßstab fr den Verlauf der weiteren Ausbildung. Es ist deshalb notwendig, das entstandene Vertrauen und den gewonnenen Grundkonsens im Verlaufe der Ausbildung immer wieder zu erneuern, damit er im Schulalltag nicht verflacht (Grabow, ebd.).

Langfristig ist mit einem solchen Einstieg in die Ausbildung, neben der unabdingbaren fachlichen Dimension, auch eine Akzentuierung der sozialen und politischen Dimension von Schule und Ausbildung anzustreben, die dazu beitragen kann, die heute oft anzutreffende Form des Schulehaltens, mit einseitiger, individuumsbezogener Leistungsorientierung und Vereinzelung, zu überwinden (Lindt, Leschinsky, 1987).

3. Ziele des Projekte "Einführung in die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern"

  • Die neuen Schüler sollen die neue Umgebung erkunden,
  • sie erhalten Gelegenheit, die Lehrer kennenzulernen,
  • sie erhalten die Möglichkeit, miteinander Kontakt aufzunehmen,
  • sie bekommen Informationen über den Stundenplan,
  • Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen im Hinblick auf die Ausbildungen werden thematisiert und fixiert, um hierauf zu einem späteren Zeitpunkt der Ausbildung zurückzukommen.

4. Verlauf des Projektes

Kennenlernen

Da dem Problem des Kennenlernen in dieser Einstiegsphase eine besondere Bedeutung zukommt (siehe unter 2.1.), soll nachgehend das methodische Vorgehen kurz beschrieben werden. Gewählt wurde das Medium Spiel, hier das Partner-Interview, nach Knoll, J., 1995 und U.Beer, 1979, in modifizierter Form.

Beschreibung des Spiels

Geeignet ist dieses Spiel für Gruppen bis zu 20 Teilnehmern. Ziele: Kennenlernen, Fremddarstellung. Vorbereitung, Material: Blätter DIN A4 für jeden Teilnehmer und Filzstifte

Methodischer Aufbau

Jeder Teilnehmer sucht sich einen Partner. Die Paare setzen sich ca. 20-30 Minuten zusammen und interviewen sich gegenseitig. Danach stellt jeder Teilnehmer im Plenum der Gruppe seinen Partner anhand der Informationen vor, die er auf seinem Blatt notiert hat.

Beispiele für Fragen beim Partner-Interview: Name, Spitzname, Alter, Geschwister, schulischer und beruflicher Werdegang, Wohnort, Geburtsort, Interessen, Freizeitgestaltung, Eigenschaften: positiv-negativ, Mitgliedschaft in Vereinen, Erwartungen an die Schule, die Gruppe, etc.

Der Spielleiter sollte darauf achten, daß sich die Partner möglichst wenig kennen.

Nach meinen Erfahrungen wird auf dem beschriebenen Wege sehr zügig eine informelle Atmosphäre hergestellt, die es den Teilnehmern ermöglicht, sich gegenseitig ein Stück kennen zu lernen um sich so den weiteren Anforderungen der Ausbildung öffnen zu können.

5. Ablaufschema des Projektes "Einführung in die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern"

Wochentag Uhrzeit Vormittags Nachmittags
Montag 8.15 Begrüßung durch die "kreuznacher diakonie" und die Schulleitung 13.30 Klassenleiterstunde
  9.30 Gemeinsames Frühstück mit den Schülern des Bildungsgangs 14.30 Vorstellungsrunde - Kennenlernen - Interwievspiel
Dienstag 8.00 Einblick in die Struktur der Erzieherausbildung in Rheinland-Pfalz 13.30 Führung durch die Schule und die "kreuznacher diakonie"
  9.30 Abklärung von Erwartungen an Schule und Lehrer - Erarbeitung von Grundregeln schulischen Zusammenlebens 15.00 Methodik der geistigen Arbeit: Teil I: Umgang mit Sprache
Mittwoch 8.00 Begegnung mit Schülern der Oberstufe, gemeinsame Aktivität Stadtspiel 13.30 Methodik der geistigen Arbeit, Teil II: Umgang mit Fachliteratur, Einführung in grundlegende Arbeitstechniken
Donnerstag 8.00 Abschlußrunde: Gemeinsamer Rückblick - Ausblick 13.30 Schluß der Veranstaltung
Freitag 8.00 Reflexion der vergangenen Woche
Treffen von Absprachen hinsichtlich wieder aufzugreifender Diskussionspunke
 

Literaturhinweise zum Thema Einführungsphase

ZÜLKE, E.: Entwicklung eines handlungsorientierten Curriculums, in: Veränderung in der Erzieherausbildung, Studienheft 3, Comenius-Institut Münster, 1985

GRABOW, M: Die Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit in der Erzieherausbildung, Peter Lang Verlag, Frankfurt, 1990

HIGGINS, A.: Moralische Erziehung in der Gerechte Gemeinschaft-Schule - über schulpraktische Erfahrungen in den USA, in: Lind, G., Rascher, J.(Hrsg.): Moralische Urteilsfähigkeit, Beltz Verlag, Weinheim, 1987

SCHWEINGRUBER, G.: Das Projekt in der Schule, Verlag Paul Haupt, Bern, 1979

LIND, G.: Ansätze und Ergebnisse der "Just-Community"-Schule, in: Die Deutsche Schule, H. 1/1987

LESCHINSKY; A.: Warnung vor neuen Enttäuschungen - Strukturelle Hindernisse für eine Schule der gerechten Gemeinschaft. in: Die deutsche Schule, H. 1/1987

ZERN, H. : Das Just-Community-Prinzip in der Pädagogenausbildung; Pädagogik H. 12, 1994

KNOLL, J.: Methoden - Helfende Verfahrensweisen. ZFUW, Kaiserslautern, 1995

ElSCHENBROICH, D.: Wissensfreie Kindheit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.1997

HOLZBRECHER, A.: 1998, Pädagogik, H. 1,1998

Anschrift des Verfassers

Hartmut Zern, Dipl. Pädagoge
Nikolaus-Lenau-Str. 2
55543 Bad Kreuznach
Email: zernha@kreuznacherdiakonie.de
Website: http://www.kreuznacherdiakonie.de/Fachschulen/index.html