Aus: Was + Wie. Kinder religionspädagogisch begleiten 2005, Heft 1, S. 15-22

Die Praxis des Meditierens mit Kindern

Michael Schnabel

 

"Aua, aua, mein Finger! Aua, aua mein Finger!" schreit die zweijährige Lisa im abgedunkelten Gruppenraum bei einer Kerzenmeditation. "Bist du ruhig! Sei endlich still! Psst, sei leise! Hör auf mit dem Weinen! Sei leise und hör zu!" so lockt, beruhigt und schimpft die Mutter. Als alles Ermahnen und Trösten nichts bringt, verlässt die Mutter mit dem Kind auf dem Arm den Raum. Die schöne und besinnliche Kerzenmeditation wurde für die Mutter zum Horrortrip. Warum? Das Kind hat beim besinnlichen Zusammensein seine Kerze etwas schräg gehalten, und heißes Wachs lief auf seine Finger. Wer möchte da nicht schreien?

Eine Meditation ist wie eine Seifenblase: Sie kann so herrlich und eindrucksvoll sein - und plötzlich, bei der kleinsten Störung, ist alle Farbenpracht geplatzt. Daher ist die Planung, wie eine Meditation mit Kindern ablaufen sollte, äußerst wichtig. Folgende Strukturelemente bestimmen das Geschehen:

  • Erzieher/in,
  • Kinder,
  • Angebot und
  • Rahmenbedingungen.

Strukturelement: Erzieher/in

Es dürfte kaum ein Projekt oder eine Aktion mit Kindern so hohe Ansprüche an die Erziehern/innen stellen als eine Meditation. Von den Vorerfahrungen, der Einstellung zur Meditation, dem Geschick der Durchführung und der momentanen Ausstrahlung hängt ab, ob eine Meditation scheitert, nur oberflächlich daherkommt oder zu einer ergreifenden Erfahrung wird. Denn Kinder meditieren in Teilhabe. Sie werden getragen von der Ruhe, Ausgeglichenheit und Harmonie, die die Erzieher/innen einbringen. Sie sind eingebunden in die Erlebnistiefe des Erwachsenen. So ist das Gelingen aufs engste mit der Erlebnisfähigkeit der beteiligten Erwachsenen verbunden.

An allererster Stelle steht die Begeisterung für meditative Formen. Für manche Menschen ist Meditieren etwas Überflüssiges oder sogar Obskures. Es ist offensichtlich, dass solche Pädagogen/innen den Kindern meditative Erfahrungen nicht nahe bringen können. Wer mit Kindern meditieren möchte, sollte Begeisterung mitbringen und eigene Vorerfahrungen besitzen. Damit ist gemeint: Wer zur Meditation anleitet, sollte selbst in diesem Gebiet ein gerütteltes Maß an Erfahrungen mitbringen. Dies setzt voraus, dass man Einführungskurse und Meditationsangebote besucht hat und mit Erfahrungen und Wirkungen vertraut ist.

Wer öfter meditiert, der weiß, dass tief greifende Erfahrungen auch davon abhängig sind, wie man momentan gestimmt ist. Es muss bereits vorher eine entspannte und geruhsame Atmosphäre herrschen. Eine Pädagogin, die sich aus einer Konfrontation mit einer Kollegin in eine Meditation mit Kindern begibt, wird kaum zur Entspannung und Harmonie fähig sein.

Das Angebot "Meditation mit Kindern" ist kein Selbstläufer. Ganz im Gegenteil: Es sind viele überlegte Handlungen und subtile Kommunikationsformen, die das Gelingen verantworten, z.B. langsames Sprechen, Dynamik der Stimme, gestaltete Pausen, behutsames Schreiten, Sprache der Augen, mystagogische Bewegungen und vieles mehr. Viele praktische Erfahrungen befähigen zu einem sinnvollen Zusammenspiel der genannten Elemente und können Erlebnisreichtum erschließen helfen.

Strukturelement: Kinder

Wird mit Kindern eine Meditation durchgeführt, so ist zu überlegen: Wie viele Kinder sollen teilnehmen? Und: Welche Kinder sollen sich beteiligen?

Eine Erzieherin, die erste Versuche mit Kindern zu meditieren unternimmt, wird zunächst sehr wenige Kinder dazu einladen. Eine Kleingruppe von vier bis sechs Kindern ist hinreichend. Routinierte Erzieher/innen nehmen schon mal zwanzig und mehr Kinder zum Meditieren mit.

Welche Kinder werden ausgewählt für eine Meditation? "Gerade die lebhaften, unruhigen und umtriebsamen Kinder brauchen ganz besonders ein solches Angebot!" Diese Einschätzung mag zwar stimmen, aber mit solchen Kindern ist die Gefahr sehr groß, dass die Meditation misslingt. Für erste Versuche sind ruhige und ausgeglichene Kinder vorteilhaft. Wenn Pädagogen/innen Routine im Meditieren mit Kindern besitzen, dann können auch lebhafte und unruhige Kinder einbezogen werden.

Eine sehr wichtige Voraussetzung ist, Kinder sollen zum Meditieren eingeladen werden. Sie dürfen nie dazu gezwungen werden.

Strukturelement: Das Meditationsangebot

Welche Meditationsformen sollen für Kinder ausgewählt werden? Welche Formen sprechen Kinder besonders an? Wie soll eine Meditation für Kinder aufbereitet werden?

Zunächst wird man wiederum von den Vorerfahrungen und Vorlieben der Pädagogen/innen ausgehen. Denn diejenigen meditativen Elemente, die den Pädagogen/innen viel mitgeben können, werden auch die Kinder beeindrucken. Dies entspricht den Prinzipien der Teilhabe.

Ein erster Anfang, Kinder zur Meditation zu führen, sind Übungen zur Wahrnehmung und Sensibilisierung. Beispielsweise können Kinder in einem Fühlsack verschiedene Gegenstände ertasten; oder in einem Raum werden Gegenstände versteckt, die einen Ton von sich geben, und es soll erraten werden, um welche Gegenstände es sich handelt.

Ebenso lassen sich in Projekte und Aktionen Elemente des meditativen und rhythmischen Sprechens und Gehens einbauen. Beim Laternenbasteln konnte ich oft beobachten, dass Kinder ganz ergriffen sind, wenn sie folgenden Spruch aufsagen, während ihre Laterne das Dunkel erhellt: "Finkel, fankel, funkel. Die ganze Welt ist dunkel. Da zünd ich meine Laterne an, damit ich besser sehen kann. Finkel, fankel funkel. Nun ist es nicht mehr dunkel."

Ein pädagogisches Aha-Erlebnis war ebenfalls, als Kinder Feuer und Flamme bei folgendem Vorstellungsspiel waren: Alle Kinder stehen in einem Kreis. Ein Erwachsener geht außen an dem Kreis entlang mit dem Spruch: "Eins, zwei, drei, immer länger wird die Reih, die Lisa, die ist dran, dass es weitergehen kann." Das angesprochene Kind schließt sich an, und der Spruch beginnt von vorne. In der Betreuerrunde versuchten wir zu ergründen, warum die Kinder von diesem Spiel so in Bann genommen wurden. Einmal ist es der einfach rhythmische Text, dann die gebetsmühlenartige Wiederholung. Vielleicht auch die Spannung bei der Frage: Wann werde ich aufgerufen?

Einen starken Aufforderungscharakter für Kinder haben Gegenstandsmeditationen. Die Kinder beschäftigen sich zunächst mit dem Gegenstand, beispielsweise einer Kerze, einem Stern und ähnlichen Dingen. Dieser Gegenstand dient anschließend zur meditativen Sammlung. Eine allseits bekannte Form ist das Rollen von Kerzen aus Bienenwaben mit einer anschließenden Stille-Übung.

Außerhalb dieses kurzen Einblicks wird in Kindertageseinrichtungen eine Vielfalt von meditativen Formen und Stille-Übungen praktiziert. Hier können nur die wichtigsten Praktiken genannt werden: Katathymes Bilderleben, Bildmeditation, Meditation und Bewegung, Symbol-Meditation, Mandala-Meditation, Licht- und Farbmeditation, Klang-Meditation, Mantra-Meditation, Phantasiereisen und vieles mehr (vgl. Gruber/ Rieger 2004, S. 26).

Durchführungsschritte

Sich versenken, sein Innenleben anzutreffen und sich innerlich ansprechen zu lassen braucht viel Zeit und Geduld. Daher kann eine Meditation seine Erlebnisgestalt und seinen Tiefgang erst weitreichend entfalten, wenn die meditativen Elemente einen Weg bilden und auf diesem Weg fortschreiten. Folgende Schritte haben sich bei meditativen Übungen mit Kindern im Vorschulalter bewährt (vgl. Hoppe 1996, S. 45-48):

  1. Einladung zur Meditation
  2. Sich sammeln
  3. Das Angebot der Stille
  4. Erfahrungen verarbeiten
  5. Abschluss gestalten.

Einladung

Kinder werden freundlich zu einer meditativen Übung eingeladen. Ganz bewusst sollen Kinder frei sein in der Entscheidung für oder gegen eine meditative Übung. Kinder zu einer Meditation zu zwingen, zerstört völlig ihre Eigenart und verfehlt jegliche Wirkung. Jedoch darf und soll für eine Beteiligung geworben, dürfen und sollen die damit verbundenen Erfahrungen attraktiv dargestellt werden. Dazu wird den Kindern geschildert, was bei einer meditativen Übung gemacht wird und welche wunderbaren Erlebnisse damit verbunden sein können.

Sammlung

Damit eine Meditation gelingt, müssen Kinder den Trubel des Alltags hinter sich lassen. Wenn dazu ein anderer Raum aufgesucht wird, ist der erste Schritt bereits vollzogen. Manche Pädagogen/innen markieren diesen Schritt, damit er für Kinder sinnenfälliger wird; zum Beispiel gehen sie durch ein Sternentor in den Meditationsraum. Zur Sammlung tragen bewusstes Spüren des Körpers oder Beachtung des Atmens bei.

Angebot der Stille

Das Einlassen auf Stille und das Genießen von Stille-Erfahrungen sind oft ein längerer Prozess. Vor allem, wenn die Kinder vor Stille-Übungen angespannt und unruhig waren, werden mehrere Übungen zur Sammlung erforderlich sein. Bei ersten meditativen Versuchen reichen auch zunächst Übungen zur Sammlung. Beobachtet die Erzieherin, dass die Kinder konzentriert und offen sind, so folgt die ausgewählte meditative Übung.

Erfahrungen verarbeiten

Eine Stille-Übung steigert den Erlebnisreichtum, lässt Erfahrungen wach werden und verschiedene Gefühle hochkommen. In diesem Abschnitt erhalten die Kinder Gelegenheit, ihre Erlebnisse und Empfindungen auszudrücken. Dies kann in einem Gespräch erfolgen oder im Malen. Vorschulkinder tun sich schwer, ihre Eindrücke in Worte zu fassen. Leichter ist es, an Hand der Zeichnungen mit den Kindern ins Gespräch zu kommen.

Abschluss

Eine Reise in die Welten seines Innenlebens braucht eine behutsame Rückkehr; daher wird auch der Abschluss ganz bewusst gestaltet. Es lässt sich dazu etwa eine Übung, ein Lied oder ein Spiel aus der Einleitung aufgreifen. Wer mit Kindern häufiger meditiert, der wird ein Abschlussritual entwickeln. Es kann in einer kleinen Übung, einem Lied oder einem Gebet bestehen.

Strukturelement: Rahmenbedingungen

Wie die Schilderung der weinenden Lisa am Beginn zeigte, sind es viele Einzelheiten, die das Gelingen einer meditativen Übung fördern oder verhindern können. Entscheidend ist vor allem ein angemessener Raum. Auch wenn es in den meisten Kindergärten keinen eigenen Meditationsraum gibt, so soll wenigstens ein eigener Beschäftigungsraum aufgesucht werden. In diesem Raum, der freundlich und einladend ist, soll es wenige Ablenkungsmöglichkeiten geben. Also ein Aufbewahrungsort von Spielsachen oder Musikinstrumenten ist völlig ungeeignet. Die Möglichkeit der Verdunklung mit Vorhängen kann das Gefühl der Geborgenheit steigern. Der Raum muss genügend Platz für alle Kinder bieten, und es soll möglichst wenige Störungen durch Lärm und Unruhe geben.

Jedes Kind braucht seinen Platz, je nach Übung entweder an einem Tisch oder auf dem Boden. Beim Sitzen auf dem Boden ist ein Kissen erforderlich. Wenn die Kinder liegen dürfen, brauchen sie eine Decke.

Gegenstände und Materialien, die zur Durchführung benötigt werden, liegen griffbereit.

Soll ein ausgearbeitetes Konzept der Erzieherin Sicherheit geben, so muss es immer einsehbar sein, darf aber nicht von der Übung ablenken. Ohne jede Frage sind Störungen durch Handy oder durch eine hereinplatzende Kollegin zu vermeiden.

Sollen Meditationen mit Kindern ausgewertet werden?

Jedes pädagogische Projekt, jedes Angebot für Kinder verlangt eine Auswertung, wenn Qualität gesichert oder gesteigert werden soll - so fordern es die Prinzipien einer modernen Elementarpädagogik. Gilt dieser Grundsatz auch für Meditationen mit Kindern? Ist das Gelingen einer Meditation nicht ein besonderes Ereignis, ein Geschenkt, eine festliche Angelegenheit? Erfahrungen, die unverfügbar sind? Entziehen sich solche Ereignisse einer Überprüfung?

Teils - teils: Natürlich gibt es bei meditativen Übungen mit Kindern ein Auf und Nieder. Und man kann nicht stichhaltig herausbringen, woran es liegt. Meditative Übungen folgen aber auch den Gesetzen der pädagogischen Arbeit. Dies bedeutet, dass eine schriftliche Reflexion die Qualität sichern und steigern kann.

Für einen ersten Schritt der Evaluation reicht die Beantwortung folgender zwei Fragen: Was ist bei der Meditation gut gelungen? Was kann noch verbessert werden? Eine differenzierte Analyse wird durch die Beantwortung von Fragen entlang der beschriebenen Strukturelemente erreicht:

  • Wie war ich als Erzieher/in auf die Meditation vorbereitet?
  • Welche Vorerfahrungen kann ich einbringen?
  • War die Einladung an die Kinder ansprechend?
  • War die Kindergruppe entsprechend den Voraussetzungen gewählt?
  • War die Auswahl der meditativen Übungen richtig?
  • Wurden die beschriebenen Durchführungsschritte eingehalten?
  • Waren die Rahmenbedingungen der Meditation zuträglich?
  • Gab es ungünstige Außeneinflüsse?

Aus der vorhergehenden Beschreibung der Strukturelemente können noch zusätzliche Fragen abgeleitet werden. Zunächst liefert die Beantwortung der aufgeführten Fragen eine äußerst genaue Basis zur Analyse und somit auch zur Verbesserung der meditativen Angebote.

Meditation und religiöse Erziehung

Vor zwei Jahren rief bei mir ein erboster Träger an und wollte fachmännische Unterstützung seiner Entscheidungen. "Letzte Woche bitte ich das pädagogische Personal unserer Einrichtung zu einem Gespräch. Ich erkundige mich, was so in nächster Zeit geplant sei. Da erklärt eine Gruppenleiterin, dass sich in den kommenden Wochen die Kinder mit Mandalas beschäftigen sollten. Ich habe nicht lange herumgeredet und sofort verboten, sich mit diesem fremdländischen Zeug zu beschäftigen. Wer kennt die Auswirkungen? Wer weiß, was diese esoterischen Praktiken auf die Zukunft hin anrichten?" Erst ein längeres Gespräch und Hinweise, dass sich Mandalas auch in christlichen Kirchen und Symbolen finden, konnte den Anrufer beruhigen und Sympathie für Formen der Verinnerlichung wecken.

Inwieweit trägt Meditation zur religiösen Erziehung der Kinder bei? Sind meditative Übungen für die Weitergabe des christlichen Glaubens brauchbar? Es gibt noch immer Nörgler und Skeptiker! Auch in neueren Publikationen finden sich kritische Einwände: Der christliche Glaube sei keine meditative Religion, sondern ein Offenbarungsglaube. Schrift und Wort Gottes bilden den Kern. Weiterhin finden sich immer wieder subtile Warnungen, dass alle Meditationsformen im asiatischen Raum entstanden seien und deshalb unsere Erlebnisfähigkeiten nicht treffen könnten.

Es gibt auch die andere Seite: Vor allem in den christlichen Klöstern existiert eine lange Tradition in der Praxis meditativer Übungen. Gerade heute bieten viele Klöster Kurse und Informationsveranstaltungen über meditative Praktiken an. Sie laden ein zu Exerzitien und "Kloster auf Zeit", um Formen der Betrachtung und Einkehr vermitteln zu können - mit der Überzeugung, dass der Weg zu einem reichhaltigen Innenleben auch ein Weg zu Gott ist.

Diese Erfahrungen übertrug der Religionspädagoge Hubert Halbfas auf den Religionsunterricht. Viele seiner Religionsbücher ermuntern, den Kindern den Erfahrungsreichtum der Meditation zu erschließen: "Stille ist bei Halbfas der Weg zur Mitte, und zwar sowohl zur eigenen inneren Mitte als auch zu Gott. Halbfas steht damit in der Tradition des 'monastischen Schweigens': Stille, Versenkung, Rückzug von der Welt, Hinwendung zur eigenen Mitte und meditative Übungen finden sich in fast allen Hochreligionen ... Zeiten der Stille werden in vielen Ordensregeln vorgeschrieben. Dieses 'monastische Schweigen' soll zu innerer Einkehr führen und damit letztlich den Weg zu Gott öffnen" (Faust-Siel 1990, S. 26).

Die Verbindung von Stille und Gottesbegegnung fußt auch in biblischen Erzählungen. Bei der Berufung des Propheten Elija im Buch der Könige (1 Kön. 19, 11-13) heißt es: "Es kam ein starker heftiger Sturm. Doch Gott war nicht im Sturm. Es kam ein Erdbeben. Doch Gott war nicht im Erdbeben. Es kam Feuer. Doch Gott war nicht im Feuer. Es kam eine Stimme schwebenden Schweigens. Elija verhüllte sein Gesicht mit seinem Mantel. Er vernahm die Stimme Gottes."

Literatur

Faust-Siel, G.: Kinder heute in einer Schule der Stille - Stille und Stilleübungen in der veränderten Kindheit. In: Faust-Siel, G. u.a.: Mit Kindern Stille entdecken. Frankfurt a.M. 1990

Gruber, C./Rieger, C.: Entspannung und Konzentration. München 2004

Hoppe, G.: Mit Kindern meditieren. München 1996, S. 45-48