Aus: Was + Wie. Kinder religionspädagogisch begleiten 2005, Heft 1, S. 2-6

Mit Kindern in Kindertageseinrichtungen meditieren

Michael Schnabel

 

"Wie geht es dir beim Yoga?" - "Ich habe sehr gute Erfahrungen mit Mudras (= Fingeryoga) gemacht." - "Mein Zen-Meister ist fantastisch. Er hat eine Ausstrahlung und Autorität, sie fesseln geradezu...". Sogar auf Partys werden Erfahrungen darüber ausgetauscht, wie wirkungsvoll meditative Techniken sind. Es ist nicht zu übersehen: Meditative Praktiken haben Hochkonjunktur: Manager besuchen Meditationskurse, um sich mehr durchsetzen zu können. Künstler treffen sich in Meditationszentren, um ihre Kreativität zu steigern. Fußballer lernen Entspannungs- und Konzentrationstechniken, damit sie auf den Punkt fit sind und die Höchstleistung abrufen können. Manche Vereine beschäftigen sogar einen Mentaltrainer, der mit wundersamen Motivationsimpulsen Siege vorprogrammieren kann. Pädagog/innen treffen sich am Wochenende beim Meditationskurs, damit sie gelassener werden, neue Perspektiven gewinnen und den Alltagsstress mit Kindern meistern können. Und die Kinder, sollen sie auch zur Meditation geführt werden? Ja, warum nicht?

Was ist Meditation?

Wer die vielen "Erleuchteten" fragen würde "Was ist Meditation?", der erhält meist enthusiastische Äußerungen von einer "totalen Veränderung", vom "mystischen Entrücktsein", von einem "neuen Bewusstseinszustand", von einer "Ausweitung der Wahrnehmung ins Kosmische" oder auch von höchster Konzentration und Körperbeherrschung.

Was ist jedoch das Eigentliche an der Meditation? Was ist das Zentrum von Meditation? Schwer zu sagen?

Spielend leicht ist es, Verhaltensweisen aufzulisten, die nichts mit Meditation zu tun haben; beispielsweise: einkaufen, arbeiten, Termine einhalten, verreisen, Veranstaltungen besuchen, keine Zeit haben, in Hektik sein, Stress erleben, Sport betreiben. Aber sind das nicht die Hauptbeschäftigungen in unserem Alltag? Zum größten Teil! Und deshalb brauchen wir Entspannung und Meditation. Sie sollen Ausgleich schaffen und uns wieder in Balance bringen zwischen Anspannung und Entspannung.

Bei all den Schwierigkeiten eine Annäherung zu dem, was Meditation bedeuten kann: Zunächst ein sprachlicher Versuch: Das Wort "Meditation" kommt aus dem Latein. Dort finden sich zwei Wörter, die der Ausgangspunkt sein können. Das Wort "medias" bedeutet Mitte und Zentrum. Meditation führt uns sozusagen zu unserer Mitte zum Zentrum unseres Erlebens. Das lateinische Wort "meditari" hat zwei Bedeutungen:

  1. besinnen, innerliche Einkehr
  2. einüben, sich disziplinieren.

Diese Wortbedeutungen zeigen auf, dass der Weg zur Mitte und zum Zentrum mit Übung, Training und Techniken verbunden ist. Daher stehen bei der Meditation die Verfahren, wie man innere Einkehr erreichen kann, im Vordergrund. "Meditation ist eine systematische Technik, die es uns ermöglicht, unsere latente Geisteskraft in den Griff zu bekommen und uns aufs höchste zu konzentrieren. Sie besteht im Trainieren des Geistes, vor allem der Aufmerksamkeit und des Willens, damit wir, von der Oberflächenebene des Bewusstseins ausgehend, eine Reise in die wahren Tiefen antreten können" (Easwaran 1991, S. 9).

Feinsinnige und abgewogene Definitionen lassen aber oft die Vorstellung im Stich. Eine Erzählung lässt Bilder aufsteigen und kann vielschichtige Sachverhalte durchschaubar machen. Folgende Erzählung lässt erahnen, was Meditation sein kann:

Eines Tages läuft mehr zufällig ein erfolgreicher Kaufmann über einen Klosterhof. Dort begegnet er einem Mönch, der gerade gemächlich und besinnlich auf die Kirche zugeht. Das macht den Kaufmann neugierig und er fragt: "Was bringt es eigentlich, so zurückgezogen in Stille und Abgeschiedenheit zu leben?" Der Mönch antwortete: "In der Stille des Gebets, der Betrachtung und Meditation finde ich zu mir selbst und erlebe ich das Wesentliche zwischen Himmel und Erde." Der Kaufmann war etwas verwirrt und konnte mit dieser Aussage nichts anfangen. Der Mönch merkte, dass seine Erklärung nicht ankam und versuchte einen anderen Weg. Er nahm den Kaufmann mit zur Mitte des Klosterhofes. Dort warf er einen Stein in den Brunnen. "Sehen Sie etwas?" - "Nein nur ein Gewirr von Farben." Dann blieben sie länger beim Brunnen stehen, bis sich das Wasser beruhig hatte. "Können Sie jetzt etwas sehen?" - "Ja, jetzt sehe ich mich klar und deutlich." - "So ist auch das besinnliche, meditative Leben. Sie lernen sich selbst ganz klar und deutlich zu sehen."

Wie erreicht ein Meditierender diese Einsicht? Wie lernt man sich selbst klar und deutlich erkennen? Die Methoden der Meditation sind Wege zu dieser Einsicht.

Formen von Meditation

In der Familienfreizeit in Wessobrunn ist ein Vater aus China dabei. Als er durch den Klostergarten mit seinen uralten Bäumen geht, ruft er voller Begeisterung: "Alles Chi (sprich Tschie!), alles Chi, alles Chi!" Er schmiegt sich ganz eng an einen Baum und öffnet seine Hände nach oben und verharrt in dieser Stellung einige Minuten. So kann eine Baummeditation aussehen.

Welche Formen von Meditation gibt es? Sind alle für Kinder geeignet?

Die Formenvielfalt ist unüberschaubar. Auch Experten haben Schwierigkeiten, jeden Ansatz zu kennen. Eine Ausschreibung der Universität Bremen zum Schwerpunkt "Meditation und Entspannung" gibt eine Vorahnung über die Vielzahl der Angebote. Es finden sich dort folgende Angebote: Chinesisches Massage, Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, Shiatsu, Autogenes Training, Qigong, Tai Chi, Yoga, Kundalini-Yoga und Hatha-Yoga. Hier nicht aufgeführt sind so wichtige Ansätze wie Zen-Meditation, Kinesiologie und Transzendentale Meditation.

Ist es sinnvoll, mit Kindern einen dieser Ansätze zu praktizieren? Keineswegs! Wenn auch Fortbildungseinrichtungen "Yoga für Kinder" oder "Kinesiologie für Kinder" anbieten, ist zunächst Kindertageseinrichtungen davon abzuraten. Zum einen verlangen die genannten Ansätze meist eine intensives Training, das sich über Jahre erstreckt, wobei manche Techniken für Kinder völlig ungeeignet sind - beispielsweise verlangt ein Zen-Meister von seinen Schülern: "Sitzen. Schweigen. Nicht denken. Auch nicht ans Nichtdenken denken..." Oder ein Erleuchteter schwärmt davon, dass er in einem Zen-Kloster jeden Tag neun Stunden vor einer weißen Wand schweigend saß. So habe er die höchsten Erfahrungen im Leben gemacht. Zum anderen stehen hinter den genannten Meditationsformen komplexe Philosophien und Weltanschauungen, mit denen sich der Meditierende auch vertraut machen sollte; zum Beispiel die Prinzipien Ching und Yang, die Lehre der Meridiane oder die Pfade der Erleuchtung.

Alle Meditationsformen sind im asiatischen Raum entstanden, daher sind die Gedankensysteme für Menschen in westlichen Ländern meist ungewohnt und schwer zugänglich. Meditationsformen, die hierzulande praktiziert werden, sind meist für unser Verständnis schon modifiziert worden.

Für Kinder ist es vorteilhaft, aus den verschiedenen Meditationsansätzen Elemente auf ihre Voraussetzungen hin zu entwickeln. Viele Autoren/innen nennen diese Elemente für Kinder "Stille-Übungen".

Ziele für Meditation mit Kindern

Meditation als innere Einkehr, als Bewusstseinserweiterung oder als Erleuchtung auf dem Lebensweg kann kaum geplant und vor allem nicht erzwungen werden. Ist es daher überflüssig, über Ziele nachzudenken? Nicht ganz! Wenn auch nicht fein säuberlich festgelegt werden kann, wie eine Meditation mit Kindern zu einer tiefgreifenden Erfahrung aufbereitet werden kann, so sollen allgemeine Zielformulierungen wenigstens davor schützen, dass etwas völlig Unvorgesehenes passiert.

Die Chancen von Meditation mit Kindern werden erwürgt, wenn sie nur als Mittel zur Disziplinierung eingesetzt werden. Im Durcheinander einer Kindergruppe mag es verführerisch sein, durch Meditation Kinder zum Schweigen zu bringen. Für die Schule wurden solche Ansätze bereits propagiert. Die Disziplin der Stille solle darauf achten, dass kein Lärm, Plaudern und Zanken einreißt, so die Forderungen eines Lehrerbildners aus dem letzten Jahrhundert. Übungen der Stille dürfen nie zum zwanghaften Tun degenerieren, sie sollen vielmehr den Kindern zum Genuss werden!

Mit Vorbehalt ist auch die Absicht zu sehen, Stille-Übungen als Ausgleich zu Stress und Überforderung einzusetzen. Dies mag zwar angebracht erscheinen, trifft aber nicht das Zentrum meditativer Übungen.

Zunächst lernen die Kinder in den meditativen Übungen, dass es möglich ist und gut tut, die äußeren Reize abzuschalten. Es sind völlig andere Bemühungen als Gegensatz zum üblichen Trachten nach spannenden Videos, heißen Musikstücken oder aufregenden Ablenkungen.

Dann öffnet sich das Tor nach Innen. Die Kinder nehmen bewusst ihr Innenleben wahr. Sie erleben dies nicht als Leere und Langeweile, sondern als Möglichkeit zur Steigerung der Wahrnehmung und als Entdeckung ihres inneren Reichtums.

Schließlich führt Meditation dazu, innere Wirklichkeiten zu entdecken, die jenseits der sinnlichen Wahrnehmung liegen. Und sie führt zur Fähigkeit, neue Erfahrungsräume zu erschließen, die ungeahnte Lebensenergien und Visionen eröffnen können.

Literatur

Die weiterführende Literatur wurde aufgeteilt in grundlegende Veröffentlichungen und Praxisbücher. Die grundlegenden Veröffentlichungen beschäftigen sich eingehend mit verschiedenen Formen der Meditation oder gehen auf Voraussetzungen bei Kindern ein. Die Praxisbücher enthalten fast ausnahmslos konkrete Vorschläge, wie mit Kindern meditative Formen vollzogen werden können, wobei einige Bücher sich auf eine Form beschränken, z.B. Mandala-Malen oder Phantasiereisen.

Grundlegende Veröffentlichungen

Bielfeld, G.: Meditation mit Kindern und Jugendlichen. In: www.zum.de

Diekmann, J.: Das Selbstwertgefühl bei Kindern/ Jugendlichen mit geistiger Behinderung - Möglichkeiten der Förderung/ Erhöhung z.B. durch Meditation und Kreativitätstraining. Dortmund 2001

Easwaran, E.: So öffnet sich das Leben. Acht Schritte der Meditation. Freiburg, Basel, Wien 1991

Faust-Siehl, G./Bauer, E.-M./Baur, W./Wallascheck, U.: Mit Kindern Stille entdecken. Frankfurt a. M. 1990

Friebel, V.: Wie Stille zum Erlebnis wird. Sinnes- und Entspannungsübungen im Kindergarten. Freiburg 2004

Goleman, D.: Meditation: Wege nach innen. Weinheim, Basel 1990

Gruber, C./Rieger, C.: Entspannung und Konzentration. München 2004

Hoppe, G.: Mit Kindern meditieren. Grundlagen und Anleitungen. München, 2. Aufl. 1996

Hövermann, C.J.: Was ist christliche Meditation? In: www.religio.de/dialog/296/296s16.html

Maschwitz, G./Maschwitz, R.: Gemeinsam Stille entdecken. München 2004

Salbert, U.: Mit Kindern meditieren. In: www.kindergartenpaedagogik.de/701.html

Schätzlein, T.: Meditationen mit Kindern. In: www.hoppsala.de

Splieth, A.P.: Meditation mit Kindern. Kindgerechte Übungen für mehr Ruhe und Konzentration. München 1998

Zimmer, R.: Bewegung und Entspannung. Freiburg 2004

Bücher für die Praxis

Brunner, R.: Hörst du die Stille? Meditative Übungen mit Kindern. München 2004

Erkert, A.: Inseln der Entspannung. Münster 1998

Friebel, V.: Mandalareisen mit Kindern. Münster 1998

Friebel, V.: Weiße Wolken, Stille Reise. Münster 1996

Merthan, B.: Wolkenschiff auf und davon. Spielideen zur Förderung der Fantasie - Erzieherinnen fördern Kinder. Freiburg 2003

Müller, E.: Auf der Silberstraße des Mondes. München 1995

Müller, E.: Der Klang der Bilder. München 1999

Müller, E.: Träumen auf der Mondschaukel. Autogenes Training mit Märchen und Gute-Nacht-Geschichten. München 1993