Aus: Was + Wie. Kinder religionspädagogisch begleiten 2005, Heft 1, S. 6-7

Meditationsfähigkeit der Kinder

Michael Schnabel

 

Kinder brauchen in einer schnelllebigen Zeit, bei den vielen Reizeinflüssen und Stressfaktoren Meditation zum Ausgleich und zur Stärkung. Sie sollen bereit und fähig werden, mit den Herausforderungen der Zukunft umzugehen. So argumentieren viele Autoren/innen, die sich mit dieser Frage beschäftigen. Aber sind Kinder in jedem Alter in der Lage, meditative Übungen zu verstehen und zu praktizieren?

Säuglinge und Kleinstkinder (bis 3 Jahre) brauchen meditative Übungen nicht, denn sie seien noch mit ihrer Umwelt und den sie umgebenen Menschen in einer symbiotischen Einheit. Ja sie sind geradezu Meditationsspezialisten, weil sie von Dingen und Vorgängen oft so beeindruckt sind, dass sie alles um sich herum vergessen können. Manche verweisen darauf, dass dieser Zustand des Einseins von Fühlen, Wollen und Handeln dem Flow-Erlebnis entspricht, wie es Mihaly Csikszentmihalyi (2004) beschrieben hat. Dieses Erlebnis ist die Erfahrung eines tiefgreifenden Glückszustandes, wie es bei besonders intensiven Tätigkeiten entsteht. Beim Handeln im Flow ist alle Energie auf die Tätigkeit gerichtet, und man erlebt ein Hochgefühl des Schwebens oder Fließens. Also wären die Kleinsten geradezu meisterhaft im Meditieren. Leider sind sie noch in der Lage, dies auch dem Erwachsenen beizubringen.

Kindergartenkinder differenzieren bereits sehr deutlich zwischen ihrem Erleben und den Vorgängen außerhalb von ihnen. Daher werden sie auch durch die Reizüberflutung gestresst. Meditative Übungen können helfen, die innere Balance zu finden.

Maria Montessori, eine scharfsinnige Beobachterin, Kinderärztin und Pädagogin, beschrieb, wie Kinder Stille erleben und wie Stille-Übungen auf Kinder wirken. "Eines Tages betrat ich das Schulzimmer, auf dem Arm ein vier Monate altes Mädchen, das ich der Mutter auf dem Hof aus den Armen genommen hatte. Nach dem Brauch des Volkes war das Kleine ganz in Windeln gewickelt, ihr Gesicht war dick und rosig, und sie weinte nicht. Die Stille dieses Geschöpfes machte mir großen Eindruck, und ich versuchte mein Gefühl auch den Kindern mitzuteilen. 'Es macht gar keinen Lärm', sagte ich, und scherzend fügte ich hinzu: 'Niemand von euch könnte ebenso still sein.' Verblüfft beobachtete ich, wie sich der Kinder rings umher eine intensive Spannung bemächtigte. Es war, als hingen sie an meinen Lippen und fühlten aufs tiefste, was ich sagte. 'Sein Atmen geht ganz leise', fuhr ich fort. 'Niemand von euch könnte so leise atmen.' Erstaunt und regungslos hielten die Kinder den Atem an. Eine eindrucksvolle Stille verbreitete sich in diesem Augenblick. Man hörte plötzlich das Ticktack der Uhr, das sonst nie vernehmbar war. Es schien, als hätte der Säugling eine Atmosphäre von Stille in dieses Zimmer gebracht, wie sie im gewöhnlichen Leben sonst nie besteht" (Montessori 1980, S. 172).

Diese Beobachtungen waren für Montessori der Anlass, Stille-Übungen zu entwickeln und in ihrem Kinderhaus regelmäßig einzusetzen. Eindrucksvoll ist ihre Namensübung: Die Kinder sitzen in einem Stuhlkreis und versuchen, total still zu sein. Aus einem anderen Zimmer ruft Montessori die Namen der Kinder möglichst leise und deutlich. Das aufgerufene Kind begibt sich ohne jeglichen Lärm in dieses Zimmer.

Die Beobachtungen und Experimente Montessoris belegen, dass Kinder im Kindergartenalter zu Stille-Übungen fähig sind, und wie die Autorin berichtet, dass Kinder von diesen Übungen begeistert werden können. Von vielen Pädagogen/innen wurden diese Erfahrungen aufgegriffen und weitergeführt.

Literatur

Csikszentmihalyi, M.: Flow. Das Geheimnis des Glücks. Stuttgart 2004

Montessori, M.: Kinder sind anders. Frankfurt, Berlin, Wien 1980