Sprachförderung im Stuhlkreis

Barbara Perras

 

Mein rechter Platz ist leer

Die Kinder sitzen im Stuhlkreis, ein Stuhl ist zuviel. Er bleibt zunächst frei. Die Erzieherin erklärt das Spiel: Das Kind, welches links neben dem freien Platz sitzt, beginnt. Es zeigt auf den leeren Stuhl und sagt: "Mein rechter, rechter Platz ist leer - da wünsch' ich mir den/die ... her"

Das aufgerufene Kind könnte sich nun auf den freien Stuhl setzen, und das Spiel würde von vorne beginnen. Üblicherweise wird das Spiel erweitert, indem das gewünschte Kind fragt: "Wie (oder als was) soll ich kommen?" Und der Gefragte antwortet z. B.: "Als Löwe!" Der Löwe geht brüllend auf vier Beinen auf den neuen Platz. Der Spielablauf wiederholt sich...

Das Spiel hat sich im Laufe der Zeit so eingeschliffen, dass die Kinder zwar etwas tun (sollen), die Tätigkeit jedoch nicht benannt wird. Dabei ist die Verbindung einer Tätigkeit mit einer Bewegung günstig für die Merkfähigkeit. Perfekt wäre natürlich eine Kombination von Tiernamen, Bewegungsform und ausgeführter Bewegung. Das Wortfeld gehen - laufen - kommen würde spielerisch vergrößert und verfeinert mit Verben wie schleichen, krabbeln, galoppieren, traben, kriechen, schlängeln usw., und auch die Bewegungen könnten noch begleitet werden: "Brüllend trampeln wie ein Elefant" oder "zwitschernd flattern wie ein Vogel" etc.

Wer schwimmt mit?

Ein Kind geht in die Mitte und nennt ein Verb (zur Hilfe können Bildkarten von Tätigkeiten angeboten werden). Es sagt "Ich schwimme" und bewegt sich entsprechend dazu. Es zeigt auf ein Kind: "Du schwimmst mit". Beide Kinder "schwimmen". Es zeigt auf einen Jungen: "Er schwimmt mit." Zuletzt wird ein Mädchen aufgefordert: "Sie schwimmt mit." Dann sagen alle Kinder im Kreis "Wir schwimmen". Ein anderes Kind wird vom Spielleiter benannt, und das Spiel beginnt von vorne.

Der Obstkorb fällt um

"Der Obstkorb" ist ein Spiel, welches in nahezu jeder Vorschuleinrichtung regelmäßig im Morgenkreis oder im Stuhlkreis gespielt wird. In erster Linie geht es darum, dass die Kinder sich im Kreis zu sprechen trauen bzw. Anweisungen geben, indem sie vorgegebene Wörter und Sätze verwenden.

Bei "Der Obstkorb (fällt um)" sitzen die Kinder im Stuhlkreis, jedes auf einem Stuhl. Ein Kind steht in der Mitte - der Stuhl dieses Kindes wird beiseite gestellt. Somit ist ein Platz zuwenig. Die Kinder werden in Obstsorten eingeteilt. Von ... bis, das sind Bananen, von ... bis, das sind die Äpfel usw. Je nach Teilnehmerzahl gibt es drei bis fünf Obstsorten. Das Kind in der Mitte versucht nun, einen Sitzplatz zu bekommen, indem es die Obstsorten untereinander oder miteinander Plätze tauschen lässt: "Alle Bananen tauschen die Plätze!" oder "Die Äpfel tauschen mit den Birnen die Plätze!". Alle Kinder wechseln die Plätze beim Kommando "Der Obstkorb fällt um!" oder "Obstsalat!"

In einer Schulvorbereitenden Einrichtung (SVE) wurde mir zum ersten Mal bewusst, welche Übertragungsleistungen ein Kind beim Spiel Obstkorb vollbringen muss: "Du bist ein Apfel!" bedeutet:

  • Das Kind muss den Begriff hören und wissen, was ein Apfel ist.
  • Das Kind muss den Namen Apfel auf sich beziehen und ihn sich während der gesamten Spieldauer merken.
  • Das Kind darf nicht bei anderen Obstsorten den Platz wechseln.
  • Das Kind muss den Sammelbegriff Obst kennen und auch bei "Der Obstkorb fällt um!" reagieren.

Viele Kinder vereinfachen für sich die Anweisungen, indem sie nur den Obstkorb umfallen lassen. Das sind häufig auch die Kinder, welche gar nicht versuchen, einen Platz zu bekommen, und weiterhin im Mittelpunkt bleiben (wollen).

In dieser SVE erhielt nun jedes Kind einen Apfel oder eine Birne usw. in die Hand. Es konnte jederzeit fühlen und sehen, für welche Frucht es in diesem Spiel zuständig war. Die Anweisung "Der Obstkorb fällt um" wurde nicht gespielt. Während dieses Kreisspiels wurde sichergestellt, dass die Kinder den Begriffen Dinge zuordnen können und diese Wörter abrufbar sind. "Ich bin ein Apfel" ist eine verkürzte Aussage für "Ich reagiere beim Begriff Apfel auf die entsprechende Anweisung" - es ist nicht der Sinn des Spieles, dass sich das Kind wie ein Apfel fühlt!

Eine besonders gelungene Abwandlung konnte ich in einer Einrichtung mit Stühlen in vier verschiedenen Farben (rot, blau, gelb und grün) spielen. "Alle Kinder, die auf roten Stühlen sitzen, wechseln die Plätze!" oder "Die Kinder auf roten und grünen Stühlen wechseln die Plätze!", aber auch "Die Kinder auf roten Stühlen wechseln mit den Kindern auf grünen Stühlen die Plätze!". Während zuerst einfach die Plätze getauscht wurden, müssen die Kinder nun versuchen, einen andersfarbigen Stuhl zu erlangen. Sie sitzen in der nächsten Spielrunde auf einem andersfarbigen Stuhl als zu Beginn. Natürlich kann auch hier zuletzt der Farbtopf umfallen.

Eine weitere Variante mit Farben könnte sein, dass Mischfarben genannt werden, und die beiden Grundfarben müssen den Platz wechseln (dabei werden nur Stühle in den drei Grundfarben verwendet). Bei Orange tauschen Gelb und Rot die Plätze...

Im Bewegungsraum kann dieses Spiel mit farbigen Teppichfliesen gespielt werden. Noch spannender ist es, wenn die Teppiche verschiedene Formen haben wie Dreieck, Quadrat, Rechteck und Kreis. Dadurch müssen die Kinder ihre Aufmerksamkeit auf Farbe oder Form richten. Anders als beim Eingangsspiel mit Obst in der Hand als fester Zuordnung wechselt das persönliche Einsatzkommando je nach gewähltem oder erreichtem Sitzplatz.

Die Bedeutung solcher Spiele für die Sprachförderung geht auf Maria Montessori zurück. Im Rahmen ihrer Drei-Stufen-Lektion verweist sie auf die Bedeutung der verschiedenen Phasen:

  1. Benennen durch Erwachsene und Begreifen durch das Kind (z.B. das ist eine 3 oder ein A bei Sandpapierziffern oder -buchstaben, das Kind fährt mit dem Finger nach)
  2. Vertiefen anhand der passiven Verwendung des Begriffs ("Gib mir die 3" - "Lege das A auf die Fensterbank" usw.)
  3. Aktives Benennen bzw. Antworten: "Was ist das?" - "Wie heißt die Zahl?"

Meines Erachtens erwarten wir von den Kindern zu schnell zu viel und das zu spät. Nach kurzem Vorsagen sollten die älteren Kinder bereits die Begriffe ohne Übungsphase aus dem Gedächtnis abrufen können. Viel besser ist es, in Dialogen, Bilderbuchbetrachtungen, Spielen und vor allem in Verbindung mit taktiler Wahrnehmung zunächst den passiven Wortschatz der jüngeren Kinder zu erweitern. Dann folgt eine intensive Anwendungsphase - für die außerordentlich viel Zeit und Bewusstsein verwendet wird. Zuletzt erfolgen das Benennen und das Abrufen von Wörtern aus dem Gedächtnis.

Autorin

Barbara Perras, Erzieherin und Motopädagogin, seit 1. Oktober 2008 Sprachberaterin beim Bay. Landesverband Evangelischer Tageseinrichtungen und Tagespflege e.V., Kontakt: barbara.perras@elvkita.de oder birkhof-mit7sinnen@t-online.de