In: TPS - Theorie und Praxis der Sozialpädagogik. Leben, Lernen und Arbeiten in der Kita. Ausgabe 6/2008, S. 20-22. Dieser Artikel darf nicht auf den eigenen Computer heruntergeladen werden!

Aufgaben von Trägern und Fachberatung. Erste Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen

Ulrich Braun

 

Die rasante Entwicklung der "Familienzentren NRW" - etwa tausend in kaum mehr als zwei Jahren - hat Träger und Fachberatung überrascht und fast überrollt. In kürzester Zeit sollten Anträge gestellt und Konzepte entwickelt werden. Und dann stand auch schon die Zertifizierung für die künftigen Familienzentren in der Pilotphase an. Inzwischen liegen Zertifizierungskriterien vor und damit Orientierungsrahmen für Trägerentscheidungen und Beratungserfordernisse.

Bereits jetzt hat es so viele Entwicklungen in der Zusammenarbeit von Institutionen, der Neugestaltung von Angeboten und der Professionalisierung der Angebotsdarstellung gegeben, dass sich eine alte Wahrheit bestätigt: Wenn Finanzmittel für ein Konzept dauerhaft zur Verfügung gestellt, die Mittelvergabe mit eindeutigen Kriterien hinterlegt und diese verbindlich von außen überprüft werden, dann gelingt es, eingefahrene Strukturen zu verändern! Dieser Impuls zur Umgestaltung von Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren ist ohne Frage von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen ausgegangen. Träger und Fachberatungen sind noch dabei, ihre Rolle in diesem Veränderungs- und Umbauprozess der Institution "Kindergarten" zu finden.

Träger sind in der Verantwortung

Viele Träger haben vielerorts sehr engagiert und interessiert reagiert. Sie haben ihre Einrichtungen aufgefordert, sich als künftiges Familienzentrum zu bewerben oder haben sich von der eigenen Einrichtung ins Boot setzen lassen. Inzwischen verstärkt sich der Eindruck, dass Familienzentren zu einer Belebung der Trägerrolle beitragen. Der originäre Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsauftrag wurde lange Jahre als selbstverständlicher Auftrag wahrgenommen. Die Familienzentren bedeuten nun eine Neuverortung innerhalb der Jugendhilfe. Tagespflegevermittlung, Beratungsstellen, Familienbildung - die ganze Trägerlandschaft der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege interessiert sich neuerdings für Kindertageseinrichtungen. Die Zusammenarbeit muss verbindlich verabredet und dokumentiert werden. Das geht nur mit dem Träger zusammen. Und so unterzeichnen die Träger nun Kontrakte zur Zusammenarbeit ihres Familienzentrums mit der Familienberatung, verabreden Kurse in ihren Räumen mit der Familienbildungsstätte und bieten die Möglichkeit eines Treffs für Tagesmütter. Konzeptentwicklungen für "Frühwarnsysteme", Neugeborenenbesuche oder Kinderwagentreffen finden in Familienzentren statt. Präventionskonzepte beziehen die Träger von Kindertageseinrichtungen verbindlich mit ein. Familienzentren haben einen anderen Stellenwert - und damit verändert sich auch der Stellenwert des Trägers im Gemeinwesen.

In dieser Aufbruchsituation muss sich der Träger natürlich auch im Hinblick auf seine bisherigen Aufgabenstellungen fragen:

  • Bleiben für die Kernaufgaben einer Kindertageseinrichtung - Bildung, Betreuung und Erziehung - die Ressourcen erhalten?
  • Gibt es klare Prioritäten in der Leistungserbringung?
  • Gibt es ein Leitbild, in dem der Träger sich zum Familienzentrum bekennt?
  • Stellt er genug Ressourcen bereit, um sich selbst in die Weiterentwicklung einzubringen?

Stellt sich der Träger den vielfältigen Aufgaben eines Familienzentrums, kann der Kriterienkatalog für Trägerqualität, entstanden in der Nationalen Qualitätsinitiative, eine hilfreiche "Checkliste" sein.

  • Wohin soll sich die Kindertageseinrichtung als Familienzentrum entwickeln?
  • Wie sieht die Konzeption eines Familienzentrums aus?
  • Was ist ein gutes Qualitätsmanagement in einem Familienzentrum?
  • Welches Personal braucht ein Familienzentrum? Welche Qualifikationen sind erforderlich?
  • Ist die Finanzierung für ein Familienzentrum angemessen?
  • Sind die Eltern in die Weiterentwicklung einbezogen?
  • Nimmt das Familienzentrum die Bedürfnisse von Familien auf und orientiert die Angebote an ihnen?
  • Ist das Familienzentrum im Stadtteil oder im Dorf vernetzt?
  • Finden sich hilfreiche Kooperationspartner?
  • Reichen die Räume aus oder muss an- und umgebaut werden?
  • Ist das Familienzentrum in der Öffentlichkeit - vor allem bei den Familien im Stadtteil oder im Dorf - bekannt?

Die Träger sind auf dem Weg, sich diesen vielfältigen Fragen zu stellen. Sie haben dabei starke Partner: ihre neuen Kooperationspartner im Familienzentrum. Oft sind es künftig gemeinsame Antworten, die die Träger unter dem großen, neuen Dach der Familienzentren gemeinsam finden werden. Unterstützung werden ihnen dabei Fachberatungen geben können, möglicherweise aber Fachberatungen mit einem neuen Profil.

Die Fachberatung steht vor ganz neuen Herausforderungen

In Nordrhein-Westfalen wurde eine Baustelle nach der anderen aufgemacht. Ein neues Kindergartengesetz ("KiBiz") stellte die Finanzierung um, Träger verabschiedeten sich von Kindertageseinrichtungen, Vierjährige wurden landesweit vollständig auf ihre Sprachkompetenz getestet ("Delfin 4") und dann eben auch noch die Familienzentren ins Leben gerufen. Diese waren für viele Fachberatungen erst einmal nicht der wichtigste aktuelle Arbeitsbereich, sondern ihre Sorge galt eher dem Erhalt ihrer Kindertageseinrichtungen, der Schaffung neuer Trägerstrukturen und nicht zuletzt ihrer eigene Rolle in diesen neuen Strukturen.

Eine weitere Schwierigkeiten war, dass viele Fachberatungen nicht nur in einer Kommune verortet sind. Sie sind für viele Kommunen Ansprechpartner, denn Diözesen, Kirchenkreise oder Landesverbände orientieren sich nicht an kommunalen Grenzen. Familienzentren sind aber eine kommunal orientierte Entwicklung als Teil der Jugendhilfeplanung. Und in jeder Kommune sind die Jugendhilfestrukturen anders.

Vor diesem Hintergrund entwickeln sich neue Träger übergreifende Fachberatungsstrukturen vor Ort. Das Modell "MoKi - Monheim für Kinder", mit Preisen überhäuft und in einem OECD-Bericht lobend erwähnt, wurde als "Best Practice-Einrichtung" für die Entwicklung von Familienzentren in NRW hervorgehoben. Dort ist eine "Koordinatorin" Träger übergreifend tätig. In Recklinghausen und Castrop-Rauxel haben sich alle Träger zusammengetan, um ein gemeinsames Konzept für die Weiterentwicklung aller Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren zu entwickeln. Fachlich wird dieser gemeinsame Prozess unterstützt von einem "Netzwerkbüro" mit einer "Netzwerkkoordinatorin". Damit soll sichergestellt werden, dass der Veränderungsprozess und der enorme Begleitungsbedarf fachkompetent und fachspezifisch unterstützt werden.

Netzwerkbildung und Koordination

Als das Land an die Träger herantrat, sich für die Pilotphase der Familienzentren zu bewerben, war in Recklinghausen sehr schnell klar, dass es zu einem gemeinsamen Prozess aller Träger kommen sollte. Es sollten keine Kindertageseinrichtungen erster und zweiter Klasse entstehen, nämlich "Familienzentren" und "andere Kindertageseinrichtungen". In den Qualitätskriterien für das Gütesiegel sind Sozialraumbezug und Kooperation Strukturbereiche eines Familienzentrums, die nachgewiesen werden müssen. Deshalb sollten keine konkurrierenden Situationen entstehen, wo konzeptionell Kooperation erforderlich ist. Kindertageseinrichtungen und Kooperationspartner der Familienzentren sollten Unterstützung erfahren. Beide haben nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung, die bestmöglich eingesetzt werden sollten.

Der Ausschuss Kinder, Jugend und Familie stimmte gemeinsam mit den Trägern einem "Netzwerkbüro für Familienzentren in Recklinghausen" unter Einbezug aller Kindertageseinrichtungen in Recklinghausen zu. Die Konzeption berücksichtigt zum einen die Trägerautonomie, die Selbstständigkeit der Kindertageseinrichtungen sowie den notwendigen Erhalt der pluralen Trägerlandschaft. Gleichzeitig ermöglicht sie durch gemeinsame Strukturen Synergieeffekte, die sowohl den Trägern als auch den Kindern und Eltern erheblich nutzen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde die Finanzausstattung für Familienzentren zusammengeführt, und gemeinsam wird nun die Weiterentwicklung aller Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren mit den Trägern und Mitarbeiterinnen ausgestaltet.

Eine Koordinatorin wurde eingestellt, um diesen Prozess strategisch sozialraumorientiert und trägerübergreifend zu organisieren und zu begleiten. Die Träger zukünftiger Familienzentren sind mit im Boot; und nicht nur das, sie führen kontinuierlich einen fachlichen Diskurs, sind gut über den Weiterentwicklungsprozess informiert, erhalten Anregungen und Impulse zur Qualitätsentwicklung und Profilbildung bei Familien unterstützenden Angeboten, Entlastung von der Organisation und Implementierung von Angeboten für Familien sowie Unterstützung von der Antragstellung bis zur Zertifizierung zum "Familienzentrum NRW".

Die Koordinatorin arbeitet eng mit den Trägern, Leitungen, Teams und Kooperationspartnern der künftigen Familienzentren zusammen. Die Kindertageseinrichtungen und Familienzentren in Recklinghausen sagen bereits jetzt sehr deutlich, dass ihnen eine solche Ansprechpartnerin vor Ort bisher gefehlt hat, die kurzfristig Unterstützung geben kann und die kommunalen Kooperationspartner zusammenführt. Diese messbaren und verlässlichen Serviceleistungen werden sehr dankbar aufgenommen, und schon heute wird die Koordinatorin für Familienzentren als unverzichtbar angesehen.

Solche Koordinations-Modelle machen deutlich, dass das Aufgabenspektrum und die Anforderungen von Fachberatung einem erheblichen Wandel unterliegen. Stehen dafür entsprechend Ressourcen zur Verfügung? Wie wirkt sich dieser Veränderungsprozess im Aufgabenprofil einer Fachberaterin/ eines Fachberaters für Kindertageseinrichtungen und Familienzentren aus? Wieviel Zeit bleibt für die originäre Aufgabe von Beratung und Qualifizierung der Fachkräfte vor Ort in den Einrichtungen? Welche Aufgaben fallen zusätzlich an? Was von den originären Aufgaben kann bzw. muss wegfallen?

Veränderung liegt in der Luft. Wie dieser Veränderungsprozess ausgestaltet wird, wer die "Change-Manager" sind, das wird eng mit der Weiterentwicklung der Idee der Familienzentren gekoppelt sein. Es zeichnet sich aber bereits jetzt ab, dass Umfang und Ausrichtung der Unterstützungssysteme für Familienzentren - durch Träger, Fachberatung, Kommune - den Erfolg der Weiterentwicklung prägen wird.

Anmerkungen

Maria-Anne Lamberti, Coach von Familienzentren und Leiterin des "Netzwerkbüros für Familienzentren" in Recklinghausen, danke ich für viele wertvolle Anregungen bei der Entstehung dieses Beitrages!

Die Ausgabe 6/2008 von TPS, der evangelischen Fachzeitschrift für die Arbeit mit Kindern, trägt den Titel "Bedarfsgerecht und vernetzt. Familienzentren" und enthält eine Vielzahl von Beiträgen rund um das Thema Familienzentrum. www.tps-redaktion.de

Autor

Ulrich Braun ist Diplom-Pädagoge und Abteilungsleiter für die städtischen Kindertageseinrichtungen und Familienzentren der Stadt Recklinghausen. Homepage: http://www.u-braun.de