Rezension

Norbert Neuß (Hrsg.): Grundwissen Didaktik für Krippe und Kindergarten. Berlin: Cornelsen 2013, 240 Seiten, EUR 23,50 - direkt bestellen durch Anklicken

 

In diesem Sammelband, an dem überwiegend Hochschullehrer/innen und Wissenschaftler/innen mitgewirkt haben, geht es um Elementardidaktik, d.h. um "das Wissen über die Organisation, Konzeption und praktische Umsetzung von Lernprozessen in Kitas und Krippen. ... Didaktisches Denken und Handeln findet sich überall, wo Menschen beim Lernen unterstützt, begleitet oder angeleitet werden sollen. Lernen muss sich dabei keineswegs auf Sachthemen beziehen, sondern schließt Identitäts- und Persönlichkeitsbildung ein. Didaktik ist eine Lehrkunst" (Neuß, S. 12). Nach dieser Definition geht es im einführenden Beitrag von Norbert Neuß um didaktische Spannungsfelder, Ebenen didaktischen Denkens und Handelns, didaktische Prinzipien und Praktiken.

Im nächsten Kapitel befasst sich Dagmar Kasüschke mit Klassikern und aktuellen Konzepten der Elementardidaktik, wobei sie sich auf die Fröbel-, Montessori- und Freinet-Pädagogik sowie den Situationsansatz beschränkt. Dann behandeln Lena S. Kaiser und Janina Spieß die Didaktik von Gruppenprozessen, Rüdiger Hansen und Raingard Knauer die Partizipation von Kindern als didaktische Herausforderung sowie Sabine Lingenauber und Manuela Vogel die Didaktik der Raumgestaltung (insbesondere am Beispiel einer reggianischen Kita), bevor sich Anja Krassa der Didaktik der Naturpädagogik widmet.

Dann folgen drei Beiträge zur Krippe: Eva Weyer befasst sich mit dem Lernen in den ersten Lebensjahren und guten Lernbedingungen; Katharina Lorber und Jördis Hanf beschreiben die Bedeutung der Erzieherin-Kind-Beziehung, und Detje Meyer-Witte geht auf das Gestalten von Lernerfahrungsfeldern ein, vor allem an den Beispielen "runde Sachen" und "Frühstück".

Die nächsten fünf Kapitel beziehen sich auf den Kindergarten: Bianca Bloch und Manuela Schilk diskutieren die Didaktik von Ritualen und Alltagsroutinen; Donata Elschenbroich behandelt das Erkunden von Alltagsgegenständen; Sabine Skalla skizziert, wie über die Bildungspläne verschiedene Bildungsbereiche Eingang in die Kita-Praxis fanden und welche didaktischen Zugänge es gibt (nur für die Bereiche "Naturwissen" und "Mathematik"); Johanna Moos beschäftigt sich mit kognitiv herausfordernden Gesprächen, und Petra Stamer-Brandt beschreibt die Projektarbeit.

Den Abschluss bilden zwei Beiträge zum Übergang von der Kita in die Grundschule: Peter Cloos stellt die Geschichte der Vorschularbeit, den Begriff "Schulfähigkeit" und aktuelle Konzepte wie Förderprogramme, ressourcenorientierte Angebote und Übergangsbegleitung vor, während sich Jennifer und Cornelia Henkel mit für Schulanfänger notwendigen Kompetenzen, der individuellen Förderung im letzten Kindergartenjahr (mit einem sich über viereinhalb Buchseiten erstreckenden "exemplarischen Förderplan") sowie der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit Eltern und Lehrkräften befassen. Dann folgen Kurzbiographien der Autor/innen, ein Abbildungsverzeichnis und ein Register.

Der Sammelband von Norbert Neuß füllt eine große Lücke auf dem Buchmarkt: Während es zigtausend Bücher zur Schuldidaktik bzw. zur Didaktik einzelner Schulfächer gibt, sind deutschsprachige Bücher zur Elementardidaktik nahezu nonexistent. Bedenkt man, dass es sich bei diesem Sammelband somit um eine "Pionierleistung" handelt, wundert es nicht, dass manche Aussagen noch recht allgemein wirken. Allerdings überrascht, dass die Autor/innen mit ganz wenigen Ausnahmen überhaupt nicht auf Fachliteratur aus der angloamerikanischen Region oder aus europäischen Nachbarländern (z.B. Frankreich, Schweden, Dänemark) zurückgegriffen haben, obwohl dort die akademische Lehre und Forschung im Bereich der Elementarpädagogik bereits eine lange Tradition haben.

Das gut lesbare Buch ist mit einigen Schwarz-Weiß-Fotos, Tabellen und herausgestellten "Merksätzen" ausgestattet. Zudem gibt es in jedem Kapitel Übungen. Der Sammelband richtet sich vor allem an Student/innen der Pädagogik der frühen Kindheit an (Fach-) Hochschulen.

Martin R. Textor