Von der Erzieherin zur Heilpädagogin: Ausbildung und Arbeitsfelder am Beispiel Bayerns

Barbara Ullrich


Die Erzieher/innen-Ausbildung findet heute auf hohem Niveau statt. Allerdings steigen die Anforderungen in den einzelnen Arbeitsfeldern ständig und lassen so bei vielen Erzieher/innen den Wunsch nach besserer Qualifikation wach werden. Manche Erzieherin hat schon etliche Fortbildungen zu den verschiedensten Themenbereichen hinter sich, ehe sie sich zur beruflichen Weiterbildungsmaßnahme zur staatlich anerkannten Heilpädagogin entschließt und sich damit die Möglichkeit eröffnet, eine angehobene Berufslaufbahn einzuschlagen.

Zugangsvoraussetzungen und Motivationslage von Bewerber/innen

Die Heilpädagog/innenausbildung baut auf der Erzieher/innenausbildung und einer mindestens zweijährigen (bayerische Regelung) beruflichen Tätigkeit im pädagogisch/ heilpädagogischen Arbeitsfeld auf.

Unter den Bewerber/innen findet sich ein geringer Teil, der die Ausbildung nach Erfüllung der Mindestvoraussetzungen anstrebt. In der Regel sind das diejenigen, die schon während ihrer Erstausbildung eine Weiterqualifikation im Blick hatten und eine Alternative zum FH-Studiengang Sozialpädagogik suchten; andere nutzen die berufliche Pause der Kindererziehungszeit zur Weiterbildung, und wieder andere sehen sich nach jahrelanger Tätigkeit in einem oder mehreren Arbeitsfeldern an einem Punkt, der Neuorientierung und Erschließung neuer Arbeitsfelder - auch im Hinblick auf das eigene Älterwerden - notwendig macht.

Somit findet sich unter den Kolleg/innen einer Ausbildungsgruppe in der Regel ein breites Spektrum von Lebens- und Berufserfahrung aus unterschiedlichen sozial- und heilpädagogischen Arbeitsfeldern. Dies ist Voraussetzung für ein lebendiges Lernklima, in dem die Kenntnisse aus der Grundausbildung zusammen mit der beruflichen Erfahrung als Basis für die heilpädagogische Ausbildung genutzt werden.

Ausbildungssituation und -organisation in Bayern

Derzeit gibt es in Bayern acht Fachakademien. An zwei Fachakademien wird die Ausbildung nur in zweijähriger Vollzeitform angeboten:

Träger Schulort
Stadt München München
Sozialdienst Katholischer Frauen e.V. Würzburg

an fünf Fachakademien nur in vierjähriger Teilzeitform:

Träger Schulort
Kath. Jugendfürsorge der Diözese Augsburg Augsburg
Diakonie Neuendettelsau Hof
Franziskuswerk Schönbrunn Markt Indersdorf
Private Fachakademie für Heilpädagogik der PFH gemeinnützige GmbH Feucht
Rummelsberger Anstalten Rummelsberg

und in Vollzeit- und Teilzeitform:

Träger Schulort
Kath. Jugendfürsorge der Diözese Regensburg Regensburg

Die zeitliche Organisation der Teilzeitausbildung ist an den einzelnen Fachakademien unterschiedlich (z.B. Blockwochen, Wochenendunterricht, ein Schultag pro Woche + gelegentliche Blockwochen), der Ausbildungsumfang von insgesamt 2.440 Stunden (Pflichtunterricht ohne Wahlfachangebote) gilt für beide Ausbildungsformen gleichermaßen.

Ausbildungsinhalte

Der Ausbildung liegt der bayerische Lehrplan zugrunde. Veränderungen in der Bildungslandschaft, aber auch in der Heilpädagogischen Theoriebildung und Praxis machten nach 17 Jahren einen neuen Lehrplan notwendig, der voraussichtlich ab dem Schuljahr 2001/02 Anwendung findet.

Grundlegend ist das Menschenbild in der Heilpädagogik, das ganzheitlich ist und gleichermaßen für behinderte wie nicht behinderte Menschen gilt. Heilpädagogik versteht sich als Lebenshilfe für Menschen unter erschwerten Lebensbedingungen. Daraus werden die Ziele für die drei Säulen der Ausbildung, die Fachtheorie, den Fachpraktischen Unterricht und die Fachpraxis abgeleitet.

Leitziel für die Fachtheorie ist der Erwerb von Wissenskompetenz, die zur "kritischen Auseinandersetzung mit Theorien des Systems Heilpädagogik und wissenschaftlichen Ansätzen aus den Nachbargebieten der Heilpädagogik" (Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung 2000) befähigen soll. Die Inhalte berücksichtigen jeweils den heilpädagogischen Handlungsbezug.

Theoriebereiche:

    Heilpädagogik im Umfang von 320 Stunden mit den Teilbereichen

    • Allgemeine Heilpädagogik
    • Berufskunde
    • Spezielle Heilpädagogik

    Psychologie im Umfang von 240 Stunden mit den Teilbereichen:

    • Diagnostik
    • Entwicklungspsychologie
    • Lernpsychologie
    • Sozialpsychologie
    • Klinische Psychologie

    Medizin im Umfang von 120 Stunden

    Soziologie und Sozialmanagement im Umfang von 80 Stunden

    Rechtskunde im Umfang von 80 Stunden

Leitziel für den fachpraktischen Unterricht: Für das Kennen- und Verstehen lernen sowie das Einüben von Heilpädagogischen Konzepten und Methoden im geschützten Rahmen des Unterrichts stehen insgesamt 800 Stunden zur Verfügung. Dieser Ausbildungsteil dient dem Aufbau heilpädagogischer Handlungskompetenz.

Leitziel für die heilpädagogische Fachpraxis: Im Rahmen der heilpädagogischen Fachpraxis erfolgt die eigene Erprobung und Bewährung bei der Betreuung, Förderung, Begleitung von Menschen mit besonderem Bedarf im Einzel- und Gruppenbezug über einen längeren Zeitraum und/oder in zeitlich verdichteten Projekten.

Durch Hospitationen und Exkursionen lernen die Studierenden weitere heilpädagogische Handlungsfelder kennen.

Die Fachpraxis wird durch Anleitung/ Beratung/ Supervision begleitet und ist daher der bevorzugte Ort für die Auseinandersetzung mit der eigenen Person. Auch hier geht es darum, heilpädagogische Handlungskompetenz zu erwerben.

Diese drei Säulen sind während der ganzen Ausbildung miteinander verzahnt: Der Lernprozess ist in Form einer Spirale vorstellbar, in der sich Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten sowohl erweitern wie auch vertiefen. Die Heilpädagogin, die bei anderen Menschen Veränderungsprozesse in Gang setzen möchte, unterliegt selbst einem Entwicklungs- und Veränderungsprozess. Sie sollte zumindest die Bereitschaft haben, diesen bei sich zuzulassen. Die eigenen Persönlichkeitskompetenzen werden somit zu einem wichtigen Potential für die spätere berufliche Tätigkeit.

Arbeitsfelder

Heilpädagog/innen finden in den drei Bereichen der Behindertenhilfe, Jugendhilfe und Gesundheitshilfe interessante Tätigkeitsfelder. Die geforderten Aufgaben lassen sich auf der Basis einer heilpädagogischen Beziehung global beschreiben als Bildung und Unterrichtung, Erziehung, Beratung, Förderung, berufliche Eingliederung, Assistenz, Pflege. Hierbei können Heilpädagog/innen in der Einzelbetreuung, im Gruppendienst, im Fachdienst oder in Leitungspositionen (mittlere Managementebene) eingesetzt werden. Die folgende tabellarische Übersicht zeigt exemplarisch mögliche Tätigkeitsfelder der obengenannten Bereiche (alphabetisch geordnet) (Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung 2000):

Jugendhilfe Behindertenhilfe Gesundheitshilfe
Erziehungsberatungsstelle

Heilpädagogische Tagesstätte

Heimerziehung

intensive Einzelbetreuung

Jugendsozialarbeit

Sozialpädagogische Familienhilfe

Ambulante Beratungs- und Betreuungsdienste

berufliche Bildungsstätten

Erwachsenenbildungsstätten

Freie Praxen

Frühförderung

Schulvorbereitende Einrichtungen

Schulische Förderzentren

Wohnstätten

Kinder- und jugendpsychiatrische Einrichtungen

Pädiatrische Kliniken

Reha-Kliniken

Die besonderen Qualitäten von Heilpädagog/innen liegen z.B. darin,

  • Menschen, die sie begleiten, unter dem Aspekt ihrer Ressourcen und nicht ihrer Defizite zu sehen;
  • in systemischen Kontexten zu denken und zu handeln;
  • aufgrund ihres breitgefächerten Wissens im interdisziplinären Team mitzuarbeiten;
  • Verantwortung in Institutionen zu übernehmen z.B. in Leitungs-, Beratungs- und Behandlungsfunktion.

Die Ausbildung vermittelt somit eine breitgefächerte Grundlage zur Weiterentwicklung spezifischer beruflicher Interessensschwerpunkte.

Literatur

Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung: Lehrpläne für die Fachakademie für Heilpädagogik, Entwurf Dezember 2000

Autorin

Barbara Ullrich
Fachbereichsleitung Heilpädagogik (seit dem 01.08.2009 im Ruhestand)
Fachakademie für Sozial- und Heilpädagogik
Mozartstr. 16
95030 Hof
Träger: Diakonie Neuendettelsau
Website: http://www.fachakademien-hof.de

siehe auch: http://www.stk-heilpaedagogik.de (Internetseite der Ständigen Konferenz von Ausbildungsstätten für Heilpädagogik in der Bundesrepublik Deutschland) und http://www.heilpaedagogik.de (Internetseite des BHP - Berufsverband der Heilpädagogen)