Rezension

Sonia Jackson, Ruth Forbes: Kleinkinder. Spielen und Lernen in den ersten drei Lebensjahren. Das Grundlagenbuch der institutionellen Kleinkindpädagogik. Berlin: Bananenblau 2016, 356 Seiten, EUR 32,80 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Mit diesem Grundlagenwerk greifen Sonia Jackson und Ruth Forbes das Themenfeld "Kleinstkinder" auf und führen theoretisch und praxisnah vertieft in das Spielen und Lernen in den ersten drei Lebensjahren ein. So entstand eine umfassende Publikation zur institutionellen Kleinkinderbetreuung, die nicht nur für Praktiker/innen bedeutsam ist, sondern auch für Dozent/innen und Studierende in sozialpädagogischen Ausbildungsgängen, für Mitarbeiter/innen in Jugendämtern ebenso wie für Sozialpolitiker/innen.

Eine erste Fassung des Buches wurde von Elinor Goldschmied erstellt, der Begründerin des heuristischen Spiels. Nach der Übersetzung ins Deutsche wurden die Inhalte von Sonia Jackson und Ruth Forbes überarbeitet und ergänzt.

In einer Zeit, in der nahezu wöchentlich neue unnütze Förderprogramme entwickelt werden, die Erzieher/innen und Eltern verunsichern, ist es umso erstaunlicher, dass eine Pionierin der Kleinkindpädagogik des 20. Jahrhunderts in das Licht der Öffentlichkeit gerückt wird, sodass ihre Aussagen die institutionelle Kleinkinderbetreuung beflügeln können. Endlich stehen ihre Ausführungen in zeitgemäßer Aufbereitung auch in deutscher Sprache zur Verfügung und werden hoffentlich von vielen Menschen gelesen werden.

Selbst wenn viele der dargelegten Erfahrungen ihren Ursprung in England und Italien haben, sind die Darlegungen für den Auf- und Ausbau von Kitas für U3-Kinder in Deutschland von großer Bedeutung. Beim Lesen glaubt man anfangs, dass man auf Altbekanntes stößt, "stolpert" aber dann hinein ins Nachdenken über die wahren Bedürfnisse von Kleinkindern. Nicht nur Pflege, Hygiene und Ernährung sind bedeutsam; U3-Kinder benötigen vor allem ein weites Feld an Möglichkeiten für erkundendes, erforschendes und entdeckendes Spiel. Ebenso unverzichtbar sind die emotionalen Beziehungen und Bindungen, die nur bei einer individuellen und feinfühligen Zuwendung der Erwachsenen entstehen. Dies ist eine große Herausforderung für Tageseinrichtungen mit U3-Kindern, die einen optimalen Erzieher-Kind-Schlüssel bedingt.

Kein wichtiges Thema fehlt in diesem Buch - weder die Bedeutung des Bezugserziehersystems noch die Planung und Bereitstellung von Orten zum Leben, Spielen, Lernen und Wachsen noch die Rolle der Erzieher/innen und die Anforderungen, denen sie genügen müssen, noch die Einbindung von Eltern. Auch Schwierigkeiten und Konflikte werden nicht ausgeklammert.

Der wunderbare Begriff "Schatzkorb" bedeutet nicht Kisten oder Körbe mit Materialien, sondern vielmehr die Dinge im Lebensumfeld des Kindes. Der britische Schriftsteller Bruce Chatwin schreibt hierzu: "Wenn bei den Aborigines eine Mutter die ersten Regungen der Sprache bei ihrem Kind bemerkt, lässt sie es sich mit den 'Dingen' des jeweiligen Landes beschäftigen: Blätter, Früchte, Insekten und so weiter. Das Kind wird während des Stillens mit diesen 'Dingen' spielen, zu ihnen sprechen, seine Zähne ausprobieren, den Namen lernen, den Namen wiederholen". Was macht im Gegensatz dazu unsere moderne Pädagogik? Sie "füttert" Kinder nach Art des Nürnberger Trichters mit Dingen, die sie nur bedingt interessieren und wenig Lust zum Lernen auslösen!

Im vorliegenden Buch werden keine Rezepte beschrieben. Auf Grundlage einer impliziten Anthropologie der Kindheit wird vielmehr ein Einlassen auf das jeweilige Kind gefordert. Es soll die Chance haben, in seinem Spiel und Tun zu versinken, darin aufzugehen. Die zu erkundenden Räume werden nicht auf ein kindgemäß ausgestattetes Gebäude beschränkt. Überall gibt es entsprechende Räume: drinnen und draußen, unter dem Dach und im Keller, in der Natur, am Wasser und im Wald. Überall lernt das Kleinkind von sich aus, wenn es die Freiheit dazu bekommt.

Eingangs habe ich geschrieben, dass vieles uns altbekannt vorkommen mag - und dennoch erscheint es uns beim Lesen in einem neuen Licht. Wer dieses Buch gründlich gelesen hat, der wird seine pädagogische Arbeit und sein Verhalten gegenüber den Kindern verändern, sich durch Wahrnehmung und Reflexion neu ausrichten. Lassen Sie sich leiten von der Aussage Joel Parkers: "Ein Vision ohne Handlung ist Tagträumerei, aber eine Handlung ohne eine Vision ist nur eine zufällige Aktivität". Und vergessen Sie nie, selbst das kleinste Kind hat Visionen und eigene Vorstellungen!

Ingeborg Becker-Textor