Rezension

Alain-Fournier: Der große Meaulnes. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2014, 304 Seiten, EUR 17,90 - direkt bestellen durch Anklicken

 

In diesem Klassiker der (Jugend-) Literatur geht es um das Verschmähen der großen Liebe - aus Angst-, Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen heraus. Zugleich vermittelt das Buch einen Eindruck von der Jugend und dem frühen Erwachsenenalter im ländlichen Frankreich der 1890er Jahre. So kann es auch als Entwicklungs-, Bildungs- oder Initiationsroman bezeichnet werden. Das Buch enthält autobiographische Elemente: Der Autor Alain-Fournier (eigentlich Henri-Alban Fournier), der 1886 bei Bourges geboren wurde und 1914 im Ersten Weltkrieg starb und nur diesen einen Roman verfasste, war selbst unglücklich verliebt gewesen.

Die sich über rund vier Jahre erstreckende Geschichte wird von François Seurel erzählt, einem zunächst 15 Jahre alten Lehrerkind, der sich mit anderen Jugendlichen an der Schule seines Vaters auf das Lehrerexamen vorbereitet. Zu Beginn des Schuljahres nimmt sein Vater Augustin Meaulnes (sprich "Mohn") als Pensionsgast auf, der bald zum Anführer der älteren Schüler wird und den Beinamen "der große" erhält.

Als im Sommer die Großeltern zu Besuch kommen und an der Bahnstation abgeholt werden sollen, bricht der große Meaulnes heimlich mit einem Pferdegespann auf, um sie an einer anderen Station abzuholen, wo sie eine Stunde Aufenthalt haben. Er verirrt sich, verliert Pferd und Wagen, verbringt eine Nacht in einem Schafstall, irrt weiter durch die Gegend und findet schließlich einen Schlafplatz in einem scheinbar verlassenen Gutshof.

In der Nacht wacht der große Meaulnes auf, als zwei Männer Lampions in die Fenster hängen. Er stellt fest, dass in dem benachbarten Schloss ein Fest stattfindet, verkleidet sich mit im Raum gefundenen Kleidungsstücken, schleicht zum Schloss und nimmt an dem Fest teil, dass anlässlich der bevorstehenden Hochzeit des Sohnes Frantz von der Familie de Galais für Kinder und Bauern aus der Umgebung ausgerichtet wird. Dort trifft er auf die wunderschöne Yvonne de Galais, in die er sich sofort verliebt und die auch von ihm angetan ist.

Das Fest endet mit einem Missklang, da Bräutigam und Braut nicht auftauchen. Die Gäste reisen in gedrückter Stimmung ab; der große Meaulnes wird von einem Wagen mitgenommen und bis in die Nähe des Schulortes gebracht. Er möchte Yvonne de Galais wiedersehen, weiß aber nicht, wo das Schloss liegt. Er versucht, den Weg zu rekonstruieren, und geht so in diesem Vorhaben auf, dass er nur noch wenig Anteil am Klassengeschehen nimmt und seine Anführerrolle verliert.

Der weitere Verlauf der Geschichte soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Wird der große Meaulnes sein verlorenes Paradies wieder finden? Was wird aus den Geschwistern Yvonne und Frantz? Was aus der Braut? Welche Rolle spielt François Seurel in den folgenden zwei Jahren?

Reisen und Abenteuer werden das Leben des großen Meaulnes prägen; Yvonne und François werden hingegen eher die Rolle unglücklicher Zuschauer spielen...

Martin R. Textor