Rezension

Jesse Browner: Alles geschieht heute. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2014, 249 Seiten, EUR 19,90 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Der 17-jährige Wes lebt in Greenwich Village, New York, in einem etwas heruntergekommenen Einfamilienhaus. Seine Mutter leidet seit Jahren unter multipler Sklerose, und größte Teil des Vermögens wurde bereits für ihre Behandlung ausgegeben. An Tagen, an denen sie nicht betreut wird, muss Wes sie versorgen - einschließlich Waschen und Wickeln. Sein Vater wohnt wohl noch im Haus, nimmt aber kaum am Familienleben teil. Wes hat ein distanziertes Verhältnis zu ihm und hält ihn für einen Versager. Hingegen liebt er seine kleine Schwester Nora, die er weitgehend versorgt. Er ist ein recht guter Koch geworden, der auch vor einem Gericht wie Kalbsbries mit Beilagen nicht zurückschreckt.

Wes geht in die Dalton Highschool, die weitgehend von Kindern reicher Eltern besucht wird. Besonders interessiert ihn Literaturkunde. Er beschäftigt sich in seinen Gedanken fortwährend mit literarischen Werken - schließlich möchte er später Schriftsteller werden...

In dem Buch werden 24 Stunden im Leben von Wes beschrieben - 24 Stunden höchster Anspannung, in denen sein Schicksal eine neue Wendung nimmt. In der vergangenen Nacht hat er seine große, aber unerfüllte Liebe zu Delia verraten, mit der ihn eine lange und intensive Freundschaft verbindet - er hat seine Unschuld bei der 16-jährigen Lucy verloren, die er kaum kannte. So lautet die zentrale Frage, mit der sich Wes am nächsten Tag auseinandersetzen muss: Wie soll er mit dieser Situation umgehen? Und gleichzeitig eine anspruchsvolle Hausarbeit schreiben, seine Mutter versorgen, mit seiner Schwester ins Kino gehen, für seine Familie kochen, den Hund ausführen... Und sowohl Lucy als auch Delia versuchen, mit ihm Kontakt aufzunehmen...

Jesse Browner verknüpfte in seinem anspruchsvoll geschriebenen Buch autobiographische Elemente mit Beobachtungen seiner 17-jährigen Tochter. So gelang ihm ein realitätsnahe Beschreibung des intrapsychischen und sozialen Lebens eines Jugendlichen, das mit dem Buch "Der Fänger im Roggen" von J. D. Salinger verglichen wird. Der "Coming-of-Age"-Roman eignet sich nicht nur für Leser/innen im Jugendalter, sondern dürfte auch bei vielen Erwachsene auf Interesse stoßen.

Martin R. Textor