Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit Eltern - Perspektivwechsel und Kenntnisse der gegenseitigen Erwartungen als Prämissen einer gelungenen Zusammenarbeit

Hans-Joachim Rohnke

 

Gedanken zur Elternarbeit

  • Die Eltern als Kunden einer Kindertagesstätte sind keine homogen eingrenzbare Gruppe. In Bezug auf ihre Wünsche, Interessen und Erwartungen gibt es erkennbare Unterschiede
  • Je nach kulturellen Kontexten und persönlichen Bildungsbiografien sind sie von individuellen Bildungs- und Erziehungserfahrungen geprägt. Oft werden in der persönlichen Rückschau allerdings die formellen gegenüber den informellen Lernsituationen begünstigt und höher bewertet.
  • Genauso wie ihre subjektiv erlebte Vergangenheit einen wichtigen Teil zu ihrer Verhaltens- und Werteorientierung beiträgt, existieren in Bezug auf zukünftige Situationen Vorstellungen, Phantasien und Ideen über eine erfolgreiche Bewältigung derselben bei den Eltern.
  • Ähnliches gilt für die Erzieher/innen. Auch sie agieren nicht in Feldern der Beliebigkeit. Insbesondere in den letzten fünf Jahren sind z.B. eine Fülle neuer Erkenntnisse, Befunde und Forschungsergebnisse veröffentlicht worden, die bei weitem nicht alle die Elternöffentlichkeit erreicht haben.
  • Für das Fachpersonal haben viele davon "verpflichtenden" Charakter. Sie sollen die Konsequenzen dieser Befunde möglichst zeitnah in ihrer Arbeit umsetzen. Ein wichtiger Grundsatz ist z.B. der vielen Eltern schwer zu vermittelnde und häufig gering geschätzte Selbstbildungsansatz, der auch pädagogisch konzeptionell zu verankern ist.
  • Hierzu fordert z.B. das SGB VIII, § 5 und 22a, auf. Das Wunsch- und Wahlrecht der Eltern bedeuten (zumindest idealtypisch), dass sich Eltern zwischen verschiedenen Angeboten in einer bunten Trägerlandschaft positionieren können.
  • Konkret geschieht dies z.B. über die gewissenhafte Lektüre einer pädagogischen Konzeption. Die genaue Beschreibung der Arbeitsziele und -methoden ist darin ein wichtiger Schritt, um den Eltern wichtige Entscheidungs- und Verstehenshilfen für die Wahl der richtigen, d.h. für sie und ihre Kinder passenden Einrichtung zu geben.
  • Dort wo dies nur eingeschränkt oder gar nicht der Fall ist (Einrichtungen, die z.B. regionale "Monopolstellungen" haben), können geeignete Befragungsinstrumente (z.B. Zufriedenheitsbefragungen/ Imageanalysen/ Beschwerdemanagement) eine unterstützende Funktion übernehmen (selbstverständlich mit Einverständnis des Trägers!).
    Natürlich sollten auch die Kinder befragt werden.
  • Die hierbei gewonnenen Ergebnisse zeigen ein Spektrum auf, das entweder handhabbar ist, möglicherweise aber auch deutlich über die einrichtungsspezifischen Ressourcenlagen hinausgeht.
  • In einem so genannten Daten-Feedback werden die Ergebnisse den Eltern bekannt gemacht. Es ist u.a. Aufgabe der Einrichtungsleitung, die vorhandene, in der Regel begrenzte Ressourcenlage der Einrichtung nun mit den Wünschen der Eltern in eine vertretbare und realisierbare Balance zu bringen - d.h. auszuhandeln, was möglich, was zeitversetzt und was nicht umgesetzt werden kann.
  • Auf einer Zeitleiste können die möglichen Realisierungsschritte abgebildet und nach Dringlichkeit und Wichtigkeit abgearbeitet werden.

Zunächst aber einige Überlegungen zu wichtigen Begriffen.

"Die Eltern"

Diese Formulierung legt die Vorstellung nahe, dass es sich bei den Eltern um eine homogene Gruppe handelt, die z.B. über ähnliche Erwartungen, Wünsche, Interessen und vor allem gleichartige Bildungs- und Erziehungsvorstellungen sowie Informationsbedarfe verfügt. In diesem Bild sind Eltern in der Lage, ihre Vorstellungen zu artikulieren und ihre Argumente in einen Diskurs über die pädagogischen Grundsätze und das pädagogische Konzept der Einrichtung aktiv einzubringen. In dieser idealistisch-optimistischen Perspektive entsteht in der Folge ein lebendiger Diskurs, der es ermöglicht, die pädagogische Praxis der Beteiligten zu vergegenwärtigen und einer kritisch-konstruktiven Betrachtung zu unterziehen. Wenn erforderlich können Handlungsalternativen oder geeignete Konsequenzen in Betracht gezogen werden.

Als Insider weiß man hingegen, dass diese Vorstellung trügerisch sein kann. Sie reduziert einen komplexen Sachverhalt, wie z.B. den Elternwillen, gewissermaßen eindimensional und bindet sich stark an ein Kommunikationsverständnis an, das z.B. eher bei bildungsbeflissenen, verbalisierungs- und auskunftsfähigen Bevölkerungsschichten anzutreffen ist. Ein Risiko hierbei könnte sein, dass diese Gruppe sich (verständlicherweise) auf diese Weise einen höheren Einfluss auf die pädagogischen Prozesse sichern und die Erziehungs- und Bildungsziele stärker in ihrem Sinne beeinflussen kann. Zu beachten wäre demgegenüber aber, dass z.B. auch die weniger Wortgewandten, Schüchternen und Zurückgezogenen in die Auseinandersetzungen mit ein bezogen und ermuntert würden, ihre Gedanken im Sinne von Teilhabe und Mitgestaltung einzubringen (Chancengleichheit).

Denn Tatsache ist: Die Gruppe der Eltern besteht häufig aus einem höchst heterogenen Gebilde durchaus divergierender Interessen. Sie lässt sich heutzutage vor dem Hintergrund höchst unterschiedlicher Lebenslagen und -entwürfe einordnen und verstehen. Hinweise dafür finden sich z.B. in den Szenarien, die sich in den bekannten Schlagworten Eineltern- und Patchworkfamilien, Familien mit Migrationshintergrund, Familien in prekären Lebenslagen u.ä. wieder finden. Die samstags um 22.00 Uhr in einer großen Einzelhandelskette arbeitende, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern im "Kitaalter" hat zweifelsfrei andere Betreuungs- und Bildungsfragen im Kopf als die gut situierte, halbtags beschäftigte Bankangestellte in einer international tätigen Großbank.

Schon hier wird deutlich, dass es die Form der Zusammenarbeit mit den Eltern in einer erfolgversprechenden Einheitsvariante nicht geben kann, sondern dass es spezialisierter, d.h. individualisierter Instrumente und Zugänge bedarf, um Vertrauen und Verständnis für eine erfolgreiche Kooperation entwickeln und nutzen zu können.

Nach meiner Erfahrung und Einschätzung sind dies vor allem jene Verfahren und Methoden, die das einzelne Kind, sein familiäres Umfeld, seine vielfältigen Bildungs- und Sozialisationserfahrungen in den Blick nehmen und dabei eine verstehende Sicht einnehmen. Insbesondere sind z.B. mit den regelmäßig durchzuführenden Entwicklungsgesprächen sowie den Lern- und Bildungsdokumentationen Instrumente gereift, die individualisierende Zugänge gut unterstützen und ermöglichen. Nach ersten ermutigenden Erfahrungen sollte auch regelmäßig geprüft werden, wie Kinder an diesen Verfahren in geeigneter, d.h. kindgerechter Weise, beteiligt werden können.

"Erziehungspartnerschaft"

Dieser Begriff beinhaltet Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung zwischen Menschen - auf gleicher Augenhöhe - und hat zum Ziel, dass sich Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen mit Achtung, Respekt und Wertschätzung begegnen. In unserem Fall sollen sie dabei vor allem das Wohl des ihnen anvertrauten Kindes im Auge haben und in einer gemeinsamen Suche die besten Entwicklungsbedingungen in Bezug auf Bildungs-, Entwicklungs- und Erziehungsthemen erarbeiten. Idealerweise entsteht eine Atmosphäre von gegenseitigem Interesse, Aufmerksamkeit und Verständnis sowie wachsende Bereitschaft für eine gemeinsame Verantwortungsübernahme.

Nach neueren Befunden der Kindheits- und Familienforschung sowie Aussagen in den diversen Bildungsplänen und -empfehlungen der Länder sind dabei vor allem in Bezug auf das Verständnis der Kinder und deren familiären Kontexte ressourcenorientierte Betrachtungs- und Verstehensweisen durch die Fachkräfte zu bevorzugen und in Anwendung zu bringen. Es gilt in erster Linie, die Stärken der Kinder und ihrer Familiensysteme bei der Durchführung der Bildungs- und Erziehungsbemühungen zu fokussieren, an ihren tatsächlichen Fragen und Themen anzuknüpfen und sie als Basis für wachstums- und entwicklungsfördernde Bildungsprozesse und für die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen und Angebote ernst zu nehmen und zu nutzen.

Aus vielen Praxisberichten ist indes bekannt, dass z.B. gerade hier Konfliktpotentiale angesiedelt sein können. Sind schon manchen Fachkräften diese modernen Bildungsverständnisse nicht immer ohne weiteres zugänglich, so zeigen nicht wenige Eltern vor dem Hintergrund der Einordnung ihrer eigenen Bildungserfahrungen Zweifel und Skepsis an diesen aktuellen Prinzipien. Immer noch auffindbar sind Bildungsverständnisse, die sich Bildungssituationen vorzugsweise in Instruktions-, Belehrungs- und Steuerungsvarianten denken. Die von Neurobiologen, Lern- und Kindheitsforschern für nachhaltiges Lern- und Bildungsgeschehen betonte Selbstbildungsaktivität des Kindes wird z.B. in ihrer Bedeutung eher kritisch gesehen und längst noch nicht von allen wertgeschätzt. Die von Kindern gezeigte Eigeninitiative und ihr exploratives Neugierverhalten werden als zu wenig intentional und zielgerichtet erlebt, gewissermaßen als "vergeudete Zeit" wahrgenommen. Bildung wird unter anderem nicht als ein die ganze Persönlichkeit umfassender Wachstums- und Reifungsprozess (im Sinne einer guten Balance zwischen körperlichem, geistigem und seelischem Befinden) gesehen. Die engagierte und aktive Auseinandersetzung des heranwachsenden Individuums mit seinen kulturellen (formellen und informellen) Kontexten zum Zwecke des Aufbaus vielfältigster Kompetenzen und Ressourcen wird nicht durchweg als bildungsrelevant von allen Eltern akzeptiert.

Günstigere Bewertungen oder Zustimmung erhalten demgegenüber vielfach immer noch Situationen, die tendenziell das altbekannte Gefüge zwischen Bildungspersonal und Schüler/innen abbilden - hier der Wissende und sich überlegen zeigende Pädagoge, dort das unfertige, erziehungs- und bildungsbedürftige Kind. Die Rolle des Pädagogen ist dabei als mächtig gedacht. Sie ist so definiert, dass er den Lerninhalt, Zeitpunkt, Ort und die Dauer der Lern- und Bildungssituation bestimmt. Das Lern- und Bildungsgeschehen ist strukturiert, übersichtlich und vor allem: Die Lernziele stehen fest, sind beschreibbar, möglichst sicht- und überprüfbar und entsprechen am besten den vorher festgelegten oder erwünschten Ergebnissen.

Hier tradieren sich Einstellungen, Haltungen und Erwartungen, die mit zeitgemäßen Rollenverständnissen für Pädagog/innen (die z.B. als Lern- und Dialogpartner, Bildungsbegleiter, Lerncoaches u.ä. gedacht ist) nicht mehr ohne weiteres übereinstimmen. Es entsteht ein Spannungsfeld, das nicht immer im Sinne erhöhter Fachlichkeit aufzulösen ist.

Diese Themen sind nur einige, die einen Ausschnitt aus der Fülle der Punkte anzeigen, mit denen Erzieher/innen heute konfrontiert sein können. Sie müssen in ihrer Arbeit darauf gefasst sein, Aufklärungs- und Informationsarbeit vorzufinden, die naturgemäß den zunächst gewünschten partnerschaftlichen Umgang auf gleicher Augenhöhe erschweren können. Das sich asymmetrisch darstellende Beziehungsgefüge zweier zur Partnerschaft aufgeforderter Parteien setzt nämlich voraus, dass zumindest annähernd ähnliche Sachkenntnisse und Informationsstände als Basis für anschließende Aushandlungsprozesse vorhanden sind.

Viele andere Professionen verzichten übrigens von vorn herein auf diesen Anspruch. Man denke an Ärzte, die mit Patienten über Krankheitsbefunde streiten würden, Rechtsanwälte, die Prozessstrategien zur Dispositionen stellen würden, usw. Ihre Dienstleistung besteht eben genau darin, über Expertenwissen zu verfügen, dass ihnen ihre Kunden auch zuschreiben und das in der Regel auch nicht in Frage gestellt wird. Leider genießen Erzieher/innen nicht vergleichbare Reputationen und Deutungsprivilegien und schon gar nicht die Macht, ihr professionelles Know-how durchzusetzen. Vermutlich bleibt es daher im wohlverstandenen Eigeninteresse der Fachkräfte, dafür zu sorgen, dass die benötigten Sachinformationen in geeigneter Weise an die Eltern gelangen und im Anschluss ein Prozess der fairen Aushandlung über die Frage der Verteilung der knappen Ressourcen und der möglichen Gestaltung der Alltagsprozesse in Gang kommt.

Methodische Varianten

Pädagogisches Konzept oder Qualitätshandbuch

Eine wichtige Möglichkeit der Information ist und bleibt das pädagogische Konzept oder - jetzt vielerorts aktueller - das Qualitätshandbuch. Diese Dokumente enthalten eindeutige Aussagen zu den pädagogischen Grundsätzen und Zielsetzungen sowie Hinweise über deren Operationalisierung. Hier ist der Ort, wo das auf den Begriff gebracht wird, was das konkrete Alltagsgeschehen kennzeichnet und prägt. Auf dieser Grundlage können Eltern ihr gesetzlich vorgesehenes Wunsch- und Wahlrecht (§ 5 SGB VIII) wahrnehmen. Bei der Lektüre ergeben sich Fragen und Hinweise auf Informationslücken, die dann gegebenenfalls beantwortet und bearbeitet werden können.

Befragungen

Ein anderer Weg, in die Diskussion über Interessen und Erwartungen zu kommen, sind Befragungsinstrumente. Die in einem offenen Brainstorming ("Welche Erwartungen, Wünsche, Anregungen habe ich in Bezug auf die Themen Bildung und Lernen in der Kindertagesstätte?") z.B. auf einem Elternabend erfragten Erwartungen können im Anschluss in einer ersten Bewertung gewichtet werden und dann in einem zweiten Durchgang z.B. mit dem beigefügten Raster bewertet werden.

Elternwünsche

Kita:

Erhebung vom:

Beteiligung in %:

Wünsche/ Erwartungen: Ranking* Notwendig? (%)

Dringend? (%)

Wünschens-
wert? (%)
Bis wann?
a.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

b.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

c.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

* z.B. Anzahl der Gesamtelternstimmen durch 100 x Anzahl der jeweils abgegebenen Voten. Hieraus ergibt sich ein Ranking, das wichtige Entscheidungshilfe oder Anknüpfungspunkte bieten kann.

In einem dritten Schritt schließlich können die Vor- und Nachteile der Berücksichtigung des jeweiligen Punktes (nicht mit allen Punkten, aber mit den wichtigsten) gesammelt und gewichtet werden.

Entscheid:

"Elterngespräche sollten auch außerhalb er regulären Öffnungszeiten möglich sein!"
Pro
Contra

würde berufstätigen Eltern entgegenkommen

Eltern müssten keinen Urlaub nehmen

in der Einrichtung ist mehr Ruhe

es kommt zu weniger Störungen

wäre ein Wettbewerbsvorteil

4


2

1

3

4

Erzieher müssen über die Öffnungszeiten hinaus in der Einrichtung bleiben

Eltern werden an unnötige Ausnahmen gewöhnt

ist nach einem harten Arbeitstag zu anstrengend

2


3


5

  14   10

Danach kann ein Aktivitätenplan erstellt werden, der in den jeweiligen Rubriken die Aufgaben und die Verantwortlichen festlegt und in eine chronologische Reihenfolge bringt.

Was? Wer? Wann?

In geeigneten Abständen erfolgt eine kritische Auswertung der Aktivitäten und werden erforderliche Korrekturen vorgenommen.

Kontakt

Hans-Joachim Rohnke
Dipl.-Päd. & Dipl.-Sup., DGSv
Beratung * Training * Supervision
Frankfurter Str. 3
36355 Grebenhain
Mobil: 0172/6561204
Email: hjrohnke@t-online.de