Der Raum als dritter Erzieher - Innenräume, Außenräume und dazwischen

Susanne Schreckenberger und Erika Brodbeck

 

Kinder haben 100 Sprachen, in denen sie denken und entdecken. 99 werden ihnen von den Erwachsenen genommen, heißt es in der Reggio-Pädagogik. Nach deren Auffassung ist das Kind stark, reich, mächtig und kompetent. Die Aufgabe der Erziehung muss es sein, diesen Reichtum und diese Stärke zu bewahren und zu fördern. Dem Raum kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Neue Raumkonzepte im alltäglichen Spielumfeld der Kindertageseinrichtungen und anderer Einrichtungen für Kinder schaffen Möglichkeiten zur Selbst-Bildung des Kindes durch Erfahren, Erleben und Begreifen.

Innenräume

Die Gestaltung der räumlichen Umgebung wirkt sich wesentlich auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes aus. Diese Tatsache wird bei der Raumgestaltung von Kindertagesstätten immer mehr berücksichtigt. Kinder benötigen sowohl Räume für Bewegung wie auch für Ruhe und Entspannung. Räumliche Bedingungen wie Licht, Farben und Akustik nehmen wesentlichen Einfluss auf Aktivität und Entspannung.

Der Lärmpegel in einer herkömmlichen Kindertagesstätte beträgt etwa 80 Dezibel - eine Lärmbelästigung, bei der sich die Kinder gegenseitig beim Spiel stören und die kreative Entfaltung erheblich eingeschränkt wird. Überdies kann der Lärm für Hörstörungen verantwortlich sein. Schallschutzdecken und geräuschdämmende Fußbodenbeläge tragen dazu bei, den Lärmpegel zu senken.

Wer im Bewegungsraum Verstecke und Höhlen einbaut, wird nicht nur dem Bedürfnis des Kindes nach Rückzug gerecht, sondern leistet einen weiteren wirkungsvollen Beitrag zur Geräuschminderung.

In Gruppenräumen, in denen aktiv gespielt und gestaltet wird, wirkt helles Licht in Verbindung mit hellen Wandfarben belebend. Natürliches Licht schafft eine Verbindung zwischen drinnen und draußen; es lässt Leben und Bewegung in die Räume. Bei Tageslicht ist nicht nur die Sinneswahrnehmung anders geschärft als bei Kunstlicht, sondern das Tageslicht steuert die körperlichen Vorgänge wie Körpertemperatur, Stoffwechsel, Herzschlag, Gehirntätigkeit und Hormonproduktion - ein Argument dafür, die Fenster nicht dauerhaft mit Bastelobjekten zu bekleben, die den Raum verdunkeln.

Im Ruheraum der mit dunklerer, warmer Farbe gestrichen und mit einer matten Lichtquelle versehen ist, finden Kinder Entspannung. Stehen ihnen die verschiedenen Räume für Aktivität und Passivität zur Verfügung, regulieren Kinder ihre Bedürfnisse zwischen Bewegung und Entspannung selbst.

Bewegungsräume werden in Kitas häufig mit Räumen zum Toben und Turnen in Verbindung gebracht. Doch Bewegungsräume sind weitaus mehr. Sie beinhalten unterschiedliche Bewegungsanreize, zum Beispiel durch Kletterwände, Seile, Netze, Brücken, Gruben und Höhlen. Sie bieten gleichermaßen Bewegungsanreize und Rückzugsmöglichkeiten.

Die verschiedenen natürlichen Materialien wie Holz, Taue, Kork, Metall werden den unterschiedlichsten Bedürfnissen der Kinder gerecht. Ausgefeilte, innenarchitektonische Konzepte lassen auch in kleinen Räumen abwechslungsreiche Bewegungslandschaften entstehen.

Außenräume

Ist die Innenraumgestaltung gelungen, wird es höchste Zeit, sich mit dem Außenraum zu beschäftigen. Der Raum draußen kann wie kein anderer Ort die Kinder in ihrer Entwicklung voranbringen, in ihrem Drang, neue Dinge zu entdecken und zu erforschen.

Beim Matschen im Schlamm erfahren Kinder ganz nebenbei physikalische Gesetze. Je tiefer ich buddele, desto kälter wird es. Wenn der Schlamm auf meiner Haut trocknet, reiß er. Es gibt pappigen und bröseligen Schlamm und so weiter.

Kinder entwickeln Fragen (wie komme ich auf den Baum?), fangen an zu experimentieren (wie muss ich Steine und Äste unter den Baum legen, damit ich hochklettern kann?), entdecken ihre körperlichen Fähigkeiten (ich erreiche den untersten Ast) und auch körperliche Grenzen (die Kraft reicht noch nicht zum Hochziehen).

Für die Gestaltung der Außenräume gilt ähnliches wie für drinnen. Eine durchdachte Geländemodellierung schafft Nischen, Versteckmöglichkeiten und Rückzugsorte. Vielfältige Materialien wie Pflanzen, Holz, Rinde, Kies, Bruchsteine, Findlinge, Sand und Wasser schaffen Möglichkeiten für vielfältige Sinneserfahrungen.

In großzügigen, bespielbaren Hecken und Gebüschen können Kinder sich zurückziehen, eigene Bauwerke errichten, kreativ mit anderen Kindern auf dem Gelände Spuren hinterlassen, die Welt verändern. In Reggio-Einrichtungen geht es bewusst nicht darum, kindgerechtes Spielzeug, sondern vor allem Material zur Verfügung zu stellen - alles, was ein Kind braucht, um sich mitzuteilen.

Zwischenräume

Wie sieht es nun mit den Übergängen aus? Die Zwischenräume sind oft entscheidend, ob Kinder den Sprung in die spannende Welt nach draußen schaffen oder nicht. Müssen die Kinder erst langwieriges Umziehen und Schuheschnüren überwinden oder gibt es gar eine Rutsche, die nach draußen führt? Gibt es auf dem Weg nach draußen Anhaltspunkte, an denen die Kinder verweilen und erst einmal in Ruhe überlegen können? Und ist es den Kinder gar möglich, ohne Aufsicht draußen zu spielen?

Doch fast noch wichtiger als die Gestaltung ist die Einstellung der Erwachsenen. Ganzheitliche, sinnliche Erfahrungen, an denen Kinder lernen und wachsen, gibt es nicht ohne Risiko und nicht ohne Blessuren. Ein Kind wird nach einem wirklich guten Kindergartentag meist dreckverschmiert und mit dem einen oder anderen Kratzer nach Hause kommen. Dies den Eltern zu vermitteln, wird immer mehr zu einer schwierigen Aufgabe der Erzieherinnen.

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