Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Gertrud Pappenheim

Manfred Berger

 

Gertrud Margarethe Klara wurde am 28. Mai 1871 in Berlin geboren. Noch im Jahr ihrer Geburt verstarb die Mutter. 1876 heiratete Eugen Pappenheim, seinerzeit ein bekannter Schul- und Fröbelpädagoge, erneut. In Erinnerung an ihre Stiefmutter schrieb Gertrud Pappenheim:

"Unsere 2. Mutter, Anna Juliane, geb. Schneider, ... die uns allen eine treue Mutter war, ... unterrichtete uns Mädchen im Klavierspiel und weiblichen Handarbeiten. Da sie sprachlich sehr begabt war, erteilte sie uns noch Unterricht in französischer und englischer Sprache... Sie war Schülerin der hochgeschätzten Fröbelapostelin Baronin Bertha von Marenholtz-Bülow, die sie sehr verehrte. Dadurch wurde bei mir mein Interesse für Fröbel und den Kindergarten maßgebend geweckt" (zit. n. Berger 1995, S. 152).

Nach Privatunterricht und Besuch der "Höheren Töchterschule" absolvierte Gertrud Pappenheim das Kindergärtnerinnen-Seminar des "Berliner Fröbel-Vereins". Ihr Vater selbst, der als nebenamtlicher Lehrer am Seminar wirkte, unterwies sie in der Pädagogik des Kindergartenbegründers. Nach ihrer Ausbildung war Gertrud Pappenheim in mehreren Kindergärten Berlins tätig, u.a. leitete sie bis zum Jahre 1909 den Kindergarten der "Kgl. Elisabeth-Frauenschule" in Berlin. Im Jahre 1910 wurde ihr die Leitung des Kindergärtnerinnenseminars an vorangenannter Bildungsinstitution übertragen. Von 1902 bis 1934 war sie im Vorstand des "Deutschen Fröbel-Verbandes". Ebenfalls 1902 übernahm sie die Schriftleitung der Zeitschrift "Kindergarten", "Organ des Deutschen Fröbel-Verbandes", für die sie bis 1924 verantwortlich zeichnete. Sie versuchte stets den "pädagogischen Zeitgeist" zu Worte kommen zu lassen. Bereits 1905 erhielt die Fachzeitschrift einen neuen Titel. Diese Entscheidung begründete die verantwortliche Schriftleiterin wie folgt:

"Kindergarten, Zeitschrift für entwickelnde Erziehung in Familie, Kindergarten und Schule, wollen wir jetzt unsere Blätter nennen. Wenn wir nach nunmehr 46 Jahren daran gehen, den Titel ein wenig abzuändern, so geschieht es in der Absicht, durch diesen neuen Titel das Wesen der Zeitschrift recht eigentlich auszudrücken. Familie, Kindergarten und Schule, diese drei Erziehungsstätten sind es, welche sich jetzt - im Jahrhundert des Kindes - die Hand reichen wollen zur gemeinsamen Arbeit an den Kindern" (zit. n. Carstens 1998, S. 54).

Gertrud Pappenheims besonderer Verdienst war sicherlich, dass sie von Anfang an der Montessorirezeption in genannter Fachzeitschrift ein Forum einräumte. Dadurch hatte sie wesentlich zum Bekanntheitsgrad der "neuen Pädagogik" beigetragen. Sie selbst konnte in Montessoris pädagogischem Ansatz eigentlich nichts wesentlich Neues finden, vielmehr sah sie darin die kongeniale Fortsetzung des von Fröbel Angestoßenen. Darum plädierte sie mehr für eine Fröbel-Montessori-Synthese, die sie in folgenden sechs Punkten zusammenfasste:

"1. Die gebildete Kindergärtnerin steht in ihrer Erziehungsweise den psychologischen Forderungen der Dottoressa Montessori nahe.
2. Sie kann eine Fülle der von Dr. Montessori gebotenen Übungen auch mit dem Fröbelschen Material ausführen und wird sich dabei wieder mehr auf die von Fröbel gewollte formale Bildung des Kindes und auf seine Grundgedanken über die Einheitlichkeit, gegenüber der Vielseitigkeit der Erscheinungen, (die uns in den letzten Jahrzehnten, zum Teil verloren gegangen sind), besinnen; und sie wird diese Übungen besonders den jüngeren Kindern nutzbar machen.
3. Sie kann von dem geistvollen, der kindlichen Natur angepassten Material der Montessori, das für das Kind so reizvoll und zu exakten Beobachtungen so geeignet, aber leider sehr teuer ist (200 M.), vielerlei auf einfache Weise selbst anfertigen. (So stellten wir im Kindergärtnerinnen-Seminar der Kgl. Elisabethschule bereits einfache Einsatzfiguren, Farbenröllchen, Rasselzylinder her und machten mit den Kindern sehr erfreuliche Versuche.)
4. Die Kindergärtnerin wird, dem Fröbelschen Boden, auf dem sie erwuchs, entsprechend, den von Montessori in uns angeregten Gedanken das hinzusetzen, was uns bei der Italienerin fehlt: freies, phantasievolles, künstlerisches Gestalten durch die Kinder, auf der Grundlage einer gründlichen Sinnes- und Gliederausbildung.
5. Fröbel und Montessori sind verwandt, trotz scheinbar großer Unterschiede! Fröbel, der feine Beobachter, der Seher, der seiner Zeit ahnungsvoll vorauseilende, hätte die pädagogischen Ergebnisse der wissenschaftlich gebildeten Ärztin und exakten Forscherin des 20. Jahrhunderts freudig anerkannt! Denn Fröbel war der Mann der Erfahrung und des Fortschritts!
6. Die Anhänger der Fröbelschen und der Montessorimethode müssen und werden fortan zusammengehen, nicht nur in äußerlicher Bemühung der friedlichen Einigung, sondern, weil sie ihrer Natur nach zusammengehören!
Wir Vertreter der Ideen Fröbels erkennen gern und freudig das Neue, Große, Wahre der Dottoressa Montessori an, und diese wird, wenn sie unsere Arbeit und deren beste Vertreter, sowie den Kindergarten von heute, kennen lernt, bekennen, daß auch ein Fröbelscher Kindergarten eine Pflanzstätte wahren Menschentums ist! Die schroffen Gegensätze hüben und drüben müssen durch die Vermittlung, die sowohl Fröbel wie Montessori als Erziehungsprinzip und -ziel zugleich ansehen, der besseren Erkenntnis weichen ...
Prüfet alles, und das Beste behaltet!" (Pappenheim 1914, S. 74 f).

Gertrud Pappenheim ist aber auch ein Beispiel für die Anpassung der Pädagogik an den "politischen Zeitgeist". Im Jahre 1915 schrieb sie einen ausführlichen Aufsatz zum Thema "Kindergarten und Krieg" (vgl. Berger 1990, S. 59 ff.). Dabei war ihr Fazit:

"Und wenn wir es sonst für wert halten, die Kinder durch Gewöhnung allmählich zum Verständnis kleiner Tugenden wie Sauberkeit, Ordnung, Verträglichkeit zu führen, wie viel mehr wollen wir jetzt ein Verständnis anbahnen für den großen Menschenerzieher 'Krieg'" (Pappenheim 1915, S. 123).

Neben ihren vielen Aufsätzen in diversen Fachzeitschriften, hatte Gertrud Pappenheim mehrere Bücher publiziert. Besonders erfolgreich war sie mit dem Buch "Kind und Welt. 24 Bildungsstoffe für Kindergarten und Schule". Über den Sinn und Zweck der Publikation vermerkte sie:

"Aber gegenüber der Vielheit der Eindrücke, die das heutige Leben unsern Kindern bietet, scheint uns das Suchen nach einer Einheit dringend notwendig, damit das Kind, dem die große Welt so rücksichtslos wirr und ungeordnet entgegentritt, sich zurechtfinden lerne; gegenüber der Zerstreuung und Zersplitterung müssen wir dem Kinde zur Vertiefung, zur Konzentration seiner Gedanken die Gelegenheit bieten; und jedes gesunde Kind strebt, wie seine Verknüpfung von Spiel und Wirklichkeit täglich aufs neue beweist, nach solcher Einheit. Diese Konzentration der Vorstellungsgruppen, bei der wir bestrebt sind, liebevolle Anschauungen der Kinder mit abwechslungsreichen Darstellungen zu verknüpfen, nennen wir in den Kindergärten des Berliner Fröbel-Vereins Bildungsstoffe ... Nicht Worte sind auf jener Stufe die geeigneten Erziehungsmittel, nein: Erfahrungen und Taten vor allem sind's, durch die ein junges Menschenkind lernt, denn 'das echt gesunde Kind will immer tätig sein', und deshalb erblickt der Kindergarten sein geeignetstes Erziehungsmittel darin, das Kind durch angemessene Beschäftigung zu entwickeln: Anschauung und Tätigkeit verschmelzen zu einem harmonischen Ganzen, und dem Grundsatze Pestalozzis:
'Anschauung ist das Fundament aller Erkenntnis'
tritt der Gedanke Fröbels:
'Was der Mensch darzustellen bestrebt, fängt er an zu verstehen'
ergänzend an die Seite" (Pappenheim 1909, o. S.).

Als die Nazis an die Macht kamen wurde Gertrud Pappenheim, war sie doch jüdisch versippt, aller Ämter enthoben. Nach 1945 trat sie nicht mehr an die Öffentlichkeit. Gertrud Pappenheim starb im hohen Alter von fast 93 Jahren am 19. Februar 1964 in Berlin. Ihr Tod wurde von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen.

Literatur

Berger, M.: 150 Jahre Kindergarten. Ein Brief an Friedrich Fröbel, Frankfurt 1990

ders.: Führende Frauen in sozialer Verantwortung: Gertrud Pappenheim, in: Christ und Bildung 1991/H. 7/8

ders.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch, Frankfurt 1995

Carstens, C.: Der Deutsche Fröbel-Verband 1873-1932, in: Pestalozzi-Fröbel-Verband (Hrsg.): Die Geschichte des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes. Ein Beitrag zur Entwicklung der Kleinkind- und Sozialpädagogik in Deutschland, Freiburg 1998

Pappenheim, G.: Kind und Welt. 24 Bildungsstoffe für Kindergarten und Schule, Berlin 1909

dies.: Dr. Maria Montessori: Selbsttätige Erziehung in frühem Kindesalter, in: Kindergarten 1914/H. 3

dies.: Kindergarten und Krieg, in: Kindergarten 1915/H. 5