Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Marie Coppius

Manfred Berger

 

Fast über 30 Jahre wirkte Marie Coppius als Kindergärtnerin in Heidelberg. Dort übernahm sie 1906, auf Vermittlung der Fröbel-Pädagogin Hanna Mecke, die Leitung des Fröbelschen Kindergartens. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit engagierte sie sich noch in verschiedenen Gremien:

"Von 1908 bis 1910 war sie Vorstandsmitglied des Fröbelvereins. Seit 1921 gehörte sie dem 'Sonderausschuß für Säuglings- und Kleinkinderfürsorge' an ... Sie gründete außerdem in Heidelberg die Ortsgruppe der Berufsorganisation der Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen und Jugendleiterinnen, deren Vorsitz sie über Jahre hinweg hatte. Damit leistete sie maßgeblichen Vorschub, das Ansehen der Kindergärtnerinnen in der Öffentlichkeit zu heben. Coppius war überdies Ehrenmitglied des Amerikanischen Kindergärtnerinnenvereins" (Blum 1995, S. 32).

Ihre praktischen Erfahrungen und theoretischen Erkenntnisse hatte sie in vielen größeren Schriften und Aufsätzen niedergelegt, dabei sich stets auf Friedrich Fröbel berufend. Marie Coppius verstand den Kindergarten vordergründig als eine "Mutterschule". Diesbezüglich vermerkte sie in ihrem seinerzeit hochgeschätztem Fachbuch "Pflanzen und Jäten in Kinderherzen":

"Aber wie sollte er (Friedrich Fröbel; M.B.) seine Gedanken ins Volk bringen, wie sie den Müttern zu eigen machen? Bücher schreiben? ... Er wollte mehr. Nicht nur Lehren wollte er geben, sondern Mittel, Bildungs- und Erziehungsmittel. So wurde er in Blankenburg im Schwarzatale Spielwarenfabrikant und Spielmeister in einer Person. Er gab dort seine Gaben (die Spielzeugkästchen) und Beschreibungen heraus und gründete Wochenschriften. Er wollte die Anstalt erst 'Autodidaktische' nennen, dann gab er ihr den Namen 'Anstalt zur Pflege des Tätigkeitstriebes'. Bald ergab sich die Notwendigkeit, den Müttern die praktische Anwendung der Gaben zu zeigen, und so entstand in Blankenburg der erste Kindergarten. Wohl war er nicht so organisiert wie die heutigen Kindergärten: die Kinder kamen frei und freiwillig, aber die Mütter kamen mit. Von der erhöhten Esplanade aus schauten sie zu, wie Fröbel und seine Mitarbeiter mit den Kindern die Gaben und Beschäftigungen, die Gartenarbeit und die Spiele angewendet wissen wollte. Der Kindergarten war weit mehr als heute, er war eine Schule für Mütter, und der Vorwurf, der den heutigen Kindergärten gemacht wird: wir nähmen den Müttern ihre Pflichten, traf damals wenigstens noch nicht zu, trotzdem ihn auch Fröbel schon zu hören bekam. Als nun gar durch eine unglückliche Verwechslung der Kindergarten durch Raumer als eine staatsgefährdende Anstalt unterdrückt wurde, und erst nach Fröbels Tode das Verbot wieder aufgehoben ward, wurde der Kindergarten immer mehr das, was er heute ist, und seine Gaben und ihr hoher Wert blieben den Müttern für die Familienerziehung fast ganz unbekannt. Wohl gibt es auch in Deutschland noch verschiedene Mütterkurse und Mütterabende, an denen wir Fröblerinnen versuchen, die Mütter mit den Spielgaben bekannt zu machen. Aber nur Amerika hat mit den Kindergärten Mutterschulen verbunden" (Coppius 1924, S. 122 f).

1913 erschien Maria Montessoris Hauptwerk "Il metodo della pedagogia scientifica all' educazione infantile nelle case dei bambini" in Deutschland unter dem Titel: "Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter". Marie Coppius gehörte zu den ersten FröbelanerInnen, die den Ansatz der italienischen Ärztin und Pädagogin nicht gleich verurteilten, sondern als hilfreiche Kritik an der eigenen Praxis und willkommene Unterstützung bei dem Versuch, die eigenen Defizite schärfer wahrzunehmen, betrachteten:

"Ich brauche aber Fröbel nicht zu verteidigen und will die Montessori-Lehrmittel keiner Kritik unterziehen, sondern den heutigen Kindergarten. Die hohe Bewertung der Sinnesübungen, welcher die neue Methode das Wort spricht, sollte uns ernstlich mahnen, die von Fröbel und seinen ersten Jüngern sehr gepflegten formalen Übungen oder, wie wir sie nennen 'Erkenntnisformen' nicht so zu vernachlässigen, wie es heute in Reform-Kindergärten geschieht, wo man das Kind zu künstlerischem Gestalten bringen will und das formale Erfassen als etwas selbstverständlich Vorhandenes und darum Nebensächliches außer acht läßt. Besonders für kleine zwei- bis dreijährige Kinder scheinen mir die Montessori-Lehrmittel da sehr angebracht, um die Sinne im Erfassen und Vergleichen zu üben. Wir hatten z.B. bisher nur wenig Spielmittel, bei denen an gleichen Körpern Größenunterschiede wahrgenommen werden konnten. Höchstens: verschieden lange Bauklötze, wie sie die Nürnberger Baukästen zeigen, und an welche die Montessorischen Rechenstäbe erinnern. Etwas ganz Ähnliches schlägt Fröbel in der 'Menschenerziehung', Seite 207, vor, wo er Bauklötze verschiedener, sich ergänzender Längen als Unterrichts- bzw. Veranschaulichungsmittel vorschlägt. Dann kennen wir die mit Bildern und Buchstaben verzierten sechs ineinandersteckbaren Würfelkasten, die wir in Dr. Montessoris Würfelpyramide wiederfinden. Dem gleichen Zwecke dienen die russischen Holzeier, die sechs bis zwölf ineinandersteckende, verschieden bunte Eiformen enthalten. Solche Spielmittel wären für Krippenkinder ganz vorzüglich. Ferner bringt uns das Montessorische-Lehrmaterial wertvolle Hilfsmittel zur Übung des Ohres und vor allem solche zur Entwicklung des Tastsinnes. Wir werden an all diesen Anregungen nicht achtlos vorübergehen, werden sie aber mehr in Fröbelschen Geiste benützen, d. h. nicht einen Sinn isoliert üben und schulen, sondern jedes Spiel bewusster auf Sinneseindrücken aufbauen, und zwar auf vielseitigen Eindrücken, und diese Eindrücke durch häufige Wiederholung befestigen" (Coppius 1914, S. 105).

Marie Bertha erblickte am 14. Juli 1871 als zweites von drei Kindern des deutschen Ingenieurs Eugen Coppius und dessen Ehefrau Elise Maria Coppius in Charkow (Ukraine) das Licht der Welt. Nach Abschluss der "Höheren Töchterschule" unternahm sie zusammen mit der Mutter weite Studienreisen u.a. nach Frankreich, England, Italien und Deutschland. Der frühe Tod des Vaters stürzte die Familie in finanzielle Not und fortan musste Marie Coppius zum Unterhalt der Familie beitragen. Sie betätigte sich als Kindergärtnerin in Zyrardòw und in Posen. Wegen ihrer deutschen Abstammung mussten Marie Coppius und ihre Mutter 1905 das von der Revolution geschüttelte Russland verlassen. Die beiden Frauen reisten nach Kassel, wo Marie Coppius in der Leiterin des Kindergärtnerinnenseminars Hanna Mecke, die sie bereits 1903 kennen lernte, eine treue Lehrmeisterin und Freundin fand. Durch die Seminarleiterin erhielt Marie Coppius, wenngleich nicht den ersten, so doch den entscheidenden Zugang zur Pädagogik Friedrich Fröbels:

"Im Jahre 1903 lernte ich Fräulein Mecke zuerst persönlich kennen, als ich eine 'Studienreise' durch Deutschland von Rußland aus machte. War das ein reicher Tag! Und ebenso wie ich mich des frohen Mittagsmahles erinnere, so erinnere ich mich des lebhaften Tischgespräches über die zweite Gabe Friedrich Fröbels, welches wohl durch eine vorhergehende Stunde angeregt war; schüchtern zog ich einen Würfel aus der Tasche, den ich mit sechs Farben verklebt hatte, und der bei der Eckdrehung alle Farben des Regenbogens zeigte. Fräulein Mecke war entzückt durch diese Vermittlung von erster und zweiter Gabe, von Form und Farbe, und wir blieben alle bis zum Kaffee sitzen und lauschten ihren Auslegungen" (zit. n. Berger 1995, S. 25).

Bis Mitte der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts war Marie Coppius für den Kindergarten und Friedrich Fröbel aktiv tätig. Danach wurde es still um sie. "Inwieweit auch ihre jüdische Abstammung eine Rolle gespielt hat, ist den überlieferten Akten nicht zu entnehmen" (Blum 1995, S. 34). Marie Coppius starb nach langer Krankheit im Alter von 77 Jahren am 2. November 1948 in Heidelberg, völlig vergessen und unbeachtet von der pädagogischen Fachwelt.

Literatur

Berger, M.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch, Frankfurt 1995

Blum. A. I.: "Mutter von vielen" - Marie Berta Coppius und der Weststadt-Kindergarten, in: Blum, P. (Hrsg.): Frauengestalten. Soziales Engagement in Heidelberg, Heidelberg 1995

Coppius, M.: Ueber die Montessori-Methode, in: Kindergarten 1914/H. 8

dies.: Pflanzen und Jäten in Kinderherzen. Erlebtes und Erfahrenes für Mütter und Erzieherinnen, Berlin 1924