Der Lebenspraktische Ansatz - Practical Life Approach

Ingrid Miklitz

 

Konzeptuelle Grundsätze des Lebenspraktischen Ansatzes

Die Curricula orientiert sich an Alltagstauglichkeit und -notwendigkeit (Nützlichkeit).

Wenn wir unsere Kinder ernst nehmen, dann sollten wir sie an der realen, ernsthaften Lebenswirklichkeit teilhaben lassen. Und da sind es vor allem die alltagstauglichen Fertigkeiten, die zählen: Arbeiten, die Tag für Tag in der Lebensgemeinschaft Familie oder in einer Kindertageseinrichtung anfallen, die getan werden müssen, um die Versorgung dieser Gemeinschaft zu gewährleisten. Dabei eröffnet sich ein Betätigungsfeld, das weit über die Nahrungszubereitung hinausgeht.

Die Erziehenden vermitteln einen Ressourcen schonenden, ökologisch verantwortbaren, gesunden und sparsam wirtschaftenden Lebensstil.

Sparsames Wirtschaften schont Ressourcen. Beispiel: Wenn ich sparsam wirtschafte, gehe ich behutsam mit meiner endlichen Arbeitskraft um. Mittel müssen erworben werden. In allem Bestand, der mich umgibt, steckt ein Stück Lebenszeit. Das gilt es den Kindern zu vermitteln! Deshalb gehört zum sparsamen Wirtschaften die Bestandspflege, die Pflege bereits erworbener Güter. Achtsamkeit kommt von Achtung - Achtung, die ich einem Gebrauchsgegenstand entgegenbringe (z.B. die Schuhpflege).

Grundsätzlich übernehmen Erwachsene keine Tätigkeiten, die von Kindern ausgeführt werden können.

"Lass mal, das mach ich lieber selber." Erkennen Sie sich wieder? Geht es dann schneller? Erspare ich mir lange Erklärungen? Traue ich dem Kind die Tätigkeit nicht zu? Ist der Gegenstand zu kostbar? Ist die Tätigkeit für das Kind zu gefährlich? Reflektieren Sie Ihr Verhalten selbstkritisch! Sie nehmen dem Kind Lernerfahrungen und mögliche Erfolgserlebnisse. Sie nehmen dem Kind die Möglichkeit, ein nützlicher Helfer zu sein. Sie verzichten mittelfristig auf Arbeitsentlastung durch tätige Mithilfe des Kindes. Sie lassen ein unbeschäftigtes oder anderweitig beschäftigtes Kind zurück. Sie vergeben die Chance, gemeinsam tätig zu sein. In anderen Kulturen wird Vierjährigen eine Schafherde anvertraut. Diese Kinder haben bis zum Eintritt der Pubertät erfahren, dass

  • sie gebraucht werden,
  • nützliche Skills beherrschen,
  • in Wettbewerb mit Peers und Erwachsenen treten können, wenn es um die Beherrschung und Verfeinerung der erlernten Skills geht,
  • ihre Skills an andere weitergeben können.

Für unsere Kultur hingegen gilt: "Pubertät - unbewusst genährter Aufschrei einer nutzlos gehaltenen Generation" (Miklitz 2012). Wir erleben in den westlichen Industrieländern die Zeit der Pubertät häufig als schwierige Zeit. Eltern besuchen zuweilen Kurse mit dem Thema "Wie umarme ich einen Kaktus". Es gibt Alkoholexzesse und das gesteigerten Bedürfnis dieser Altersgruppe, sich beweisen zu müssen - mit den bekannten gefährlichen Folgen. Jungen sind dabei gefährdeter als Mädchen. Diese werden in der Regel als Kinder und Heranwachsende stärker in hauswirtschaftliche Tätigkeiten eingebunden, während der Vater, der mit dem Sohn zum Holzschlagen in den Wald geht, eher zu einer aussterbenden Spezies gehört. Ich möchte hier keine Lanze für Rollenklischees brechen. Ich möchte verdeutlichen, dass die körperlichen Kräfte der Kinder und Jugendlichen verlottern; bestenfalls werden sie durch die aktive Mitgliedschaft in einem Sportverein gefordert.

In der Pubertät entladen sich die ungenutzten Kräfte einer nutzlos gehaltenen Generation Heranwachsender. Es ist zu spät, erst in der Pubertät damit zu beginnen, die Käseglocke über den nutzlos Gehaltenen zu lüften. Das ist, als wollte man bis dahin in einer Aufzuchtsstation hochgepäppelte Lemminge (Wühlmäuse; machen auf ihren Wanderungen auch an Küsten nicht halt und ertrinken häufig) ohne Adaptions- bzw. Auswilderungszeit in die freie Wildbahn entlassen. Natur- und erlebnispädagogische Kurse können kein Ersatz, bestenfalls ein Rettungsring sein, wenn der Jugendliche bereits im Brunnen der nutzlos Gehaltenen um seine Identität ringt.

Versuchen Sie in den Kinderaugen einen berechtigten Anspruch zu lesen: "Gebt mir sinnvolle Arbeiten und ich zeige euch, was ich kann. Seid mir ein verständnisvoller, gerechter und kompetenter Lehrmeister und ich werde euch nicht enttäuschen. Nehmt euch die notwendige Zeit, um mich in eure Werke einzuführen" (Miklitz 2012).

Arbeitsprozesse werden nach Möglichkeit in den Außenbereich verlagert, sodass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Tätigkeiten im Innen- und Außenbereich besteht.

Dieser Anspruch wird von den Waldkindergärten weitestgehend realisiert. Objekt- und kulturgebundene Innenraumtätigkeiten lernt das Waldkindergartenkind ohnehin in der verbleibenden Familienzeit kennen.

Auf Lob wird weitestgehend verzichtet.

Die Erfahrung des Gebrauchtwerdens ist für Kinder der stärkste Motor für intrinsisch motiviertes Handeln, also einer starken Eigenmotivation. Lob macht abhängig vom Lobenden. Sachbezogenes Lob ist gut, erfordert aber vom Lobenden genaues Hinsehen und Beurteilungshilfen für das Kind.

Die Lobhudelei, die sowohl im Privathaushalt als auch in der Kindertageseinrichtung zu beobachten ist, spiegelt nur die Hilflosigkeit der als Animateure agierenden Erzieher/innen und Eltern wieder. Wo Kinder mit Kinkerlitzchen beschäftigt werden, bleibt die intrinsische Motivation auf der Strecke. Kinder spüren sehr wohl, ob ihre Tätigkeit entbehrlich oder unentbehrlich ist.

Die Umgebung ist so strukturiert, dass sie Kindern ein Höchstmaß an eigenständigem Erfahrungshandeln ermöglicht.

Erfahrungskiller für Kinder sind z.B. Klettverschlüsse. Wer lernt heute noch, wie eine Schleife gebunden wird? Oder ein Mixer. Viel zu gefährlich für die Hände von Vorschulkindern. Ein Schneebesen mit Handantrieb dagegen macht für die Kinder Technik beobachtbar und damit verständlich und kann schon von Vierjährigen benutzt werden. Technik versteckt sich häufig hinter einer Plastikumhüllung. Grundlegende Erfahrungen der Kraftübertragung waren für Kinder früher täglich erfahrbar. Der bewusste - wenigstens zeitweilige- Verzicht bedeutet letztendlich Vorfahrt für den Erkenntnisgewinn von Kindern. Kindgerechte Ordnungssysteme entlasten die Erwachsenen und ermöglichen lebenspraktisch tätigen Kindern ein größeres Maß an Selbständigkeit. Eine Eigenkontrolle wird hier durch eine entsprechende Ausgestaltung/ Beschriftung ermöglicht.

Das Raumkonzept berücksichtigt das Primat der Küche als zentralem Genuss-, Lern- und Gemeinschaftsort.

Ich gehe davon aus, dass viele Menschen sich zeitlebens mit Räumen umgeben, die ihren eigentlichen Bedürfnissen, Interessen und Fähigkeiten im Wege stehen.

Die Einweisung in Tätigkeitsprozesse erfolgt nach Möglichkeit durch erfahrene Kinder (Lernvermittler).

Das lässt sich in einer Ein-Kind-Familie kaum realisieren. Im Kindergarten und in Familien mit zwei und mehr Kindern sind die Voraussetzungen gut. Kinder, die Wissen weitergeben, profitieren u.a. sprachlich und entlasten Erwachsene. Es müssen nicht immer die älteren Kinder sein, die als Wissensvermittler agieren. Kompetenz ist das entscheidende Qualifikationsmerkmal, verbunden mit der Fähigkeit, das Erlernte anschaulich und in logischer Folge zu präsentieren.

Die Erkundung des Lebensumfeldes steht im Vordergrund; dabei wird auf Surrogate weitestgehend verzichtet, die Ersterfahrung erfolgt am realen Objekt.

Ich habe nichts gegen Bilderbücher, aber sie vermitteln eben nur ein Abbild der Wirklichkeit. Und wenn der erste Eindruck eines Kleinkindes von einer Kuh via Papier erfolgt, so geht Entscheidendes verloren. Das Kind riecht die Kuh, den Kuhstall nicht. Das Kind "begreift" die Kuh nicht, spürt nicht die unglaubliche Weichheit des Kuhmauls, erlebt nicht die Bewegungsabfolgen des Kuhkörpers, erfährt nicht die Reaktion der Kuh auf sein Tun, den Nuancenreichtum der Fellfärbung...

Die erste Speicherung im Gehirn von einem "Kuhbild" ist dürftig. Die Fixierung auf den Sehsinn wird durch Bilderbücher befördert. Ohnehin leben wir in einer medial überfrachteten Welt, in der der Sehsinn überstrapaziert wird - auf Kosten eines breiteren Sinnenspektrums. Die Erstwahrnehmung eines Tieres/ Gegenstandes sollte deshalb möglichst authentisch sein. Die neuronale Verknüpfung erfolgt durch die Vielzahl der angesprochenen Sinne in differenzierterer Form.

Auch die Wahrnehmung von Gegenständen erfolgt am realen Objekt ungleich differenzierter: Ich muss einem Kind z.B. kein Bilderbuch mit Abbildungen von Baufahrzeugen kaufen; Baustellen finden sich meist in der näheren Wohnumgebung.

Zu den konzeptionellen Grundsätzen gehört, dass die Erkundung des Lebensumfeldes im Vordergrund steht. Das Wissen der Kinder weist in diesem Bereich beträchtliche Lücken auf. Befunde des Jugendreports Natur 2010 belegt dies eindrücklich. So antworten auf die Frage: "Wie heißt das Junge vom Hirsch?" nur 6% mit der richtigen Bezeichnung "Kalb". Aus Hirsch wird Reh, aus Kitz wird Kid...

Im Waldkindergarten erleben die Kinder Natur aus 1. Hand! Und sie lernen die heimische Tier- und Pflanzenwelt kennen.

Elefanten, Krokodile sehen kleine Kinder gern.
Eltern schieben Windelkinder durch die Zoowelt, ach so fern.
Fern von Kuh und Kalb und Käfer, fern von Regenwurm und Schäfer.
Staunend stehen Kinder hier vor Exoten im Gehege.
Lernen nichts über die Schnecke und den Hund und seine Pflege.
Alles wird noch mitgenommen, kostet schließlich eine Menge.
Kinderaugen abgefüllt in der Menschen dicht Gedränge.
Toll, nicht wahr - was wir euch bieten in dem zarten Alter schon.
Exotenwissen ihrer Kleinsten ist der Eltern schönster Lohn.
(Miklitz 2012)

"Alles zu seiner Zeit" ? Ja, bitte! Was wollen Eltern einem Schulkind noch bieten, das durch eben solche Vorwegnahmen nur desinteressiert antworten kann: "Alter Hut, das kenn' ich schon!" Auf der Strecke bleibt die Wissen und Beheimatung stiftende Kenntnis des näheren Wohnumfeldes und deren Flora und Fauna mit der Chance, hier lebenspraktisch tätig werden zu können. Ich habe als Kind im Sommer Kamille sammeln dürfen/ müssen. Ohne dass das Beutelchen voll war, brauchte ich nicht heim zu kommen. Ich wusste um die Sinnhaftigkeit, Notwendigkeit meines Tuns. Ich war eingebunden in nützliche, weil notwendige Tätigkeitsabläufe. Viele standen im Zusammenhang mit einer bestimmten Jahreszeit. Die Natur gab ein Zeitfenster vor, das genutzt werden musste. Und die Eltern hielten mich dazu an. Und so ganz nebenbei lernte ich die Namen von Pflanzen - hier Heilkräutern - und deren wohltuende Wirkung auf den menschlichen Organismus.

Zurück ins Lehrverhältnis

Für die Erziehenden heißt das: zurück ins Lehrverhältnis. Zurück in die Rolle des Lehrenden (nicht Belehrenden), Vermittelnden, eben des Vorbildes. Viele Erwachsene entziehen sich heute der Verpflichtung zur Vorbildfunktion. Wenn Zuhause als Ort verstanden wird, an dem man sich "gehen" lassen kann, dann dürfen Eltern sich nicht wundern, wenn Kinder zur Plage werden.

Verlorenes Paradies

Ich wollte ja mal nützlich sein, da war ich noch ganz klein.
Ich räumte Töpfe aus dem Schrank und Schuhe auf die Bank.
Ich ordnete und wischte ab, schob Besen durch das Zimmer.
Bald war ich Kindergartenkind, doch nützlich war ich nimmer.
(Miklitz 2012)

Eltern trauen sich immer weniger zu, und diese Lebensunsicherheit übertragen sie auf ihre Kinder. Liegt es daran, dass es eine Wissenstransferblockade zwischen den Generationen gibt? Es sollte für junge Eltern "Trau dich"-Kurse geben - trau dir zu, deinem Kind ein gutes Vorbild, ein guter Vermittler von Lebenswirklichkeit und Lebensnotwendigkeit zu sein. Trau dir zu, deine Kinder fachkundig anzuleiten. Trau dir zu, ihnen Selbständigkeit im alltagstauglichen Tun zuzubilligen. Und vor allem: Misstrau den Einflüsterungen der Werbung, die euch Eltern suggeriert: kauft dies und kauft das, belegt diesen und jenen Kurs, und euer Kind wird glücklich und schlau.

Literatur

Ingrid Miklitz: Der Waldkindergarten - Dimensionen eines pädagogischen Ansatzes. Berlin: Cornelsen, 4. Aufl. 2011