Rezension

Kurt Gerwig: Wie Kinder zum Deutsch kommen. Sprachliche Bildung bei mehrsprachigen und Kindern mit Migrationshintergrund. Kaufungen: AV1 Film 2014, DVD, 45 Min., EUR 29,00 (zuzüglich Versandkosten). Nur erhältlich bei AV1 Film + Multimedia, Pfalzstraße 10, 34260 Kaufungen, Website: http://shop.paedagogikfilme.de, Email: pf@AV1.de


Weltweit wachsen rund zwei Drittel aller Kinder mehrsprachig auf. Dies trifft auch auf die meisten Kinder in Deutschland zu, wenn man Dialekte und Anglizismen mitberücksichtigt. Eine große Rolle spielt dabei, was für eine Sprache noch neben dem Deutschen gelernt wird: So erfährt Bilingualität eine große Wertschätzung, wenn die Zweitsprache z.B. Englisch, Französisch oder Chinesisch ist, und wird eher herabgewürdigt, wenn es sich beispielsweise um Türkisch, Russisch oder Polnisch handelt.

Laut dem Film von Kurt Gerwig kann jedes (Klein-) Kind zwei- oder dreisprachig aufwachsen. Es kann zu Hause eine Sprache und in der Kita eine andere Sprache lernen; es kann aber auch in seiner Familie zwei Erstsprachen (und zusätzlich in der Kita eine Zweitsprache) erwerben. Ob ihm dies erfolgreich gelingt, hängt nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen weniger vom Migrationshintergrund seiner Familie ab als von deren sozialen Lage: Wird in der Familie nur wenig gesprochen, beschränkt sich die Kommunikation auf Alltägliches und gibt es zu Hause nur wenig Erfahrungsmöglichkeiten, wird ein Kind - egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund - viele von Lehrern verwendete Begriffe und damit die Zusammenhänge nicht verstehen; seine Schulleistungen werden eher unterdurchschnittlich sein.

Interviews mit zwei Wissenschaftlerinnen, zwei Erzieherinnen und einer Sonderschullehrerin sowie Filmausschnitte verdeutlichen, unter welchen Bedingungen (Klein-) Kinder erfolgreich zwei oder drei Sprachen lernen - nämlich wenn

  • die Eltern zu Hause diejenige Sprache verwenden, die sie am besten beherrschen (ansonsten wären sie nicht nur schlechte Sprachvorbilder, sondern würden auch an Ansehen bei ihren Kindern verlieren, wenn diese mit zunehmendem Alter erkennen, wie viele Fehler ihre Eltern machen),
  • Erzieher/innen und Lehrer/innen die Familiensprache der Kinder wertschätzen,
  • auch der Erwerb der Zweitsprache mit positiven Gefühlen verbunden ist,
  • alle Sprachanlässe in Familie und Kita genutzt werden,
  • Kinder zu Hause und in der Kindertageseinrichtung möglichst viele Erfahrungen machen und dabei entsprechende Begriffe bzw. Wörter lernen,
  • Erzieher/innen sich selbst bewusst als Sprachmodell einsetzen,
  • Literacy gefördert wird (z.B. durch die Verwendung von mehr- bzw. fremdsprachigen Bilderbüchern),
  • Kinder bei Bedarf eine gezielte Sprachförderung erhalten (was oft mit einer Förderung die Spiel- und Sozialverhaltens verbunden sein müsste),
  • dabei vom Alltag ausgegangen und dieser dialogisch begleitet wird sowie wenn
  • bei Sprachentwicklungsstörungen entsprechende Behandlungsmethoden (z.B. Logopädie) Verwendung finden.

Trainingsprogramme werden kritisch gesehen, zumal sie häufig Fehler enthalten würden und bisher nicht wissenschaftlich evaluiert worden wären.

Der Film von Kurt Gerwig endet mit Forderungen an die Politik, mit Tipps für Erzieher/innen und Eltern sowie mit einem kurzen Fazit. Hier wird nochmals betont, dass die Zweitsprache letztendlich genauso gelernt wird wie die Erstsprache und deshalb Trainingsprogramme wenig Sinn machen würden.

Die DVD enthält noch als Bonus-Material den Artikel "Das Kieler Modell: Sprachliche Frühförderung von Kindern mit Migrationshintergrund" von Ernst Apeltauer in der Form einer PDF-Datei.

Der Film von Kurt Gerwig ist relativ allgemein und sehr interviewlastig - die meiste Zeit sprechen Prof. Dr. Iris Füssenich und die griechische Sprachwissenschaftlerin Elena Terzidou. Kommentierte (vorbildhafte) Praxisszenen und -tipps fehlen weitgehend. Der Film eignet sich somit eher für die Ausbildung von Erzieher/innen als zur Fort- und Weiterbildung.

Martin R. Textor