Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Thekla Naveau

Manfred Berger

 

Thek(c)la Naveau war keine direkte Schülern Friedrich Fröbels. Trotzdem gehörte sie zu den Frauen der "ersten Stunde", die die Pädagogik des Kindergartenstifters zu verwirklichen und zu verbreiten suchten (gerade und insbesondere in der schweren Zeit des preußischen Kindergartenverbots von 1852-1860). Über Henriette Schrader-Breymann erhielt sie "die ersten und starken Anregungen von Seiten der Fröbelschen Gedankenwelt" (Sellmann 1930, zit. n. Bülow 2005, S. 7).

Thecla Amalia Wilhelmine erblickte am 13. August 1822 als zweites von sechs Kindern des Johann Ludwig Gottfried Naveau, "pract. Arzt, Oberwundarzt und Geburtshelfer", und dessen Ehefrau Wilhelmine, geb. Helmkampf, in Mühlhausen/ Thüringen das Licht der Welt. Der Vater starb, als sie sieben Jahre alt war. Daraufhin kehrte die Mutter in das väterliche Haus nach Groß-Keula zurück und lebte hinfort ganz der Erziehung und der Unterrichtung ihrer Kinder. Später beklagte Thekla Naveau die Lücken des mütterlichen Unterrichts, "die dadurch in ihrem formalen Wissen und Können geblieben waren, die aber durch die angeregte warme Freude an der Natur und durch das geweckte Streben nach Fortbildung und Selbstveredelung reichlich aufgewogen und ergänzt wurden" (Steinacker 1871, S. 162). Zeitlebens hatte Thekla eine innige Bindung zu ihrer musikalisch sehr begabten Schwester Charlotte Marianne Louise (geb. 1825).

Nach der Konfirmation ging Thekla Naveau, der Sitte der Zeit entsprechend für junge Mädchen ihres Standes, für ein halbes Jahr nach Nordhausen/ Thüringen in einen Privathaushalt, um sich in der französischen Sprache, Handarbeiten und der Führung eines Haushaltes weiter zu bilden. Danach kehrte sie heim zur Familie und unterstütze die Mutter im Haushalt sowie in der Erziehung und Unterrichtung der jüngeren Geschwister.

Mit 25 Jahren kam Thekla Naveau nach Mühlhausen zurück. Sie übernahm die Verantwortung "in Haus und Familie der feingebildeten Frau Julie Lutterroth..., wo sie die Beaufsichtigung des Hauswesens übernahm und Kenntniß aller dortigen Wohltätigkeitsanstalten erhielt, denen Mad. Lutterroth warme Theilnahme und kräftige Unterstützung zuwendete. Zwei halberwachsene Nichten der Mad. Lutterroth verwaisten plötzlich, kamen in's Haus der Tante und wurden Tekla's weiterer Erziehung anvertraut" (Steinacker 1871, S. 162). Im Lutterroth'schen Hause lernte sie Henriette Breymann (später verheiratete Schrader) kennen, die Thekla Naveau begeistert von ihrem Großonkel, Friedrich Fröbel, seiner Pädagogik und seiner Idee des Kindergartens erzählte. Daraufhin entschied sich Thekla Naveau für eine Ausbildung zur Kindergärtnerin in Keilhau bei Rudolstadt. Doch zu ihrem Bedauern konnte sie Friedrich Fröbel nicht mehr persönlich erleben, da dieser am 21. Juni 1852 verstorben war.

Im Frühjahr/ Sommer 1853 absolvierte die inzwischen 30-Jährige einen halbjährigen Ausbildungskurs. Dieser stand unter der Führung von Louise Fröbel, Wilhelm Middendorff und Johannes Arnold Barop, die das begonnene Werk Fröbel's weiterführten. Eine ihrer Mitschülerin war die später international bekannte Fröbelpädagogin Eleonore Heerwart.

Die Zeit in Keilhau war für Thekla Naveau von entscheidender Bedeutung. Ergriffen von der Fröbel'schen Idee und philosophischen Gedankenwelt (vgl. Naveau 1859, S. 150 ff.), gründete sie in Sondershausen, wohin zwischenzeitlich die Mutter mit ihrer Tochter Marianne gezogen waren, einen konfessionsfreien Kindergarten, dem sie später noch eine Elementarklasse anfügte. Dazu vermerkte die Pädagogin:

"Der Kindergarten in Sondershausen wurde im Jahre 1853 als Privatunternehmen von mir und meiner Schwester Marianne errichtet. Derselbe wurde mit nur 7 Zöglingen aus unserem näheren Bekanntenkreis eröffnet und fand bei dem mit der Bedeutung der Sache ganz unbekannten Publikum nur langsam Eingang. Die Kinderzahl erreichte erst nach vierjährigem Bestehen eine den Verhältnissen des Ortes angemessene Höhe. Unser Bemühen, den Kindern neben methodischer Beschäftigung nach F. Fröbels Grundsätzen die Sorgfalt der Familienerziehung zu gewähren, wurde durch das Vertrauen der Eltern und Schulbehörden belohnt und unsere kleine Anstalt gewährte uns die freudigste Befriedigung.
Auf Veranlassung einiger Eltern schlossen wir im Frühjahr 1861 dem Kindergarten eine Elementarklasse an, die wir mit 6 Zöglingen unseres Kindergartens eröffneten. Die Schule besteht nach denselben Grundsätzen wie der Kindergarten. Ihr Ziel ist allseitige harmonische Entfaltung des Kinderlebens. Die Arbeit ist des Kindes Freude und seine größte Strafe zeitweilige Entziehung derselben. Musik, Gesang und Zeichnen sind wesentliche Erziehungsmittel. Spaziergänge und Turnunterricht sind eingerichtet" (Naveau 1862, S. 116).

Eleonore Heerwart erinnerte sich mit folgenden Worten an die praktische Begabung ihrer einstigen Mitschülerin:

"In kleinen Grenzen herrschte ein reger Geist; ... Wie lieblich sprach Thekla über Blumen mit ihren Zöglingen, ein Blättchen, ein Gräschen wurde in ihrer Hand zu einem Zauberstäbchen, mit dem sie bei den Kindern die Liebe zur Natur anregte" (Heerwart 1906, S. 59 f.).

In Sondershausen engagierte sich "Tante Thekla" in der freireligiösen Gemeinde. Zudem pflegte sie intensiven Kontakt mit dem freireligiösen Prediger Eduard Wilhelm Baltzer in Nordhausen/ Thüringen. Diese Tatsache "verbitterten ihr aus Mißgunst angezettelte Plackereien seitens der vorgesetzten Schulbehörde ihre segensreiche Wirksamkeit" (Steinacker 1871, S. 163). Deshalb verließ sie den Ort der Verleumdungen und zog nach Nordhausen, wo sie am 1. April 1867 einen Fröbel-Kindergarten, den zweiten der Stadt, später ein Kindergärtnerinnenseminar sowie eine gewerbliche Fortbildungsanstalt ins Leben rief. Gerade das Kindergärtnerinnenseminar erfreute sich schnell eines regen Zulaufs und hoher Anerkennung im In- und Ausland. Hier ist die Seminaristin Hedwig Zollikofer aus St. Gallen hervorzuheben, die die Fröbel'schen Gedanken in die Schweiz verpflanzte und verbreitete.

Ferner gründete Thekla Naveau einen "Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts" . Sie hielt unzählige Vorträge über die Erziehungsgedanken Friedrich Fröbel, seinen Kindergarten sowie seine Spielgaben und Beschäftigungsmittel. Daneben engagierte sich die Pädagogin noch innerhalb der Frauenbewegung. Sie war aktives Mitglied im "Allgemeinen Deutschen Frauenverein" und Vorsteherin des Nordhauser Frauenbildungsvereins. Als solche zeichnete sie verantwortlich für die am 10. September 1871 in Nordhausen geplanten Generalversammlung des "Allgemeinen Deutschen Frauenvereins", die jedoch wegen der grassierenden Pockenepidemie nach Leipzig verlegt werden musste.

Neben ihren vielfältigen Aufgaben war Thekla Naveau noch rege schriftstellerisch (oft in enger Zusammenarbeit mit ihrer Schwester Marianne) tätig. Sie schrieb mehrere Kinderbücher, zumal es ihrer Ansicht nach an einfachen lebenswahren Erzählungen für kleine Kinder mangelte, sowie insbesondere Schriften und Aufsätze auf Grundlage der tiefgreifenden Ideen ihres pädagogischen Vorbildes. Demnach forderte sie die Eltern und Kindergärtnerinnen auf:

"Kommt laßt uns unseren Kindern leben! Ruft der große Erzieher Friedrich Fröbel uns zu, und die ganze Erziehungsweise der Neuzeit antwortet: Ja, laßt uns mit ihnen leben und mit ihnen streben und das schöne Leben, das Gute zu thun, das Wahre zu erkennen, laßt uns theilen ihr ganzes unschuldig-schönes, lebendig-heiteres, den frohen Dasein zugewendetes Leben! Laßt uns mit ihnen spielen und arbeiten, mit ihnen plaudern und singen, ihnen Bilder zeigen und ihnen Geschichten erzählen! Laßt uns ihnen hingeben unser eigenes Leben, um sie zu lehren, das Leben ihrer Umgebung zu verstehen. Laßt uns ihnen helfen, endlich selbständig denkende, wollende und handelnde Menschen zu werden, der harmonischen Entfaltung ihres Wesens nach Körper, Seele und Gemüt entgegenzureifen, welches das schöne Ziel ist, alles menschlichen Daseins" (Naveau 1865, Vorwort).

Thekla Naveau hatte Fröbels Spielgaben und Beschäftigungsmittel weiter ausgebaut und sie zur "geistige Pflege" empfohlen, da sie Mutter und Kind, Erzieher und Zögling einander näher bringen, wie nachstehende Zeilen aus dem Jahre 1863 veranschaulichen:

"Das Kind verlangt von uns Beschäftigung, und setzt voraus, daß wir besser als es selbst verstehen werden, was es eben auf seiner jetzigen Stufe bedarf. Wird es in dieser Voraussetzung getäuscht und empfängt es statt der erwarteten, (wenngleich ihm selbst noch unbekannten) sein Inneres ausfüllenden, seinem eben erwachten Bedürfniß entsprechenden Spielmittel, Anderes, ihm in diesem Augenblick noch Unverständliches, oder bereits Ueberlebtes und darum Unbrauchbares, - so wird es dadurch unzufrieden und zugleich in seiner freudigen Zuversicht zu dem erwachsenen Geber gestört. Verstehendes, geistiges Geben, sagt darum Fröbel weiter, bringt Mutter und Kind, Erzieher und Zögling einander viel näher, als leibliches Geben es kann, und diese Sorgfalt, dieses Forschen nach dem wahren Bedürfniß überall angewandt, würde die Klagen über mürrische, unzufriedene Kinder verringern, die Freude über kräftig aufblühende, heitere Kinder aber sehr vermehren" (Naveau 1863, S. 121).

Thekla Naveau starb am 10. September 1871 in Nordhausen, genau an dem Tag, an dem die Generalversammlung des "Allgemeinen Deutschen Frauenvereins" stattfinden sollte, an den Folgen einer Pockenepidemie. Ihr Tod wurde von den ihr anvertrauten Kindern und ihren Eltern, der Fröbel-Welt und der Frauenbewegung zutiefst betrauert.

Literatur

Bülow, E. v.: Thekla Naveau (1822-1871). Ein Leben im Dienste Friedrich Fröbels und seiner Pädagogik. München 2005 (unveröffentl. Diplomarbeit)

Heerwart, E.: Fünfzig Jahre im Dienste Fröbels. Erinnerungen. I. Band. Bis zum Jahre 1895. Eisenach 1906

Dies.: Erinnerungen an eine Kindergärtnerin. Kindergarten, 32. Jhg. 1891, S. 147-151; 33. Jhg. 1892, S. 1-4 u. S. 37-40

Naveau, T.: Friedrich Fröbel's Kindergärten. In: Jahrbuch der freireligiösen Gemeinden für das Schaltjahr 1860, 1. Jhg., Gotha 1859, S. 150-158

Dies.: Zur Geschichte der Kindergärten. Die Erziehung der Gegenwart, 2. Jhg. 1862, S. 116

Dies.: Das Bauen. Kindergarten, 4. Jhg. 1863, S. 120-124

Dies.: Aus des Kindes Heimath. Stuttgart 1865

Steinacker, G.: Thekla Naveau. Kindergarten, 12. Jhg. 1871, S. 161-166

Weblink

http://de.wikipedia.org/wiki/Thekla_Naveau