Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Sr. M. Agreda Dirr O.S.F.

Manfred Berger

 

Die Ordensfrau der Dillinger Franziskanerinnen war zu ihrer Zeit eine angesehene Vertreterin der Heilpädagogik, die in der weithin bekannten karitativen Behinderteneinrichtung Dillingen/Donau nicht nur von 1935 bis 1949 Oberin, sondern auch 35 Jahre lang eine Fachfrau in Theorie und Praxis der Taubstummenerziehung war. Dabei galt ihr Interesse auch der Förderung und Erziehung taubstummer Kinder im Vorschulalter. Im Jahre 1921 war die Ordensfrau maßgebend an der Gründung des ersten Kindergartens für Taubstumme in Bayern beteiligt, der an der "Regens-Wagnerischen Einrichtung" in Dillingen seiner Bestimmung übergeben wurde. Bald erfolgte die Errichtung eines weiteren Kindergartens für "taubstumme Kleine" an der Taubstummenanstalt im mittelfränkischen Zell an der Roth bei Hilpoltstein, ebenfalls betreut von den Dillinger Franziskanerinnen. Beide Einrichtungen genossen einen guten Ruf weit über die Grenzen Bayerns hinaus und hatten Vorbildfunktion, wenngleich es dadurch kaum zu weiteren Gründungen in Deutschland kam. Diesbezüglich vermerkte Sr. M. Agreda Dirr 1925:

"Bis heute bestehen im Deutschen Reich nur vier solcher Einrichtungen: in den staatlichen Anstalten (für Taubstumme; M.B.) in Berlin und Dresden für Norddeutschland, in den Anstalten Zell und Dillingen für Bayern" (Dirr 1925, S. 230).

Über die Notwendigkeit solcher Einrichtungen, äußerte sich die Ordensfrau wie folgt:

"Taub und stumm! Taub, das bedeutet ein verschlossenes Tor zu einem Heiligtum, zum Heiligtume der Sprache. Stumm, das bedeutet einen Brunnen mit köstlichem Wasser, der verschüttet ist. Taubstumm bedeutet ein doppeltes Herzeleid zu gleicher Zeit ... Schon das kleine taubstumme Kind erfährt manches Unrecht. Wie oft verstehen die Eltern nicht, ihr taubstummes Kind richtig zu behandeln. Wie oft muß es sogar den Spott von seiner Umgebung erfahren! Ist es da ein Wunder, wenn sich des kleinen Kindes Herz verschließt und sich abwendet? Darum bedarf es für diese armen Wesen einer Einrichtung, die ihnen mehr Freundlichkeit, Mitgefühl und Geduld schenkt. Der Kindergarten für Taubstumme ist deshalb wichtig, weil er für die Umgebung des Kindes und seine Eltern Vorbild ist: Vorbild in der Erziehung des kleinen taubstummen Kindes. Das lebendige Vorbild wird sich befruchtend auf die Eltern und die Umgebung des Kindes auswirken ... Die Einrichtung eines solchen Kindergartens entspricht umsomehr einem Bedürfnis, als es für die Eltern ganz besonders schwer ist, solche Kinder zu beaufsichtigen, zu erziehen und zu beschäftigen" (zit. n. Berger 1998, S. 142).

Sr. M. Agreda Dirr wurde am 14. Februar 1880 in Oberbechingen, einem kleinen Ort in der Nähe von Dillingen/Donau, geboren und einen Tag später auf den Namen Kreszenz getauft. Ihre Eltern, Michael Dirr und Anna Dirr, geb. Baumann, betrieben eine kleine Landwirtschaft, die nur schwerlich die kinderreiche Familie ernähren konnte. Die Mutter verdiente sich noch ein "Zubrot" in Fremdhaushalten.

Nach Besuch der "ungeteilten Dorfschule" bat sie 14-jährig um Aufnahme in die Kandidatur des Ordens der Dillinger Franziskanerinnen. Am 1. September 1902 erhielt sie die Heilige Profess. Entsprechend ihrer Begabung wurde die junge Klosterkandidatin zur Lehrerin ausgebildet. In der Lehrerbildungsanstalt in Lauingen legte sie 1899 erfolgreich das Examen ab. Anschließend eignete sie sich in der Taubstummenanstalt der "Johann Evangelist Wagner'schen Wohltätigkeitsanstalten" in praktischer Lehrtätigkeit die Methodik des Taubstummenunterrichts an. Ihre Kenntnisse vervollständigte sie durch wiederholte Visitationen von bedeutenden Taubstummenanstalten und -ausbildungsstätten in Ratibor an der Oder, Breslau, Essen und Schwäbisch-Gmünd.

Sr. Agreda Dirr war nicht nur eine Praktikerin, sondern ebenso eine gesuchte Referentin zu Fragen der Sprach- und Taubstummenerziehung. Auch nahm sie in diversen Fachzeitschriften Stellung zu Fragen der Taubstummenerziehung, der Spracherziehung und -pflege im Kindergarten. Beispielsweise konstatierte Sr. M. Agreda Dirr in der Fachzeitschrift "Kinderheim" zum Thema "Sprachgebrechen im Kindergarten":

"Es kann nicht Aufgabe des Kindergartens sein, ein Spezialverfahren mit sprachgebrechlichen Kindern zu pflegen; das ist Sache der Heilerziehungsanstalten. Dagegen eine vernünftige Sprachpflege fällt in seinen Aufgabenkreis schon unter dem Gesichtspunkte der Erziehung. Wenn die Gesamtentwicklung des Menschen die Erziehung ein Hauptfaktor ist, dann auch bei der Sprachentwicklung. Viele Sprachmängel, welche das Kind mit in die Schule bringt, sind in einer vernachlässigten Spracherziehung zu suchen. Das Kind braucht ein Vorbild, und zwar ein richtiges Vorbild im Sprechen, namentlich in der Periode der Lautnachahmung, wo das Sprechen noch auf wenig geübten Bahnen verläuft, so daß sich motorische Schwierigkeiten einstellen, wozu noch psychische Unlustmotive treten können, die hemmend auf die spontane Sprachäußerungen des Kleinkindes wirken ... Eine besondere Klippe liegt auch in der Überführung der Kinder von der Dialektsprache in die Schriftsprache. Dieser Schritt soll nicht plötzlich gemacht werden, sondern in einem allmählichen Übergang. Wir dürfen nicht zuviel von der Sprache des Kleinkindes verlangen. Einlernen langer Gebete und unverstandener Gedichte, sowie jener wenig kindertümlichen Theaterstücke, die den kleinen Geist vollpropfen, ohne ihm etwas zu geben, ist nicht sprachbildend, sondern sprachverbildend und hemmend. Bei dieser Prozedur bildet sich auch jener widerliche Leierton heraus, der eine Ironie darstellt auf die frischen, fröhlichen Kinderstimmchen und besonders beim Chorsprechen auffällt. Ein paar kurze Kinderreime lernen, macht Freude; hingegen Eindrillen von langen Deklamationen und Gesprächen ist eine Quälerei für den kindlichen Geist und ein Hemmschuh für die Sprache" (Dirr 1926, S. 71 ff.).

Trotz der "obligatorischen Spracherlernung" soll im Kindergarten für taubstumme Kinder das Spiel nicht zu kurz kommen. In Anlehnung an Friedrich Fröbel und dessen Erkenntnisse über das kindliche Spiel war Sr. M. Agreda Dirr der Ansicht:

"Der Kindergarten hat dafür Sorge zu tragen, daß das taubstumme Kind ausreichend Gelegenheit zu kindlichem Spiel erhält. Denn auch für die taubstummen Kleinen gilt unverrückbar Fröbels Erkenntnis, der vom Spiel sagte: 'Spielen, Spiel ist die höchste Stufe der Kindesentwicklung, der Menschenentwicklung, in dieser Zeit. Es gebiert darum Freude, Freiheit, Zufriedenheit, Ruhe in sich und Frieden in der Welt.' Und darum hegen, pflegen und unterstützen wir in unserem Kindergarten das Spiel der vielen taubstummen Kleinen" (zit. n. Dietrich 1994, S. 79).

Eine schwere Belastung war für Sr. Agreda Dirr ihre Amtszeit als Oberin während der Nazi-Diktatur. Sie und ihre Mitschwestern mussten im Rahmen der Euthanasie-Aktion, trotz "Beschönigung der Meldebögen", den Abtransport von Heiminsassen in den "Grauen Omnibussen" mit ansehen.

Am 25. April 1949 ist Sr. M. Agreda Dirr in Dillingen gestorben. Die zahlreichen Kranz- und Blumenspenden und Kondolenzschreiben zu ihrem Tode belegten, welch hohe Wertschätzung sich die Verstorbene nicht nur in Fachkreisen, sondern auch außerhalb ihres Wirkungskreises erworben hatte.

Literatur

Berger, M.: Führende Frauen in sozialer Verantwortung: Sr. M. Agreda Dirr, O.S.F., in: Christ und Bildung 1993/H. 2

ders.: Ein Leben im Dienste der Taubstummen. Schwester M. Agreda Dirr, O.S.F. (1880-1949), in: Caritaskalender 1994, Freiburg 1994

Dietrich, K.: Johann Evangelist Wagner (1807 - 1896) und seine "Wohltätigkeitsanstalten". Ein Beitrag zur Geschichte der Heilpädagogik in Deutschland, Augsburg 1994 (unveröffentlichte Diplomarbeit)

ders.: Dirr, Sr. Maria Agreda, in: Maier, H. (Hrsg.): Who is who in der Sozialen Arbeit, Freiburg 1998

Dirr, A.: Der gegenwärtige Stand der Taubstummenfürsorge in Deutschland, in: Krankendienst 1925/H. 10

dies.: Sprachgebrechen im Kindergarten, in: Kinderheim 1926/H. 2

dies.: Sprachheilbehandlung auf der Vorstufe der Schwachsinnigenschule, in: Krankendienst 1928/H. 2